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Neue jüdische Presse · 1917-06-29 · Heft 24 (29.6.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 24 (29.6.1917)
Date
1917-06-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Als in den, schicksalsschweren Tagen des August 1914 der Weltkrieg ausbrach und jedes jüdische Herz zu allen anderen Sorgen des Augenblicks sich auch ängstlich fragen mußte, welche Schicksal der Krieg dem jüdischen Volke bringen müßte; als iit den folgenden Monaten die Kunde von den furchtbaren Leiden der russischen, polnischen und galizischen Juden eintraf; als im Sommer 1915 das namenlose Martyrium der jüdischen Bevölkerung der westrussischen Gouvernementsbegann; als von allen Teilen des" jüdischen Volkes nur die Nachrichten von Zerstörung, Vernichtung und Untergang kamen und man glauben mußte, das Judentum stehe, vor einer Krisis, die es kaum würde überstehen können — .da lebte doch im Herzen eines jeden Juden, der die Glaubenskraft .und den unerschütterlichen Lebenswillen unseres Volkes noch in sich verspürte, der Glaube, daß all diese Not nur vorübergehend, nur zeitweilig sein müsse und schließlich überwunden werden würde; mehr noch, daß sie nur das Vorspiel für eine Zeit mächtigen Aufschwungs und Erstarkens des Judentums bedeuten könne, die letzte große Krise vor der beginnenden Erfüllung unserer jahrtausendealten Träume, Hoffnungen und Ideale. Der nüchtern Denkende mochte einen jeden, der oieseu Glauben hegte, Phantast schelten, mochte auf die Tausende der jüdischen Kriegsopfer, auf die Trümmerstätten der vielen zerstörten jüdischen Gemeinden Hinweisen; wir Juden ließen uns diesen Glauben durch keine noch so bittere Lehre der unmittelbaren Gegenwart nehmen. Wir wußten aus'' unserer Geschichte, daß bei uns die Zeiten der höchsten Not noch immer die Anfänge der beginnenden .Erlösung darstellten; wußten, daß, wenn es menschliches Wesensgesetz und Schicksal ist, nur durch Not und Leid zum Sieg und Glück zu gelangen, wir., auch darin das Allgemein-Menschliche stärker als jedes andere Volk realisierten, daß bei uns diese Aufeinanderfolge und innere Verknüpfung von Not und Glück, von Leid und Sieg'stets sichtbarer und monunientaler sich offenbart hat als. in der Geschichte der anderen Nationen., lind so hofften wir, glaubten wir, ja. beinahe wußten wir von Anheginn, daß dieser Krieg, die furchtbarste Krifesür unser Volk seit 2000 Jahren, auch den llebergang zum herrlichsten, erhebendsten .Kapitel unserer Golusgeschichte bedeuten Was noch vor drei, vor zwei, ja vor einen: Jahre bloßer Glaube, allzukühne Hoffnung, fast frevelnde Phantasie schien, heute beginnt es schon Tatsache, Erfüllung, Wirklichkeit zu werden. Die von niemand erwartete russische Revolution bezeichnete den Anfang dieser Erfüllung; mit einem Male war der größte. Teil unseres Volles, der seit Jahrzehnten furchtbarer. zu leiden hatte als jedesandere, der vor allem in diesem Kriege Entsetzlicheres. zu erdulden hatte als jedes andere vom Krieg betroffene Volk, erlöst, befreit, gleichberechtigt geworden, und all dies in .voller Anerkennung seiner Eigenart und seiner.Ehre,, in voller Freiheit zur Wahrung seiner Wesensart und Pflege seiner Kultur. Damit war das .zentrale Problem der unmittelbaren jüdischen, .Gegenwart gelöst, über Nacht beseitigt und die bedrückende Sorge um das Lös der Brüder in Rußland, die seit Jahren das ganze Judentum bedrückt .hatte, tvar uns genommen. ■ Aber. das war nur der Anfang. Das andere. Größere, beginnt sich jetzt schon gleichfalls zu vollziehen: die Vorbereitung unserer danrwiiben Erlösung, der Beginn der nationalen Befreiung. In kurzer Zeit machte die palästineustfchc Gedanke des; jüdischen Volkes Fortschritte, für die wir früher Jahrzehnte für nötig erachtet hätten. Weiteste Kreise des! Judentums, die dem Zion-ideal vordem iiwifferent, skeptisch, ja feindselig gegenüberstanden» ivurden nun vor ihm ersaßt. und bekannten pich zu seinem Banner. Das amerükanisthe Judentum tat den ersten Schritt. Noch warenda Widerstande Pt überwinden, Hemmnisse zu beseitigen, aber es gelang.: und tder amerikanisch-jüdische Kongreß nahm die Palästinensische; Forderung. in sein Programm auf. Die Judenheiten der neutralen Länder sotten mach; wo ckmnrer, jüdische Komitees zur Veriretuin; der allgemein jüdischen Forderuttgen gegründet wurden, schrieben sic .auch der: iPatästinogedmaken aus ihr Banner, und heute äst »es schon eine Selbstverständlichkeit, daß dieser Gedanke keine spezifisch zionistische, keine Partmsorderung ist, sondern allgemein jüdische Forderung des gesamten Volkes. Und unter der Wirkung , dieser Erscheinung, die kaum durch irgend -welche besondere Agitation zustande.kam, sondern jsich von selbst, mit der unwiderstehlichen Macht «einer unausbleiblichen» natürlichen Notwendigkeit entwickelte, beginnen auch die twrdem zähesten Gegner des Zionsideals sich zu ihm zu bekennen -Kurz nach der Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung in Rußland erklärte Wingwer, der -anerkannte Führer der vorher «nationalen Kreise /des russischen Judentums, sich als Anhänger des inationäü'n Gädankens; vor kurzem kam die Kunde, daß Jakob JSch fff, der Führer der.amerikanischen -Plntökratie usb' heftiger .(äegnei des Zionismus, sich Am ange,schlossen habe und andere führende Männer .dieser Kreise wie Louis Mcrrshall u. a. ihm gefolgt seien; und .jetzt wird berichtet, daß Lord Janws Rothschild, das gegenwärtige Haupt her Londoner Rothschilds, der zionistischen Organisation beigetreten sei. Wer hätte solches, vor kurzem noch 'für möglich erachtet? Und wichtiger noch als her BÄtritt pon Männern solcher Gütung wie Jakob Schiss und Lord ZLothschild selbst ist die symptomatische Bedeutung .dieser Tatsache, die' beweist, daß .der Zionsgednnke auf dem WeK ish das gesamte jüdische Volk zn erfassen und zu einigen. . Und es M nur naturgemäß daß diese machtvolle innere Erstarkung des. Pnlästinagedankens auch seine Wirkung und Geltung nach außen ge-' wattig steigern muß. lind in der Tat, ohne jede Spur von UebertreibuW kann man heute beHaupten, daß der Zionismus ein Problem von anerkannter" .internationaler Bedeutung geworden ist. Die große Presse aller Länder beschäftigt sich dauernd mit ihur; führende Politiker aller Richtungen in allen Ländern erklären ihre Sympathie für ihn; und selbst eine Zeitung wie die.„Times", die bisher so offen judenseindlich sich verhielt, hält es jetzt für* notwendig, den Zionismus in warmen Worten zu feiern und die Realisierung seiner Ziele zu fordern. Das jüdische Volk ist im Weltkrieg zn einem von allen Mächten anerkannten und hoch bewerteten weltpolitischen Faktor geworden, und die ungewöhnliche Erregung, die die jüngsten Ereignisse in Palästina in allen Ländern ausgelöst hat, die vielen Erklärungen und Versicherungen, mit denen die türkische Regierung die falschen Nachrichten wegen angeblicher Judenverfolgungen dementierte,. haben gezeigt, welche Bedeutung das Judentum heute in dxr Weltpolik besitzt. Nie war unser Volk so geschätzt und anerkannt worden als in diesem Kriege, der ihm scheinbar nur die furchtbarsten Leiden und Demütigungen zu bringen schien: und in dem Grade, wie nur innerlich .einiger und stärker werden, wird diese unsere weltpolitische Bedeutung noch steigen. Doch jetzt schon kann man sagen, daß alle unsere vornehmsten Forderungen, vor allem die palästinensische, - als internationale Fragen anerkannt sind und die kommende Neuregelung der Welt, die der Friede bringen wird, uns nicht mehr, wie früher immer, wird übergehen können. Ter Glaube, den unser Volk in den furchtbaren Lcidenstagen dieses Krieges sich nicht rauben ließ und der ihm die Kraft gab, diese Leiden z« ertragen, beginnt sich herrlich zu .bewahrheiten. Ilnd es ist keine Kühnheit mehr, jetzt zu glauben, daß dieser unser Glaube, auch weiterhin, in immer höherem Maße, bis .zur Erfüllung all unstrcr Ideale realisiert werden wird. Rationale Gleichstellung -er Jude« in Ober-Ost. Bekanntlich ist durch Verfügung der russischen Regierung vom 5. Llpril 1917 die russische Judengesetzgebung ansgehoben worden. Bereits im Spätherbst 1916 wurde gelegentlich Lines Besuches der Leiter des Komitees für den Osten .an den Oberbefehlshaber Ost die Bittu gerichtet. die Aufhebung auch für die der Verwal- Äcng Ober-Ost unterstehenden Gebiete von Litauen, Kurland, Suwalki usw. anzuordnen. Es erfolgte darauf eine Einladung des Komitees durch den Chef des lZrneralstabes, und in dem Einladungsschreiben wurden zu gleicher Zeit die Grundsätze' mirgeteilt, welche bereits seit einiger Zeit die Verwaltung bei ihrer Behandlung der Judenfrage sestgelegt hatte. Diese Prinzipien, welche von großem Wohlwollen und Gerechtigkeitssinn zeugen, sind auch später mündlich den Herren des Komitees näher erläutert worden. Der Oberbefehlshaber Ost vertritt hinsichtlich der Geltung der russischen Gesetzeim Berwaltungsgeüiete Ober-Ost den Standpunkt, daß die verschiedenen Bölkerstämme von allen deutschen Behörden gleichmäßig zu behandeln sind, daß «jettet lebe 'Betätigung irgendwelcher Bestrebungen, die geeignet sind, den völkischen Frieden unter den Landeseinwohnern zu stören, verboten ist. Außer dem Befehls- und Verordnungsblatt werden sämtliche Uebersetzungen in deutscher, lettischer, littauischer,^ polnischer, weißrussischer und jiddischer (in . hebräischer Schrift) Sprache herausgegeben, die in kurzen Sätzen den Inhalt der für die Bevölkerung wichtigen Befehle und Verordnungen wiederqeöen. Es sind Einwohnerbeiräte zur gutachtlichen Aeußerung oder tätigen Mitarbeit auf den Gebieten der Volksernährung und allgemeiner wirtschaftlicher Maßnahmen, des Medizinal- und Bererinärwesens, der Wegebau-, Straßenreinigungs- und Äuftäumungsarbeiten, der Armenpflege sowie des Schulwesens nach Maßgabe der hierfür zu erlassenden besonderen Bestimmungen gebildet worden. In gemischtsprachigen Kreisen ist jeder Völlsstamm, also auch der jüdische, im Verhältnis de« Zahl seiner im Kreise ansässigen Angehörigen^ aber mit mindestens einem Mrtgliede vertreten, (§ 9, 15 und 32 der Verwaltungsordnung.) Die Verwaltung des OberbefeWhaber Ost steht alst» aus dem Standpunkt, daß ohne formelle Ms-

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