Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 37 (28.9.1917)
- Date
- 1917-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Grpedition: Frankfurt a, M. rr Lsngestr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. -a-oc-s- Herausgeber: Katg Heis. Erscheint wöchentlich am Freitag. SeMwprris pro Uirrtrtjahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— : frei ins, Haus. Bes der,Kost .abonniert U, Pfa,, frei,- ins^ Haus 4Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durchs Streisband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Jusertionsprris für die fünfgespaltene Petitzeile 30 Pfg., für die Reklamezeile Ml. 1.—. Bei Mederholungen entsprechender .Rabatt. tztellen-Angebote und -Gesuche. Wohnungsinserate, Heirat s ° Annoncen 20 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und inmAnnoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 15. Jahrgang. Freitag, den 12. ^86lir1 5678 (28. September 1917) Rr. L7. Das Jahr 5677. ii." Infolge des SnckausfesteS Mt die nächstwöcheutliche Nummer ans. Gottvertrane«. Die Taac des zur Selbstbesinnung und Versöhnung aussordernden Schofarrnses sind nu>l vorüber. Dvch noch nicht ganz. Eine Brücke fiihrt von ihnen zum Hüttenfeste, an dessen siebenten Tage sich noch einmal ein Abglanz der ganzen Schosarzeit widerspiegclt. Selbstbesinnung und Versöhnung dürfen wohl als das edelste Ergebnis jener Erziehungsmethode gewertet werden, die sich Judentum nennt. Denn Selbstbesinnung heißt die Herrschaft über sich selbst besitzen. Versöhnung hat das Bewußtsein zur Grundlage, daß die Liebe, die wir gegen unsere Mitmenschen üben, unsere Liebe Gott gegenüber bedeutet. .Selbstbesinnung und Versöhnung sind der Prüfstein für den inneren Halt des Menschen. Sie verlangen, in den kritischen Augenblicken des Lebens sich auf sein besseres Ich zu besinnen und gegen seiire Mitmenschen trotz scheinbar widerstreitender Interessen jene Ruhe und jenes Entgegenkommen zu bewahren, die das Gefühl der wahren Nächstenliebe gibt. Liebe Deinen Nächsten, denn er ist ein Mensch wie Du, mit den gleichen Anrechten an den Gittern dieser Erde, sagt die Thora. Selbstbesinnung und Versöhnung in der gehobenen Stimmung der Tage des Schofarrufes und irr der Alltagsstimmung, des Jahres, wahrlich, dazwischen besteht noch ein klaffender Unterschied. Im werktägigen Leben, im Streben, sich zu behaupten und vorwärts zu kommen) genügt die Einsicht nicht, ist das Mopsen des Gewissens allein zu schwach, roenn im Menschen nicht noch ein anderes vorhanden ist, und dieses! andere heißt felsenseslxs Gottvertrauen. Nur dieses Gottvertrauen gab unseren Vätern einst die Kraft, vierzig Jahre,in der Wüste auszuharren nird, in gebrechlichen Hütten wohnend, aus alle Annehmlichkeiten -des Lebens' zuverzichten. Eine Tagesreise, — und sie wären im Lande ihres Strebens. gewesen. Doch die Gottesstimme versagte es zu höheren Zwecken, und so blieb der Wunsch ihres Herzens ungestillt. Daß diese Gesinnung in den Geschlechtern Israels! für die Dauer der Zeiten wachbleibe, dazu ward das Fest der Hütten eingesetzt. In diesem Jahre hat dieses Fest noch eine tiefere Bedeutung, spricht -noch eine eindringlichere Sprache als sollst, denn in dem großen Weltgeschehen/ dessen Zeuge wir jetzt .sind, steht dasGottvertrauen in des - Menschen Innern vor Fragen, die es in Friedenszciten nicht kennt. Nur, wer i gelernt 'hat) in-Hütten zu wohnen, sein materielles Geschick vertrauensvoll in Gottes Hand zu legen, wird an diesen Fragen nicht irre, wird als Mensch ungebrochen diese Zeit des'Wüstengeschicks überdauern. Die Prophetenworte des Hüttenfestes! erzählen so viel Von den Kämpfen,. die einer Zeit vorausgehen werden, da nicht mchr das Ich mit seinen kleinlichen rnateriellen- Interessen, sondern die auf I Gottes Anerkenntllis und Gottvertrauen beruhende Äleichochtung und: Liebe in der Menschheit zur Herrschaft gelangt sein wird. Die Papstnote der Mittelmächte läßt erhoffen, daß die blutige Saat dieses gewaltigen Weltkrieges dieses vor dem I Kriege undenkbare Ergebnis zeitigen wird. Geht man von. der Betrachtung der jüdischen Lage in den Ententeländern zu - einer solchen in den Staaten der Zentralmächte über, so muß man leider von vornherein feststellen, daß das innere Leben der Jndenbeit der Zentralmächte im vergangenen . Jahre wie überhaupt im Verlaufe des Krieges sehr viel ärmer an bedeutsamen Ereignissen nnd Prozessen ist, als dasjenige der Eutenteländer. Die Gründe hierfür liegen zum Teil natürlich darin, daß. in den Staaten der Zentralmächte ein quantitativ weitaus geringerer Teil des jüdischen Volkes lebt als in den Ententeländern. Große jüdische Massen, wie sie die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und Rußland haben, sind in den Staaten der Zentralmächte nicht vorhanden, nnd damit fehlt auch die Grundlage für jenes außerordentlich stark pulsierende jüdische politische Leben, das man beispielsweise in Amerika hat. Aber leider muß man daneben auch konstatieren, daß. die Schuld an dem im großen und ganzen stagnierenden jüdischen Leben in den Ländern der Zentralmächte zum erheblichen Teil auch an der Haltung der Judenheit selbst, liegt. Vor allem tritt das in Erscheinung, wenn man sicb der Betrachtung des Mischen Lebens in Deutschland zuwendet. Es ist eine überaus bedauerliche Erscheinung, deren Folgen heute noch gar nicht alle abzusehen sind, daß. im Verlaufe dieses Krieges das deutsche Judentum an Bedeutung und Einfluß innerhalb des gesamten jüdischen Volkes in starkem Maße verloren hat. Während vor dem Kriege die deutsche Judenheit ddn Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Europa in vielfacher Hinsicht bildete, ist es heute soweit gekommen, daß man im großen und ganzen behaupten kann, die deutsche Judenheit sei aus den wichtigen politischen Ereignissen, die sich im Verlaufe des Krieges innerhalb des. jüdischen Volkes begeben haben, so gut wie ausgeschaltet. Der Grund hierfür liegt in denselben Tatsachen, die, wie wir es im vorigen Aufsatz, gezeigt haben, die bedeutsame Steigerung der Bedeutung der amerikanischen nnd englischen Judenheit begründen: nämlich in dem außerordentlichen Aufschwung der national-jüdischen Bewegung. Während die führenden Kreise des Mischen Lebens in Amerika und England dies rechtzeitig erkannten, und, den Forderungen der Zeit Folge leistend, sich zum jüdisch-nationalen Gedanken bekannten, bleiben die führenden jüdischen Kreise Deutschlands auf ihrem alten Standpunkt stehen. Es ist, als ob sie all die großen Ereignisse im Mischen Leben des vergangenen Jahres gar nicht sehen, als ob sie an allen noch so eindringlich mahnenden Zeichen der Zeit blind vorübergehen wollten. So hat, um nur das wichtigste Beispiel zu nennen, der Kongreßgedanke, der, von Amerika ausgehend, innerhalb der Judenheit fast aller Länder so große Wirkung ausgeübt hat, bis heute im Mischen Leben Deutschlands noch keinerlei Wurzel zu schlagen vermocht. Auch den großen politischen jüdischen Fragen des Tages gegenüber verhalten sich die führenden Kreist der deutschen Judenheit durchaus gleichgültig und passiv, und immer wieder sinh' es lediglich die alten Angelegenheiten der Apologethik und des Kampfes gegen den Untisemitismns, denen sie allein ihr Interesse zuwenden. Das einzige Ereignis, das im Verlaufe des. vergangenen Jahres weite Kreise des deutschen Judentums! in eine gewisse Erregung gebracht hat, war die bekannte Judenzählung, und selbst da war die Haltung der führenden Mischen Kreise nicht übermäßig energisch und selbstbewußt.! s So kann es denn kein Wunder nehmen^ daß das deutsche Judentum so sehr an Einstuß, abgenommen hat, daß im Bereiche der politischen Fragen, die jetzt das gesamte jüdische Volk bewegen, von ihm kaum die Rede ist. Allein zugleich mit dieser Tatsache darf man doch auch bereits die Altzeichen einer beginnenden Besserung feststellen. Diese Besserung geht allerdings nicht von den bisher maßgebenden Kreisen und Persönlichkeiten, sondern von der Jugend und von all jenen Juden aus, die am Kriege Anteil genommen und die großen umwälzenden seelischen und geistigen Wirkungen des Krieges an sich selbst erfahren haben. In diesen. Kreisen machen sich bereits die Äufänge einer inneren Wandlung ihres jüdischen Bewußtseins bemerkbar, und von ihnen allein kann der innere Erneuerungsprozeß ausgehen, den in diesem Kriege das gesamte jüdische Volk durchmachen wird, der in allen anderen Ländern bereits zum größten Teil durchgemacht ist, durch beit hindurchzuschreiten aber die deutsche Judenheit erst noch berufen ist. Hoffen wir daher, daß es nicht zu lange mehr dauern und so das deutsche Judentum wieder .die Bedeutung erlangen wird, die ihnr ans. Grund seiner äußeren wie inneren Energien an ■ sich. zukonrmen müßte. . In der Hauptsache ganz Analoges ist auch von der Judenheit Oesterreich-Ungarns zu sagen. Auch sie ist in ihrer großen Masse bisher durch den Krieg noch nicht in der notwendigen Weise aufgerüttelt worden; auch ihre Whrenden Männer, haben von den Erfahrungen des Krieges noch keine Lehre gezogen; aber auch bei ihr machen sich bereits die Anfänge einer inneren Umgestaktnng bemerkbar, undder jetzt in .österreichischjüdischen Kreisen lebhaft erörterte Gedanke eines österreichisch-jüdischen Kongresses ist das deutlichste Anzeichen dieser beginnenden Wandlung. Im Zusammenhang mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn muß auch die Lage der Juden in den von diesen beiden Staaten okkupierten russischen Gebieten kurz erörtert werden. Leider kann nicht viel Erfreuliches davon berichtet werden; von allen Kapiteln des jüdischen Lebens im vergangenen Jahre ist dasjenige, das die Lage der Judenheit in den okkupierten Gebieten betrisst, gewiß das traurigste. Zunächst, leidet die jüdische Bevölkerung sowohl inLitauen wje in Polen in außerordentlich schwerer Weise unter den Wirkungen des Krieges, der ihre wirtschaftliche Existenz vernichtet und sie in unbeschreibliches Elend gäracht hat. Hinzu kommt noch, daß auch ihre politische Lage keinesfalls sich erfreulich gestaltet hat. Vor allem in Polen hat das vergangene Jahr zweifellos eine Verschlechterung der Situation gebracht. In dem Maße, in dem das neue polnische Staats wesen ausgebaut wurde, wurden die Juden immer mehr und mehr zu Gunsten der Polen hintenan gesetzt, und in der Haltung der Polen den Juden gegenüber ist. auch keine Spur der Besserung wahrzunehmen. Leider sind auch die inneren Verhältnisse der polnischen Judenheit noch immer so unerfreulich, daß sie zu einem geschlossenen Anstreten nicht fähig ist. Die Zersplitterung und die' Kämpfe der Parteien dauern noch fort, sa, sie haben sich im Laufe des letzten Jahres sogar noch in erheblichem Maße gesteigert. Es bleibt nocf) ein letztes Land zu erwähnen, das! aber fchon immer im gesamtjüdifchen Leben