Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 33 (31.8.1917)
- Date
- 1917-08-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33. Tie auf die Ansprache folgende Lektüre — es wurde im „Choreb" der Abschnitt aber „Schaufor" gelesen — gestaltete sich! zu anregender Aussprache. Am nächsten Sabbat, vorm. 11Ve Uhr, findet die Lektüre ihre Fortsetzung. Ausflug des Lazaretts Kraukenhaus der Jsr. Gemeinde. . Das Krankenhaus der israelitischen Gemeinde veranstaltete toie alljährlich seit Kriegsausbruch! für eine Anzahl verwundeter und kranker Soldaten in Begleitung einiger Schwestern am Montag, den 27. August, einen Rheinausflug unter Führung des Herrn Inspektor A h r e n s und Rechnungsführer Weil. Tie Fahrt ging nach Kastcl, von dort mit einem Rheindampfer nach Eoblenz. Nach der Besichtigung dieser Stadt trafen sich die Beteiligten in einem Restaurant zu einem gemütlichen Beisammensein. In bunter Reihenfolge wechselten musikalisch-deklamatorische Darbietungen, die von einigen Schwestern, den Soldaten Cantor Neumann und Kanonier Köster ich vorgetragen ivurden. Herr Feldwebel Weil dankte' den Veranstaltern des Ausflugs und gab seiner Freude Ausdruck, daß den Verwundeten einige frohe Stunden bereitet würden. Doch auch an den Ernst der Zeit mahnte er. Noch immer umdrängt uns der Feind und verlangend streckt der Erbfeind die Hand nach unserem echten deutschen Rhein auS. Aber das — so führte er aus — geloben wir alle: Keine handbreit deutscher Erde soll der Franzmann uns je rauben köimen „solange ein Tropfen Blick 'kroch glüht". Inspektor Ah re ns erwiderte in treffenden Worten, daß die Verwaltung bei Ermöglichring des AusslugS nur einer Tankesschuld genügen wollte, all denen,. die ihr ganzes Sein dem Dienste des Vaterlandes gewidmet. Aber auch der deutschen Frau im allgemeinen nnd den Krankenschwestern im besonderen zollte er Worte der Anerkennung. Dem Chronisten wird cs Vorbehalten bleiben, mit goldenen Lettern aufzuzeichnen, was seitens der Frauen in diesen: Kriege geleistet wurde. Tie Eisenbahn brachte die Teilnehmer wieder »ach Frankfurt zurück. „VICTORIA“ Erste Berliner Wäscherei und Glanz-Plätterei Hanta Tel. 2002. GdÜGQtSlfaSSS 18. Hansa Tel. 2002. Spezialität: Kragen, Manschetten nnd Hemden. 1 im mm Bo« meinem Großvater. Von Leopold K0mpert. . (Fortsetzung.) In diesem Augenblicke kam ihm jener Geist zu Hilfe, der vom Anfang, der Welt her seine Freude daran findet, die Menschen im Uebcrwindcu der höchsten Schwierigkeiten zu unterrichten, so daß ihnen das Abtragen von Bergen und das Ausfüllen der tiefsten Täler als Spielivcrk vorkommt. Er begann damit, daß er auf das Lob des Weibes, wie es König Salomo gedichtet, zurückgriff. Sie hatten es ja soeben selbst gesungen, und er mußte also voranssctzen, daß Sinn und Bedeutung dieses eigentlichen Hohenliedes auf die Frau ihnen allen klar und verständlich war. „Ein wackeres Weib," begann er, „wer findet es? Schwerer zu erkaufeln ist sie als Perlen." Dann mit einer geschickten Redewendung blieb er bei einem Satze des schönen Gedichtes stehen und entwickelte ihn in klarer, fließender Weise zum Mittelpunkte seines „feinen Wortes". - „Es steht geschrieben: . Ihr Sinn trachtet nach einem Felde, und sic kauft' es; von der Frucht ihrer Hände pflanzt sie einen Weinberg." „Was soll das.heißen?" fragte er sich gleichsam selbst. „Ist es die Sache des Weibes, seinen Sinn auf den Erwerb zeitlichen Gutes gerichtet zu halten? Denn wenn cs in einem früheren Satze heiße: „sie steht üuf, wenn es noch Nacht ist, nnd gibt Speise ihrem Hause," wie kann man dem schlvachcn Weibe mitten in der Erfilllung seiner häuslichen Pflichten noch die Last auferlegcn, an die Mehrung des Besitzes zu denken? Das Feld mu.ß Her Mann kaufen, mit feiner Hände Kraft und seines Geistes Gewalt muß er schaffen und lvalten, damit das von ihm begründete Haus fest und sicher dastehe gegen die Stürme des Lebens. Wie komme aber das Weib dazu, das was ein Recht des Mannes ist, zu seiner Zierde zu wachen? Was solle dann der Mann neben ihr bedeuten?" So in scheinbaren Gegensätzen zerschlug er gleichsam die Grundmauer, auf die er doch den Ban seines „seinen Wörtchens" gründen wollte. Offenbar hatte der Dichter des heiligen' Gesanges hier gefehlt. Kann Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ' ' ' " . . ■’ "■■■'" 4 aber König Salomo irre gehen? Kann etwas, was in den gewaltigen Lauten der heiligen Schrift zu uns spricht, einer Mißdeutung, einer Verirrung unterliegen? Jetzt begann er den Aufbau. Auf den vermeintlichen Ruinen des bisher Gesagten, erhob sich in holdseliger Rede das neue Haus seines Beweises. „Nicht um ein Feld, daß so und so viel Metzen Getreide abwirft, handle cs sich, wenn es in den Sprüchen Salomos heiße: „Sie trachte danach und kaufe es." Nein! das sei ein ganz anderer Acker; der Säemann, der ihn bestelle, sei nicht das Weib und nicht der Mann, das sei die heilige Gotteslchre, von der es auch anderswo heiße, sie wäre der „Baum des Lebens". Diesen dicker, so entwickelte er sinnig weiter, habe Gott in die Hut des Weibes gestellt; aus ihm ziehe sie ihre besten Früchte, nicht aber dadurch, daß sie ihn selbst bestelle, selbst pflüge und ihm Gutes angcdeihen lasse! Das sei nicht Sache des Weibes, rm- ,für sei der Mann da! Wenn er in der Gotteslehre ausharre nnd sie ihn darin unterstütze, daß er niemals aufhört, bei Tag und bei Nacht darin zu forschen, dann könne man von ihr sagen: Ihr Sinn steht nach dem Felde, und sie kauft es, dann sei die Frucht ihrer .Hände der Weinberg, jener herrliche Weinberg, dessen Rebcnblut nicht berauscht, nämlich der Lohn in dieser und iil der künftigen Welt." Er hatte noch nicht geendigt. Das bisher Gesagte bedurfte eines lebendigen Beispiels. Die Auslegung des Salomonischen Spruches schwebte in der Luft, wenn er ihr nicht eine feste Sttitzc gab. Diese sand er in einem Gcschichtchcn, wie es die tausendjährige Ueberliefcrung in aller Lebendigkeit eines wahrhaften Geschehnisses aufbewahrt hat. „Die Tochter des reichen Kalba Sebua," erzählte er, „in dessen Hause es so hoch hcrging, daß, wer hungrig wie ein Hund cs betrat, cs gesättigt wieder verließ, hatte unter den Hirten ihres Vaters einen Jüngling benierkt, der ihren Augen wohlgefiel. Er weidete nur Schafe, aber auf seiner Stirne leuchtete ein Abglanz höherer Begabung, der vielleicht nur ihr erkennbar war. Eines Tages rief sie ihn zu sich. „Ich werde dein Weib", sagte sie zu ihm, „aber nur unter einer Bedingung. Dü mußt nach Sura auf die hohe Schule und dort sieben Jahre verbleiben. Ich will deiner harren, wie eS einem treuen Weibe ziemt." Da sagte er: „Ich gehe nach Sura und bleibe dort sieben Jahre," und hierauf nahm er einen Ring und steckte ihn an ihren Finger nnd sagte zu ihr: „Siche, du bist nur ' angetraut." Er wanderte nach Sura, aber als Kalba Sebua nach einiger Zeit vernahm, seine Tochter sie die Frau eines Schäfers geworden, geriet er in heftigen Zorn nnd enterbte sie;, sie murrte nicht, denn ihr Sinn stand' „nach einem Felde, das einst ihr eigen sein sollte." Im siebenten Jahre erhielt sie von ihrem Manne einen Brief, darin hieß es Meine Zeit ist um! Soll ich hcimkehren?" Darauf schrieb sie: „Bleibe noch sieben Jahre auf der Schule, ich will deiner harren, wie cs einem treuen Weibe geziemt." Und eines Tages, . es war das vierzehnte ...Jahr um, erfüllte zahlreiches Volk die Straßen der Stadt. Akiba, der größte Gelehrte seiner Zeit war eingckehrt: nicht weniger als zwölftausend Schüler bildeten sein Gefolge. Des Weges daher kam ein Weib, das warf sich ihm weinend zu Fußen nnd küßte dm Staub seiner Füße. Er aber hob sie liebreich auf und küßte sie vor allem Volke. Als ihn die Schüler darob zur Rede stellten, sagte er: „Das ist mein Weib! Und wenn sie nicht gewesen, wäre ich nicht euer Lehrer und ihr nicht meine Schüler!" Als Kalba Sebua vernahm, wer sein Schwiegersohn sei, setzte er ihn den Besitz aller seiner Reichtümer, nnd der Schäfer vdn ehedem ivard nun der reichste Mann iin Lanzen Lande." „Soll ich leben und gesund sein," rief der Hausherr, nachdem der junge Rabbiner geendet, „wenn ich nicht alle Reichtümer der Welt hingcbe, um von Euch, mein lieber Gast, nur einmal in der Woche so etwas Schönes zu hören. Nur üm eins ist schade, großer Schade!" „Und daS wäre?" fragte der fremde Gast, tief bewegt von der Ergriffenheit seines Kostherrn. „Daß Ihr nicht unser Rabbiner geworden seid! Ihr hättet, vielleicht dazu besser gepaßt, als der andere, der auf sich warten läßt." Ein flüchtiges Lächeln glitt über das Angcsvcht des Gastes, er senkte die Augen. Als er wieder aufblickte, fielen sie auf das Mädchen, das ihm gegenübersaß. Niemals glaubte er etwas Schöneres gesehen zu haben; Seite 5. ihr Antlitz strahlte und leuchtete; ihre ganze Seele schim dort zu wohnen. Dann stand sie rasch auf. „Jetzt, Deborah!" rief Leser Kollin, „bringe deine Fische!" Noch in einer spätm, sehr späten Zeit, und was das bedeuten will, werden nur diejenigen wissen, die den achtundachtzigjährigm Greis kannten, erzählte der Großvater' die Szme, die sich nun ereignete. Deborah trug die Schüssel, worauf die Fische lagen. Sie stellte sie gerade vor ihrm Vater hin; doch ehe dieser noch zugreifen konnte, hatte sie den Teller des jungen Rabbiners mit einer heftigen und dabei doch anmutigen Beine gung ergriffen, und darauf das größte und gewaltigste Stück, das Kopfstück des in der Pfeffertunke - schwimmenden Karpfen, geschoben! Worin die Größe dieser Tat lag? Lieber Leser! Wmn du so fragst, so verrätst du eine gefährliche Unwissenheit in dergleichen Angelegenheiten. Das Kopfstück des Karpfen wird als eine Art Huldigung betrachtet, womit nian den: vornehmsten der Gäste am Tische Ehre antut. Das ist aber in erster Linie der Hausvater selbst; das Kopfstück ist sein Anteil, der Tribut, den man seinem Ansehen schuldet, und wenn es an einen andem abgetreten wird, so wird damit nur eingeräumt, daß noch ein Höherer sich am Tische befindet, dem eine gleich Huldigung gebührt. Diese Regel wurde in „alten" Zeiten wie ein unverbrüchliches Gesetz gehalten. Daruni schrie auch Leser Kollins Frau, als sie diese Mißachtung eines gegen alle Sitte und Schicklichkeir verstoßenden Brauches gewahrte, mehr erschrocken als zornig: „Deborah! was stellst du an? Das gehört ja für deinm Vater!" Das Mädchen richtete sich aber hoch und höher auf und war gar lieblich anzuschen, wie sie neben dem Stuhle des jungen Rabbiners stand, und noch lieblicher klang die Antwort, die sie, flammendrot im Angesichte; der Mutter gab. „Mutter," rief sie, „ich weiß, was ich die. Es ist mir nichts anderes eingefallen, womit ich den Gast ehren könnte für sein feines Wort!" Darauf ward es erst mäuschenstill in der Stube; dann rief Leser Kollin, während das sonnigste Lachen seine Züge überstrahlte: „Recht hast du gehabt, Deborah, mein Kind! Du ,brauchst dich dafür nicht zu entschuldigen. Du sollst gesegnet sein vor allen meinen Kindern!" Was der fremde Gast tat? Er verzehrte stillschweigend das ihm dargebotene „Kopfstück" des Fisches und blieb auch für die übrige Zeit des Abends still und einsilbig. Aber rief in seinem Innern tönten herrliche Stimmen durcheinander, dort brauste eine Sprache, gegen die das Toben des Meeres leises Gelispel ist, die Sprache einer mit der Gewalt eines Sturmes über ihn hereingebrochenen, nicht mehr-, zu unterdrückenden Leidenschaft! * * * Zn M.ttag am nächsten Sabbat stellte sich der ftemde Gast in der Wohnung seines Kostherrn wieder ein. 'Er sah blaß nnd abgespannt aus, wovon die vergangene Nacht, welcher während er kein Auge geschlossen, mancherlei hätte erzählen können. „Fehlt Euch was, mein lieber Gast?" fragte die Frau Leser Kollins. „Ihr seht heute anders aus, als Ihr gestern ausgesehen habt." „Mir fehlt gar nichts," gab er hastig zur Antwort, „mir ist ganz gut zumute." Dabei streifte sein Auge flüchtig wie der Blitz die unfern von ihm stehende Deborah. Sonst ging das Mittagmahl still nnd gemessen vorüber; es wurde nicht viel gesprochen. Nur am Schlüsse des Tischgebetes, welches Leser Kollin dem ftemden Gaste „verehrt" hatte, sagte jener: „Ich bleib' dabei, es ist . doch schade, daß der andere kommen wird. Keiner hätte für uns besser gepaßt, als Ihr." Wieder glitt ein flüchtiges Lächeln über die strengen Züge des jungen Rabbiners. Spät am Abend, als die funkelnden. Sterne am Himmel dartaten, daß der Sabbat bereits irr seine Ruhe ringcgangcn, ging der ftemde Gast noch einmal zu Leser Kollin, um von der Familie seines liebreichen Kosthcrrn sich zu verabschieden. Er fand sie alle beisammen; nur Deborah war in der Sttlbe nicht zu sehen. Der Gast gab seinem Kostherrn die Hand und bedankte sich bei ihm in herzlicher Weise für das ge-