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Neue jüdische Presse · 1917-09-14 · Heft 35 (14.9.1917) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 35 (14.9.1917)
Date
1917-09-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. S5 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seit^ L, amöpernplata :; : Erstklaasiges Jfamillen-Kaffee Jedes Nachmittag ron 4 bis 7 Uhr ' und Abend von , 8‘/* Uhr ab - -. - ^BC.-(jLnBtl er - Konzerte "d» ftlhrt>^8im dbr Aug in die Gdsfe: aus den vielen durchcinaudxr tönendeli,^ Stimmen^ konnte man deutlich den Janlmcr der unglücklichen ' Mutter vemeßmen. Es waren Verzweiflungsrufe, die mit eisigen Krallen an jedes Herz griffen- " Jetzt waren sie vor der Rabbinerwohnung, und es währte nicht lange, so. war die große Stube bis in ihre fernsten E^en von Leuten angefüllt. Der Großvater saß noch immer am Tische und las in dem aufgeschlagenen Buche, - „Mein Kind,/mein Kind," heulte Hanne Elsäßer, die neben ihm niedergesunken war, „wo ist mein Kind?" ° Hirsch Elsäßer, ihr Mann stand hinter ihr gebückt und gebrochen, das Antlitz von Tränen übergosscn. „Dein Kind, Hannes sagte der Großvater,, und ein nmndersam strafender Blick fiel dabei aus seinen sonst so milden Augen auf die vor ihmLiegende. „Hast du es mir aufzuheben gegeben? Bin ich der Hüter deines kleinen Michele?" ^Da schrie die Frau wild, verzweifelt auf: „Wozu haben mich denn die Leut' zurückgerufen?... Damit ich mir etwa den Tod nicht gebe? Sie haben ja gesagt,, der Rabbi weiß, wo mein Kind ist." Sit war aus ihrer knieenden Stellung aufgesprungen, dabei hatte sie ihre Haare unter der Haube gelöst, und so stand sie da, als könnte sie ganz allein mit einer ganzen Welt es aufnehmen, die ihr den Weg zum Tode verrammeln wollte. - „Alle Leut' sollen die -Stube verlassen," rief da der Großvater, „nur Hirsch Elsäßer und sein Weib Hanne sollen bleiben." Was in der Stube sich befand, folgte diesem Gebote. Nur drei Personen waren zurückgeblieben. „Wie kommt's, Hanne Elsäßer," fragte der alte Großvater mit jenem markigen Nachdrucke in seiner Stimme, wie sie nur ihm in solchen Augenblicken eigen war, „wie kommt's, daß du dein Kind von mir begehrst? Ich frag' dich noch einmal: Hast du es mir zur Aufbewahrung gegeben? Bin ich dazu ausersehcn worden, es zu bewachen und zu beschützen? Besinne dich doch einmal, und gib mir dann Antwort." Das Weib starrte ihn mit großen, wilden Blicken an, ihre Lippen zuckten krampfhaft, es drang kein Laut über sie, ' «Hast du mir vielleicht den Knaben übergeben, Hirsch Elsäßer?" fragte wieder der Großvater, und sein Auge ruhte bewältigend aus dem gebrochenen Manne. Da richtete sich Hanne wieder auf; in wilder Bewegung war sie nach der Türe hingesprungen. „Mein Kind," schrie sie, „ich muß es suchen gehen. . . es ist tot." . . - „Halt," rief der Großvater gebieterisch, „bleib stehen, Hanne Elsäßer, und rühre dich nicht von diesem Orte." Das Weib gehorchte augenblicklich diesem Gebote. „Höre mich an, Hanne Elsäßer," begann er lvicoer. „Ich muß dich noch um eines fragen, und das geht auch deinen Mann an; denn ihr beide gehört doch zusammen und seid unter einer Chuppe (Trauhimmel) mit einander gestanden... Habt ihr mir auch die Ruhe eures Hauses und euren Ruf zum Aufheben gegeben? Wie die Fetzen eines zerrissenen Tuches flattern sic in der Gasse umher, und der Wind trägt sic dahin und dorthin,' »itb wer will, kann einen solchen Fetzen abreißen und damit sein Gcspöttc treiben... Und da wollt ihr, daß ich euch Rechenschaft ablegcn soll darüber, wo euer Kind ist?" Hanne schluchzte krampfhaft; plötzlich war sie an ihren Mann herangetreten und hatte ihm die Arme um seinen Hals geschlungen. Erst jetzt löste sich ihr Schmerz iii heiße Tränen auf. „Ich trage an allem die Schuld!" rief sie, „sonst iväre das Kind nicht verloren gegangen."; : „Soll ich etwa der- Bessere sein?" rief dagegen Hirsch Elsäßer. Der Großvater aber, rvie er all dies sah und horte, klappte den Talmud zu, stand auf und sagte in tiefster Bewegung: „Kommt ihr beiden!... Ich hoffe zu Gott, ich kann euch euer Kind zurückgeben."' Er schritt hochaufgcrichteten Körpers zur Stube hinaus; hinter ihm wankten Hirsch Elsäßer und dessen Weib. - Wie sie auf die Gasse hinaustraten/ wich alles ehrfurchtsvoll vor dem ehrwürdigen Greise zurück. Und dabei ivaltete , eine Stille im dem fiüher so bewegten Haufen, daßj man die eigenen Atemzuge in seiner Brust belauschen konnte. Der alter Rabbi ging aber, die Blicke weder rechts noch links richtend, geradeaus durch die lebendige Gasse, die sich zu beiden Seiten gebildet hatte. Seine Miene war streng und ehrfurchtgebietend. Nur als-er an seinen Kätzchen vorüber,kam, wollte man ein leises Lächeln um seine Lippen spielend gesehen haben. Das verschwand aber ebenso schnell, als er jetzt mit seiner Begleitung vor dem „Schemothäuschen" angelangt war. Hier blieb er stehen. „Hanne Elsäßer!" ries er mit seltsam weichem Tone, „du bist die Mutter. . . schieb doch dieses Brett da hinweg . . T Was siehst du . ,.?" Ein Schrei, ein furchtbar gellender Schrei, dann ein krampfhaftes Lachen und Weinen... Mitten auf dem „Schemot", auf den vergilbten, zerrissenen und morschen Blättern alter Bücher lag Michele und rieb sich, erschreckt durch den Lärm, schlaftrunken die Aeugelein! Seitdem hörte man in der Gasse' auf, von Hirsch Elsäßer und seiner Frau Hanne zu reden „als une von Hund und Katze". Chelm, das jüdisch-polnische Schilda. Drei Chelmer Streiche. Mitgeteilt von Dr. H. P. W.M. Uns allen sind aus den Kinderjahren Schöppenstadt und Schilda liebe Erinnerungen. Dem volks- . kundlichen Forscher ist es bekannt, daß ein jedes Land und eine jede Zeit von vielen lustigen Schildbürgerstreichen zu erzählen wissen. Auch die Juden Polens haben ihr Schilda, und es heißt Chelm, etwa 70 Kilometer östlich Lublin gelegen. Weit und breit, wo die „jiddische" Zunge "klingt, kennt man die Chelmer Naronim (Narren). N. Prilucki hat im zweiten Band seiner Sammclbücher „Für jüdische Foklore, Philologie^ und Kulturgeschichte", Warschau 1017, eine ganze Reihe ihrer Streiche zusammengestellt. Es sind die alten lustigen deutschen Erzählungen, nur hier auf Chelm übertragen. Die Juden haben sie bei ihrer Wanderung aus Deutschland in die neue Heimat mitgenommen. Das zeigt uns nebenher, was Sachkennern ja nicht neu ist, wie sehr vertmut die deutschen Juden trotz der Mauern des Ghetto und der Verfolgungen mit der volkstümlichen Literatur waren. Sie haben aber die alten Schildbürgerstreiche nicht nur Übernommen, sondern manch lustiges Stücklein von den Chelmer Juden hinzugefügt. ’ Drei davon, die eine besondere jüdische Tönung zeigen, seien hier mitgeteilt. I. Warum die Chelmer Narren sind? Jeder Engel hat seine eigene Aufgabe. Darum kann ein Engel nicht zwei Befehle ausführen. Und weil der liebe Gott jedes Jahr in jedem Städtlein einen Narren geboren werden läßt, macht sich dafür der bestimmte Engel mit den Seelen der Narren, die geboren werden sollen, auf den Weg und läßt auf jedes Städtlcin eine solche Seele niederfallen. Einmal kam dieser Engel mit einem Sack närrischer Seelen über Chelm des Weges daher. Und da Chelm von Bergen und Tälern umgeben ist, glitt der Engel aus, und hat er alle närrischen Seelen auf Chelm ailsgeschüttet. . .? H. Wie die Chelmer die Katze' gefangen haben. In Chelm hat cs immer eine Menge Mäuse gegeben. Die l>abcn den Chelinern schrecklich zugesetzt. Kommt da eines Tages ein fremder Jude nach Chelm -und erzählt Wunderdinge von einem kleinen Tierchen, vor dem die Mäuse sich rn die Löcher verkriechen, sobald sie es nur sehen. Die Chelmer haben ihm das Tierlein abgetanst, und die Katze, denn so hieß das Tierchen, denr Rabbiner gegeben. Der erzählte gleich Wunder davon, wie sehr die Mäuse sich vor dem neuen Tierlein fürchteten. Da kam der Sommer. Der Rabbiner öffnet das Fenster. Die Katze überlegt nicht lange, springt auf das Dach und vom Dach auf den Schornstein. Voller Schreck ruft der Rabbiner die Gemeinde zur Beratung zusammen, wie man wohl die Katze fassen könnte. Man kommt zum Beschluß, das Haus anzustecken, — dann lvird die Katze schon herunterspringen inüssen. Da haben die Chelmer ein HauS nach dem anderen angezündet, und die Katze sprang immer weiter, von einem Dach auf das andere. So kam es, daß fast ganz Chelm abbrannte... - ' > " •- HL, . Das Urteil.; . . Jw Chelm war einmal ein Ratsmann. Man, nannte ihn Israel Zadok. Eines Freitags ging er auf'den Markt, um selbst Fische für die Sabbatmahlzeit einzukaufen. Er handelte einen lebendigen Karpfen'ein und legte ihn mit; dem «Äopss nach unten in seine Rocktasche. Ein halber Fisch guckte zur Tasche hinaus. Auf dem Wege gab der Fisch ihm mit dem Schwanz einen Schlag ins -Gesicht. Als man in de« Stadt davon hörte> rief man das Volk zur Beratung zusammen und, nach langem Hin und Her, nmrüc folgendes Urteil verkündet: Dielveil der Fisch den Ratsmann geschlagen, muß er ertränkt lverden. Der Stadtdiener nahm den Fisch, ging zum Fluß und warf ihn hinein. So spricht nrau Recht in Chelm. Tauserrduudeiue Rächt. — Kabbalistische Legende. — Bon Josef Patau Ws der Belzer ^Heilige" den heiligen Gedanken faßte, der im Exil umherirrenden Glorie Gottes eine neue Mächtige Halle zu erbauen, trat er furchtsam bei seiner schönen Gattin ein und sprach mit betrübtem Antlitz: — Rachel, tausend Nächte muß ich jetzt durchwachen, aus daß meine Seele durch tausend Nächte in den Rätseln der Rätsel sich bade, daß ich in tausend Nächten in dem See der Geheimnisse tauche, dessen Wasser das Herz reinigt und dessen Glanz dem Auge wunderbare Himmel zeigt. Für tausend Nächte müssen wir uns trennen, damit das Rätsel des Teurpelbaues meiner Seele sich eröffne. Rachel schlug die Augen nieder und sagte traurig: — Rabbi, nie habe ich dich noch verlassen^ wie dein treuer Schatten bin ich dir auf allen deinen Wegen gefolgt, und du sagtest so oft, daß du mich mit dir in die Vorhalten des Himmels nimmst. Als deine Seele in die Meerestiefe der Rätsel sich niederlketz, und auch damals, als bis zn den Himmelshöhen dein Flehen sich erhob, da stand ich vor deiner Tür, lauschte auf das Zucken deiner Augen, auf das Beben deiner Lippen Ich teilte deine Freuden und teilte deine Leiden. Mußt du tausend Nächte wachen, erlaube doch, daß ich die Sörzen Lei deinem Tische halte und mit ihnen deine heiligen Bücher beleuchte. . Der Zaddik dachte einen 2lu genblick nach, dann sagte er, Rachels blasses Gesicht betrachtend, zärtlich, milde zn ihr: — Du bist so schwach, mein Herz, du müßtest ruhen. Ich fürchte, es könnte deine Kraft übersteigen Mir flößt die Sehnsucht nach den Geheimnissen der Rätsel Kraft ein und hält mich wach. Dich würde das Wachen noch mehr ermüden — O Rabbi, schließe demnachauch meiner Seele aus die Geheimnisse der Rätsel!. . . Du sagtest ja so oft. unsere Seelen seien eins. Was. in deiner Seele das Licht der Erleuchtung entzündet, würde vielleicht auch die Finsternis meiner Seele erhellen. — Rachel, verlang das nicht, bat der Zaddik mit flehendem Blick. Bringe mich nicht in Versuchung! Lieber wache mit mir taufend Nächte durch, nur das verlange nicht von mir. Vielleicht kommt einmal die Zeit dafür nach ben tausend Nächten. Und der Belzer Zaddik und sein blasses' weißes" Weib wachten beisammen im Zimmer der . Bücher. 'Der Zaddik im schneeweißen, leinenen Gewände, in einen weißen Atlasmantel gehüllt, saß neben dem mit weißem Tuche bedeckten Tische, das mit weißer Samtkappe bedeckte Haupt über die großen Folianten gebeugt, und' neben ihm saß Rachel in schillernde weiße Seide gekleidet, mit einem Diadem aus kostbaren Edüsteinen, zwei weiße Kerzen in ihren beiden weißen Händen haltend. — Sie sitzen nebeneinander wie Braut und Bräutigam, kommend dom Baldachin, sprach einer der Getreuen, der an dem Zimmer der Bücher vorübergehend neugierig hineingeblickt hatte. ' — Wie Adam und Eva im Garten des Paradieses, so rein und unschuldig, tönte es begeistert von den Lippen eines anderen. ' °; — Und Rachel, wie sie die Kerzen hält, so heilig und strahlend wie die goldene Menora im Heiligtum der Heiligen, schwärmte ein Dritter. Und Rachel wachte von Nacht zu Nacht. Nachmittag, ivcnn der Rabbi sich eine kleine Ruhepause gönnte, begab auch sie sich zur Ruhe. Ms der Rabbi aber gegen Abend das Mimhagebet begann, war Rachel schon an der Tür und ergötzte sich an den durchgeistigten Zügen des ZaddiN, au den Beioegungen seiner Begeisterung, nahm die hervorbrcchenden tiefen Seufzer in sich auf und bahnte fast dem gen Himmel erhebenden Flehen den Weg nach oben. Rach dem Gebete kameu die Gläubigen mit ihren Bitten, jeder mit anderem Weh, anderen Schmerzen, anderen Leiden, und Rachel stand dort au der «chwelle, mit Andacht lauschte sie den Worten des Zaddiks, wie er da tröstete, wie er ermutigte, wie er den Wankelmütigen Zuversicht eiuflößte, die Schwankenden mit Kraft wappnete und wie er die .Verzweifelten aufrichtete. Änd der Zaddik schaute immer nur auf Rachel, als wenn er aus ihren Augen Zustimmung und Ermutigung erwartete. Und wenn sich ihre Blicke trafen, da konnten jene, denen das Sehen ward gegeben, bemerken, daß ans' dem ZusaMmenblitzeu ihrer Augen ein Fnnkb entsprang, der wie heiliges Wtarseuer zur Him- Sr Kaffee Bnhland Kaiserstrasse 56 lKaiserstraaae 56 Täglich erstklassige BV Unterhaltungsmusik *3 Gesangs*Einlagen. : •; % .. -3 ■;J >3 V-iI ...J . i A ••vsi -1 I - |. -.i f

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