Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 24 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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EkÄe 2. SM-IÜBr Hl KnH gegenüber dem General-Anzeiger Vornehmes Familien-Kaffee W Nachmittags n. Abends Konzert. Hebung russischer Gesetze bereits am 7. Juni 1916 die Gleichberechtigung der Judenheit mit den übrigen Nationalitäten durch Verordnung festgelegt ist. Da-Z heißt, das Judentum wird im Verwaltungsgebiet Ober-Ost aVNationalität angesehen. . „Neue Jüdische Monatshefte". Der rusfisch-jüdische Kougreß. In Petersburg fand eine Konferenz von Vertretern aller jüdischen politischen Parteien und Gruppen zur Vorbereitung eines Kongresses der russischen Juden statt. Das Hauptthema der Debatte bildete der Antrag der zionistischen Vertreter, in das Programm des bevorstehenden Kongresses svlgeitde zwei Punkte aufzunehmen: 1. die rechtliche Lage der Juden in den anderen Ländern, 2. die Palästina-Frage. Der Vertreter des „Bundes" protestierte gegen beide Punkte. Der Bund glaubt, daß die Erlangung der Gleichberechtigung der Juden in den Ländern, in denen sie noch nicht durchgeführt ist, nur durch Kampf erworben werden .kann und nicht durch sogenannte Beeinflussung. Andere Redner erklärten, den ersten Pnnl'r wohl aufnehmen zu wollen, dagegen den Punkt betreffs Palästinas ablehnen zu müssen, weil dadurch dem Kongreß ein Parteicharakter ausgezwungen würde. Ein anderer Antrag lautet dahin, daß der Palästinasrage kein besonderer Punkt gewidmet werde, sondern daß diese Frage in die Rubrik der anderen Länder ausgenommen wird, also: Polen, Palästina, Rumänien. Der Vertreter der Zionisten, G r ü n b a u m, setzte auseinander, daß die Annahme dieser beiden Punkte in getrennter Form ein Gebot für die russische Judenheit darstelle. Es existiert eine einheitliche jüdische Nation, die in den verschiedenen Ländern zerstreut ist. Die Frage der Behandlung der Juden in diesem oder jenem Land ist eine Frage des gesamten Judentums. Um das russische Judentum kümmerte sich bis jetzt auch das gesamte Judentum. Die russischen Juden haben die moralische Pflicht, jetzt für die Juden einzutreten, die noch keine volle Gleichberechtigung genießen. Dieamerikanische Judenheit hat in ihrer Gesamtheit diesen Standpunkt ängeiwmmen. Wie ist es möglich, daß in Rußland eine Konferenz zusammenkomme, ohne daß über die Leiden der Juden in anderen Ländern gesprochen werde? Auch in der Palästinafrage hat die amerikanische Judenheit beschlossen, diese Frage als einen besonderen Punkt zu behandeln. Man kann nicht Palästina uitter die Rubrik aller anderen Länder - zählen, da Palästina für mrs von besonderer Art und von besonderem Interesse ist. In Palästina handelt es sich um die Kolonisation, um die Verwandlung dieses Landes in ein jüdisches Zentrum. - Der bekannte Historiker S. D ub uo w führte aus: Das. Problem der Juden in anderen Ländern muß, auf unserenl Kongreß besprochen werden. Daß man den Mut hat, Palästina von dieser Debatte ansschließen zu wollen, ist sehr bedauerlich. Die weitesten Schichten unseres Volkes werden für dieses Verhalten kein Verständnis haben. Nach längeren. Debatten gelangte eine Resolution zur Annahme, derzufolge auf dem'Kongreß die Tagesordnung wegen der Lage der Juden in anderen Ländern — Polen, Palästina und Rumänien — angenommen wurde. Die Zionisten erklärten sich mit dieser Resolution zwar nicht einverstanden, erklärter sich aber bereit, weiterzuarbeiten in' der Ueberzeugung, daß der Kongreß ' schon für diese Frage die richtige Sprache finden werde. Die Vertreter des „Bundes" verließen die Beratung und erklärten, an.den weiteren Arbeiten nicht mehr teilnehmen zu können. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Brief aus Oesterreich. Abg. Heinrich Reizes beantragte im Oesterr. Abgeordnetenhause die Wahl eines besonderen Ausschusses für Flüchtlingsangelegenheiten. Er richtete an die Regierung die dringende Zinfforderung, die Schmach der Internierung der Flüchtlinge in Barackenlagern aus! der Welt zu schaffen und besprach sodann die gewaltigen Veränderungen, die sich iin Laufe des Krieges in'der Politik gegenüber den Juden trotz deren aufopferungsvollster patriotischer' Betätigung vollzogen haben. Er verwies u. a. auf die Behandlung der Juden, in Russisch-Polen durch den früheren Generalgouverneur Baron Diller, der erklärte, .hie internationale Haager Uebereinkunft erlaube ihm nicht, den Rechtszustand der Juden in Russisch-Polen zu ändern. Auch jetzt noch verspüren die Juden in dem von Oesterreich besetzten Teile Russisch-Polens wenig von Freiheit und Fortschritt. Seit .April 1917 tauche in den militärischeit Meldunasbogen die Rubrik „Religion" auf, danm die in. Deutschland, vorgenommene Judenzählung nachahmend. Abg. Dr. Straucher richtete an den Ministerpräsidenten wegen der E v a k u i e r u n g d e r Inden Jaffas .eine von sämtlichen jüdischen mtd mehreren .nichtjüdischen Abgeordneten Unterzeichnete Anfrage. Abg. Heinrich Reizes und Genossen richteten ferner folgende Anfrage an die Regierung: „Sofort nach Ausbruch des Krieges wurde von den Behörden die. Benutzung der jüdischer. Sprache im zensurierten Briefverkehr verbotet-.. Tausende Briefe, die von jüdischen Soldaten ait ihre Familien gerichtet waren, oft ein letzter Abschiedsgruß eines sterbenden Kämpfers an fettte Eltern, seine Frau und seine Kinder, wurden den Absendern n:it dem Vermerk „Zurück,' jüdisch unzulässig" zurückgeschickt. Vielmals wurden Schritte unternommen, die Behörden zum Fällenlassen dieser drakonischen Maßregel zu bewegen, ja, nur den Grund dAer unvernünftigen, schädlichen Verfügung zu erfahren. Vergebens! Drei Kriegsjahre haben die Behörden noch immer nicht zu überzeugen vermocht, daß dieses Verbot sowohl vom menschlichen wie vom staatlichen Standpunkt aus verwerflich ist, es sei denn, daß, man es für zweckentsprechend und vernünftig findet. Hunderttausende von Menschen zu kränken und überflüssigcrweise zu drangsalieren. Die jüdische Sprache tvird in Oesterreich von mehr als einer Million Juden gebraucht, wobei man bedenken muß, daß Hrmderttausende dieser ausschließlich jüdisch lesenden, redenden uird schreibenden Juden ihr Gut und Blut dem Balerlande zur Verfügung gestellt haben und.steilen. Gibt es denn keine Zensoren, die imstande wären, jüdische Briefe zu zensieren? Im Heere sind abertausende jüdische Offiziere und Soldaten vorhanden, die die jüdische Sprache meisterhaft beherrschen." , Koufereuz der Kulturvereiue in Bern. Am 17. und 18. ds. tagte in Bern eine Konferenz des internationalen Komitees der Kulturvereine, dessen Vorsitzender Prof. Broda in Bern ist. Ter schweizerische Zionistcnverband entsandte Dr. I. Klatzkin-Montreux als Vertreter, und beauftragte ihn, die Judenfrage zur Besprechung zu bringen. Er führte folgendes aus: „Wir Juden sind seit jeher Freunde des Friedens gewesen.- Allerlei Verleumdungen wurden gegen uns in die Welt ausgestreut, aber niemand hat jemals behauptet, daß wir kriegslustig wären. Eine solche Verleumdung konnte nicht enmal aufkommen. Denn jedermann kennt unsals Friedensfreunde und als der. internationalen Denk- und Empfindensart zuneigend. Um so schmerzlicher berührt es uns, wenn auch die international gefärbten Vereine und Organisationen die Judenfrägc meistens unberücksichtigt lassen oder im besten Fallt von einem falschen Gesichtswinkel aus -betrachten. Tie meisten Judenfreunde betrachten die.Judenfrage als erledigt, sobald die Judenverfolgungen aufhören und das Volk, das der Gegenstand dieser Verfolgungen ist, volle Gleichberechtigung erlangt. Indessen verkennen die meisten, daß das jüdische Volk nicht nur nach einem erträglichen Tasein innerhalb fremder Völker, sondern auch nach nationaler Wiedergeburt strebt. Während der französischjen Judencmanzipation stellte Frankreich den Grundsatz auf: „Ten .Juden als Menschen altes, den Juden als Volk nichts/- Eine solche Antwort auf die Judcnfrage löst diese Frage nicht im Geringsten. Tenn was unser Volk begehrt, ist eben gerade die nationale Wiedergeburt, und was es verlangt, ist die Schaffung der diese Wiedergeburt ermöglichenden Bedingungen. Nr. 24. Die Antisemiten haben Recht, ivenn sie behaupten, daßwir ein- Volk mit ausgeprägter völkischer Eigenart sind. Wenn sie uns deswegen bekämpfen.und grausam verfolgen, so wehren wir uns gegen die Form ihres zuweilen numenschjlichen Kampfes. Aber wir bedanken uns für eine Verteidigung seitens der Judenfreunde, die sich auf der Auffassung gründet, daß wir nur entnatioualisierte Reste eines Volkes find, und daß man durch« eine weitgehendste Gleichberechtigung der Juden deren völlige und rasche Assimilation erwirken .könne. Denn die Assimilation bedeutet für uns nationalen Untergang. 'Wir aber streben nach nationaler Wiedergeburt. Wir haben, wie viele andere kleine, b. h. politisch kleine Völker durch den gegenwärtigen Krieg bitter gelitten, ja wir sind in mancher Hinsicht völlig ruiniert worden. Wir haben daher das Recht, unsere Ansprüche zu erheben. Jedes Volk, das vom Kriege gelitten hat, verlangt mit Recht Satisfaktion für die erlittenen Schäden, wirtschaftliche und kulturelle Wiederherstellung uno Garantien für die Zukunft. Wir Juden können die Forderung der Satisfaktion nicht aufstellen, denn wir können 'keine Summe neunen, die ausreichend wäre, unsere Verluste zu entschädigen. Aber zwei Forderungen stellen wir auf: Wiederherstellung und Garantien. Unsere Wiederherstellung in den Diasporaländcrn ist nur dann möglich, wenn uns die volle Gleichberechtigung in allen Ländern gewährt wird. In Rußland ist eine solche Gleichberechtigung nach der Märzumwälzung zur Tatsache geworden, aber sie bleibt noch in Rumänien, Polen und andern Ländern aus. Aber außer der Gleichberechtigung verlangen wir Garantien für eine freie und und ungehinderte Entwicklung unseres Volkstums. Wir verstehen unter diesen Garantien die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Diese Ausführungen ernteten lebhaften Beifall. Rach einer kurzen Diskussion redaktioneller Natur',wurde von der Konferenz folgende Resolution gefaßt: Die Konferenz des internationalen Komitees der Kulturvereine tritt ein: 1. Für volle Gleichberechtigung der Juden in den Ländern, wo dir Judenemanzipation noch« nicht durchgeführt oder auf dem Papier, d. h. nicht effektiv ist; - 2. für national-kulturellr Rechte des jüdischen Volkes in den Ländern, wo die Juden eine ansehnliche Minderheit bilden; ' 3. für die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherteil' Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Zur jüdischen Lage in Jinland. Das Gesctzesprojekt des finnischen Senates in bezug auf die Umgestaltung der jüdischen Lage in Finland enthält folgende Punkte: 1. Die russischen und fremden Bürger jüdischen Glaubens in Finland haben die gleichen Rechte wie die übrigen russischen und fremden Bürger und können auf die nämliche Art wie. diese naturalisiert werden. 2. Die finnischen Bürger jüdischen -Glaubens haben das gleiche Recht, öffentlich-gesellschaftliche und staatliche Stellen einzünehmen wie die finnischen Bürger evangelischlutheranischen Glaubens. '.3. Bezüglich des jüdischen Gemeindelcbens.verbleibe» die bisherigen oder noch erscheinenden Gesetze für das religiöse Gemeindewesen überhaupt in Kraft. 4. Ehen zwischen jüdischen» und nicht-jüdischen Personen dürfen nach dem betreffenden Gesetze geschlossen werden. ' 5. Beim Ablegen eines Eides" schwört der Jude: „Im Namen Gottes und seines heiligen Schutzes." Das Gericht kann bestimmen, daß der Schwur in der Synagoge im Beisein der Gerichtsmitglicder abgelegt wird. Anschluß jüdischer Millionäre a« den Zionismus: Aus der 8. Jahreskonferenz der Newyorkcr jüdischen Gemeinde .sprach unter anderen Louis Mars hall, der bekannte Präsidentdes „American - Jewish Committee." Zum Schlüsse seiner Rede erklärte er, Palästina wird nach seinem Aufbau das kulturelle Zentrum des Judentums werden, von dem sich! die jüdische Kultur über die ganze Welt ausbreiten werde. Er fügte hinzu, daß er, wenn dies Zionismus bedeutet, stets Zionist gewesen. ' Auch! der bekannte jüdisch-amerikanische Multimillionär und Philantrop Adolphe Levisohn, der sogenannte „Kupferkönig", hat sich" zum Zionismus bekannt. In einem Brief an das Provisorische Zionistische Exekutivkomitee erklärte Levisohn, daß alle Juden den Gedanken begrüßen müssen, in Palästina ein neues Zentrum hebräischjer Kultur zu schaffen. Und dieses 'Kulturzentrun, wird auf die ganze jüdische Welt von größtem Einfluß sein. Levisohn hofft auf eine Anerkennung der zionistischen Forderungen fcitens des Friedenskongresses. Eine Rede Jacob Schiffs. Aus Der ersten Jahresversammlung der Liga der jüd. Jugend Amerikas sagte Jacob Schiff-in einer Ansprache folgendes: ' . „Ichmöchte etwas sagen, was manch einen von den älteren Zuhörern überraschen wird: Das erste Mal kan mir in den letzten drei Wochen der Gedanke: „Warum Hai der Jude nicht sein eigenes Heimatsland?" Ich glaube nicht an eine jüdische Nation, die auf lauter „ismus" aufgebaut wird, — zuerst Egoismus, dann Atheismus und Ägnostizimus. Ich glaube an das.jüdische Volk, an di: jüdische Sendung. Ich glaube, daß irgendwo ein große: Sammelbecken sein sollte, von wo aus jüdische Kalter, ungehindert durch den Materialismus der Welt, ihre , schönen Ideale in alle Teile der Erde trage. Dieses Heimatland ist natürlich Palästina."