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Neue jüdische Presse · 1917-08-24 · Heft 32 (24.8.1917) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 32 (24.8.1917)
Date
1917-08-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr- 32. _ ___ „Ihr kommt zu spät, Gast," herrschte' er ihm zu, ohne ihn recht ins Auge zu fassen. „Die Gäste, die vor Euch gekommen sind, haben Euch alles wcggcgcsse». Es ist nur ciitjc „Plett" (Billett) noch übrig, und/ die wird Euch keinen guten Sabbat verschaffen. „Ueberall ist der Sabbat gut, wo mau in einer frommen Gemeinde ist," sagte der junge Rabbiner mit jener ruhigen Milde, der gegenüber der galligste Mißmut seine Massen verliert. Der Gemeindevcrivaltcr blickte schärfer nach dem Gaste; es mochte auch ihn ein Gefühl überkommen haben, daS von seiner gewöhnlichen Geringschätzung solch sah- , cender Bettler ziemlich fernab lag. „Ich meine es gut mit Euch, Gast," sagte er, etwas aus der Fassung gebracht. „Die „Plett", die Ihr da in der Hand haltet, .führt Euch zu Leuten, da sind acht Kinder im Hause, und Leser Kollin ist ein armer Mann, der weiß oft an manchem Freitag nicht, womit er Sabbat machen soll. Wollt Ihr nicht lieber bei mir essen?" Der Stube des Gcincindeverwalters sah man es an, daß sie mit deni Wohlstand auf -vertrautem Fuße stand. Unterhalb der siebcnzmkigen Lampe funkelten ans dem Tische vier, schwere silberne Leuchter, die am heutigen Abende aller Aussicht nach einem vortrefflichen Nachtmahl, ihr Licht spenden lvcrden. Aber auch diesmal kam jener romantische Zug i>n Gemütc des jungen Rabbiners zur Geltung. Er lehnte die Einladung des Gemeindcvcrwalters dankend ab. „Wenn ich schon auf einen armen Mann angewiesen bin," sagte er, „so wird er auch haben, womit er ,nich verköstigt. Ich nehme ihn also an." Und so mächtig war der Eindruck, den daS seltsam vornehme Wesen des Gastes auf den Gcmeindevcrwalter hervorgcbracht haben mochte, daß er ihn bis zur Türe hinausbeg'leitcte und die damals und hic und da auch jetzt noch .übliche Eutschuldigungsformcl ihm nach ries: „Verzeiht mir," eine Ehre, die er bis dahin noch keinem „Gaste" angetan hatte. Wieder legte sich jenes feine, sinnende Lächeln um die Lippen des jungen Rabbiners. Fühlte er sich befriedigt? War cs das, was er gesucht und gefunden hatte? Nicht ohne Mühe gelangte er zu bciu kleinen und unansehnlichen Hause, woriil sein Kostherr, an den ihn die „Plett" anlvics, wohnen sollte. Er fand es endlich, versteckt und schämig, hinter andern Häusern der „Gasse", nachdem er in dem Hofe, den er zu überschreiten hatte, mehrmals über einen Haufen spielender Kinder.gestolpert war, von denen 'er annchmen mußte, daß sie insgesamt Sprößlinge von dem gesegneten Baume Leser Kollins waren. Er trat in die offenstehcnde Küchentüre. Anfangs gewahrte er nichts, das heißt, seine Augen konnten in dein finstern Raume, der nur im Hintergründe durch das Herdfcucr beleuchtet war, nichts Lebendes erblicken, dafür wurde jedoch ein anderer seiner Sinne, seine Nase, in die angenehmste Mitlechenschaft gezogen. Wie lieblich duftete und. brodelte es da hinten am Küchenfeuer! Noch nie in seinem Leben glaubte er eine süßere Reizung seines GcrMsorganes empfunden zu haben; es stieg ihm förmlich berauschend zu Kopf. Denn wenn ihn nicht alles täuschte, wenn alle seine Erfahrung sich nichs als Stückwerk bewähren sollte, so waren das Fische in „Pfeffertimke", die dort brodelten und dufteten — sein Leibgericht! „Wer ist hier?" fragte mit cinemmal eine weibliche Stimme, die einem jungen Mädchen anzugehören schien. „Ich bin's," sagte der junge Rabbiner und trat gebückten Hauptes in die niedere Küchentüre, „und ich bringe eine „Plett" auf den Sabbat." „Jetzt noch?" tönte es zurück, und es klang fast schmerzlich klagend.' Noch später, es mochten seitdem etwa sechzig Jahre vergangen sein, erzählte der Großvater, wenn eine besonders gute Stimmung Wer ihn gekommen Ivar; nichts in der Welt hätte ihn in diesem Augenblicke vermögen können, von der Schwelle jener Türe zu weichen; er hätte nicht das kleinste Mitleid mit der Klage des Mädchens gehabt; denn wiewohl sie ihm ans Herz gegriffen, habe er es doch mit allem Heißhunger, dessen er damals fähig gewesen, empfunden — daß er diese „Fische", die dort in der Pfanne so verführerisch brätelten und zischten, essen müsse, und mochte auch Leser Kollin mit seiner ganzen Familie darob vor Hunger vergehen. „Die ganze Familie?" fragte dann gewöhnlich eine alte Frau »rif einem schalkhaften Lächeln, daß sich leider " nicht lviedergeben läßt . . . . Frankfurter Israelitisches Familienblatt: Also der junge Rabbiner konnte es jenen zwei klagenden Worten deutlich entnehmen, daß er eigentlich nicht imllkommen war. Dennoch trat er näher, und nun standen sie sich gegenüber, ein blühcndschönes, kaum siebzehnjähriges Mädchen und der junge sic uni eine ganze Kopfeshöhc überragende Rabbiner. . . „Wenn ich zu spät gekommen bin," sagte er nach einer Weile, und ich möchte noch jetzt die flüsternd geheimnisvolle Tonart belauschen, in der das Zwiegespräch dieser zwei Menschen damals geführt wurde, „so will ich wieder gehen. Zur Last fallen will ich uiemaudem." „Wer sagt EM) daß Ihr uns zur Last fallen werdet?" rief das Mädchen übereifrig. Dann stockte sic und stammelnd, die' Augen nach der Pfanne halb hingerichtet, in der die Fische brodelten, sagte sic: „Bleibt, bleibt nur, Gast, es wird für uns alle noch etwas übrig bleiben." Sie hatten nun nichts weiteres zu besprechen; nur daS eine ivar dem jungen Rabbiner nicht entgangen, daß, als er dem Mädchen de» geschriebenen Zettel übergab, der die Antveisung auf die Sabbatvcrköstigung bei Leser Kollin enthielt, ihre Hände seltsamerweise zitterten. Darauf empfahl er sich, Seele und Leib wie von Wvhlgerüchcn eingehüllt, und er selbst hätte nicht entscheiden und mit der schärfsten Dialektik seines im Talmudstudium geübten Verstandes beivciscn können, ob diese Düfte, die ihm nachtvallten, mehr aus der Pfanne nur Herde. . . oder aus dem kurzen Gespräche mit dem Töchterchcu Leser Kollins kamen. Mittlerweile war der Nachmittag zu Ende gegangen. Der Sabbat machte seine Nähe überall bemerkbar. Nachdem sich der junge Rabbiner, so viel es sein initgebrachtes Gepäck gestattete, festlich bekleidet, seine schwarzen, wie ein nächligeS Gewölk niederhangendeir Haare geölt (er hielr in diesen Stücken viel auf das, was man äußere „Repräsentation" nennt) und auch sonst von der HcrbergSmuttcr allerlei Aufmerksamkeiten erfahren hatte, begab er sich in die naheliegende Synagoge. Der Abendgottesdienst begann soeben. Und auch jetzt bewährte sich wieder der volle Zauber einer Persönlichkeit, von der Jugendschönheit und Jugcndkraft noch nicht gewichen ist. Er hatte in der sogenannten „Polischen", — Vorhalle des Gotteshauses —, wahrscheinlich so^benamset, weil daselbst die polnischen Bettler zu stehen pflegen, seinen Platz genommen; aber jeder, der an ihm vorüberkam, schenkte dem fremden, schlanken Manne einen Blick der Aufmerksamkeit, begrüßte ihn wärnrer als die anderen „Gäste", ja der Gemeindeverwalter Joel Tagleicht ging so Iveit, daß er ihn aufforderte, drin im Gotteshaus selbst seinen eigenen Betplatz mit ihm zu teilen, Inas ungeheuer viel bedeutete. Aber wie am Nachmittage die Einladung zum Tische, so lehnte der junge Rabbiner auch diese Ehre bescheiden, aber durchaus nicht demütig ab. Die Nacht War herabgesunken; tausend ftinkelnde Sterne standen am Himmel; ein leises Lüftchen -spielte in den Haaren des jungen Rabbiners und fächelte seine heißen Wangen, als er nach beendigtem Gottesdienste durch die „Gasse" schritt, jenem kleinen und versteckten Häuschen entgegen — wo ihn sein .sabbatliches Leibgericht erwartete. Bald hastete er seine Schritte, bald hielt er wieder zögernd inne; einmal deuchte es ihm, als könne er nicht rasch genug zu den Genüssen im Hause . Leser Kollins eilen, dann fand er eine Art Vergnügen daran, sich diesen Genuß so lange als möglich vorznenthalten... So kam es, daß er, als er endlich das HauS erreichte, und in die Stube eintrat, schon die ganze Familie um den Tisch geschart fand, wie sie eben dje althergebrachten Gesänge, die die Ankunft des holden Sabbats feiern, in abwechselnden und doch harmonisch ineinanderklingenden Weisen sangen. Obenan saß Leser Kollin, der arme Mann, der aber in diesem Augenblicke ausfah, als hätte er Königreiche zu verschenken, neben ihm sein Weib in weißer Haube und ihr zur Seite das schöne Mädchen aus der Küche. . . Von da an wogte es wie ein reifes Karnscld von lauter Kindcrköpfen, Mädchen und Knaben, jedes vor ihnen ein ansgeschlagenes Gebetbüchlein vor sich. Der „Gast" war bescheiden an der Türe stehen geblieben. (Fortsetzung folgt.) I« französischer Gefangenschaft.*) Meine Lieben! Ich, will Euch einmal ein kleines Bild über meine Gefangennahme und die ersten Tage nach derselben geben. — Wir hatten einen vorspriugenden Graben besetzt, der stellenweise nur 12—15 Meter von dem feindlichen ent- *) Brief eines langjährigen Freundes unseres Blattes an seine Angehörigen. Er wurde als Krankenträger jetzt endlich aus der französischen Gefangenschaft entlassen. (Die Redakt.) Seite 5. fernt war. Bon den alten Leuten erfuhren wir sofort, daß es eine recht brenzlige Ecke sei, trotzdem gingen die '5 Tage, in denen wir in der vordersten Stellung waren, ohne größeres Artilleriefeuer oder Handgranatentätigkeit vorüber. Die Artillerie hingegen war ständig am Werk, und besonders zu gewissen Zetten des Tages — gewöhnlich um die Mittagszeit, wenn ergen herbeigebracht wurde — steigerte sich das Feuer zu großer Heftigkeit, manchmal mit' dein Erfolg, daß die Leute »nt leeren Kochtöpfen oben ankamcn, indem sie sich eben so schnell in Sicherheit bringen mußten, daß sie nur ans ihr Heil und nicht auf den dampfende» Inhalt der Kochgeschirre Bedacht nahmen. Mit großem Hallo wurden die Leute dann allerdings nicht enipfnngen, und man suchte den knurrenden Magen mit alten Vorräten zu befriedigen: Das Leben war unter diesen Umständen nicht sehr ideal, besonders da auch eine ganz miserable Witterung herrschte: Regen, Schneegestöber, welche aus dem stark «kreidehaltigen Champagncboden eine» breiartigen Schlamm inachte, in dem man bin jedem Schritt bis über die Knöchel versank. , Man verließ seinen Unterstand daher audjt nur in dringenden Fällen, sei es, daß man einen solchen an eigner Person konstatierte, oder daß man dienstlich in Anspruch genommen wurde. Das Strecken und Recken der Glieder tat übrigens recht wohl, da in unserer unterirdischen Behausung zunl Liegen kein Platz war und wir - Tag und Nacht ans der Treppe sitzend verbringen mußten. Groß war daher die Freude, als es hieß, wir sollten abends — es war Freitags — abgelöst werde», für mich um so größer, als ich in der Ruhestellung Eure erste Post erwartete. Aber die Ablösung kam von der anderen Seite. Gegen Mittag setzte wieder das gewohnte Konzert ein, nahm aber diesmal uicfot sein gewohnheitsmäßiges Ende, fonderil wurde imnier stärker und stärker. — Die dicken Brummer ließen sich mit solcher Präzision auf die Deckung unserechZlnterstaiides nieder, daß^ die Wände abbröckelten und einzu stürzen hrohten. Die totimmintg während eines solchen Bombardements ist sehr verschieden; der eine faltet die Hände zum Gebet, der andere hadert wieder mit seinein Gotte, mancher versucht mit einem Witze auf den Lippen ins Jenseits hinüberziigehen, bei wieder einem anderen zeigeil sich' schon Spuren beginnenden Wahnsinnis, er singt und simuliert, kurz es ist ein recht bnntbewegtes -Bild. Ich 'muß sagen, daß ich mich äuch in diesem kritischen Moment nicht aus meiner Ruhe bringe» ließ, ich schrieb noch einen Brief an mein Lieb. — Die Sache wurde aber immer kritischer: über uns ein Sausen und Brausen, unter uns ein Geräusche das Sachftmdige auf Pionierarbeiten des Feindes zurückführtcn, so daß man sich im Stillen die Frage vorlegte: Welches Ende ziehst Du eigentlich vor? — Versuche, den Unterstand zu verlassen, scheiterten, da der Graben tatsächlich mit Sprengstücken besät war, bis sich doch die Notwendigkeit durch ei» plötzliches Einstürzen des Hintersten Teiles des Unterstandes ergab. Ich saß ziemlich oben an der Deffnnng Smb wurde durch die Nachdrängenden förmlich heransgestoßen. Ich suchte mein Heil in einem anderen größeren Unterstände, de» ich buch glücklich erreichte, mit inir noch drei andere von einer Gruppe von zehn Mann. —' Die anderen haben sich wohl anderswohin gerettet, denn ich kehrte nochmal zurück, um Inach etwa Verschütteten zu sehen, aber cs war resultatlos. In dem neuen Unterstand dieselben Szenen! Kriegsrat wird gehalten — unser Höchstkommandiercnder war ein Gefreiter — und beschlossen, bei einer Feuerpause, die gewöhnlich 'dem Jnfanterieangriff vorausgcht, sich durch die Graben zurückzuziehen. da ein organisierter Widerstand mangels geeigneter Führung nicht möglich war. Während unserer Beratschlagungen hörten wir plötzlich französische Laute. Auch Handgranaten, die in unsere Unterstände geworfen wurden, belehrten uns, daß wir nicht mehr Herren des Grabens waren, und nun begann die demüttgende Uebergabe. — Einer nach dem anderen schnallte ab und kroch laus dem Loche heraus) wo er von Franzosen mit vorgehaltenem Revolver in Empfang genommen wurde. Bei mir hatte sich mein Trotzkops wieder aufgesetzt, und ich hätte nicht um alle Welt ein um Gnade winselndes Wort hervorbringen können. — Den Anblick des mich in Empfang nehmenden Franzosen werde ich so leicht nicht vergeyen. — Das Gesicht von Aufregung hoch gerötet, selbst die Todesangst auf den Zügen, umgab ihn doch der Glorienschein des Siegers, und er gestikulierte mit einem ungeheuren Aufwande von Lebendigkeit, um mir den Weg zu Zügen, den ich nun einzuschlagen habe. Ich verwies ihn auf meine Rote-Kreuzbinüe, aber mit einem kräftigen Kolbenschkag auf 'eine sonst für Schläge von der Natur vorgesehene Stelle und dem ebenfalls Lästigen Kommando: „Allez, allez", das wir in Frankreich noch sehr oft zu hören hatten, brach er jede Verhandlung ab. und schien sich um die Genfer Konvention wenig zu kümmern. — Ich mußte also den Leidensweg antreten, durch den jetzt von Franzosen mit drohenden Mienen vollen Graben. Fch 'trug noch meine Gasmaske, die mir sofort abgerissen wurde, ebenso meine Taschenlampe, die vorne an meiner Brust befestigt war. Und nun wurde ich nach dem französischen Gräben dirigiert, mußte zu diesem Zweck über Deckung steigen. Der Weg war ttirz. vielleicht 30 Meter, aber ein kleines Vorbild der Hölle habe ich doch gesehen. — Unsere eigene Artillerie bestrich nun dieses Stück, um weiteren Zuzug der Franzosen zu verhindern, unsere Maschinengewehre knatterten, und die Franzosen waren mich nicht müsig und antworteten kräftig. — Man stolperte, blieb in abgerissenen Teilen der Drahtverhaue hängen, kurz, ich weiß selbst nicht, wie ich heil in dem französischen Graben ankani. — Jede Gefahr war aber auch jetzt noch nicht beseitigt, denn unsere Granaten schlugen jetzt in den französischen Gräben ein, und ich mußte manchmal volle Deckung nehmen, um den Spritzern, wie man die Sprengstücke nennt, zu entgehen. Meinem Begleiter war die Sache auch nicht recht geheuer, und er 'Wrte mW in eine von der Rütttr aus ge-

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