Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 23 (22.6.1917)
- Date
- 1917-06-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Frankfurter Teehaus Jeeg arten am Goetheplatz Abends geöffnet Künstler-Konzert ,..-w . Bibelkundc werden im Heime eutgegengenömme», woselbst auch nähere Auskunft erteilt wird. Movtefiore-Berein. . Die Somm erarbeit des Montefiore zeitigt bis jetzt das schönste Ergebnis. Wohl steht der Hauptstamm der männlichen Mitglieder bei den Fahnen, doch die zugebliebenen'betrachten es als Ehrenpflicht, die Arbeit für die schulentlassene Jugend in altem, bewährten Sinne fortzuführen. Ei» besonderes Ruhmesblatt in der Geschichte des Vereins, stellt die Frauenarbeit dar, die erstmalig in denselben mit den schönsten Erfolgen geleistet wird- Tie jungen Damen haben sich der Arbeit in solch ernster, zielbewußter Weise gewidmet, daß der Verein in letzter Zeit auf eine Reihe von wohlgelungen und stark besuchten Veranstaltungen blicken kann. So fand-am 6. Juni ein Unterhaltungsabend statt, in dem Frl. Toni Gräfenberg mit Liedervorträgen hur Laute und Frl' Irma Scheu er mann mit Klaviervorträgen die Zuhörer zu wahren Stürmen des Beifalls hinrissen. Am 13. Juni sprach Frl. Henny Beyfnfs über „Begabungsunterschiede bei Mädchen und Knaben." Das Interesse war bei den Anwesenden außerordentlich stark und zeigte sich besonders bei der Anssprache, die leider der vorgeschrittenen Zeit halber abgebrochen werden mußte. An Samstagnachmittagen sprachen die Räbb. Dr. Horovitz und Dr. Heinemann in fesselnder Weise über jüdische Thematases folgten daran anschließend Vorträge sowie Gesänge ernster und heiterer Art sowie ein geselliges Beisammensein bei den vom Vereine gereichten Erfrischungen. Auch für die nächste Zeit sind eine Reihe von Vorträgen, geselligen Menden usw. vorgesehen. Die Zionistische Jugevdgruppe eröffnet ihr Selm. Es gereicht der „Zionistischen JUgcndgrnppe" sehr zur Ehre und stellt ihren Zukunftshoffnungen die beste Prognose, daß sie trotz der jetzt herrschenden annormalen Verhältnisse Und der dadurch bedingten Schwierigkeiten es wageil und durchsetzen konnte, die Gründung eines eigenen Heimes hu bewerkstelligen. Am 19. April erst beschloß die Jugcndgruppe auf Aufregung von Frl. Krämer, der bisherigen Obdachlosigkeit ein Ende zu bereiten, und so die Möglichkeit c incr intensiven und ziclbewußten Arbeit zu schassen. Auf der 14 Tage später stattgehabten Mitgliederversammlung wurde «in neuer Vorstand gewählt, der sich aus ''Walther Sund heim er (Vorsitzender). Dr. Szamctz (2. Vorsitzender), Frl. .Grünblatt (Schriftführer), Frl. Schiratzki (Kassier) und Ing. Feigin (Beisitzer) zusammensetzt, und dessen erste Aufgabe die rascheste Lösung der Heimfrage bilden sollte. Und innerhalb der verhältnismäßig kurzen Zeitspanne gelang.es der »nermüdlichien Tätigkeit des Vorstandes, die Idee zur Tat zu gestalten. Am 13. Mai konilte das Heim eröffnet werden. Der Zeit entsprechend, war von einer größeren Feier abgesehen worden. Ing. Fcigin — in Vertretung des . verreisten 1. Vorsitzenden — begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste und dankte all denen, die der Gründung des Heimes ihre Unterstützung geliehen hätten. Er forderte alle Anwesenden auf, nunmehr kräftig initznarbeitcn, zu wirken für die Ausbreitung der Idee und die Weiterentwicklung des Vereins. Und dann e»tlvickelte Redner kurz die weitgestcckten Ziele, die. cs zu erreichen gelte. ■ Dr. Szametz ergriff alsdann das.Wort zu seinem groß angelegten Referat über „Die Existenzfrage der Diaspora'jnden." Der Vortrag beleuchtete in tiefschürfender Weise die verschiedenen Strömungen innerhalb des Zionismus, ausgehend von einer im „Juden" erschienenen Artikelserie von Dr. Klatzkin. 'Jacob Wvlff beglückwünschte die Jugendgruppe zu ihrem entschlossenen Schritt nach vorwärts und überbrachte die Grüße der Ortsgruppe, deren stete und vollste Unterstützung er der Jugendgruppe zusagte. ' So brachte der harmonische Verlauf des Abends einen vollen Erfolg und ließ bei den Teilnehmern eineil bleibenden Eindruck zurück. Denn jetzt ward der Grund gelegt zu einer neuen Zeit, einem neuen Mschnitt, zu cntschlosscnstech systematischer Arbeit. Die Geschwister. Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von Ben-Avigdor: (Fortsetzung.) „Sie wollen fort?" stamnlelte Emilia mühsam, „jetzt.,."' „Mein Urlaub ist zu Eiche, und ich muß auf meinen Posten!" „Sie verlassen also alles, wenn cs den Posten gilt! Der ist Ihnen -lieber als alles andere in der Welt!" Miguel konnte sich nicht länger bemeistern und rief: „Ich kann das Vaterland nicht verlassen und die einzige geliebte Seele, die nnr darin lebt!" Emilia blickte ihn betroffen an. . Da entdeckte er ihr.seine Liebe zu Clara. Emilia hob zu dem Sprechenden ihre Blicke empor, aus dmen tiefe Verachtung sprach und sagte: „Nun so gehen Sie zu Ihrem Posten und zu Ihrer katholischen Braut! Und wenn Gott.für Verräter Gnade hat, so möge er auch Ihnen gnädig sein!" Miguel fühlte sich von ihren Worten tief getroffen, aber er zürnte der Armen nicht, er fühlte ihren Schmerz und verzieh ihr. Aber er fand nicht die Sprache, uni ihr etwas zu antworten, auch konnte er ihr nicht in die Augen sehen. Emilia bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und brach in ein herzzerreißendes Schlüchzen aus. Miguel schien, als hörte er in diesem Schluchzen die Klagetöne seines ganzen Volkes, er ivar tief erschüttert und kam sich 'wie ein schwerer Sünder vor. Und in diesem Augenblicke mußte er scheiden, denn die Pflicht rief! Plötzlich beruhigte sich Emilia, sie erhob sich und begann mit großen Schritten das Zimmer zu durchmesscn. Als sie den Blicken Miguels begegnete, aus denen innige Teilnahme sprach, blieb sic stehen und „Machen Sie sich meinethalben keinen Kummer, ^Miguel. Ich Iverde auch dieses Unglück wie so manches frühere ertragen. Genug geklagt! Ich bin Jüdin und muß würdig mein Leid tragen, wie cs einer Jüdin geziemt. Das Belvußtsein, daß .ich für mein Volk leide, lindert meine Schmerzen." Und als sich Miguel endlich verabschiedete, weinte sie nicht und bewies kein Zeichen von Schmerz. Sie' Ivar ruhig und hatte beinahe eine gleichgiltige Miene, als wäre cs ihr einerlei, ob er ginge oder bliebe. 16. Noch an demselben Abend verließ Miguel die Stadt Cordova, Unterwegs hatte er Muße zu überlegen, welche tiefgreifende Veränderung Mit ihm inzwischen vorgcgangen war. Als er nach Cordova ging, Ivar er glücklich und zufrieden, und jetzt — welche Unruhe durchwühlt ihn.. . Zwei geliebte Seelen hat er in dieser Stadt gelassen: die eine ruht in der kühlen Erde, die andere ist am Leben. Von der erstcren schied er mit Schmerz, aber in Frieden, — welch grausame Seelenpein verursachte ihm der Abschied der zweiten! Bei der Erinnerung an Emilia durchzuckte ihn ein innerer, unnennbarer Schmerz. Sie kam ihm vor, wie ein Blitzstrahl, der auszuckt, um zu verschwinden. „Für immer?" fragte er sich, „Gott, werde ich sie nie Wiedersehen? Wie auch? Wir sind ja für immer getrennt, sie geht in die Verbannung, und ich bleibe...." „Wird mir Clara den Mangel Emilias ersetzen können? Nun ja? — — aber wird sie niir niein Volk, meinen Gott ersetzen können?" Ach, lvenn der Lehrer ihm das Geheimnis nicht eröffnet hätte, was wäre er dann gewesen? Wurden ihm alle diese Bitternisse erspart geworden sein? Zlvar wurde ihn auch dann die Vertreibung der Juden aus Spanien tief betrübt haben. Wie Ivürde er auch ruhig haben zusehen können, wie schuldlose Menschen so unsäglich leiden, — aber nun, loelch ein brennender Schmerz, zu wissen, daß das deni eigenen Volke geschieht, und machtlos zu sein! Nur noch vier Monate — und dann darf kein Jude mehr auf Spaniens Boden Ivandeln. — Er -konnte den Gedanken kaum fassen; Spanien ohne Juden! Ja, auch er wurde gerne zum Wanderstabe greifen und mit seinem Volke die Verbannung teilen, er ivürde es für Feigheit halten, sich von den Unglücklichen losznsagen, — aber Clara? und das geliebte Spanien? Je näher er jedöch Toledo kam, desto mehr überkam ihn ein Gefühl besänftigender Ruhe. Dort harrte die Geliebte seiner, und er empfand unsagbare Wonne bei ihrer Erinnerung. Wie sehnsüchtig muß sie seiner harren, tvie sehr ivird sie sich freuen, ihn wiederzuseheir! Wird sic auch dm großen Wandel wahrnehmcn, der in seinem Innern vorgcgangen ist? — — Aber I E. T. Rodehan, Herrenschneider Frankfurt a. Main, Friedensstrasse No. 1 Telephon: Römer 3650. FEINSTE MISS-SCHNEIDEREI. Anf Wunsch koschere Verarbeitung. I I T. lTi*ä m 01« Erl«wr laehf. I Äramor Kalsemofstr.MJ aller Art Herren- und Damenhüte. -- Abholung und Lieferung frei ins Haus. I das ist einerlei. Er hat ja längst beschlossm, kein Geheimnis daraus zu machen. Sie soll alles erfahren. Das ist Pflicht eines ehrenhaften Mannes; so hat er immer gehandelt, und so wird er auch wefter handeln; sie täuschen, wäre schlecht; dabei kann ihn ja die Inquisition täglich midcckm, — was würde dann aus ihr werden? Mso wird er, ihr seine Abstammung nicht ververheimlichen. Er ist sicher, daß diese Eröffnung auf ihre Gefühle keinen Einfluß haben wird, — und wenn sie ihn verstößt — nun, dann wird er das Los seines Onkels wählen, dann wird er sie verlassen! Unter solchen Gedanken war Miguel in Toledo angelangt. Kaum hatte er sich etnms ausgemht, als er zu Clara eilte. Sie empfing ihn jubelnd, und ihre Freude kannte keine Grenzen. „Grausamer!" scherzte sie, „wie konntest du so lange säumen und mir die Ruhe rauben! Du hast meinm Schlaf mit dir genommen." „Und meinen habe ich hier gelassen!" Er erzählte ihr von der Krankheit und dem Tode seines Meisters, was sie beide traurig stimmte. Dann erzählte er ihr seine Reiseeindrücke ünd hörte aufmerksam ihrer lieblichen Stimme zu, als sie ihm erzählte, wie sie hier die Tage verlebte. Miguel fühlte sich wie verjüngt. Claras liebliches Wesen, ihre sanften und dach glühenden Augen, das heitere Lachen, das von ihrem. Munde erklang, machte auf ihn einen tiefen Eindruck und verwischte beinahe die früheren schmerzlichen Erinnerungen. Seine Liebe entflammte in neuer Glut und drohte das Gedächtnis an Emilia, und alles in Cordova Durchlebte zu vernichten. Er fragte sich selber verwundert, wie er nur auf den Gedanken kommen konnte, Clara zu verlassen? Er empfand jetzt die Liebe zu Spanien doppelt , ,stark. Der Zauber, der von Claras Persönlichkeit ausging, schien der schönen Halbinsel einen neuen Reiz zu verleihen. Nein! er kann sich nicht losreißen! . Aber er konnte sich nicht so rasch entschließen, ihr sein Geheimnis zu entdecken. Er konnte nicht wagen, das süße Lächeln, das um ihren Mund schwebte, zu verscheuchen. Wer kam: düstere Wolken auf diese heitere Stirne heranfbeschwören? wer kann ans diesen schönen Klugen Tränen pressen? „Ein anderes Mal!" dachte er und beruhigte sich. Aber deni scharfen Auge der Liebe entging die innere Unruhe nicht, die in Miguels Busen nur eingeschlummcrt, aber nicht erlöschen Ivar. „Weshalb bist die zuiveilcn so traurig, Geliebter, seit du ans Cordova zurückkchrtcst?" ftagte ihn Clara einmal, „Du kennst ja das Unglück, dem die .Juden in unserem Lande cntgegcngchen! Welcher Edcldcnkende wird nicht mit den Tausenden von Menschenscelen initfühlen, denen so viel Ungemach und Elend bevorsteht. Und wird es der Wohlstand des Vaterlandes nicht arg empfinden, daß die, betriebsamsten und fleißigsten Bürger vertrieben werden?" „Es ist sehr traurig," antwortete Clara seufzend. „Aber vielleicht besinnt sich noch das 'Königspaar imd nimmt den grausamen Befehl zurück, der sogar vielen Katholiken mißfällt. Mein Vater, obwohl ein sehr eifriger Katholik, ist darüber sehr empört!" In Miguels Seele begann ein Fünkchen von Hoffnung zn glimmen. Aber später, als er mit den maßgebenden Persönlichkeiten zufammenkam, überzeugte er sich, daß es vergebliche Hoffnung sei, da Torquemada und Ximenes die 'Vertreibung.der Juden beschlossen hatten, mü> alle entgegengesetzten Bestrebungen zu vereiteln wußten. So verflossen einige Wochen und Miguel hatte seiner Geliebten das Geheimnis, das er in seinem Busen verbarg, noch immer nicht entdeckt. Ein anderes Mas! — vertröstete er sich immer. Da wurde er einnml beordert, an der Spitze einiger Regimenter nach Granada zu gehen, wo eine Empörung der Mauren auszubrechen drohte. Der Aufstand sollte im Keime erstickt und die Ordnung iviederhergestellt werden. Der Befehl konnte Miguel nicht unerwünschter kommen. Er hatte jetzt nötig, eine treue und liebende Seele um sich zu haben, an der er sich anfrichten konnte.