Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 30 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 30. straße 42 — den 80. Geburtstag und Alfred Holzbvck, der angesehene Redakteur am „Berliner Lokalanzeiger", den 60. Geburtstag. Berlin. Der Reichskanzler hat dm Vorsitzenden des Vereins Ostdeutscher Holzhandler nnd Holzindustrieller Martin Michalski in Berlin und den Direktor des Vereins junger Kauftmte von Berlin .Paul Eis ne r in den Beirat des Reichjskommissars für UebergangswirtsHaft berufen. Dem bulgarischen Ehrenkonsul Kommerzienrat Mandelbaunr wurde bei seinem Besuch! in Sofia von einer Deputation des Sofioter Gemcindcratcs der künstlerisch ausgcstattete Ehrenbürgerbrics überreicht. BreSla«. Geh. Sanitätsrat D r. E r n st Sandberg, Oberarzt am israelit. Krankenhause, Nepräscntauten-Stellvertrcter der israelit. Gemeinde, ein hervorragender Arzt und edler Mensch; verschied im Alter von 68 Jahren. Wie«. Die Schriftstellerin I d a B a r b er stierte den 75. Geburtstag. — Regine Nlniann erhielt anläßlich! ihres 50jährigen Dircktiousjübiläunls der Gewerbeschulen des jüdischen Mädchen - Üuterstützungsvcrcins das goldene Berdienstkreuz mit der Krone. Budapest. In M o o r verschied, 76 Jahre alt. Rabbiner Piuchas Büchler, ein Schüler des Rabbi Jehuda Asod und des Kesaw sSofer und selber ein hervorragender Gelehrter. Wilna. Das jüdische Zentralkomitee gibt nach mcherthalbjährigem Bestehen den ersten Tätigkeits- Berichjt heraus, der die Zeit vom 5. Februar bis Kopenhagen. In der Begründung des rnsstschm Senats zur Kassierung des Disziplinarurteils gegen den jüdischen Rechtsanwalt Mirrgolin wird hervorgehoben, daß die gegen Liesen erhobmen Beschuldigungen, er habe in dem Prozeß Tschebcrjak zur Uebcrnahmc der Schuld zu beeinflussen gesucht, unwahr seien. Margolin habe in durchjaus einwandfreier Weise und aus dem Motive sein Volk vor dem Schandfleck zu beivahren, mit Vera Tschjeberjak Verhandlungen geführt. Haag. Wie das jüd. Korresvondmzbureau mitteilt, hat die sremden-feindliche Stimmung, die in Frankreich und England vor allem gegen die Juden herrscht, die Komitees zum Schutze des..Asylrechtes jn London und Paris zur Entsendung einer speziellen Deputation au die russische Regierung üeranlaßt, um ihre Intervention bei den Verbündeten zu emixfen. London. Vor einigen Monaten wurden der Universität Cambridge 1000 Pfund znm Zwecke der Gründung eines Stipendiums für das Studium des Arabischen vernmcht, wobei Juden vom Genüsse des Stipendiums ausgeschlossen bleiben sollten. Der Senat der Universität verweigert die Annahme des Vermächtnisses. Durch eine Privatsammlung des Londoner „Jewijh Chronicle" wurde dann die Summe von 1000 Pfund aufgebracht, um der Universität den Schäden zu vergüten, der infolge der Ablehnung des Vermächtnisses entstand. Die Kollektantcn gaben ihrer Ueberzeugung Ansdruck, daß sich die Erblasserin nicht von einem Vorurteil gegen die Juden habe leiten lassen, sondern einzig unter dem' Eindruck handelte, daß die jüdischen Studenten dank ihrer Kenntnis der hebräischen Spräche im Studium des Arabischen andern Studenten gegenüber im Borteil seien. Rew-Nork. Jacob H. Schiff hat tm Verein mit anderen jud. - amerikanischen Persönlichkeiten an die englischfranzösische Kommission, in der sich bekanntlich Balfour, Biviani u. a. befinde», einen Brief gerichtet, der sich gegen dien Wirtschaftskrieg nach dem Kriege wendet. Frankfurter Berichte. Die Mission des Judentums. Der Vortrag des Herrn Wölpe in der Zion.1 Jugend gruppe über das Thema: „Die Mission des /Judentums" unterzog die bekannte assimilatorische Auffassung von der angeblichen Mission des Judentums, die Lehren des Monotheismus usw. unter seine Wirtsvölkcr zu verbreiten, einer scharfen Kritik. Eine solche Mission sei den Juden weder in der Bibel rwch in den »achbiblischen Schriften jemals aufgctrageir worden. Wer auch abgesehen davon, daß jeder Hirüveis darauf in den heiligen 'Schriften fühlt, wäre cs geradezu widersinnig zu behaupten, daß die Juden, die sich überall in der Rolle der Unterdrückten und Geduldeten gefallen müsse», dazu berufen Und vor allen befähigt wären, die Lehrer der anderen Völker abzugeben. Uäbrigens sei der Gedanke noch /ganz jungen Datums und als Reaktion gegen den Zionismus austufassen, indem er darauf abziclt, die Juden mit dem Galuth zu versöhnen und jede nationale Selbständigkeitsregung zu ersticken. Die Aufgabe d<S Judentums besteht vielmehr darin, die jüdischen Lehren zu pflegen, ihre Gesetze emzuhaltcu v und Nach ihrer Ethik zu leben. Da jedoch die Möglichkeit zum vollen Ausleben in diesem Sinne nur in Palästina gegeben ist, muß.die Verwirklichung des zionistischen Ideals und die Gründung eines jüdischen Zentrums in Palästina : nicht nur vom nationalen sondern auch, vom religiösen Standpunkte aus als das höchste Gebot betrachtet werde». An die Ausführungen knüpfte sich eine lebhafte Diskussion, an der die Herren Falk, Herzberg n. a. teilnahmen. Korporal Spitz. Eine österreichische Geschichte aus dem Jahre 1859 von Leopoü» Kompert. (Fortsetzung.) Briefe des Gemeinen Markus 2 pitz aus Italien an seine Eltern in Böhmen. Triest, den 29. März 1859. Teuerste und liebste Eltern bis zn hundert Jahren! Bor allem tue ich Euch als Euer treuer Sohn vermelden, daß ich mich, dem Allmächtigen fei’» gedankt, ganz gesund befinde Nnd hat mir bis dato noch kein Finger weh getan, wiewohl ich schon ausgestanden und gelitten habe, daß es vor Gott geht. Das schreib' ich für meine liebe Mutter bis zu hundert Jahren ganz extra, daß sie nicht meinen soll, ich will ihr etwas verbergen. Ich weiß ja, was für ein gebrochen Herz sie gehabt hat, daß ich habe ziehen Müssen in den Krieg, und habe ganz gut gesehen, wie sie bei meinem Weggehen die Tränen verschluckt hat, um Mich selbst nicht noch mehr zu betrüben. Aber so ein Kürschnergeselle hat eine gute Haut, und das mag daher kommen, daßer damit umzugehcn versteht. Ich will aber keinen Spaß machen, weil mir gar nicht lächerig ums Herz herum ist. . . . Bald hätte ich vergessen. Euch eine Neuigkeit mitzuteilen. Mit wem bin ich zusammen in einer und derselben Kompagnie, ja bei demselben Zug? Las ist nämlich Waclaw Jaresch, der Schustcrgeselle, was seine Mutter die alle Baruschka bei uns' am Sabbat die Lichter geputzt und auch eingehcizt hat, sie wohnt in dem kleinen Hause niit einem Fenster, wo man zum ,guten Orte' hinausfährt. Das erstemal, daß ich mit ihm zusammengekomm-en bin, das war in Znaim, was in Mähren liegt; dortselbst sind wir Rekruten einexerziert worden. Am ersten Tag, wie ich gerade mein Riemenzeug putz', steht Waclaw Jaresch, der Schustergeselle vor mir. „Jaresch," schrei' ich und war' ihm fast um den Hals gefallen, „wo konunst du her?" Denn das kann ich Euch sagen, liebste Eltern bis zu hundert Jahren, ein lebendiger Engel vom Himmel war' mir' in diesem Augenblick nicht so lieb gewesen wie Waclaw Jaresch, was seine Mutter bei uns „Sabbatchristin" gewesen ist. Aber Jaresch hat sich gestellt, als ob er mich in seinem ganzen Leben mit keinem Auge gesehen hätte, und kami sich doch ganz gut erinnern, wieviel Stücke „Barches" ich ihm zugesteckt habe, als seine Mutter bei uns noch die Lichter geputzt und cingchcizt hat. Erst wie ich ihm sage, wer ich bin und wie ich heiße, da hat er getan, jals ob er mich jetzt erst erkennt. Was sagt Ihr, herzliebste Eltern biszu hundert Jahren, dazu? Er hat sich auch weiter nicht um mich bekümmert, wie als wäre ich der wildfremdeste Mensch nnd nicht aus einem Ort mit ihm, und gekränkt hat es mich, daß ich bald geweint hätte. Nun, Herzlicbste Eltern und Geschwister bis zu hundert Jahre», will ich Euch erzählen, ivie es mir lveitcr gegangen ist. Auf einmal ist der Befehl gekommen, daß wir gleich am anderen Tage sollen aufbrechen von Znaim, was in Mähten liegt, und müssen nach Triest ziehen. Da hat unser Feldwebel gesagt, der ist aus i.!Krandcis und will gehört haben, wie cs der Leutnant tsagt hat: Das geht jetzt sicher nach „Jtalium" in den Krieg! Anderen Tages sind wir mit dem ganzen -Bataillon fort und die „Musikbanda" hat „Gott erhalte" dabei gespielt. Wir haben nicht lange zu marschieren gebraucht, da ist schon die Eisenbahn dagewesen und hat uns in eiueikl Zug mit Sack nnd Pack nach Wien gezogen. Daselbst sind wir ziyei Lage verblieben, um uns auszuruhcn. Ich Hab' weinen Korporal um den Ausgang gebeten, um mir die schöne Kaiserstadt ein bißchen anznsehen, nnd well ich gewußt habe, daß Waclaw' Jaresch schon zwei Jahve in Wien gearbeitet, sagt' ich zu ihm: Jaresch, geh mit mir, ich kenn nrich in der großen Stadt nicht aus. Jaresch aber hat sich umgedrcht und hat kein Wort gesprochen. Und weil ich mich in deir vielen Gassen verirrt habe nnd bin fast vor jedem schönen Hause stehe» geblieben, bin ich zu spät zum Appel! gekommen, und hätte bald eine Strafe-bekommen, wenn der Korporal nicht ein guter Mensch wäre. Da sollt Ihr sehen, herzliebste Ettern und Geschwister bis zu hundert Jahren, was der Jaresch mich kränkt, und habe doch nichts an ihm Zerbrochen, undan seiner Mutter auch nicht, die so lange bei uns die Lichter geputzt und cingchcizt hat. Jetzt weiter! Von Wien sind wir morgens in der Frühe aufgebrochen und wieder mit der Eisenbahn. Da hat man uns in die Waggons gesetzt, wo sie sonst die Fässer nnd Koffer aufladen, und auch Ochsen und Pferde, und hat hölzerne Bänke hineingestellt, auf denen sind wir in einem fort von Wien bis nach Triest und haben nirgends Rast gemacht. Herzliebste Eltern und Ge-- schwister bis zu hundert Jahren, was sieht und erlebt man nicht alles, wenn man weit herum kommt! Da ist ztvischen Wien nnd Graz ein Berg, der heißt Semmering, über den fährt man gerade mit der Eisenbahn hinailf, und sind da finsterst Keller, wo es eine Viertelstunde dauert, bis nmn wieder hinaus komint, nnd liftun man daußen ist, sieht man die Eisenbahn über seinstin Kopfe! Es ist Gotteswlmdcr! Da sind wir nun in Triest, ivas eine große und schöne Stadt ist und liegtam Meer. Wir Iverden aber -richt daselbst bleiben, sonder» wir müssen weiter nach Jtalium.hinein, und sind die- Schiffe schon bereit. Wohin noch, das weiß nur der lebendige Gott! Wir müssen fast immerfort in der Kaserne bleiben, loeil man keinen Augenblick wissen kann, ob wir nicht „stantepe" auf- .brechjen müssen. Noch ein Stnchcl muß ich Euch, herzlicbste Ettern und Geschwister bis zu hundert Jahren, von meinem Kameraden Waclaw Jarescherzählen. Ihr werdet daraus entnehmen, wie er's mit nrir ineint. Vorgestern ist die Reihe des Auskochens an mit gewesen, denn Ihr müßt wissen, daß, wenn man Soldat ist, so muß inan auch kochen können, aber Euch smöcht es nicht schmecken, denn da wird Suppe und Fleisch und Knödel, alles in einem Kessel gekocht, aber dem Soldaten schmeckt's doch, weil er einen gewaltigen Hunger dazu mitbringt. Wie ich also beim Kessel stehe, hör' ich, wie Waclalo Javesch zu einem anderen Kameraden sagt: „Du, hör, was meinst du, wird der Jud' uns gut kochen?" Obwohl mir nun das Wort sehr wehe getan hat, Hab' ich doch dazu geschwiegen, weil ich am Kessel um. Aber abends nach dem Zapfenstreich,-wie unser ganzer Zug auf der Stube beisammen war, da habe ich sehr sanft zu ihm gesagt, wie man nur zn einem 'Landsmann reden kann: „Du, Jaresch, was Hab ich Dir getan, daß du mich heute so beleidigt hast, du weißt schon, wie?" Er aber lacht und meint:' „Ich geb' keinem Juden Antwort." Wie das Wort ans seinem Munde heraus ist, ist eine schreckliche Bosheit Mer mich gekommen. Ich bin auf ihn losgesprungcn und hätt' ihm sicherlich etwas angetan, wenn uns nicht der Koporal voneinander getrennt hätte. Ich habe Euch schon gesagt, daß der Korporal ei» guter Mensch ist, und jer hat cs auch diesmal bewiesen. Wie er uns so auscinandergeworfen hat, meint er: „Pfui, seid ihr Soldaten? Wißt, daß, wer des Kaisers Rock trägt, der ist dem Kaiser gleich lieb und wert, und darf keiner dem anderen etwas vorwerfen, was ihn beschimpft. Wißt ihr denn beide schon, ob nmn euch auf dem Schlachtfeld nicht in eine und dieselbe Grube werfen wird? Da werdet ihr euch wohl vertragen." Diese-. Rede hatte mich stumm gemacht, nnd ich habe mich gcivdltig geschämt. Ich habe dcni Jaresch die Hand hingereicht, daß er mir verzeihen soll, er aber hat sich umgedrcht. Das habe ich Euch erzählen wollen, herzliebste Eltern und Geschwister bis zu hundert Jahren! Jetzt muß ich aber schließen, weil ich schon soviel geschrieben habe, daß kein Papier mehr hinreicht. Also, liebste Eltern und Geschwister, tut mir den Gefallen und bestellt meine Grüße an Herrn Feiwel Buchhalter und an Gcrson Stänglein, den Eisentrödler, und an Josua Goldarbeiter, und an alle, die meiner gedenken tun, und bleibe ich bis ans finstere Grab Euer aufrichtiger und geliebter Sohn und Bruder Markus Spitz. Nachschrift. Die Mnttstr soll snh wegen Waclaw Jaresch kein beschwert Herz machen; ich fange nichts mit ihm an." Breschia, den 22. April 1859. „Herzliebste Eltern und Gcschivister bis zu hundert Jahren! - Längst hätte ich Euch wieder einen Brief geschrieben, wenn nicht mein Korporal geivesen wäre. Der aber sagt immer, ein Soldat muß sich nicht viel mit Schreiben beschäftigen, womit er höchst wahrscheinlich meint, daß 'er sich nicht allzustark sein Herz beschweren darf. Denn, liebste Mutterlebcn bis zu hundert Jahren, wie soll einer Lusst Haben, sich vor den Feind zn stellen und Menschen tot zu schlagen, wenn er weiß, zu Hause sitzt die Mutter und »veint sich die Augen aus und kann keine Nacht schlaft», bloß weil sie keinen Brief von ihrem Sohne kriegt? Nur dessentwegen glaube ich, hat der Korporal recht, sonsten aber nicht. In dem