Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 32 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. 32 der und 'vor üllem als jüdischer Schtadlon von der zaristischen Soldateska zu erwartcu Habe und zog es daher vor, Haus und Hof, Vermögen und Besitzstand im' Stiche SU lassen und ins freiwillige Exil xu gehen. Er hofftehier in Frankfurt im Kreise seiner Verwandten, die, wie man. damals glaubte, „kurze Kricgszeit" durchhalten zu können. Der ML Mach immer mehr in die Länge ziehende Krieg mit allen seinen Schmerzen und Leiden, unter denen besonders galizischc Flüchtlinge, die bessere Tage gesehen und ürntt zu einem elenden Dasein in einem fremde» Milien verurteilt sind, zu seufzen haben, rieben seine Gesundheit allmählich auf. Bon dem einst großen nnd'starken Mann von imponierender Erscheinung und klugein Verstände blieb zuletzt kaum ein Schütten nur übrig, so das; für den Erlöser Tod leine große Arbeit mehr zurückblicb. Mt Herrn Moritz Kurz verliert seine Heimatstadt einen Mann von seltener Hcrzcnsgütc uiü» Opfcrwilligkcit, von idealenr Sinn und vornehmem Geiste. Trotzdem seine großen geschäftlichen Unternehmungen ihn viel in Anspruch nahmen, scheute er weder Mühe noch Zeit und Geld, wenn cs galt, 9ä>t nnd Elend zu lindern, den Annen seiner Geincinde mit Rat pnd Tat Lcizuspnngcn, geborstene Existenzen wieder aufznrichtcn oder seine Mit- Lrüder gegen Unrecht und Uebergrifjr zu verteidigen. Dabei tat er immer alles 'mit jener Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit,' die eben der Ausfluß des' inneren Herzens-' bedürMsses zum Wohltnn sind und den Hilfesuchenden gleichsam jeder Dankesschuld zu entheben streben. Er gab gerne, freudig und viel, übte Wohltätigkeit im vollste,! Sinne des Wortes, aber nicht nach, dem System der Schnorrerzüchterei, wie cs leider in so manchen Ländern der Organisierten Unterstützung" so oft der Fall ist, sondern im höheren sozialen Sinne der wirtschaftlichen Wiederaufiichtnng und «des Unter-die-Arme-greifens. Er war überhaupt durchdrungen von sozialem Gefühle .und Geiste. Zn seinem ausgedehnten industriellen Mühlenbetricbe, dem er dank seiner großen Umsichit und geschäftlichen Tüchtigkeit zu einein der angesehensten in der dortigen Gegend' entwickelte,. herrschten musterhafte soziale und hygienische Verhältnisse/ die selbst im zivilisierten Westen als Musterbeispiel dienen könnten. Sein zieinlich großes Arbeiter- und Angestelltenpersonal galt zu dem bestbezlchltrn und gutversorgtesten. Viele haben es auch! in seinem Betriebe in verhältnismäßig kurzer Zeit zur Wohlhabenheit gebracht. Fast väterliche Liebe und Anhänglichkeit wurde ihm daher auch vonseinem Personal entgegengebracht, wie er überhaupt von allen seinen Mitbürgern, Juden und Älichtsuden, verehrt und hochgeschätzt wurde. Er war ein guter Jude im vollsten und o stj üd i scheu Sinne des Wortes uiü» hatte ein Herz für alle jüdischen Ideale und Bestrebungen. 'Sein Haus war im traditionellen Sinne geleitet. Besonders großes Interesse brachite er dem Zionismus, bzw. dem Jisthub Ercz-Jisrvel entgegen, ohne eigentlick) ein ausgesprochener Parteigänger zu lein. Er ließ es sich' auch nicht nehmen, eine längere Reise nach' Palästina/ den, Lande der jüdischen Zukunft, zu unternehmen,' von der er ganz begeistert znrückkehrtc. Mit säst Rndlicher Rührung pflegte er von Lern dort neuerwachten jüdischen Leben und den dort wahrgenommcncn jüdischen Bildern zu erzählen. Es war nach seiner Erzählung der größte Moment seines Lebens, als er jüdische Ackerbauer am Pfluge sah und die hebräischen Laute als lebende Umgängssprache klingen hörte. Seine Kinder hat er im. selben jüdischen Geiste' erzogen. Ws im Jahre 1303 die Stadt Mkulince, bzw'. vier Fünftel l»er jüdischen Häuser infolge einer Brandkatastrophe fast völlig eingeäschert wurden, war er es hauptsächlich, der durch den Bau.von Baracken für die provisorische Unterkunft der Brandopfer sorgte, durch Einrichtung 'von Speiseküchssn dem' Ausbruch von Krankheiten twiBeugte und dann durchs eine großzügig organisierte weitumsassende Unterstützniigs- und Darlehens-Aktion den planmäßigen und systematischen Wiederaustban der Stadt ermöglichte. Auch die altehrwürdige große Synagoge, die ebenfalls ein Opfer der Flammen geworden war, hat ihre Wiederherstellung zum größten Teile seiner Tatkraft und Opferwilligstil zu verdanken. Er hat sich ferner auch svifft um die Förderung der finanziellen und hygienischen Verhältnisse der Stadt viele .Verdienste erworben. ■ Ws Präsident der jüdischen KnltnZgemeinde hat er /ebenfalls eine vollständige Reorganisierung der Verwaltung und Sanierung der Finanzen,. die sich: sehr im Argen befunden hätten, durch eine gerechte ans Arm wird Reich richtig verteilte Steuerskala durchgesuhrt. Er hat die jüdische Gemeinde in Mkulince sozusagen von dem Tiefstände einer veralteten Kähal-Wirtsch'aft zu einer wohborganisierten, müsterhaft funktionierenden angesehenen jüdischautonomen Behörde erhoben. Dasselbe kann mich in bezug ans die Chewra Kadischja, deren Obmann er mar, gesagt werden. ■ ' _ Er war auch zugleich Vorsitzender vieler Wohltätigkeitsinstitutionen sowie Korrespondeilt der Bäron HirschStiftnng. Die Stadt Miknlincc und besonders die jüdische Geincinde wird diesein ihrem Bürgermeister und Kultus- Präsidenten, der ein wirklicher „Ansek bezorchch Zibur behcmunah" ivar, stets ein ehrendes Angedenken bewahren. An der Beerdigung, die am Freitag swüfand, war das Komitee der hier ailsässigen galizischen Juden durch mehrere Mitglieder vertreten. Rabbiner Dr. Nobel hielt einen warnienlpfundenen Nachxuf. Berlin. Zn der diesigen jüdischen Gemeinde/; betrug die Zahl der Steuerzahler 1312/13 42,096- ' und 191Ü/16 44,878. , / Diese anßcrordenllich große Zunahme ist durch Mn . Zuzug ans den Ostprovinzc» im ersten Kricgsjahre entstanden. WelSkirche» Sei Offenbach. Mt Frau Bettchen Schönberg Wwe. ist eine echte Esches Chajil dahingegangcn. Ihre stete Hllssbcrcitschaft und Wohltätigkeit sichern ihr iy weiteren jkreiscn oiir gesegnetes Andenstn. . Würzburg. F. H.e ff und HermannRos e« t h a l, letzterer ein Bruder des Kölner Rabbiners — wurden mit; dem Ludwigs kreuz ausgezeichnet. ' Königsberg. Rabbiner Dr. Vogel st ein wird dem an ihn ergangenen Rufe als besoldeter Vorsteher der Berliner jüdischen Gemeinde nicht Folge leisten. Me«. Der prächtige Leopoldstädter Tempel ist ein Opfer der Flammen geworden. Die anstoßend untergebrachte wertvolle Gemcindebiblio-. thek konnte.gerettet werden. Eger .Böhmen). Hier verschied Frau Betti Sachs, Mutter der Herren Bcrgdircktor Richard Sachs in Wien, Konsul Hugo Sachs in München und kais. Rat Leopold Sachs in Prag, im Alter von 30. Jahren. Warschau. Am 15. August 'erschien die gesamte jüdische Tagesprcssc Warschaus nicht. Wie der „Moment" mittrilt, war der Grund, daß die Mitarbeiter aller jüdischen Redaktionen Forderungen nach einer Honorarerhöhung wegen der Teuerung stellten. Da einzelne Zeitungen diesem Verlangen nicht entsprachen, traten die Mitarbeiter in den Streik. ' Amsterdam. Nach der Gründung des jüdischen Pfadfinderbnndes „Haschamrim" (Leitung: Fredy Finkelstei n) in S che v e n i n g c-n, der sich sehr günstig entwickelt hat, hat sich jetzt auch hier ein gleicher Verein gegründet. Kopenhagen. Nach „Jewr. Njedelja" befinden sich in dcni russischen Franenbataillon auch viele Jüdinnen, großenteils Töchter angesehener jüdischer Hamilien aus Petersburg, Moskau und anderen Städten. 'Die Zahl der jüdischen Kämpferinnen betrug anfangs SO, dürste sich inzwischen aher erhöht haben: Frankfurter Berichte. Personalien. Frau Schloß Wwe., Günthersbnrgallce 30 wohnhaft, feierte am,21. August in körperlicher und geistiger Gesundheit den 30. Geburtstag. Von meinem Großvater. Von Leopold Kompert. I. Wie man heiratete. Eigentlich sollte der Titel dieser kleinen, aber wahrhaften Geschichte ganz anders lauten; denn indeni ich ihn nicderschreibe, fühle ich mich in nieinenl Äetvjssen so ziemlich beunruhigt. Besser wäre es gewesen, wenn ich dafür gesetzt hätte: „Die Heirat um das Kopfstück eines Fisches", denn das hätte dem freundlichen Leser, lvie cs jeder rechtschaffene Titel soll, sogleich die Aussicht eröffnet, was seiner am Ende wartet. Aber ich lasse, einer Empfindung folgend, die in diesem Augenblicke außer mir schwerlich wohl einer begreifen wird, den obigen Titel stehen; -ja er muß stehen bleiben, ich beharre mit Hartnäckigkeit darauf. Könnte' Äh doch selbst oiese kleine, "aber wahrhafte - Geschichte nicht erzählen, wenn ich nicht zu berichten wüßte, wie mein Großvater einst geheiratet hat! ' Nein! nein? werdet nicht feucht, ihr Augen, und du, Hand, zittere nicht, indem ihr euch bemüht, die freundliche Lichtgestalt aus meinen Kindertagen, die Züge des Vaters, meiner Mutter aus einem seit dreißig Jahren geschlossenen Grabe wieder heransznbeschwören. .Wie Sonncnlichr spielt cs um mich; dazwischen gemahnt cs mich, als ginge. ich mitten im Schreiben wie im Frühlinge durch eine blühende Kirschbauinallec; ein leises Lüftchen erhob sich, und nun tanzen und wehen die weißrotcn Blüten vor mir her, daß ich schier .glaube, es gebe in der Welt nichts Schöneres, und aller Gram und alle Erinnerungen seien damit, um sich ja nicht kenntlich zu machen, überschnell.. Dabei bleibfs auch. Recht lustig, wie dieses GeschÄhtchen selbst, soll - die Stimmung fein, die mich im Weitererzählen begleite, und wcim dann schließlich dem Leser selbst — eine jener kleinen Kirschbaumblütcn ins Gemüt fällt und daselbst für einige Zeit hasten bleibt, so betrachte ich das als den schönsten Dank, den ich ernten kann. Einen andern begehre ich. nicht. Wie man heiratete! Der freundliche Leser ersieht schon, daß hier von einer vergangenen, ja von einer längst vergangenen Zeit die Rede ist. Denn als mein Großvater seine Augen' zum ewigen Schlafe schloß, /zählte er nicht weniger als achtundachtzig Lebensjahre; seit er draußen auf dem;,guten Orte" ruht, sind dreißig Jahre vergangen. Zählt man diese Zeiten zusammen, so geht inan jgar picht, irre, wenn man ja» die Regierungs- Periode der große» Kaiserin Maria Theresia, so etwa einige Jahre ,mch"dem Hubcrtusburger Frieden denkt, als cs meinem Großvater in einer Freitagsnacht beikam, aus seinem ledigen Stande herauszutreten, sich ein Weib "zu nehmen und eine Familie zu gründen. Wie cs dabei zuging, will ich eben erzählen. In einer lleinen Gemeinde des. nördlichen Böhmens herrschte seit einigen Tagen keine geringe Aufregung. Man crlvartete den jungen Rabbiner, und au einem bestimmten Tage war der Gemeindevorsteher mit einigen der vornehmsten und ältesten Männer fünf Meilen weit nach einer Stadt gefahren, »in dort den Ähnlichst Erivarteten feierlichst einzuholeu und nach der -neue« Stätte seines Wirkens zu begleiten. Daselbst ange- ' komme», fand sich jedoch keine Spur von dem jungen Rabbiner vor; alles Fragen und Umhersuchcit erwies sich als fruchtlos. Sie kehrten nun etwas mißmutig Mieder zurück, es war an eütent Freitag Nachmittage, als die ehrwürdigen Häupter der Gemeinde wieder in das Weichbild ihrer Heimat und Familien entfuhren. . Kopfschüttelnd hörte man die Kunde von dem nicht ^Gefundenen an, und tröstete sich schließlich damit, daß man ihn sicher gcfintbtyt hätte, wenn der Brief, den man ihm geschrieben, angekommen wäre. Denn darüber hatte man keine Bestätigung. Mittlerweile war der junge Rabbiner dennoch angckominen, wenn auch in einer andern Gestalt und mit eincin andern Charakter bekleidet, als man vorauszusetzen berechtigt war. Beinahe gleichzeitig mit den in“ drei schönen Kutschen cinherfahrenden Geineiildcältesten nebst dem Vorsteher, war ein hvchgcivachsencr junger Akann in bestaubter Kleidung, einen riesigen Stock in der einen, ein kleines Bündclchcn in der anderen Hand halteird, in die „Gasse" eingekehrt und hatte sich bei dem ersten Knaben, den er traf, nach der Gemeindcherberge, nach dem „Heldisch" erkundigt, woselbst er eins nicht unbeträchtliche Zahl schon früher angckömmener Gäste bereits traf, die alle für den morgigen Sabbat die Gastfreundlichkeit der Gemeinde genießen »sollten. Man hieß den neuen „Gast" willkommen und bedeutete ihm sogleich, an wen er sich zu wenden habe, um die übliche Ainveisung au£ Verköstigung für heute abend und den morgigen Tag zu erhalten. In dein jungen Rabbiner, wie man bald noch deutlicher gewahren wird, lebte Pich Ivcble ein Etwas, dein pur Späteren, freilich nach einer anderen Richtung hin, ^ben Namen eines „romantischen Tiks" gegeben haben. Ihm. genügte die Welt der gemeinen Einrichtungen nicht; >oas anderen höchst begehrenswert vorkam, verschmähte er,» wen» es ihm gleichsam in grober Natürlichkeit cntgegcntrat. Das Spiel seiner immer regen Einbildungskraft mußte in Bewegung geraten, wenn er Behagen und Lust ail der Erringung ciilcs gewissen Zieles finden sollte; dem Flächen und Alltäglichen, mochte cs mit noch so viel Reiz und Gewinn ausgestattet sein, ging er aus dcni Wege. Er, der initten unter Büchern ans einem Kinde ein starker Jüngling geworden war, der seit seinem siebenten Lebensjahre an jenem Strome .gesessen, der Tälmud heißt, hatte in seinem Innern jmc Frische Phantastischen Sichsclbstbestiulinens zu ivahren gewußt, ohne die ihm das Leben schal und „abgestanden" erschien. Auch in diesem Falle ivär er sich treu geblieben. ohr vor Es die sro jcn mu Ga da! rcn ctn Jh da ein »Ä liel das lln Ti, Ab ma jen zu, dai bi» ve> voi he> hi» jetz die die ha un die vci na Ml pcg-i Kc ge! bei Hc fü' Er konnte feierlich eingeholt und nnt Gepränge in die Gemeinde cingeführt werden, die in ihn» den künftigen Lehrer und Gottesgelehrtcn verehrte. Dies hätte den Ehrgeiz eines jeden andern befriedigt; ihm gmügtc das nicht. Was. sollte ihm Ehre und Prunk, wenn sein Genuit, oder sagen wir vielmehr seine Einbildungskraft keine Nahrung erhalten hatte? Was nützte ihm Fcicrlichkett nind Gepränge, die ihm so vorbereitet entgegen kamen, ^venn er die Gemeinde und die Gemeinde ihn noch nicht kannte? Jener „ronrantische Tik" flüsterte ihm also einen Entschluß zu, den er alsbald ins Werk setzte. Er ließ den Gemeindevorsteher und /die Aeltesten feierlich ausziehen und'seiner harren, und -zog indessen, einen Stock in der Hand, wie einer jener fahrenden „Gäste" die staubige Heerstraße. Er wollte seine Gemeinde „inkogmto" kennen und beurteilen lernen. Als er so aus der Herberge herausttat und durch die Gasse einherschritt, spielte ein feines, jinnendes Lächeln um seine Lippen. Er sah wohl, lvie ihm, -der hochgcwachscnen jungen Gestalt, so manches verivündcrte Auge nachblickte, das den Begriff eines , hungrigen „Schnorrers" mit seinen ‘ Zügen und seinem ganzen Wesen in keine rechte Verbindung bringen konnte.' Das aber ivar cs ja, >vas er suchte und worauf sein Sinii stand. Der - Gcmcindeverwalter, dessen Haus er alsbald "gefunden hatte, empfing ihn mit mürrischenl Gruße. Es war ein gewalttg beleibter Mann, dieser'Joel Tag- 'lcicht, dem in der Hitze des Tages die Last seines Körpers doppelt schtver fiel, weil er zugleich ein Amt fausznuben hatte. 1 in lÄ N- .zu sti ih> nii in sei Si gc bisck vc so in to hä chi ha n» di zis sei al ui