Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 37 (28.9.1917)
- Date
- 1917-09-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 37. eine ganz besondere Stellung eingenonuncn hat: die Türkei, und da vor allem P a l ä st i it a. Von der türkischen Judenheit außerhalb der Türkei ist nichts besonderes! zu berichten; sie erfüllt treu und opferfreudig ihre vaterländischew Pflichten, Hot aber sonst in der Chronik des vergangenen Jahres an spezifisch jüdischen Ereignissen nichts von Bedeutung zu verzeichnen. Um so wichtigere Vorgänge haben sich bekanntlich im Leben der palästinensischen Judenheit vollzogen. - Die Wunden, die der Krieg ihr geschlagen hat, haben sich in diesem Jahre iwch beträchtlich vermehrt, und die vor kurzer Zeit erfolgte Evakuierung von Jaffa bedeutete den Höhepunll der Schäden, die ihr der Krieg, bisher zufügte. Es ist wahrlich ein Wunder zu nennen, daß trotz all dieser Schläge doch die Grundlage der Existenz der palästinensischen Judercheit bis heute aufrecht erhalten werden konnte und die Hoffnung besteht, die jüdische Siedlung im Lande der Väter bis zum Ende des Krieges in - ihrer Existenz zu sichern. Die Frage der Haltung der Türkei der palästinensischen Kolonisation iutjb; dem Zionismus gegenüber wollen wir.in diesem Zusammenhänge nicht näher berühren. Denn iwch ist nicht der Zeitpunkt gekommen, darüber zu sprechen. Doch ist es eine Pflicht der Gerechtigkeit gegenüber den vielfachen Verleumdungen und unwahren Nachrichten, die in dieser Hinsicht von Seiten der Entente verbreitet werden, festzustellen, daß sie die jüdischen Einwohner im Lande selbst loyal behandelt und auch anläßlich der Evakuierung von Jaffa sich die Behörden durchaus korrekt verhalten haben. Wie die Zukunft der türkischen und vor allem der palästinensischen Judenheit sich gestalten wird, ist eine Frage,. deren Erörterung über den Rahmen dieser Chronik weit Hinausreicht. Sie hängt äuks innigste ja mit der wichtigsten jüdischen Frage der Gegenwart zusammen: mit der Arage der Realisierung des palästinensischen Gedankens. Und damit haben wir auch den Punkt gefunden, der den Uebergang bildet von der augenblicklichen Lage um die Jahreswende zu der. nächsten jüdischen Zukunft. In immer stärkerem Grade wird das palästinensische Ideal des. jüdischen Volkes in der. nächsten Zukunft zu dem beherrschenden Problem des gesamtjüdischen Lebens werden, und Hand in Hand wird mit ihm in noch steigenderem Grade sich jene innere Nationalisierung des jüdischen Volkes vollziehen, die die selbstverständliche Voraussetzung für die Realisierung dieses Ideals darstellt. Daß MM dies heute mit Sicherheit prophezeien darf, — diese wachsende innere Nationalisierung und' steigende Wahrscheinlichkit der Realisierung des palnstinensischen Gedankens; —, das ist das erfreuliche Moment an der gegenwärtiger: jüdischen Lage, ein Moment von solcher Bedeutung und ungeahnten Folgenschwere, daß. es alle düsteren Seiten im gegenwärtigen jüdischen Leben, die auch. die Chronik des vergangenen Jahres zeigt, weitaus überstrahlt und das jüdische Volk berechtigt, mit hoffnungsreicher Erwartung, in das neue Jahr einzntreten. Der Benrichtuugskamps gegen die Inden in RnmSnien. Beim Ausbruch der russischen Revolution drang auch für die Juden in Rumänien ein Hoffnungsstrahl durch. Allgemein glaubte man, die rumänische Regierung werde nunmehr mit Rüch'icht ans die russische Demokratie, die zur Macht gelangt war, ihre Judcnpolitik ändern. Statt dessen kamen neue Schreckensnachrichten nach Rußland. Auf Vorstellung angesehener jüdischer Persönlichkeiten in Rußland unternahm die Provisorische Regierung Schritte, um Genaueres über das Schicksal der rumänischen Juden zu erfahren. Der damalige Minister des Aeußeren Miljnkow erhielt von dem russischjen Botschafter in Jassy Poklewsky-Kosell den lakonischen Bericht, daß Ausschreitungen gegen die Juden in großem Maße zwar nicht - vorgekommen seien, daß aber, namentlich! in den Rückzugstagen der rumänischen Armee, Ausschreitungen gegen eine große Anzahl von einzelnen rumänischen Juden vorgefallen seien. Fast die gesamte russische Presse beschäftigte sich mit Liesen unerhörten Judenverfolgungen; auch der Arbeiter- und Soldatenrat nahm dazu Stellung. Anlaß dazu war der flammende Protest des berühmten russischen VolKdichters Korolenko, der in Südrußland lebt und über die Greueltaten gegen die rumänischjen Juden authentische Nachrichten erhalten hatte. Korolenko erfuhr z. B. von einigen russischen Offizieren, daß 34 jüdische Soldaten in Bacau ans Urteil des Feldgerichtes gehängt werden sollten. Sie waren der Fahnenflucht angeklagt. In Wirklichkeit waren diese Soldaten, die von einem vernichteten Regiment übriggcbliebcil wäre», solange nmhcrgeirrt, bis sic das nächste Militärqnartier erreicht hatte». Ihre Angabe» ivurden aber nicht geglaubt und sie wurden verdächtigt, sich freiwillig in die Gefangenschaft begeben zu haben und jetzt als Spione von Deutschland nach Rumänien geschickt worden zu sei». Korolenko ging ans Werk, um den unglücklichen Juden das Leben zu rette». Er appellierte an die Oefsentlichkcit, der rumänischen Soldateska, die sich noch in der Schule des alten zarischcn Regimes befinde und nach Sünbrnböcken für ihre Niederlage suche, das Handwerk; zu legen, erhielt aber schließlich den Bescheid, daß alle; seine Bciiiühlingen vergebens waren, linier den zahl-; reichen Erschossenen befinden sich auch sieben aktive jüdische Sozialdemokcalen, darnnlcr der angesehene Sozialist Dr. Wechsler. dem Obecstkommaiidicrendcn in Odessa, General Marx, mit der Bitte, einige jüdische Vertreter nach Rumänien abzulommandiere». Nur zwei Personen ivurdc. gestattet, die Moldau zu besuchen. Der Bericht, der nun der jüdischen O-esfenIlichkeit vorlicgt, ist von der russischen Judenheit-»fit einem Schxei des Entsetzens ausgenommen worden., - Wen», diesem Bericht zufolge, das Leben der rumänischen Juden in Friedenszciten eine dauernde Quäl war, so Ivar es doch' ein Eldorado im Vergleich zu dem Schrcckensregiment, unter dem sic, seit Kriegsbcginn seufzen. Die jüdische Sprache ist -nicht nur in der Schrift verboten worden,"auch für den Gebrauch/ dieser Sprache überhaupt ivurden die schwersten Strafen' auserlcgt. -Als der Krieg ausbrach-, und die Inden sich massenhaft als Freiwillige i» die Armee meldeten, kam sofort der Befehl, daß auch für die freiwilligen jüdischen Soldaten jedes ilKrvn »«flyari’jgy: w* HTmtirniirulriiM*' jwifRpmniiijlil ÄSäl ML . wgkf M-K «HÜ In welcher Weise die rumänische Negierung auf die öflentliche Meinung in Rußland reagiert, geht ans der folgenden bemerkenswerten Tatsache hervor. Als der bekannte belgische Sozialistenführer Bandervelde die rumänische Front besuchte, benutzte er die Gelegenheit, die rumänischen Machthaber ans die Stimmung in Rußland gegen die rumäntschssn Judenverfolgungen hinzuweisen. Sofort nach! der Rückreise Vanderveldes veröffentlichte die rumänische Militärmacht am 13. Juni folgendes Kommuniqnö: „Der Militärmacht ist zur Kenntnis' gelangt, daß in der Stadt Personen Vorhänden sind, die bei unseren Verbündeten falsche Nachrichten über die politische Lage in Rumänien verbreiten. Die betreffenden Personen iverden vor ein Militärgericht gestellt werden." Anfang Juni begab sichj eine jüdische Deputation in Bessarabien, mit Rabbiner Rewelskr an der Spitze, zu Avancement unzulässig sei. Zahlreich! meldeten sich jüdische Frauen und Mädchen, um für das' Rote Kreuz zu arbeiten. Doch; bald wurde es verboten, Juden in das Rote Kreuz aufzunehmen, und die bereits vorhandenen Jüdinnen wurden entfernt. Als die Niederlagen der rumänischlen Armee begannen, brachen schwere Tage für die Juden herein. Jeder Rüctzug der rumänischen Truppen wstete einer großen Anzahl rumänischer Juden aller Klassen das Leben. Diee angesehensten Juden, Vertreter der Gemeinden, Vorsteher, wurden ohne jeden Grund ins Gefängnis gesteckt. Der bekannte Bankier Max Rubenstein in Galatz, im Ehrenamt norwegischer Konsul, ein bekannter Philanthrop, einer der angesehensten Bürger der Stadt, konnte die schimpfliche Beleidigung, daß man ihn der Spionage verdächtigt hatte, nicht ertragen und beging im Gefängnis Selbstmord.