Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 30 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30. inkte folg« ich ihm aber nicht, und seh' erst jetzt i, wie gut das war, daß Ihr nrich schreiben, lesen D rechnen habt lernen lassen. Mein Kamerad Mario Jaresch, der möchte auch gerne an seine Mutter, | alte Barutschka, tvas bei uns SabbatchrifllN gctvescn l schreiben, aber er kaun's nicht, weil cr's nicht gclut hat. Er tut aber, als ob er eine Schrift hätte le Feiwel Buchhalter, und doch seh ich'S ihm an, er lichte seiner Mutter gerne etwas sagen lassen. Weil I sich aber so 'gegen nrich aufführt, nicht toie ein Lands- Luit, so tu' ich ihm gcvad den Gefallen nicht uild tg' ihn nicht. Die Muttterleben bis zu hundert Jahren mute ab'cr das kleine Anschele zu der alten Baruschka lickcn und ihr sag'en lassen, daß ihr Sohn Waclaio Iresch, was mit mir in einer Kompagnie beisammen I sich gesund und wohlauf befindet. I Jetzt, herzliebste Eltern und Geschwister, komme I dazn, Euch zu erzählen, wie es mir weiter ergangen I Die Mutter muß sich aber stark zusammennehmcn R darf sich kein beschwert Herz machen, denn es »mir doch nichts geschehen, und bis dato bin ich noch Iicr gesund wie ein Fisch im Wasser. Bon Triest »cn wir in größter Eile fort müssen, das nennt Ii Marschordre, und jst der Befehl gekommen, am I April nüissen wir in Brxschia sein. » Ich möcht' Erich nun gerne verschweigen, was wir » dem Marsche vor großer Hitze und Ermattung «iistehen hatten, rveil in dem Jtalium schon jetzt I solche Hitze ist, wie in Böhmen bei uns nur im Inst. Und dann möchtet Ihr mich vielleicht als »i Lügner ansehech; denn wenn man so gewohnt ist, »wie Ihr, am Sabbatnachmitiage bcieiander zu sitzen, I Fciloel Buchhalter in seinenr Lehnstuhle fängt an Irzählen von seinem Napoleon, und Gerson Stäng- »imd Josua Goldarbeiter und der Vater hören ihm Imd Ivissen oft nicht, daß der Schamcß (Gemeinde- »dediener) schon „in Schul" gerufen hat, da glaubt I nur schwer einem Menschen, was er ausgestanden I Aber dafür bin ich jetzt kaiserlicher Soldat von »Armee! fearimt will ich Euch nicht länger aufhalben und »nur erzähljen, wie wir in einem großen Damps- I sind Übers Mjeer gefahren, und ist mir dabei so »geworden, daß ich geglaubt habe, cs wäre schon »r Zeit, um die „frommen Leute" zu schicken. Wie »aber na'ch Venedig gekommen sind, war wieder »gut, nur habe ich einen großen Hunger gehabt. HBenxdig selbst, was Ihr Euch so vorstellen müßt, >I> eine Stadt so gebaut wäre, daß mitten durch Ktraßjen die Jser fließt, haben wir leider nicht mehen, weil ^chon Nacht war. Gleich am andern hat uns die Eisenbahn wieder loeiter geführt, aber bald darauf hahcn wir wieder zu Fuß marschieren n. Da habe ich ausgestanden, herzliebste Eltern Mschivister bis zu hundert Jahren, daß ich mich rlbst fragte: Markus Spitz, wie kannst du das Ertragen? Aber ich will davon schweigen, weil »eschwxrt Herz genug habt, vie tvir nach fünf Tagen in Brcschia angekommen »wir es wjeder Nacht, und wc'il schon so viele «eu daselbst waren, daß man in keine Kaserne mehr I Apfel hätte werfen können, so hat nian zwei Rgnien von unserenr Bataillon in eine alte große I gewiesen, wo man auf dem Fußboden 'Stroh Lrcitet hat, daß wir darauf liegen können. Herz- »Eltern und Geschwister, wie mir da zumute ge- I das kann ich Euch gar nicht beschreiben. Wir I mehr als fünfhundert Mann beisammen, und »beu alle durcheinander geschrien und gelärmt; »cn haben geflucht, die andern gar gelacht, was » diesem Orte besoirders nicht schön vorgekommen Wenn es jetzt auch keine Kirche mehr ist, habe » gedacht, so ist doch einmal etwas Heiliges darin Rügen, und da soll man nicht lachen, sonder» » davor haben. Ich habe mir einen Winkel in »che ausgesucht und habe mir daselbst auf dein »in Nachtlager gemacht; über mir war ein Heiliger »ein, der hat wirkliche Kleider angehabt, und »ne Laterne mit ihren: Lichte auf sein Gesicht I ist, so kam bs mir in einem fort vor, als Ir noch lebt, und mir ist dabei gar nicht gut Mcwesen. Da habe ich zuweilen an unfern Altlakob in der Bibel denken müssen, daß er ge- »: „Wie furchtbar ist doch dieser Ort!" Milder Nacht jaber sind viele von den Soldaten Widen, und einer hat es dem andern geklagt, > vor Hitze und Durst nicht schlafen kann, ja Mbe ich sogar sagen gehört, er käme sich vor I dem Kirchhof, das will sagen, ivie auf unserm Mrt". „Narr," meinte der Feldwebel, der auch Frankfurter Israelitisches Familienblatt. nicht schlafen konnte und aufgestandcn war, „du bist doch auf dein Kirchhof, denn da unter dem Fußboden, worauf wir jetzt liegen, da sind.viele Hunderte von Italienern begraben, und die rühren sich jetzt und geben sich uns zu erkennen." Herzlichste Eltern und Geschwister bis zu hundert Jahren! Da habe ich mich erinnert, daß ich während der ganzen Zeit, wo ich von Euch fort bin, eigentlich nicht an Gott gedacht habe; denn iu der Kaserne und auf dem Marsche habe ich Leine Tcfillin (Gebetriemen) anziehen können. Weil nun die Furcht vor den toten Italienern gar nicht abgenomimcii hat, da habe ich den Tornister aufgeinacht und die „Tefillin" und das kleine Gebetbuch herausgenonunen. Drauf habe ich „geort", ganz still und leise vor mich hin, daß mich niemand gehört hat. . . Hinterdrein ist inir aber eingefallen, ob es auch recht war, und ob es den Heiligen über mich nicht beleidigt hat, daß ich mein Gebet vor ihm verrichtet habe. Was nrich betrifft, so glaube ich das nicht, aber tut Ihr mir den Gefallen und fragt einmal Herrn Feiwel Buchhalter oder gar den Rabbiner selbst, die verstehen so etwas besser als ein ehemaliger Kürschncrgefellc. Ich möchte das gar zu .gerne wissen. Wir haben nur in der einen Nacht so ein Quartier gehabt, anr andern Tage sind wir doch in eine Kaserne verlegt worden. * An Waclaw Jaresch erleb' ich jetzt meine große Freud', er nurß nämlich nrit mir ausgehen. Denn weil die Breschiancr gerne uns Oestcrreicher in einem Löffel Wasser vergiften möchten, ist der Befehl ergangen, daß sich kein Soldat allein soll auf der Straße blicken lassen, sondern es müssen immer einige Zusammengehen, damit sie sich gleich wehren können. Ich sehe es aber dem Waclaw Jaresch an, es ist ihm nicht recht. Seit Triest hat er noch kein Wort mit mir gesprochen. Noch muß ich Euch, herzliebste Eltern und Geschimster bis zu hundert Jahren, vermelden, daß wir in unserer Kompagnie einen Leutnant haben, über den ich nieine besonderen Gedanken habe. Er heißt Moritz Zion. Merkt Ihr schon was? Er hat auch ftr seinem Gesichte etwas bekanntes, und wenn ich manchmal mit ihnr zu reden habe, kommt mir ettvas auf die Zunge, als tvenn ich noch bei Euch zu. Hause in der Gasse wäre. Bis dato habe ich mich aber nicht getrairt danach zu fragen, weil cs sich nicht schickt; ich werde es aber schon beizeiten erfahren. Jetzt lebt wohl und gesund und grüßt mir wieder die ganze Konlpagnie, die am Sabbatnachmittag in unserer großen Stube zusammenkommt, als: Herrn Feiwel Buchhalter und Gerson, den Eisentrödler und Josua Goldarbciter, und die Mutter bis zu hundert Jahren, soll nicht vergessen, das kleine Anschcle zu der alten Baruschka zu schicken, Inas einmal bei uns die Lichter geputzt und cingeyeizt hat, und ihr das Obige auszurichten. Euer geliebter und treuer Sohn Markus Spitz. Nachschrift. Ich muß Euch noch sagen, daß wir seit einigen Tagen doppelte Löhnung bekommen, und der Vater kann sich berechnen, wieviel das unserem Kaiser jetzt mehr kosten muß. Aber nur sind auf dem Kriegsfuß. — -Obiger Markus Spitz." (Fortsetzung folgt.) Die goldene« Pantöffelchen *) Bon I. L. Perez. Nun will ich euch eine Geschichte erzählen, die ganz wunderlich merkwürdig und obendrein die reinste Wahrheit ist. Ihr .findet sie in keinem Buche, in keiner Gemeindechronik. Ich habe sie mit eigenm -Ohren gehört ... llird in alten Zeiten hat sie -sich ereignet, in der Welt des „Waldein" und „Waldaus", da es noch nicht soviel Städte und Dörfer gab. Und in Mähren. Die jüdischen Gemeinden waren noch dünn gesät. Die jüdischen Familien lebten über das Land zerstreut in Dörfern, in Wäldern, ohne Lehre, ohne Gotteshaus, und nur an den hohen Festen zogen sie in die entfernten Städte. Also damals!var cs, daß ein Jude als Wirtschafter eines Grafen in einem Dorfe lebte. Es ging ihm sehr gut. Er hatte fünfhundert Kühe zu melken, auch eigene ein paar, darnnr den Keller voll Butter und Käse, auf denl Boden Getreide, Flachs und Felle. Sein Geld- *) Aus „Dreib Ulch," 2. Auflage der Bücher: Gorelik „Die liebe Provinz", Perez „Volkstümliche Geschichten". Schalem Alejchem „Die verlorene Schlacht." Aus dem Jüdischen übertragen von Mathias Acher. Vorbemerkung von Max Brod. 420 Seiten in Geschvnkeinband. Berlin, Jüdischer Verlag. L Seite 5. Beutet wurde immer dicker, der geheime seiner Frau nicht minder. Und ein gesunder, prächtiger Sohn wuchs ihrren heran, wie ein junger Bauur im Walde. Trotzdem sah der Wirtschafter gar nicht glücklich aus, als er eines Winterabends beim Scheine eines Wachslichtes am Tische saß. Er hatte Rechnungen vor sich liegen, starrte aber mit trüben Blicken nach dem Fenster hin. Die Spitze des grauen Bartes hielt er zwischen den Zähnen, und seine Stirn war wie von schweren Sorgen gefurcht... „Sündige nicht, Mann!" weckt ihn die Stimme der Frau aus seinen Gedanken. Sie kommt eben aus dem anderen Zimmer, wo sie nach dem schlafenden Sohn gesehen hat. Ihr Gesicht strahlt. „Ich Hab' mich über ihn gebeugt," sagt sie. „Die Wangen sind rosig, wie ein frischer Morgen, und der Atem geht ruhig und gleichmäßig und riecht wie frische Aepfel..." „Ta sind wir ja dabei," antwortet er, „wir wohnen im Dorfe weit weg von jeder jüdischen Gemeinde, und die Jahre ziehen dahin, fliegen . . . Wo nehmen wir ein Weib für ihn?" „Der liebe Gott wird uns helfen," tröstet die Frau, „er hat uns ja bisher auch nicht verlassen . . ." „Ja, Gottes Hilfe brauchen wir," sagt der Mann. „Wer womit sie nur verdienen? In den heiligen Büchern kenn' ich mich nicht aus, unter Juden wohnen wir nicht. So bleibt uns nur ein frommes Werk zu üben: daß wir -Wandernde gastlich aufnehmen. Und da sieh," — er zeigt mit einem Blicke nach dem Fenster — „wieviel Schnee uns der Himmel heruntergeschüttclt hat. Alle Wege bedeckt, alle Stege verweht. Es mag Tage, vielleicht Wochen dauern, bis uns wieder ein Wanderer über die Schwelle kommt . . ." Mit diesen Worten steht er auf und geht hinaris um irach dem Wetter zu sehen. Die Frau beginnt die Betten für die Nacht zu richten, unterbricht 'sich aber bald. Denn es kommt ihr vor, daß er zu lange draußen bleibt. Es ist ihr etwas unheimlich zumute geworden. Sie geht ans Fenster und klopft mit den dicken Fingern an die Scheibe, zum Mann hinaus. Die Scheibe ist vereist, gibt keinen Hellen Klang. Da nimmt sie einen Schal um und geht vor die Tür ihren Mann hereinzuholen. Doch der hört ihre Schritte gar nicht, wendet sich nicht um, steht da und starrt den Weg hin, der aus dem Walde herausführt. Sie folgt verwundert seinen Blicken. Und nun sehen sic beide, wie eine weibliche Gestalt den Waldweg daherkommt, mit hoher Haube und in türkischem Schal. Sie trägt wohl den Schal bloß der Schönheit wegen, denn sie hat ihn nur leicht um die Achsel gelegt, wie in linder Sommernacht, Frei flattern seine Enden nach rechts und links; es sieht so aus, als wären es Flügel. Und sie geht ja gar nicht über den Schnee, sondern schwebt. Es bleibt keine Spur ihrer Tritte . . . Noch gaffen sie beide erstaunt, als die Gestalt schon bei ihnen ist und fragt, ob sie nicht eine Stunde bei ihnen ausruhen könne. Da kamen endlich die beiden Leute zu sich. Sie Ivechseln einen Blick l— .ji> hat Gott ihr Gebet doch erhört — und führen den seltsamen Gast voll Freude ins Haus. Sie wollen den Knecht wecken, ein heißes Getränk bereiten lassen. Die Hausfrau eilt zum Schrank, öffnet ihn weit und will vom Schönsten und Besten hcrausnehmen. Natürlich auch Eingemachtes und ei» lvenig süßen Branntlvein. Doch der seltsame Gast will nichts essen und trinken. Sie habe nichts nötig als sich ein wenig auszuruhen. Ihre Sendung sei zu eilig . . . Der Frau bleibt nichts übrig als sich zu fügen. Sie zündet ein zweites Wachslicht an und führt den Gast in ein besonderes Zimmer, zeigt auf die große Bettstelle mit dem schneeweißen Bettzeug, den Daunenkissen, her leichten, warmen Decke . . . „Wenn ihr schon nicht essen und trinken wollt bei uns, so schlaft euch wenigstens gut aus!" Allein die Unbekannte denkt auch nicht daran hier zu schlafen. Sie wolle nur ein lvenig ruhen, da sie noch weit zu gehen habe um ihre Sendimg auszurichten. Und als die Hausfrau das Zimmer zu verlassen sich anschickt, hält sie sie zurück und fragt, wieviel sie zu zahlen habe. Sie werde nämlich ganz still fortgehen und wolle niemandeil wecken. Tie Frau ist tief gekränkt. Sie nehme kein Geld, auf keinen Fall ... Es sei doch das Einzige, was sie an frommen Werken in dem Dorfe da tim könnte». Darum helfe ihnen ja Gott, und werde ihnen, fügt sie vertrauensvoll hinzu, weiter helfen. Die Unbekannte lächelt und fragt: „Fehlt euch denn etwas? Habt ihr noch eine Bitte an Gott?"