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Neue jüdische Presse · 1917-09-07 · Heft 34 (7.9.1917) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 34 (7.9.1917)
Date
1917-09-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 31. Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. aus auf Pesach Urlaub, aber erst am Tamstag. Er mar- , schierte beit Weg zu Fuß von nwrgens 10 bis abends 5% Uhr, ohne auch nur — da Errf Pesach war — einen Schluck Wasser unterwegs zu genießen. In Wiesbaden stationiert, sollte der.Abschiedsurlaub fürs Feld auch an einem 'Sabbatnachmittag augetreten werden. Die Leute wurden, da es viele Frankfurter waren, von einem Unteroffizier an die Bahn geführt und bekamen dort ihre Scheute eingehändigt. Ws M. H. merkte, daß der Zug noch am Sabbat wegfuhr, bat er vertretend dm Unteroffizier, noch nicht mitfahren zu müssen. „Za, den Äug^ ist befohlen, dann müssen Sie", war die Antwort. >,Dann verzichte ich auf den Urlaub", erwiderte H. „Das können Sie." Der. Unteroffizier nimmt den Zettel aus seiner Hand, sagt aber _ nachher, wie alle weg waren: „Min, Hirschberg, einein Mann, der so treu an seinem Glauben hält, dem kann ich den Urlaub nicht entziehen. Bleiben Sie hier und fahren Sie später." Das alles sind nur einige wenige Züge. Man könnte ohne Uebertreibung noch Dutzende solcher Einzelzüge erzählen,-sic würden sich alle zusammenreihen, um das Bild einer „Zierde unter unseren Jünglingen" zu zeigen. Dieser Jüngling war ein Mann, Chase Aulom aufwartssührendes, ewiges Leben war in' seiner Seele verschlossen, darum bleibt er uns allen, die wir chn kannten, unvergänglich. Sein zu gedenken wird uns zum Segen. Dr. —y. Breslau. Oberarzt Dr. Graetzer erhielt das Eiserne Kreuz 1. Kl. Pirmasens. Der Kaiser überreichte dem Leutnant Ludwig Samuel das' Eiserne Kreuz 2. Kl. Emmevdiugen. Leutnant Otto Weil erhielt das Eiserne Kreuz 1. Kl. ** Prag. Unter den 24 neuen Maria-Theresien-r Rittern befindet sich auch ein Jude, nämlich der Hauptmann Heza Heim des J.-R. Nr. 46. Er erhielt die hohe Auszeichnung für die Besetzmig eines' Sprengtrichters, wodurch dauernd günstige Anschluß und Beobachtnngsver-- haltnisse vor .einem Teil der Jsonzofront geschaffen wnrden. Hauptmann Heim ist der erste Jude, der den Militär- Theresien-Orden, mit dessen Besitz auch die Erhebung in den Adelsstand verbunden ist,' besitzt. Perfomklie» «. kleine Mttteivmge«. ' ^Berlin. Dr. Oskar Lipschitz, Rabbiner der Lippmann Tanß-Synagoge, beging den 70. Geburtstag. Er ist ein Enkel des Kommentators der Mischna, Israel Lipschitz, und Sohn des Landsrabbiners von Mecklenburg und späteren Rabbiners in Berlin Baruch Lipschitz. Berlin.'' Der im März verstorbene Stadtverordnete Lcvp. Jacobi hinterließ u. a. 3000 M. d. Verein f. d. lib. Judentum, 10,000 f. verschämte Anne d. Stadt Berlin, 2000 M. d. Asyl-V. f. Obdachlose, 3000 M. B. jung. Kauft., Lessen Vorstand I. lange angehörte, 1500 B. z. Speis, arm. Kinder, f. Ferienkolonien 3000 M-, Blinde 5000 M., je 3000 M jüd. Lehrlingsheim (Berlin- Pankow), 2000 Fürsorge-B. für hilflose jüd. Kinder, deffen SLuglingsheim-Mederschönhausen, je 3000 Verein „Jüd. Taubst.-Anst." Wejßensee und Jüd. Reichsbliuden- Anstalt Steglitz, Hilfsver. der deutsch. Juden, d. Jüd'. Gem. 5000 für Waisenpflege juid 6000 f. verschäuitck Anne. Leipzig. Rabbiner Professor Dr.Nathan Pörgkes, geb. 21. Dezember 1848 zu Proßnitz und seit 1888 hier Rabbiner, ist in den R u h e st a n d g e t r e t e n. An eigenen Werken hat P. eine Arbeit über die „Berbalstammbildung in den semitischen' Sprachen (1875)" und „Bibelkundc. Bibelsunde (1303)" veröffentlicht; außerdem hat er 1915 die von Friedmann begonnene Herausgabe des Midrasch Sifra besorgt. IM Breslau. Hier verschied Ghmnasial-Professor D r. Emil Toepitz, Mitherausgeber des Kunzeschen Ka° lenderA für .höhere Schulwesen in Preußeir. Wie«. Der kürzlich ausgebrannte Lewpoldstädter Tempel ist ein prachtvolles Bauwerk im maurischen Stil, das in der engen Tempelgasse kaum zur Geltung kommt. Die Decken sind mit prächtigen alten Goldmalereien bedeckt. In zwei Stockwerk» erheben sich die mächtigen Galerien, die aus schwerem Eichenholz waren. Der Leopoldstädter Tempel ist das größte Gvtteshaus'der Wiener Kultusgemeinde. In chm haben die gefeiertsten Redner Jellinek und Güdemann gepredigt. Der Tempel nimmt den Mittelraum eines großen Häuserkomplexes ein, der die Ecke der Ferdinandstr. u. d. Tempelgasse bildet. Rechts und links sind 'zwei große Höfe, die durch mächtige Tore gegen d. schmale Tempelg. abgesperrt sind. In dem Eckhause der Ferdinandstr. und Tempelg. sowie im andern Trakte, der gegen den Westroyhvf stößt, sind Wohnungen der Beamten und Gemeindediener. In dem einen Gebäude, das der Kultusgemeinde gehört, ist die Jsr. theol. Lehranstalt untergevracht. Der erste Stock enchält Bibliothek unb Hörsäle,' der zweite die Wohnungen des Rektors Prof. Dr. Schwarz und des Kantors Jurberger. v Warschau. Bize-KronmarsLall Professor Mtkolowski- 'Somorski besuchte in Begleitung des Professors Schmolke zwei Ehectorim. Tie Rabb. Dr. Ko hn und Tr. Carlebach machten die Herren mit allen Einzelheitenbekannt. ' Kopenhagen. Ein' allgemeiner Verband der jüdischen Lehrer ist in Rußland gegründet worden. New-Aork. Die Organisation „Junn-Jndäa". hatte am 16. Juni rn Newhork ihre Jahresversammlung, an der 125 Delegierte trilnah'men. Die Organisation umfaßt ca. 5000 MitgliSer, wie auch 15 hebräische Sprach-Vereine. Frankfurter Berichte. Kleine Rottzeu. Bon der Beschäftigung jüdischer Hilssttäfte, die Samsckags-nicht tätig sein können, in den städtischen Büros ist bisher grundsätzlich, abgesehen worden. Unter den gegenwärtigen VerhSlntissen soll jedoch auf ihre Einstellung nicht mehr verzichtet, auch soll ihren Wünschen wegen' der Samstagsarbeit von den städtischen Aemtern entgegengeiömmen werden, soweit es die Erfordernisse des Dienstes gestatten. Bau meinem Großvater. ißniisfoa Von Leopold KomPert. (Fortsetzung.) Wenn >vir am Freitag abend um den großväterlichen Tisch geschart saßen und nach der Suppe wie gewöhnlich die Fische aufgetragen wurden, in jener eigentümlich mundenden Tunke schwinimend, deren Geheimnis nur meine gute Mutter kannte, rief der Großvater, indem er sich das „Kopfstück" auf den Teller schob: „Kinder, habt Respekt! Da liegt vor nur die Mitgift meiner Frau!"' Und die neben ihnl saß, eine schöne alte Frau in goldener Haube, lächelte so geschämig! . . . / So hat man geheiratet! II. Wie Hund mit Katze. Auf den vorangehenden Blättern habe ich soeben dem freundlichen Leser die kleine Geschilpte erzählt, wie mein Großvater seinerzeit geheiratet und'statt aller Mitgift „das Kopfstück eines Fisches" erhalten hat. Ich will jetzt — die freundliche Gestalt des Ahnen vor meinen Augen, umspielt von den unsichtbaren Fittichen, die aus einer' fernen Welt an meine Wange streichen, — erzählen, wie es meinem Großvater gelungen ist, das alte Sprichwort von „Hund und Katze" in einer Weise zur Anschauung zu bringen, die man seitdem in der „Gasse" noch nicht aus dem Gedächtnisse verloren hat. Wie Hund und Katze! Jedermann kennt und jedermann begreift den Geist der Ueberlieferung, die vom Anbeginne der Schöpfung an. von Feindschaft und Zlvietracht dieser beiden Tiersamilien zu erzählen nicht müde wird. Die Katze kann . es nun einmal nicht vergessen, daß Löwe und Tiger zu ihren -Geschwisterkindern gehören, und diesem Adelsstölze setzt der. Hund Ivieder das Bewußtsein entgegen, daß auch Vetter Wolf unter den Gewaltigen dieser Erde durchaus nicht die letzte Rolle spiele. Wie dem aber inrmer sei: im Hause meines Großvaters benrerkte man nichts von dem altgeschichtlichen Gegensätze, der sich hier in sein Gegentell aufgelöst zu haben schien. Anderswo, ich gebe es zu, nrochte er in seiner geradezu haarsträubenden Wahrheit bestehen, bei meinen! Großvater nicht. Anderswo mvchten Schlachten geliefert werden voll blutig errungenen Sieges und mühsam'verbissener Niederlage, zwischen Hund und Katze meines Großvaters waltete die tiefste und friedfertigste Gemntsinnigkeit ob. Da konnte man tagtäglich mit eigenen Augen es sehen, mit welcher Genügsamkeit, ja mit welcher .Zärtlichkeft Hund und Katze aus einer Schüssel aßen, wie sie sich gegenseitig die besten Bissen zuschoben, und nur zuweilen darüber in einen knurrenden Zwist gerieten, wenn Kätzchen aus übertriebener Holdseligkeit durchaus den Brocken nicht annehmen wollte, den ihm Hündchen in seiner feinfühlenden Freundschaft übrig zu lassen für gut befunden hatte. Noch leben viele Zeugen, die es bestätigen können, was sie mehr als einmal gesehen haben. An sonnigen Tagen, wenn die Glut des Himmelsgestirnes sich so recht innig an die Vorderseite des Hauses legte, lagen dort die jungen Nachkommen der Tante Katze unter der Obhut ihres als so feindlich verschrienen Oheims, des Hundes; und er tat dabei so ammenhaft klug und mütterlich besorgt, als wäre er zu diesem Berufe von Geburt an erzogen worden! Wieso meinem -Großvater diese wunderbare Bekehrung gelungen war, wer -möchte das ergründen können? Er hat das Geheimnis mit sich genommen in sein kühles Grab, der stille, allem Gegensätze und - Zwiste abholde Mann, und in der Friedfertigkeit seiner -Seele, wie ein Dianmitt (in Pen Eingewciden des Gebirges, lag auch das Geheimnis, wie man Herr werden kann über die ererbten Gegensätze feindlicher — Tierseclen! Es mochte an einem heißen Sommernachmittage sein, und zwar schließe ich dies aus mannigfachen Umständen. In dem Synagogenhofe, auf den eines der Fenster der großväterlichen Wohnung ging, war cs stiller als gewöhnlich; nichts regte sich auf diesem Raume, der allem lärmenden Verkehre auchsonst ferne lag. Dort am offenen Fenster saß der Großvater, auf dem. -Tische vor sich ein großes Büch, in ivelchem er eifrig . las. Dabei wehte die Luft so heiß — und drüben an ' der schattenspenden Mauer des alten Gebäudes hätte sich Mutter Katze niedergelassen, ßnmitten ihrer zahlreichen Familie, während Oheim Hund daneben stand, und abwechselnd dem einen um den andern der jungen Rangen freundliche Zurechtweisung ertellte, wenn es ihnen einfiel, aus dem Bereiche des kühlen Schattens sn das weiße Sonnenlicht zu treten. Darüber mochte eine Empfindung eigener Art den alten Mann beschleichen; er lächelte mitten in dem Lesen der alten vergilbten Blätter, in denen er vielleicht gerade auf 'etwas besonders „Scharfes" gestoßen war, und darüber lächelte er so lange ... so lange, bis seine Angen weder das vor ihm Liegende Buch, noch die spielenden Kätzchen da draußen, noch irgend etwas anderes mehr sahen. .Er schlief. Sein Schlummer mochte aber doch nicht so tief gewesen sein, daß chn nicht ein leises Geräusch unterbrechen konnte. Plötzlich fuhr er aus, und alsbald hakte er die Ursache'seines gestörten Schlafes entdeckt.' Da, wo an der Stiege, die zur „Weiberschnl" hinan führt, das „Schemothäuschen" angebaut, ein hölzerner Verschlag, stand ein etwa fünfjähriger Knabe nick) bemühte sich eines der losen Bretter des morschen Baues immer loser zu machen, wobei sich seine Arme und Füße nicht wenig anstrengtcn, denn er arbeitete mit beiden. Nun muß ich aber zuerst sagen, was ein- „Schemolhäuschen" ist. Wenn irgendwo ein Blatt aus einem der in der heiligen Sprache Zions geschriebenen oder 'gedruckten Bücher, sei es infolge eines Zufalls oder ivegen Altersschwäche, aus seinem bisherigen Verbinde sällt, glaubt ihr, daß man ein solches Blatt den Winden der Vergessenheit oder -gar dem Verderben preisgeben darf? Das kleinste' Kind in der Gasse kann euch belehren, daß ja der „Name Gottes" darauf stehen kann, und wolltest du den zu deni niedrigen Staube sich gesellen lassen? Nein! ein solches Blatt wird sorgfältig vom Boden ausgehoben und in das „Schemothäuschrn" getragen, wo es bereits Hunderte von solchen aufgehobenen Brüdenr findet. Da wohnen sie zusammen, oft in jahrelanger andauernder Nachbarschaft, bis eines Tages der „Schuldiener" sie abholt und sie allesamt auf den „guten Ort" hinausträgt, wo er sie mit einem frommen Gebete zur -Erde bestattet. Also mein Großvater war durch jenes Geräusch aus dem Schlummer «geweckt worden; er hatte den Knaben und dessen Tun bemerkt, aber zu einer Tat, .selbst nur zu einem Zurufe konnten sich seine schlafmüdeu Sinne nicht ermannen. Er sah.nicht nur den Knaben, er hatte ihn auch erkannt; er wußte, daß „Michele" Hirsch Elsäßer und dessen Eheftau Johanne gehörte; darüber hinaus gelangte er jedoch nicht. Draußen wehte die Lust so heiß, und die Lettern des altersgrauen Talnmd, der vor ihm ansgebreitet lag, blickten so grämlich und verdrießlich . - . nur die -- Kätzchen spielten im Schatten der Synagogenmauer so wonniglich unter der Obhut ihres Oheims. Ein Lächeln zog sich wieder um seine Mundivinkel, zog sich immer weiter, bis es in den weißen Haaren seines Bartes, wo es nicht weiter konitte, haften blieb. Er war wieder eingeschlummert... Mittlerwelle wollen ivir in flüsternd gehaltenem Tone berichten, welches Bewandtnis „Michele" mit dieser wahrhafttgen Geschichte von „Hund und Katze" hat. Sie leben wie Hund und Katze! Wenn man in der Gasse diesen Ausspruch lat, so galt er gewiß einem der Vorgänge, die fast allstündlich zwischen Hirsch Elsäßer und seiner Ehegattin Hanne vorkamen. Dort in jenem Hanse gab es nichts als Zank und Unfrieden; die Zungen wurden nicht müde davon zu erzählen. Oft hatte es der Großvater versucht, milde und strenge, wie cs in seiner Natur lag, immer aber vermittelnd einznschreiten; er vermochte nicht jenen störrischen Geist zu bannen, von dem die beiden Eheleute, recht als hätte er sie zu seinem Spielzeuge ausersehen, herumgewirbelt wurden. Wollte er auf dm Grund dieser anhaltenden Zwistigkellen kommen, so hörte er Einzelheiten bald von dieser, bald von jener Sette. Jedes Ivar in seinem Rechte, und doch brannte - lichterloh das Unrecht auf beider Seelen. Von diesem verbitterten Ehepaare pflegte der Großvater zu sagen: „Hund und Katze habe ich gewöhnt -aus einer Schüssel zu essen, aber daß Hirsch Elsäße^ und sein Weib sich vertragen, wie eZ sich für sie geziemt, das will mir nicht gelingen. Kommt das von einem bitteren Tropfen in ihrem Geblüte her? Und doch hat ihnen Gott ein Kind gegeben, an dem sie ihre Freude haben können. Wenn sie aber schon jeßt sich das Leben verbittern und versalzen, was wird erst geschehen, wenn sie einmal das Kind verlieren würden. .

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