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Neue jüdische Presse · 1917-08-03 · Heft 29 (3.8.1917) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 29 (3.8.1917)
Date
1917-08-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. MI nkt her voi igcr :den und cicr ienti nett bei :nS! sich choi, und 6/8, in zu tarl kbei> Mk. „861 ttet< ,378 °ah- )l)Ut den, bot*;»e» *000 ger- Mk.?ürchild auü >rs.), ION itb lif äderen tag, IV) >rei 002. 859 um nur rso» renn erst ider t sie den der ineit aber der und inrinne» in der Umgegend anzufertigen hast, noch fünf oder sechs von deiner Pcofessiou ansiedeln möchten?" . „Was fällt Ihnen ein, Feiwel?" rief der Goldarbeiter lachend, „ich wünsch' keinem meiner Feinde etwas Schlechtes, aber die könnte ich alle'begraben sehen, einen hinter den anderen, und möcht' mir kein Auge dabei naß werden." „Siehst du, Josua Goldarbeiter," sagte der Buchhalter mit dem Kopfe beifällig nickend, „gerade so macht's der Napilion auch! Der könnte die ganze Welt ruinieren, bloß damit He anderen alle nicht bestehen, und er allein dasteht." „Der jetzige Napoleon auch?" fiel hier Gerson Stänglein trotz der vorhin empfangenen Zurechtweisung ziemlich vorlaut ei». Ter alte Buchhalter tat, als habe er nichts gehört. Tie Augen unverlvandt auf den Goldarbeiter gerichtet, fuhr er fort: „Tie Sach' ist die. Früher hat der Napilion, ivenn er mit einem Hat etwas anfangen wollen, gar nicht viel geredet; er hat gleich zugegriffen, und ehe man noch zur Besinnung kommt, was er denn eigentlich will» war es schon zu spät. Der Napilion hat alle Henkeltaler für die ganze Welt machen wollen. Dazumalen war er jung uitb hat Hitziges Blut gehabt. Jetzt ist er alt, und da Iredet er früher! In der Sach' ist's aber einerlei! Er will unser Land ruinieren. Darum sagt er: Ich bin mit euch nicht zufrieden!" Es entstand eine lange Pause; alle Anwesenden fühlten, daß der alte Mann trotz seines von einer einzigen Idee eingenommenen Denkvermögens eine unleugbare Wahrheit ausgesprochen hatte. Endlich meinte der Goldarbeiter mit einem Seuszer: „Mir scheint, Mir scheint, es wird jetzt eine Zeit kommen, wo leine meiner Bäuerinnen nach einem Henkeltaler Begehren tragen wird!" „Josuo Goldschmied," rief der Buchhalter, nachdem er esn zorniges Husten unterdrückt hatte. „Du denkst an die Henkettaler von deinen Bäuerinnen, und unser Land, unser 'Gut und Hab' steht auf dem Sprung', von dem Franzosen ruiniert zu werden?" Der Alte konnte vor überströmender Bewegung nicht fortsprcchen; er war aufgestanden und hielt sich, die Hände krampfhaft an die Kante des Tisches stützend, mit Mühe aufrecht. Sein Antlitz strahlte von einer Röte, die es in diesem Augenblick wahrhaft ehrfurchtgebietend machte. Auch fühlten sich alle von Schauern durchbebt, als hätten sie die Weissagung eines jener Seher vernommen, wie sie in alten Tagen die dunkeln Schleier der Zukunft lüfteten. Keiner sprach ein Wort. Ter Trödler war der erste, der in sich die Stimtnnng fand, diesent geheimnisvollen Stillschweigen ein Ende zu machen. „Ist denn das schon unterschrieben und besiegelt?" fragte er, ohne jedoch ungläubig zu scheinen. „Ein großer Krieg wird werden, ein fürchterlich großer Krieg!" rief der Buchhalter feierlich. „Krieg!" gellte eine weibliche Stimme. Alle wandten sich erschrocken um. Da stand Genendel, die Hausfrau, auf der Schwelle des anderen Zimmers, bleich, mit weit aufgerissenen Augen, ein Bild des 'Entsetzens. Ihr war keines der Worte, das die Männer gesprochen hatten, entgangen, das letzteaber halle sie aller Fassung beraubt. „Was schreist du so, Genendel," meinte der Trödler, „bis jetzt sch' ich noch nicht, daß marschiert wird." „Krieg, sagen Sie, wird werden, Herr Buchhalter?" schrie Genendel, indem sie sich dicht an den Alten hingestellt hatte. „Krieg, sagen Sie, und dazu noch ein großer? Gott, da muß ja mein Sohn Markus mit!" Das sonst schon blasse Antlitz des Trödlers wurde jetzt mit einem Male zum Erschrecken fahl. Das hatte er nicht bedacht. Wie ein Messerstich ging ihm der Gedanke durch die Seele, daß sich auf der Wanderschaft ein erstgeborner Sohn befand, der für das zweifarbige Tuch wie gewachsen war. „Wie alt ist denn sein Sohn Markus?" fragte der Buchhalter.. >pcn fahr iucdcr der Beirest )rte, äue- „Auf Purim wird er gerade zwanzig Jahre alt," sagte Gencndel mit leiser, furchtsamer Stimme. Es mochte ihr in diesem Augenblicke fast gefährlich Vorkommen, das „militärpflichtige" Alter ihres Sohnes vor so vielen Leute» zu verraten. „Da kann ich dir nicht helfen, Gencndel," sagte der Buchhalter nach einer Weile. „Und ist auch kein Fehl au ihm?" „Gewachsen wie ein Baum iur Walde!" rief 'Genendel in einem Tone, woraus mütterlicher Stolz und.Schmerz zu gleicher Zelt klangen. * „Da werden ,sie' ihn dir nehmen!" meinte der Alte fast trocken. - „Mein-Marktis muß also in den Krieg?" schrie Genendel, indem sie die Hand, des Buchhalters stürmisch an sich riß, als hätte er allein in diesem Momente über das Geschick ihres Kindes die entscheidende Stimme auszusprechen. „Schrei nicht, Genendel," sagte der Buchhalter, indem er seine Hand aus' der Umfassung der Frau zog, „und mäßige dich. So wie du werden tausend und aber tausend Mütter rufen und schreien . . . und cs wird alles vergebens sein. Weißt du, was in unserer heiligen Thora steht? Als die Rede davon ist, daß die Kinder Israel durch das Land der Emoritcr ziehen sollen, da sagen sie: >,Wir wollen des Königs Straße ziehen, und wollen nicht rechts und nicht links gehen." Siehst du, Genendel! So wollen wir auch sagen. Unseres'Königs Straße, die geht in den Krieg, da darf keiner zurückbleiben, der eine gesunde Ader im Leibe hat. . . . Und du jammerst und schreist?" Genendel schöpfte aber aus den Worten des Buchhalters keinen Trost, sie seufzte tief auf, als dieser jetzt schwieg. Was wußte sie von der geradeaus führenden „Straße des Königs" und von der Pflicht, nicht nach rechts und nicht nach linfS auszuweichen. Sie vernahm nur ein einziges Wort und das lautete: Krieg! War das nicht eine Straße, die über die zerschossenen und verstümmelten Glieder ihres Kindes ging? Und als in diesem Augenblicke, wie gerufen, ihr Sohn Markus, ein schlankgewachsener Jimge, zur Türe hereintrat, da brach sie in lautes Schluchzen aus und fiel ihm Nlit dem schmerzvollen Ausrufe um den Hals: „Markus, mein Sohn, du mußt in den Krieg! In den Krieg mußt du, Markus^ mein Kind!" Es traf sich gut, daß diesem Vorgänge durch den auf der Gasse erschallende» Ruf „in Schul'" ei» Ende gemacht ward. Die Männer brachen zum Abendgebet auf. Hatte der Mann, der mit eisiger Miene jenes Wort sprechen konnte, das die Kriegsfurie mit üacchaittischer Lust rasen Machte, es wohl bedacht, daß seit jener Stunde — eine arme Mutter in einem stillen böhmischen Ghetto .jede Nacht mit der qualvollsten Schlaflosigkeit rang? ... Kein Trost und Zuspruch war seitdem imstande, Geneitdels angsterfülltes Gemüt zu beruhigen. Sie war wie .von einer biblischen Wahrheit. überzeugt, daß ihr Sohn Markus in den Krieg werde ziehen müssen, als die Federn der Diplomaten noch zaghaft über dieses Wort hinweghüschtcn und honigsüße Depeschen noch immer das Friedensglöckchen läuteten. Wenn man ihr zuweilen aus den Zeitungen die Mitteilungen vorlas, die darauf berechnet waren, den nun in aller Furchtbarkeit grollenden Gewittersturnt als eine vorübergehende, innerhalb der „Kabinette" vertönende Mißstimmung zu bezeichnen, .schüttelte sie ungläubig den Kopf und meinte: „Feiwel Buchhalter hat gesagt, daß Krieg wird, ünd der weiß das besser. Mein Sohn Markus muß zum Militär." Bekanntlich hat sich die arme Mutter aus dem Ghetto in ihrem ahnungsvollen Gefühle so wenig getäuscht, als dagegen manche hochstudierte Weisheit "trotz aller Ueberzeugung fehlging. Noch ehe Genendels Sohn das gesetzmäßige Alter vollständig erreicht hatte, erschien schon im Hanse die bekannte Gerichtsdienerphysiognomie vom Bczirksamte Mit der Wcisnng, „daß Markus Spitz, Kürschnergeselle, am 10.. 'Februar 1859 um 9 Uhr vormittags in dem Konskriptionszimmer Nr. 5 um so sicherer zu erscheinen habe, widrigenfalls usw." Markus Spitz hatte natürlicherweise gegen die Drohung des gesetzlichen Paragraphs nichts einzuwenden, war in Gesellschaft seines 'Vaters und seiner M titter, die unten vor dem Bezirksamte qualvoll ans den Ausgang warteten, auf dem Könskriptionszimmer Nr. 5 am bestimmten Tage erschiene», war von der „Affenticrungskommission" als „besonders" tauglich befunden, angenommen und für ein böhmisches Infanterieregiment ausersehen und eingekleidet worden. Wenige Tage darauf befand sich der Rekrut Markus Spitz schon in einer mährischen Garnisonsstadt bei seiner Kompagnie, war daselbst eincxerziert und bearbeitet worden — und che der halbe März noch ins Land gekommen, schon auf der „Straße des Königs", auf dem Marsche nach Italien! Das alles war so schnell, ja so atemlos gekommen, daß man sagen konnte, zwischen dem Sabbat, wo Genendel aus dem Munde des Buchhalters zum ersten Male das Wort: „Krieg" vernommen hatte, bis zu der Stunde des Ausmarsches sei mir eine einzige Nacht gelegen — freilich eine lange, tränendürchwachte Nacht! Sie ließ Seit, 5. zuletzt das unabwendbare Geschick über sich fast -mit stunipser Ruhe ergehen. Wen wird es aber heute reizen wollen, die Leidensgeschichte einer armen Mütter aus dem Ghetto niederschreiben zu wollen? Gewicht hing sich an Gewicht in diesen Tagen, und das geheimnisvoll wirkende Gesetz von der in Bewegung gesetzten Masse bestimmte alles Leben! Alles Einzelleid war nur ein Schaumbläschen auf diesen! Meere von Blut *— und nicht einmal das! Es war verdunstet und zerstäubt, bevor es noch an die Oberfläche gedrungen. Folgen wir lieber selbst, aus dem Ghetto heraus, dem jungen Soldaten, ziehen wir mit ihm die „Straße des Königs" hinüber in die Gefilde, wo es durch einige Zeit schien, als habe nur der Tod und nicht das Leben, die Zerstörung und nicht die Geburt, die Wunde und nicht das heilende Kraut Recht und Bestand in der Natur,' als seien die alten niemals ganzgebändigten Elementarkräste wieder losgebrochen und spielten den Äcrrn und Meister dieser Welt! Beim Abschiede sagte Feiwel Buchhalter, nachdem seine Hände lange wie segnend auf dem Haupte des jungen Soldaten gelegen waren: „Wenn du wieder zurückkommst, MarkuS, da wirst du mich draußen auf dem »guten Orte' antreffen. . . . Eins nur sage ich dir: der »Napilion' ist ein gewaltiger Kriegsherr, und das Leben des Menschen ist vor ihm wie das Leben einer Fliege. Wenn er aber sieht, daß man sich vor ihm nicht fürchtet, so hat man es halb gewonnen. Furcht du dich nicht, Markts!" „Wird er denn überhaupt wieder zurückkoinmen?" rief Gencndel in überströmendem Jammer. „Hat er ein »Arbah-Kanfes' an?" fragte der Buchhalter mit einer gewissen Heftigkeit. „Und was sür eins!" erwiderte 'Genendel, „kein Landrabbincr brauchte sich dessen zu schämen." Da tappte der Buchhalter zu seinem Schreibtische, ans dessen hinterster Schublade er ei» kleines, in weißes Papier gewickeltes Päckchen nahm, und rief dann Genendel zu sich. „Ta nimm," sagte er leise, daß er von dem Rekruten nicht gehört werden konnte, indem er ihr das weiße Patchen in die Hand schob, „und nähe es ihin in das Säckchen ein, wo die Zizith liegen. Ich Tarnt dir sagen, Genendel, was darin ist. Erd' aus Jeruschulaim!" „Herr Buchhalter! Sie geben das weg!" rief Genendel voll dankbaren Staunens und zog die Hand des Greises an ihre Lippen. „Sei still!" mahnte dieser mit einem bedrutsamett Lächeln. „Ich komm' auch ohne die Erd' da hinüber, aber dein Sohn hat noch nichts dort zu tun. Ihn soll sie schützen!" — Nachfolgend teilen wir einige der Briese mit, die der ehemalige Kürschnergeselle, jetziger Soldat der K. K.. Armee, vom „Kriegsschauplätze" an seine Eltern geschrieben hat. Ein eigentümlicher Zufall fügt eS, daß diese Briese fast jedesmal am Sabbat einttafen, und so rechtzeitig im Nachmtttagsklub bei Josel Spitz vorgelesen werden konnten. Bon dort haben wir fie. Ta aber wohl nicht Gott, desto mehr aber die Menschen auf die „Orthographie" sehen, jo haben wir uns' 'kraft der uns im höheren Grade als dem Kürschnergefelken Markus Spitz innewohnenden Kenittnis in dieser Wissenschaft sowie in der deutschen Sprachlehre nur erlaubt, einem hier und da etwas zu laut hervortretenden Gebrechen die mildernde und heilende Hand des Arztes aufzulegen. Sonst aber soll der Soldat der K. K. Armee, Markus Spitz, so schreiben, denken und sprechen, wie es ihm gerade um das Herz herum ist. (Fortsetzung, folgt.) Literarische Chronik. Der Islam als Weltanschannag. (Nach einen! Bortrage des Geh. Regierungsrates Prof. Becker.) Es ist eilt längst überwundener Standpunkt, der mit dem Islam eine neue von der bisherigen geschichtlichen Uevertteferung sich scharf abhebende Kulturperiode beginnen läßt. Der Islam ist jinchtS anderes als asiatischer Hellenismrts, und bei der Entwicklung von Recht tmb Religion, von Kultus und Lebenspraxis in den Anfängen des Islam hat jüdische Lehre, hat christliche Nebung Pate gestanden. Will man in das Verständnis »KWchtdter Geistesgebiete eindringen, empfiehlt es sich aber, nicht dieses Gemeinsame, sondern das Verschiedenartige zu betonet!. Nür so wird der Unterschied lebendig. r ' Der Islam ist die. Religion des Fatalismus, -der gättlnhen Bvrhxrbestimmnng. Was wir Kausalität nennen.

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