Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 30 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. „Behüte! Wir, ich und mein Mau», sind Gott sei Tank, gesund, und unser Sohn gedeiht . . . Und cs geht uns sehr gut . . . Aber. . Und sie erzählt ihr Leid: Taß er nun siebzehn Jahre alt wild, der Sohn, und sic wohne so weit von jeder jüdischen Gemeinde, in dem einsamen Torfe da ... „So so . . . Und was tut ihr in der Sache?" „Wir hoffen ans Gott. Wir beten zu ihm . . ." Ter Mann tut's in seiner Sprache, *) sie in der ihrigen . . . Sie bete alle Gebete, Wnne fast alle schon auswendig — alle bic süßen, innigen Gebete der Ssore baß Tojwim.-) Aber eines, das um eine Gefährtin für de» Sohn, habe sic einfach schon in Tränen gebadet . . . „Nun, Gott wird euch helfen," lächelt die Fremde. „Ich bin dessen sicher," und lächelt wieder. „Und hier habt ihr ein Pfand. Ihr wollt kein Geld für das Zimmer, so nehmt dieses Geschenk für die Braut eures Sohnes." Tamit holt sic unter dem Schal ein Paar goldene, perlenbesctzte Pantöffelchen hervor, und drückt die blitzenden Dinger der Frau in die Hand. „Ein Geschenk von Ssore baß Tojivim," sagt sic und verschwindet ... Und als der Mann Nachsehen kommt, ivaruin seine Frau noch im Gastzimmer weilt, vergebens anklopft und erschrocken eintritt, findet er sie allein mitte» im Zimmer stehen, mit offenem Mund, weit aüfgerisscnen Augen und einem Paar goldener Pantöffelchen in der Hand. 8. Um dieselbe Zeit wohnte, ebenfalls in Mähre», nur viele, viele Meilen von dem gräflichen Wirtschafter entfernt und ohne ihn zu kennen, ein jüdischer Köhler, der, ebenfalls bei einem Grafen, ei» Häuschen und einen Meller im Walde gepachtet hatte. Er war arm und verdiente sich sein Brot sehr schwer: Sammelte, was von den Bäumen abfiel, — im Sommer die dürren Zweige, im Wlltter die durch den Frost abgeborstene Rinde, nach jedem Gewitter, was Blitz und Sturm abgebrochen hatten, — und trug es zu seinem Meiler um cs zu Kohle zu verbrennen. Tazu war ihm auch noch sein Weib schon vor langer Zeit gestorben. Aber ein großes Glück hatte ihn der barmherzige Gott gelassen: ein feines, süßes Töchtcrchen. Komnll er des Abends müde und rußgeschwärzt nach - Hause, dann eilt sie ihm froh entgegen, ist ihm beim Waschen und Unlkleidcn behilflich, setzt ihm die Ai'ahlzell vor und macht ihm ein bequemes Nachtlager zurecht. Und wenn er nicht Einschlafen kann, was recht oft vorkommt, seitdem er Witwer geworden ist, — zündet sie ein Kienholz an oder stellt sich in hellen Nächten ans Fenster in den Mondcnschein und' liest ihm aus ihren heiligen Büchern vor, den „iwre-teitschen"/) die die Mutter sie lesen gelehrt und ihr hintcrlassen hat, ans „ZeLno ureöno", Kaw. Hajoschor" und den Gebeten von Ssore baß Tojwim. Und er, ein einfacher Mann, hört zu, bis ihm die Augen zufallen. Es ist ihm, als lese jene, sein Weib, und, von der süßen Stimme und den helligen Worten eingcwicgt, schläft er ruhig ein ... Nun beginnt einmal das Mädchen ein gar rührendes Gebet zu lesen: „O, lieber, lieber Gott, laß mich für meine liebe, liebe Tochter einen Gefährten finden, einen wackeren Gefährten . . Merkt, um was cs sich handelt, bricht ab und will zu einem anderen Gebete übergehxn. Da bittet aber der Bater: „Nein, liebes Kind, nein . . . lies Weller . . . lege mir die helligen Worte lll den Mund, damit ich zu Gott für dich beten kann . . . 'Ich Hab ein volles Herz, mcin Töchtcrchen, aber ich bin ein einfacher Mensch, Worte Hab' ich nicht ..." Sie gehorcht und liest. Liest inrmer weiter. Wie duftendes Oel fließt das Gebet. Schon längst ist der Bater elligeschlafen. Sie -merkt es nicht. Er schnarcht schon, sie hört es Nicht und liest . . . Und plötzlich erwacht eine unklare Sehnsucht in ihrer verwaisten Seele . . . Das Herzchen klopft, über dje kindlich reinen, blauen Aeuglein zieht sich's wie eien Nebelschleier und das Sümmchen zittert, zittert gar sehr, wird von zurückgehaltenen Tränen feucht ... Und plötzlich geht die Tür auf und auf der Schwelle erscheint eine wunderbare Gestalt . . . mit hoher Haube und in türkischem Schal. Mild und süß und strahlend leuchten die Augen aus dem runzligen Gcsichtchen hervor. „Vater!" ruft das Mädchen, und will ihn wecken. Aber verstummt und bleibt wie verzaubert stehen. Die alle Frau hat einen Finger auf die Lippen gelegt. Nun geht sie auf den Tisch zu, setzt sich hin und zieht das Mädchen an sich . . . i) In der hebräische» Gebetsprachc. -) Die Verfasserin der Tchjineß, des Frauengebetbuchs. JndisHderllsG . Frankfurter Israelitisches FamllieNblatt. „Hab' keine Angst, mein Kind," sagt sie. „Ich bin Sosre baß Tojwim. Die lasest meine Gebete, und wett die Nacht so still ist, hörte ich in meiner Ruhe deine süße Stimnie. Nun komme ich und bringe dir ein Geschenk mit..." Und holt unter dem türkischen Schal die Gabe hervor: „Sich, liebes Kind . . . hier ein Stück geschorener Samt ... für ein Beutclchen zugeschnitten . . . Und hier bunte Seide zum' Tücken . . . und hier sllberne Fäden, goldene auch ein wenig, und Flitter, auch aus Silber und Gold . . Und siehst du, so näht Ulan, liebes Kind, und so stickt man ... Die Fingerchen flink ... Da sich, ivie der „Mögen Dovid" 4 5 *) heranstonunl, und jetzt blühen die Blümchen hervor . . . frische Blümchen, wie im Wald> und in Sommerszeit . . . So, so, näh' nur das Tflllin 2)-Be»telchen für deinen Bräutigam, loie einst deine liebe Mutter für deinen liebe» Vater eins nähte..." Und Iveiter lehrt die alte Frau das junge Mädchen. Und das Mädchen stickt und näht . . . Als aber mit dem blühenden Morgen der Vater erwacht, richtet er sich staunend auf: sei» Kind sitzt da, ganz allein, ein Tfillin-Bcntclchcn aus Samt, Silber und Gold in den Händen ... 3, Nun ist der Sohn des gräslichen Wirtschafters siebzehn Jahre alt geworden.. Man setzt ihn auf - einen Magen und schickt ihn in die Welt hinaus nur zu den Pantöffelchen von Ssore baß Tojwim eine Braut sich zu suchen. . . Er fährt Waldaus, »valdein, durch Dörfer und Städte. Mädchen wie Sand so viel, doch keiner lvollcn die Pantöffelchen passen ... Ein Jahr vergeht und zlvei. Er kann nichts-finden, verliert den Acut 'und beschließt nach "Hause zurückznkchrcn. Wird Vater und Mutter sagen, es sei ein Traum gewesen. So kleine Füstchen gebe cs nicht . . . So fährt er denn heim. Fährt und fährt und irrt vom Wege ab, verirrt sich im Wolde, — Eiche bei Eiche, Riese bei Riese, — und weiß nicht ans noch ein. Es ist Freitag, die Soilne, eine feurige Kugel, sinkt immer tiefer und tiefer, gleich ivird es dunkel, gleich wird es Sabbat sein. Da macht er halt, steigt vom Wagen, beginnt das „Hohelied" zu beten und geht betend in den Wald hinein, bleibt jedoch in der Nähe des Wagens und des Pferdes, das ruhig weidet . . . Süll im Abendlühtbc rauscht der Wald, als'sagte, er ihm das „Hohelied" nach'. . . Und immer stiller und dunkler wird's, und plötzlich strahlt zwischen den Bäumen ein Licht aus einem Fenster auf. Voll Freude eilt er hin und klopft an: . „Wohnt hier ein Jude?" „Ja. ein Jude." Ein Mann erscheint auf der Schwelle: „Friede mit Euch." „Mit Euch Friede," antwortet der Jüngling, „kann ich über den Sabbat bei Euch bleiben?" „Bleiben — wohl," erwidert der Alte mit trübem Lächeln, „aber es ist nichts zum Essen da . . ." „Dafür ist reichlich gesorgt," sagt der junge Man». „Ich habe zu essen und zu trinke» mit. Vom Besten, das man sich wünschen kann. Kommt nur mit mir an meinen Wagen heran . . Eine Stunde später, schon nach dem Empfang des Sabbat und denk Kidduschc) . . . Die beiden sitzen bei Tische, singen Smireß7), essen ... Da bemerkt der junge Mann, wie der Alte von jeder Speise nur wenig kostet und den Rest vor die Tür hinausttägt. Wohl für ein Kalb oder Huhn ... Aber dann ist er doch gar nicht so arm, denkt er, und hätte wahrlich etwas für den Sabbat vorbcreiten Wunen . . . Und geradeaus, loie junge Leute schon sind, fragt er den Alten. „O nein, ich bin nur ein armer Köhler," antwortet dieser, „und Hab' weder ein Kalb >wch Hühner . . . Nur ein liebes Töchtcrchen Hab' ich. Das schämt sich ins Zimmer zu kommen, weil sic keine Schuhe hat und barfuß hcrumgchcn muß. Darum sitzt sie und ißt vor der Tür draußen ..." Da holt der junge Mann klopfenden Herzens die goldenen Pantöffelchen aus der Brusttasche hervor und gibt sic dem Alten: „Ta, mcßt sie Eurer Tochter an . . . Ob sie ihr passen..." Und der Alte kommt zurück: „Sir passen ..." <) „Der Schild Davids." Zwei ineinander verschlungene Dreiecke. Jüdisches GlaubcnSsYmbol. 5) Gebetrieine». «) Säbbatlichjes oder festtägliches Weihegebet, meist über Wein gesprochen. ^Religiöse Gesänge, Loblieder. Nr. 30 3l). Beim reichen Wirtschafter des Grafen war He zeit. Sein Sohn nahm die Tochter des Köhlers nach der Trauung tauchte plötzlich eine »vunderüchc l stalt auf, mit hoher Haube, in türkischem Schal, i ,t,' , Sch Gesicht alt, aber die Augen jung und gütig. Und tan mit den Brautleuten . . . Nur wenige Ivußtcn, tvcr 6 d;cn. c v I o 1 -er, Lip „heim. - war Nestor «riefe St' Leven, . F- Ernst g . 19 I-, Literarische Chronik. Sine Papyroshandschrlft der Sprüche Salomos In der philologisch-historische» Klasse der König sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften sprach Prost! >mn. tzö Dr. Georg Stcindorff über eine von ihm und Profcj Dr. Karl Schmidt in Berlin zu veröffentlichende Papyr Handschrift der Königlichen Bibliothek zu -Berlin, die i dritten nachchristlichen Jahrhundert angchört und den ständigen koptischen, in dem oberägyptischcn Dialekt Astniem abgefaßten Text der „Sprüche Salomos" iurfl; - bach. — hält. Da die Zahl dieser Literaturwerke ntdjit g ist und der vorgelegte Text zu den ältesten uns erhalle Stücken der koptischen (ägyptischen) Bibelübersetzung j hört, ist seine sprachliche, lexikalische und literarische deutung sehr groß. Literarische Notizen. Jüdischer Nationalkalender 8678. Am 1. September erscheint zum dritten' Male! Verlag der Jüdischen Zeitung in Wie» (II Ziriüsgasse 33) unter der Redaktion von Otto Abel und Ludwig Batä der Jüdische Mtionalkaleud) Arnold Zweig, der im deutschen Schrifttum wil unseren Kreise» geschätzte Dichter, äußerte sich vo>s Jahr über das Unternehmen in einem Briefe au Herausgeber folgendermaßen: I < „Ich habe den diesjährigen Nationalkalender laml und sorgfältig gelesen. Ich glaube, daß man die 31 tigkeit dieses Buches in einer Beziehung, der inncrpoliljs nämlich, gar nicht genug hervorheben kann, — wobei innerpolitisch auf die innere Politik des Judentums! ziehe. Ichfasse alle die Artikel, die in dieser Rich^ wirken woften, zu einer einzigen, sehr nachdrücklichen " gcbnilg zusammen, und sage, daß ich alle die 9t beneide, die jetzt daraus hiuwirken können, daß! Juden cininütig in Aktion treten und positiv he anstatt sich in zerteilenden Komitees zu schlvächen gar den Seelen der Eiirzcliicn Hilfe bringen tvq während der Körper des Volkes verdirbt. eil (recht O ri* Id an" Offenbaeber Druckluft-Aula; 0Hcn6acha.H. Telefon 123. (Anschluss mit Frankl Bewährteste* Tepnlehreintgung (100,000 qm ji sowie unübertroffene Bettfadernrelnlgung mii Druckluft und Wasserdampf. Wocheu-Aaleuder Samstag, 11. August (— 23. Aw) Sabbat-Aufa» Frankfurt a. M. 8 Uhr. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9% in Berlin 9r/2 Uhr. - Wvchenabschnitt: Ekew. — Gottes Segen ffn Treue gegen sein Gesetz. Eriimerniig an den durch 'bie Wüste,—an das goldene Kalb usw. Die erwählung Israels. Der zweite Abschjnitt voir S Aus dem Prophetenwort des Sabbats: Zion sprach: „Verlassen hat mich Gott, mein hat meiner vergessen. Vergißt wohl eine Mutter ihres Säuglings, si> Kindes ihres Schoßes nicht zu erbarmen? Auch 9! mögen vergessen, — ich aber werde deiner nicht vcr> Siehe, aus meine Hände habe ich dein Bild gezc deine Mauern sind mir stets gegenwärüg. Wohl sind rasch!. hier weggeeilt deine Söhn doch es waren nur die, die dich, nicdcrrisscn zerstörten, die von dir fortzogen. Erhebe jetzt ringsum deine Augen und sieh alle versammeln sich, 'kommen heim zu dir! - wahr ich lebe — spricht Gott — mit ihnen wirst du wie mit einem Gcschjmeide dich bei und schmücken wie eine Braut." . Rausch-Chaudesch: Samstag, 18. Augu Sonntag, 19. August. - Wochengottesdienst in Frankfurt a. Mi Morgens 6V2 lUhr in den meisten Synagogen (Bock Unterlindan 7 Uhr, Hauptsynagoge Königstellu 71/2 Uhr). Mend 81/4 Uhr tu den meisten Synagogen (Bock Unterlindan 7r/2 Uhr, Hauptsynagoge 4 Uhr, steinerstraße 7 Uhr). helzui rausit orn Bereius-Kaleuder. Zion. Jugendgruppe, Taubcnstr. 11 Montag, 9—10: Hebräischer Sprachkursus. Mittwmh, 8V2—9V2: Bibelkurs. Mittwoch, 9V2—IO1 */»: Hebräische Konversation. Frankfurter Fsmilieuuachrichte “j Gestorben. Alfred Oppenheim, Bcclhooeui im Felde. — Richard Weißmann, Elkenbachstr.- i — Ille Klein, 52 I., Becthovcnstt. 40. — Lehman! hcimcr, 85 I., Am Tiergarten 24. Auswärtige FawUieuuachrichtei Geboren. E. Sohn Karl Stiefel (Levi), heim. — E. Sohn S. Meyerfeld (Fränkel), Gicj “n um E. Tochter Dr. Theodor Goldcnberg (Offenbacher), *) Preis bei Borausbestcllung Kr. 3,80 Ä rlln-Pa eintet Porto. . Für Da grSsse Einhei