Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 39 (19.10.1917)
- Date
- 1917-10-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. deckten -Singen manchesmal Lber die babylonische Gefangenschaft und Lber Me Zerstömng Jerusalems' und des Tempels - weinen- und 'daß sie auf die flammenden .Hieroglyphen schauen, die den stolzen Kopf des Erzengels der Wissenschaft krönen, und auf die im Auge des Engüs des Gebetes glänzende Träne! Etwas von dem ruhigen Stolze dieses und der wrüiderbaren -ONüte^jeweff andern^Engels hat zurückgezahlt und ist in seinem feurigen und doch weichen Auge geblieben! — Seine Lippen, die gleichsam in den schwarten Bart hineingezeichnet scheinen durch eine schmale,, roteeLinie, möchten eine empfindliche, nervöse, vielleicht auch eine künstlerische 'Natur verraten, so eine vornehme und vortreffliche Form haben sie, und von Zeit zu Zeit werden sie durch ein so beredtes Zittern bewegt, und ein so kluges, weiches und wehmütiges Lächeln schwebt auf ihnen. Was mich betrifft, so teile ich ganz die Meinung Zipas über das Aeußere ihres Gatten und finde -noch, daß, wenn man ihn mit einem Auge betrachtet, welches etwas von dem LichO des Engels des Wissens unk des Engels des Mitleids besitzt, so kann man viel denken, vermuten und bedauern! Wenn aber dieser Jude meine Leser so wie mich interessiert, so können Sie ihn oft genug betrachten, wenn Sie um dieselbe Zeit durch densclben Hof durchgehen wollen. Denn so, wie wir ihn heute sehen, Fitzt er täglich unverändert an dem Tische, mit dem blassen Gesicht durch das matte. Licht der Lampe beleuchtet, an das Fenster gewendet, über sein Buch gebeugt oder in die Höhe starrend. Manchesmal könnt Ihr ihn auch mit seinen Kindern sehen; die kleine Esther hockt ihm auf den Knieen, der kleine Lesser klettert auf seinen Äiücken und wühlt mit den kleinen Händen in, dem Rabenhaar. Dann aber ist er sehr lustig, er vergißt die babylonische Gefangenschaft und die Leiden des Exils und lacht mit den Kindern und küßt sie herzlich auf die Backen. Nun werden wir endlich unsere Betrachtungen über Schimele endigen, weil sich gerade die Tür der Woh- ' nung des Schildermalers öffnet und eine Schar von: schwarzen Gestalten herauskommt, die sich sachte über den Hof unter der über ihren Köpfen drohenden Hand in Schimeles Wohnung hineinschleichen. Folgen wir ihnen. Die Stube kennen Sie ja schon aus meiner Beschreibung. Es ist schon fetzt sehr eng geworden, da sechs Leute hereingekommen sind. Ich stelle sie Ihnen vor: Isaak, der Klempner. Maische, der Schildermaler. Josel, der Kürschner. Meier, Sohn des Kürschners. Die zwei andern kenne ich leider selbst nicht. Für diese Leute hat wahrscheinlich Maische seine Wohnung so glänzend beleuchtet, und sie unterhielten sich lärmend. — Aber was wollen sie denn von Schimele haben? — Sie begrüßen ihn mit großer Achtung, ja mit einer ' solchen Verehrung, daß man gleich sieht, wie diese einfachen Handwerker die Größe des Gelehrten über sich er-. haben fühlen. Schimele begrüßt sie liebenswürdig, mild, aber mit einem Ernst, der seiner Würde entspricht. Aus der Mitte der Versammlung tritt sodann einer, der als der Beredteste oder Aelteste betrachtet wird, heraus: Josel, der Kürschner. Mit einer gewissen Schüchternheit bringt er vor, was hierdie versammelte Gesell-: schaft beraten hat. Beraten hat und was? Am Ende doch?! — Was i konnte fie sonst beraten? Natürlich. nichts anderes als -etwas, was die christliche Welt empfindlich schädigen oder unterwühlen soll, wie dies klar und wahrhaft überzeugt eine Brvschüre beweisen kann, die, ich bürge Ihnen dafür, von einem sehr klugen Mann geschrieben und: von einem noch klügeren ins Polnische übersetzt ist. Sie führt Mn Titel : .„Die Eroberung der Welt durch die - Juden." Sie wollen sich um jeden Preis die Welt erobern (so ein kriegerisches Volk!), und wahrlich haben sie jetzt; ein Mittel beraten, welches sie auf irgend eine Weise zum Zwecke führt. . Nun aber die Mitteilung! Josel, der Kürschner, macht diese furchtbare Eröfsiumg, daß sie beraten haben — in den Tagen des nächsten Purimfestes, Theater zu spielen!' — Nur? Nur — — . Theater für Arme zu spielen — wirklich?. , . Ja, wirklich! . . ' Nachdem sie also diesen haarsträubenden Entschluß gefaßt haben, am nächsten Purim Theater zu spielen, haben sie auch noch beschlossen,' Sieb Schimele zu bitten, daß auch er zur Gesellschaft gehören möge. . . Frankfurter Israelitisches Famllienblatt: Reb Schimele hat eine schöne Stimme zum Singen, eine sehr schöne sogar, ■ und niemand würde besser -wie er die erste Partte singen können. Der Kantor selbst hat ihnen das geraten, der Kantor, welcher, wie sich ja von selbst vergeht, wunderbar singt und alle Stimmen in der Gemeinde genau wie seine kennt. Reb 'Schimele ist ein gelehrter, ein sehr gelehrter Mann. Niemand wird in der -Gemeinde eine lebhaftere Sympathie für dieses Unternehmen erwecken, können, als Ä, und niemand auch wich vor der Gemeinde der Sache einen größeren Ernst geben als er. -Rabbi Baruch selbst, der für die Armen sehr eifrige Sorge trägt, bittet chn darum, für eben diese Armen einen größeren Vorteil dadurch zu erzielen. Was wollen sie nun aber spielen? Sie wollen ein Stück unter dem Tftel „Der starke Simson" aufführen, welches Reb Schimele wahrscheinlich kennt (was kennt die Klugheit des Reb Schimele überhaupt nicht?) und in welchem sich solch schöne Reden und Lieder befinden! Josel, der Kürschner, endigt seine Rede, aber hinter seiner kleinen und untersetzten Gestalt reckt sich der große, breitschulterige Moische, der Schildermacher, hervor, und mit einem halb schüchternen und halb Helleren Lächeln macht er die sehr zutreffende Bemerkung, daß Reb Schimele schon aus diesem Grunde der gemeinsamen Bitte entgegenkommen müsse, weil es ja doch wohl am entsprechendsten sein würde, wenn die Rolle des „starken Simson" auch wftklich „der starke Simson" spielen -wollte! Jener biblische Held hieß doch Simson, und der Rabbi heißt auch Simson, und wenn jener eine ungewöhnliche Kraft besaß, so besitzt dieser eine ebenso große Kraft. Diese richtige, artige und witzige Bemerkung Molsch es fand allgemeinen Beifall. In der Tat, Schimele ist der Diminuttv von Simson, so wie Maische — Moses, und Josel — Josua bedeutet. Sie vermuten vielleicht gar nicht, meine verehrten Leser, was für herrliche und allgemein geehrte Erinnerungen sich an diesen Namen knüpfen, die sich unter diesen. einfachen, oft wegen ihrer Verrenkungen verlachten Ghetto-Namen verbergen! — Sie haben oft von Moische, Josel und Schimele gehört, und nicht gewußt, daß Sie es mit den biblischen Helden Moses, Josua' und Simson zu tun haben. — Wenn Sie sich überhaupt das Lachen über, derartige Dinge abgewöhnen wollten) so könnten Sie noch viele und neue interessante Dinge erfahren. Aber freilich das Lachen! — Wenn man mich sowie Zipa fragen würde, was ist auf der Welt das Beste und das Schlechteste zugleich? so möchte ich antworten: „das Lachen". Schimele oder Simson dachte lange über das ihm vorgetragene Projekt nach. Was man da von ihm verlangte, war keine Meditation und auch keine schwierige rituelle Entscheidung, aber eine Tat, und dann noch dazu etwas, womit Schimele^ bis jetzt noch nichts zu tun gehabt hatte. — Die Tat erschreckte ihn. — Es muß ihm gar schwer fallen, sich zu entschließen, hinauszutreten aus der engen Zelle seines Zimmers — mit einem Worte, zu wirken, und dazu noch für eine oberflächliche. Sache wie Theaterspielen. Wird das nicht seinen Ernst kränken? wird das nicht seine Wünsche erniedrigen? Er dachte lange nach, und dann stand er auf und sagte: „Wenn der Chasen sagt, daß ich so eine schöne Sttmme zum Singen habe, wenn Rabbi Baru'chi mich darum bittet, und wenn es für die Armen ist, so gehe ich darauf ein und will mit dazu gehören! —" Wenn Schimele kein Jude wäre, so hätte er gesagt wid hätte sicherlich auch das Recht zu sagen: „Liebe Leute, ich bin selbst arni". — Da cr aber ein Jude und noch dazu ein frommer war, so hatte er dieses Recht nicht, und sagte es auch nicht, denn seine Frau besaß ein Unternehmen, das sich auf ein Grundkapital von 30 Rubeln stützte. Sie kochte jeden Tag eine Griessuppe init Kartoffeln, und für Freitag und Sonnabend kaufte sie sogar anderthalb Pfund Fisch oder Fleisch; und sie müßte doch znstimmen, daß das ganz ausgezeichnete Verhältnisse für seine Familie sind, die aus sieben Personen besteht. - Aller dieser Lebensbedingungen sich erfteuend, kam Schimele gar nicht auf den Gedanken, daß er unvermögend sei, und daß ebenso gut für ihn hätte Theater gespielt werden können. Me Gesellschaft, die ihn eingeladen Hütte, fing nun an, Schimele zu erzählen, wer außerdem mitspielen werde. Der große breitschultrige Moische paßt gerade für die Rolle des Philister-Königs; er wird sie auch fingen. — Isaak, der Klempner, wird der Minister und Vertraute des Königs sein, Und die zwei 'Rebbes werden ) Nr. 39. Nr die zwei Greise darstellen, welche vor dem König der Philister weinen. ' Meier, der Sohn des Kürschners Josef (errötet jetzt vor Scham), wird die Delila-vorstellen, er ist so jung und hat ein so zartes Gesicht, daß er sich zu einer sehr schönen Dame leicht wird metamorphosieren können. Andere Philister sind vorläufig noch nicht da, aber! luiüt haben sie, schon in petto; sie sind gegenwärtig noch alle Schuster nnd Tischler, die bis spät in die Nacht arbeiten müssen, so hatten sie keine Zeit, mit hierher zu kommen. ';> 1 „Der Kantor wird uns einstudieren, und wir werden uns bei ihm zu den Proben versammeln. Für die Kostüme und andere Ausgaben hat Rabbi Baruch versprochen, bei den reichen Kaufleuten das Geld zu samnieln. Wir allein werden übrigens auch dafür sorge». — Warum nicht? Wenn der liebe Gott uns so ein Glück gegeben hat, daß wir alle zu leben haben, so müssen wir ihm dafür danken nnd denen helfen, welchen er ein solches Glück nicht erwiesen hat!" ,T'■ Josel, der Kürschner, wird nicht mitspielen, er " wird aber gewissermaßen der Regisseur sein und Sorge trage», daß alles fein passend und richttg sein solle. Nach dieser Erklärung gingen die Gäste mit vielem Dank und ehrerbiettgem Gruße fort, und Schimele fiel es zunächst noch gar nicht ein, daß der Entschluß, den er vor ein paar Augenblicken gefaßt, sich so tief in sein Leben einprägen und wer weiß, vielleicht gar wichtige Folgen für die Zukunft seiner Kinder tragen, werde. — So viel ist aber schon jetzt sicher, daß dieser Tag einen neuen Abschnitt in Zipas Leben bezeichnet. Wie viel unbeschreibliche Freuden werden ihr in diesen folgenden Wochen zuteil werden, und wie tief fühlte sie den Stolz ans ihren Gatten! Schimele änderte mm ein wenig seine sitzende Lebensweise und verließ sein Haus, für den ganzen Vormittag. Diese Zeit verbrachte er bei deni Kantor, wo er sich int Gesang eiiiübtc. Die Abende versammelten die Truppe wieder in Schimeles Stube, die Künstlerdilletanten in vollem Ensemble. Mit dem liebenswürdigen Stolz, der Leuten eigen zu sein pflegt, die eine hohe Stellung.einnehmen, bat Schimele seine provisorischen Kollegen, sie müßten ihm die Ehre erweisen und . zu ihm kommen. Sie taten es mit Freuden und mit einer gewissen Befriedigung ihrer Eigenliebe. Es ist ja gewiß angenehm, täglich mit jemanden! verkehren zu können, der so unendlich höher steht als wir. Der Klempner, der Kürschner und der Schildermaler fühlten sich geehrt durch die Möglichkeit des täglichen Verkehrs im Hause des Gelehrten, aber da sie sich mit einer groben, niedrigen Arbeit beschäfttgten, die ihnen täglich vierzehn oder sechzehn Stunden nahm, konnten sie auch erst spät am Abend kommen. Dann aber - wurde es gewöhnlich in der lleinen Stube so heiß wie in einem stark geheizten Ofen. — Sie erstickten förmlich, und wenn Schimele das einsah, ging er ihnen mit gutem Beispiel voran, er zog seinen langen Rock aus, und so in der Weste und den nicht gerade schneeweißen Aermeln, .setzte er sich auf den bei dem Fenster stehenden Tisch. — Die Gäste folgten ihm dann, und nachdem jeder von ihnen „mit Verlaub" gesagt hatte, zogen sie ihre Röcke aus und setzten sich, wo es gerade traf: ans den Koffer, die Lehnenstühle und auf die Erde. Dieser Platz blieb immer für den sechzehnjährigen Meier, vulgo Delila, welchem auch als dein Jüngsten nicht erlaubt war, sein graues Röckchen auszuziehen. Das ganze Bild stellte sich ungefähr so dar, daß Schinrele, auf deni Tisch sitzend; die Oberhand' über die ganze Gruppe hatte, ans deren Mitte die hervorragenden Punkte bildeten: Selbstbeherrscher der Philister vulgo der Schildermaler mit dem tätowierten Gesicht und den glänzenden, in roter und blauer Farbe leuchtenden Händen, das Gesicht der Delila vulgo Meier, rund wie ein Apfel, purpurrot und verschämt wie eine Pfingstrose nnd glänzend vom Schweiß wie von Tautropfen.! Wenn die Szene in dieser Weise geordnet war, begann alsbald die Probe, das gemeinsame Singen, und dann der Reihe nach der Sologesang. Das Ganze wurde belebt nnd dirigiert durch den Kürschner, welcher in der Tiefe des Himmlers stand, mit beiden Händen dm Takt schlug und von Zeit zu Zeit dem kleinen Meier, der wahrscheinlich aus zu großer Schüchternheit verpaßte,-wenn die Reihe an ihn kam, einen freundschaftlichen Rippenstoß gab. ' . - Damals fing Zipa an, ein Gefühl so süß wie Honig zu nähren. Obwohl sie die Frau des Hauses war, brauchte sie gar nicht daran zu denken, die Gäste zu bewirten. Es ist das zwar kein, guter Ton, aber, was tun? und , einer inacht Zucke sich t hänsl der C |in die uh* .hörte sicht schätze an dl Hemd [barm! sich a rühre jeder, jausru glückli ihre ( Füßer Iiicn i jössent iorgl Imie f Rcnsi zu: „ Igcgebl R |jciitcrti diesen, »segnet!crlai A ließen, »hm: üch mlßeri er 6 paß n ar d löge. E ängei >or H iiche L iettcn sehne orge A ,Unb »rettet fett üffii die »ec U leb 2 ögett n toi D laßt n rde E Cusja ($ in trlernt »lick r Rebe: »ne N btzen; ch d trenn Iraft); licht Ii rüder las Et Kr ädig is nnt Di mal hlt *) padikii , */: plger