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Neue jüdische Presse · 1917-10-12 · Heft 38 (12.10.1917) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 38 (12.10.1917)
Date
1917-10-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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- Leite 4. Famllirilljlatt./ I MoL«L»ii; tim'LNStzdnöläsi' - Wltz, P^«de>u»tn«>8v Ao. L ^slepbou: LSmer 365V. .? "'.x?.. L>ZMi8r^«^88-8v»is«i»«»«i, Auk ^ppuvaob'lcoaebere VerrstbeitovA. ^-'? I --- •■■'*• fe: rfe, S-.-fe '% Ku U ■' >: i~’ k fei.-. btv' /■*-.- I: S> -■■ M' W’- fe r L .- L fe w. / •* ■ c ä?: Stellet nra sie standen, konÄck m« eiw. langgezogener, -schwermütiger MMg/^^ie^von deiner' gesprungenen Saite.. . .-^ '__fe?;..’ _ , '. : Schimickesiicht alle diese-Wunder, auf seinen Lippen bebt ein- Mchün des- Entzückens, er, neigt seinen Kops ball nach der. einen, bald nach der anderen Seite mit. großer. Vertmmderung und hebt mit einer unwillkürlichen 'Bewegung die Hände in die Höhe. — Plötzlich verblaßt die goldene Leiter, nick die sie füllenden Engel verschwinden. Die .silbernen Tränen Sar-cha^Olams, die mit der Finsternis kämpf«, und i die-.-'-wiHtzncharni' Blumen Sandalsons. Alles -verblaßt und zerstreut sich wie ein wirrer Nebel, der hier und dort -noch Purpur' und Gold durchblitzen .läßt. Schimele reibt sich mit der schweren Hand die Augen und blickt traurig umher.. i Aus dem Tisch, vor ihm, erhebt-sich ein dunkler Ratuh vorder exböschend« Lampe; um ihn herum hört - man zws den .Betten, von. der Erde und neben dem Ofen ttn Schnarchen, «ms dem Federbett, hört er das Husten Libas, die Katze miaut' saut, schlafend im- Winkel neben . Enoch. Hinter dem Fenster -beginnt es schon leise zu tag«, Aber dichte, dunkle Wolken bedecken den Himmel, und größe -schwere Tropf« .fallen auf die schmutzigen Steine desHofes, wo man' den Wdck ächzen mü> pfeifen hört. Schimele erhebt sich, nimmt sein« Talis, um die Stirn legt er die Teffilin, hebt die Hmtde .in die Höhe und dankt Gott dem Herm^ daß er ihm, wie einst dem. Urahn Jakob, die Heftig« Engülscharenzu sehen gab und ihn so glücklich machte. - ' - Schimcke jvar in der Tat ffehr glücklich, ujld noch' glüDöcher, weil s«le innigen und zahlreichen Frejidcn nie durch eine Sorge> oder ein Lellieu getrübt wurden, - wklche/dichenigen empfinden, die dem Treib« der Welt und d« großen Sorg« der! Menschheit stets - fremd .gegeichber stehenfe-^- - - J- Nicht bloß, daß Schimele diese Gefühle und Sorgen gänzlich - fremd geblieben waren, wußte er überhaupt nicht, daß sie auf der Welt existiert«. — Mit Ausnahme des Wissensder Liebe zu sein« Kindern und - «»es Gefühls nachsichtiger uyd Mitleidsvoller Anhänglichkeit,: die er für seine Frau empfand, ging ihn' in der weit« großen Gdtteswelt nichts an. Zu der Gesellschaft, die den eng« KreP ausWlte, in welchem sein Leben, .dahinfloß, hatte er gar keine Beziehungen. Gr hat sie nicht -gekannt und. wollte sie nicht kennen. Er verstand ihre Sprache nicht. — Er fühlte nicht etwa rmd kowite wohl auch nicht einen Haß gegen sie fühlen, weil er für rhy einfach' nicht existierte. Er dachte - nie daran. Wirs die. Gesellschaft arrbetrifft, mft welcher er durch die. gemeülschastliche Herkunft/Glauben und Sprache verbünd« war, so «npsand er für dieselbe ein Wdhlwoll«, ' Joddjeä ihm keinerlei Sorge od.er - Kummer verursachte. -- -^ 'Er öfftiet. fiir sie führ gern " die^ Schätze seines Wissens. Uehrigens beschäftigten ihn keine Fragen, und er zerbr^h sich reicht den Kopf über die positiven ober negativen Bedingung« ihrer Existenz. Wenn er jemals seuszenhöiH: „Es geht schlecht mft uns" feso ant- . wartete er: „Sjo tvill Dattt< -— und wenn dies SeufzenfH.7ia-M--D!M^mq^Üch'haüe: „Was wird aus uns r paten"'— da janttvortete Schimele: „Es wird so sein, wie Gott es woll«, wird" — und dabei erinnerte er sich der Prophezeiungen von -cm Nahen des Königs Messias räch-lächelte halb geheimnisvoll, halb, freudig in sich? hinein. / ...•- / * ' fe- > - Seine Ruhe n>ar so ungetrübt, wie seine Zufriedenheit . mit sich selbst und mit seinem Glücke- ^Sein einziger Kummer, den er hatte-ipon Zeft zu ' Zeit!" war- Hie einst' von -dm ^Ficken' erlittene-:bäbylqnische Gefangenschaft. — Wenn er daran dachte, oder -etwas darüber las, wurde «r traurig, nächdenllich, und mit. leiser Stimme sang er. das..uralte /Lied von ocn Flüss« -Dabhlöns und der Erde der Verbannung der : Kinder seines Volles. ' Schimele grämte sich auch manchmal über die Zerstörung des TenWls in Jemsalem. Den Äaiser Titus, . der sie' verursachthatte, haßte er von ganzem Herzen, leidmschastlich und Heiß.-' —: Doch häufiger wie den ' Haß, sühlle er «ne liefe Metzmut. Manchesmal, wenn ' « üb« die Belagerung /von- Jemsalem durchdie rä«. *•’ misch« Soldat«, vor allem/was nächher kam,- inden 7stralt« WLchxrn'^ fas,,, nähni ver7, feinpit.V v‘ iit ‘? Hände, stöhnte und weinte .bftterlich...?- ---- fe i Solche trütze und finstere Augenblicke wurden aber i reichlichdurch aiidere fteüdigc und rosige belohnt. Wie glücklich und eHötzt fühlte er sich beim/ Anblick der Reichtümer und des Ruhmes von. Salomon. Er sang ^luid. tanzte fteudig mit-dem -vor der- .Bundeslade des: Friedens -tanzenden''Königs David' mit! Me stolz triüm- ■ phicrte er mit den heldenmütigen Makkabäern^ Wie .innig freute., ex sich, nbÄ die erste'.Versammlung .-dech ' israelittschen Saichedryns nach der Zerstörung des Tempels, und. was für einen eifrigen Anteil nahm er an jenen Diskussionen, die im Sanhedryn geführt nmrden, wrd wie stolz war er darauf, daß er auch dazu gehörte, und daran teilnehmen durfte! Stundenlang saß er zu d/n Füßen des Rabbi Gämaliet und führte mit dem Rabbi Jehüda ehrerbietigen aber beharrlichen Streit; mit dem -Rabbi -. Äkiba war er .-innig'' befreundet, ihn vor - all« liebte er herzlich und verehrte ihn - ohne Grenzen. ' , Sozwischen geringen Sorgen und großen FrM>en floß das- Leb« des Gemahls der unermüdlichen -Zipa dahin,.-bis zu jinem Augenblicke, da ganz - unverhofft ein Ereignis dm ruhigen und glückselig« Verlauf fernes Lebens störte. Wenn jemand von mein« Lesern einmal in der Stadt O. war,-sö muß er wahrscheinlich die enge:Gasse kennen, welche von sogcnannt« Boulevards in die unbekannten und unerforschten, aber sehr zahlreichen und- «gen Gäßch« des Judenviertels führt. Mein Gott, ich schäme mich fast, daß ich dm Leser in eine «ge Gasse , ftihren muß,-aber Ivas'kann ich tun? Der.Romandichter ist wie ein Reisender. Am lebhaftesten interessieren ihn wenig bekannte, gänzlich wilde Gegenden. Wer von meinen Lese« den gleichen Wanderinstinkt besitzt, der möge mir in diese engen" Gäßch« folgen. Sie sind arifangs von beiden Seiten durch» blinde Wände der jm'chbarlichen hohen Häuser eingemauert, später werdm sie immer niedriger und niedriger, bis wir nur noch ganz niedrige, kleine hölzerne und schlecht gestrichene Häuschen mit zwei, drei oder auch nur einem Fenster sehen. Da ist das Haus, wo Rcb Schimele mit seiner Familie jvohnt. Es hat von der . Seite der . Gasse zwei Fenster und eine Tür oder richtiger ein Türch«, zu' welchem ein paar Stufen führen. Die Fenster gehören jucht zur Wohimng von Schimele, dort wohnt Isaak Klempner mit - ficben Mitgliedern, die seine geschätzte Familie bilden; das Türichcn aber führt zu der Wohnung von Zipa. Es tut mir leid, daß wir durch den Lad« von Zipa durchgehen müss«, weil von dort ein häßlicher Geruch von Butter, Seife, Talglichte« und Heringen herauskommt,. die _ eine ganz unangenehme Mischung für den Gc«chssinn bilden. Aber es-sind ja doch ganz erzprosaische Dingedie man schwerlich vorüber gehen lassen Kinn, wenn man durch das Reich der Wirklichkeit wandert. Und auchdas Innere des Ladens sieht prosaisch aus: wir brauch« es auch gar jncht näher zu betrachten, well wir , schon vor .dem Tor ' des Hofes stehen, durch welches wir gehen müssen, um die Wohjlüng Schimeles .zu -besuchen. Die Dämmerung bricht herein! v ..Doch bei dem letzten Schimmer des Tageslichtes können wir noch tief im Hofe über dem Hause-mit zwei Fenstern, welches vis-a-vis dem Tore steht, einen in der. Luft aufgehängten.Handschuh von Riesendimension« sehen. Die Hand ist so groß wie zwanzig gewöhnliche menschliche Hände, hat eilte Orangenfarbc und hängt wirklich und tatsächlich in der Lust. Was soll das. bedeuten? Sind das irgend welche Zaubereien' oder hexenartige Maschinerien, «dacht.für gehässige, und mörderische Zjvecke? ' Man muß doch^wohl alles erwarten" in diesem schmutzigen Nest unaufgeklärter Juden! Aber ftircht« Sie nichts, meine Verehrten, und . lausen Sie nicht ängstlich davon. Diese in d« Luft schwebende Hand hat keine unnatürlichen' Zwecke und Eigentümlichkeit«: Es ist eure ganz einfache Sache: ein gemaltes Zeichen für irgend einen Handschuhmacher, das jnan in die Lust hinausgehängt hat. Der große. Farbenflecken. soll dort aüsdrockn«. In dem Hause, dem Tore gegenüber, wohnt Moische, der Wände- und Schilder- .inaler. Er ist ein lvahrer; Wohltäter von Schimeles Kindern und besonders, .der lleinen Ksther. Er bereitet Kaiserstrasse 56 j „ Eaiseratrasse 56 TfigUcb; er8tUa8Blge . WM" UnterhaUuugsmiiBlk »W> -'•‘ssssass-Gesangs-Einlagen. •' Nr. 38 am Operaplat* _ faimiliieii-] Jeden Naclimlttag Ton 4 dis 7 Uhr and .Abend von 8‘/* Uhr ab - v~ '- BLünstler-HLonzsert. ‘Vl ' ihnen immer jieue und freudige Ueberraschungcn. .Einmal sehen sie vor seinem Hanse eine Riesenhand, häng«, iviedcr ein änderes Mal einen--ganz-, rot«. Sttefel:mrit. gelber Sohle, dann auf einem blau«- Boden breit ä»sgestreckte rosa Kleider oder Equipagen und Cabriolets. . Bor dies« WMdergemäldm steht . osldie - kleine .Esther stundenlang, den kleinen Finger in. den'Korallenmund und mit den -in die Höhe gerichteten.Augen-- und Mendele . verliertsich dermaßen in diesen Anblick-/ daß er sich auf die Steine , hinsetzt und den-Kopf in stummem .Entzücken so hoch hebt, daß ihm das Käppchen von den üppigen Haaren. herunterfällt, und.« es gar?nicht bcm«ki. Dafür aber bemerkt es durch das Fenster der fromme Ennoch; er schreitet von der Wohnung durch dcn^Hof mit großem Ernst und hebt das Käppchen von der Erde auf, um den Kopf seines leichtsinnigen Bruders damit zu bedeck«. Aber auffällig .schaut auch er aus das wündervolle BM, welches vor dem Hause des Malers hängt, und 'führt seine Absicht nicht aus. Das Käppchen in.der Hand über Mendeles Kops haltend wie das Schwert des Damolles, steht er da in unbeweglich« "Muhe — und schaut,- und so schauen sie alle Drei, bis Liba kommt, um sie zum Mittag- oder Abendbrot zu rufen. Sie. hiat keine Zctt, die Wunderbild« zu beschau«, aber wennsie schon einmal kommt, um ihre Geschwister ' aus den idealen Sphären des Entzückens wegzuziehcn, fällt sie auch in diese hinein, bleibt stehen und guckr gleichfalls. - . ' " ’ Gerade in diesem Augenblick hat die große Orangeuhand keine Zuschauer. Sie hängt auf dem Draht/den man in der Dämmerung nicht sicht, nur manchmal bei dem,Weben des Windes schaukelt sie sich behäbig hin und her und flimmert mft ihren fünf breit ausgesttcckten Fingern durch das erleuchtete Fensteren. (Fortsetzung folgt.) Aus der Wett der Lhassttzim. Von Chaim Bloch, Delatyn. Geschichte« vom Rozdnler.*) 1. Wie in an Zadik werden kann. - Rabbiner Enzel Stryer sagte einmal zmi< heiligen Rabbi'von Rozdol, er glaube, bas Werden eines .Rabbi sei gerade so ein Trieb wie jeder andere menschliche Trieb. Der Rozdol« anttvortete: „Das ist wohl wahr, — aber man vermag zu. diesem Trieb nicht eher zu gelangen, als bis man sich von allen anderen Trieben frei gemacht hat." ' . . > . K. .. . - 2. Wie mau mit d e in b ö s c n T r i e b um-, gehen soll. - Er pflegte zu sag«: „Wenu der böse Trieb au mich durch eine Hintertür herantritt, dann weise ich ihn nicht schroff ab, sond«n vertröste ihn: „Koyime morgen, komme übermorgen" und verschleppe es solange, bis ihm die Lust »«geht, mich nochmals zu einer Sünde zu »«leite». Manchmal aber kommt er im Sturm und entzündet in jneinein Heiden, eine lodernde Leidenschaft zur Sünde; — dann trete ich aus meiner-Res«ve hinaus und nehme mit ihm den Kampf auf, denn wer mit einem Starken ringt/wird selbst stark." 3. Ueber den Vorzug der Zadikim. Ms er Mst mft. Rabbiner Meier Asch (Eisenstadt), dem bekannten UngvLr« Gaon, zusammeyttäf, drückte dies« üb« das talmudischie Wissen des-Rozdol« sein' Erstaunen aus.? W entstmid daraufhin zwischen beiden das Holgende für den ChassidisinuS charatteristtsche Gespräch: .Robb. -Asch: .,Mären alle Rabbis'-in d«-Hehre/so kundig wie Ihr, dann hätte ichi nrich sehr gefreut. Doch ich hörte über. ein« , der Rabbis," dessen Anhänger üach - Tausenden zählen, daß.« überhaupt in'der Thora unkundig ist." -. - ■: , :fe-/ . Rozdol«: „Sei es so hder so, er ist ab« die Kapazität der Gegenwart." . " ( . . . . : .. ■- Asch : ,,Wie darf man einen im Talmud unkundige» Mann»Kapazität betiteln? - --? Rvzdoler: Der Talmud (Psachim 4!>. II) sagt: Der *) Pabbi Juda HersH von Rozdol, wegen -seines Humors bekannt, starb im Jahre 1848. - /

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