Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 23 (22.6.1917)
- Date
- 1917-06-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. ■£ Kaffee Kuhland 5J Kaißerstrasse 56 Kaiserstrasse 56 Täglich erstklassige BtT". Unterhaitniigsniiisik 1— — GesangB - Einlagen. > sobald fein inneres Gleichgewicht umzusinken drohte. Seine Liebe zu Clara bedurfte der Stärkung, der täglichen Verjüngung. Auch Clara war über die bevorstehende Trennung untröstlich. „Wann werde ich dich endlich ganz besitzen, uirgeteilt, ohne mich allemal von dir trennen zu nrüsscn?" sagte sie. „Niemals," antwortete Miguel, „stets muß ich dem Vaterlande gehören; und wenn es' ruft, muß ich mich aus, deinen Armen reißen, um dem Befehl zu gehorchen. Wir müssen uns bescheiden, mit dem, was uns der Himmel gönnt." In allen Städten, die Miguel auf seinem Marsche passierte, vernahm er die Klagen der Juden, die mit Schrecken der Stunde cntgegcnsahen, da. sie die Heimat für immer verlassen sollten. Das Unglück war über sic ganz plötzlich, wie der Blitz aus Heiteren Himmel gekommen. -Sogar unter den Katholiken fanden sich Männer, die laut gegen den grausamen Erlaß murrten. Besonders war es der Adel, der seinen Unwillen nicht verhehlte, da er seine Freiheit durch die Priester untergraben sah. Der- Adel fürchtete, daß ihm die immer mächtiger werdende Herrschaft des jClerus einmal sehr unbequem werden könnte. Miguel nahm dies alles wahr, sein Herz drohte zu brechen, aber er mußte schweigen. In Granada war die Verwirrung noch .größer. Dort waren die Juden bis dahin unbehelligt geblieben und hatten es zu einem bedeutenden Wohlstand und zu hoher geistiger Entwicklung gebracht. Dort war keine Inquisition, die ihr Blut in Scheffeln trank, — aber als die Stadt von den Spaniern erobert wurde, mußten sie das Los ihrer Brüder im übrigen Spanien teilen. Der Ausweisungsbefehl traf sic wie ein Donner. Das Klagen und - Jammern war ^grenzenlos. . Die einen waren wie besinnungslos und liefen weinend und wehklagend in den Straßen umher; die anderen bestürmten die einflußreichen spanischen Granden beim König, für sic Fürsprache zu halten. Viele verbanden sich mit den Mauren und Marannen und beschlossen, bewaffneten Widerstand zu leisten. Aber die Besonneneren gaben ihnen zu verstcheit, daß jeder solcher Versuch eitel wäre, und ermahnten sic, ihr Geschick mutig und im Vertrauen auf den Gott der Väter zu tragen. Was Miguel am meisten empörte, war die offenkundige Vergewaltigung, die man den Unglücklichen obendrein zufügte: im Edikt hieß cs ausdrücklich, daß es den Vertriebenen sreistche, ihr ganzes Habe und Gut mit sich zu Nehmen, nur Geld und Kostbarkeiten müssen sie im Lande lassen. „Welch eine unwürdige Hinterlist!" rief cs in ihm. Die' Ergebenhcft, mit welcher viele Juden diesen Schlag ertrugen, imponierte ihm höchlich. Sic erschienen ihm wie ein Bild der Tapferkeit, des Glaubens und des Gottvcrtrauens. „Das sind edle Kämpfer," dachte Miguel, „Kämpfer und Dulder für ihre Ueberzeugung. Ein stiller, aber beredter Protest gegen die tierische Verrohung, die sie umgibt." Der etwas beruhigte Widerstreit der Empfindungen erwachte von neuem in Miguels Brust. Die traurige Lage seiner Brüder zog ihn mächtig zu ihnen hin. Es drängte ihn, sich unter sie zu mischen, mit ihnen zu leiden. Welch ein erhebender Gedanke, für die Gercchtigkeft zu leiden. Und er glaubte, Emilias durchbohrende Micke Ms sich ruhen zu sehen, die wie Dolche in sein Inneres drangen und sein Herz zermarterten. Auch Claras BW tauchte vor ihm ans, — und die beiden Mädchengestalten standen abermals feindlich gegenüber, kampfbereit Religion und. Vaterlandsliebe standen sich gegenüber. Was soll er da beginnen? Wo einen Ausweg finden in diesem Zwiespalt seiner Seele? Und der Tag, der schaucrvollc Tag, rückte immer näher. In demselben Maße steigerte sich Miguels Unruhe. Vielem hatte er in der Welt entsagen gelernt, aber an den Gedanken, für imnier sich von seinen Brüdern zu trennen, konnte er sich nicht gewöhnen. In Granada wurde ein feierlicher Gottesdienst und ein Fasttag angeordnet. Die ganze jüdische Gemeinde versammelte sich in dem großen Gotteshaus, das ihre Vorfahren vor undenklichen Zeiten im prächtigsten StWtvicrtcl erbaut hatten, um die Gimdc des Allmächte en auf ihre Rot herabzuflchen. Auch Miguel kam Frankfurter Israelitisches Familienblatt. in Civilverkleidung dahin. - Ohne die Gebete zu verstehen, tvurde er vom Anblick doch tief erschüttert. Ein tausendstimmiges Weinen erhob sich und erfüllte den mächtigen Raum. Miguel glaubte darin das Weinen des Gesamtvolkes zu vernehmen, das die hohe Kuppel des Tempels durchbohrt, und zum Himmel emporstcigt, um vor dem Throne des Allmächtigen Klage zu führen Wer das unsägliche, unverschuldete Leid, das herzlose Menschen anstistcten. In diesem Augenblicke weinten alle Juden Spaniens. . . Auch Emilias Stimme — dachte er — mischt sich von der Ferne in diesen Chor der Klagen, vereint sich mit den Stimmen der Kinder ihres Volkes. Miguel konnte seiner Erregung nicht Meister werden; ein heftiges Schluchzen drängte sich hervor, und dann rannen die Tränen sanft und ruhig und brennend über seine Wangen. Ach, wenn er Clara und sein Spanien vergessen, aus dem Herzen reißen könnte, was würde er nicht dafür geben! Wie gerne möchte er sich mit dieser in Tränen zerfließenden Gemeinde für immer verbinden, eine geheime, zaubermächtige Gewalt zieht ihn zu ihnen hin. . . Da besteigt der greise Rabbiner die Tribüne und -beginnt zum Volke zu sprechen. Miguel horcht und fühlt, wie das Herz in seiner Brust schmilzt. .„Brüder!" erscholl die Stimme des Predigers. „Eine schwere Zeit ist über Spaniens Judenschaft herangcbrochen, ein schweres Los hat Gott über uns verhängt, wie wir es seit der Verbannung aus dem heiligen Lande, seit der Zerstörung unseres Heiligtums nicht erlebt haben. Es ist im Rate Gottes-beschlossen, daß wir auswandcrn soll aus dieseni schönen Lande, das uns seit vielen Jahrhunderten eine zweite Heimat war. Hier durste Israel so lange frei und.offen seinem Gotte dienen, 'feine heilige Lehre pflegen, Tempel , zur Verherrlichung des Schöpfers und Hallen zur Pflege der Wissenschaft aufführen. Hier erscholl der Klang der hriligcu Sprache in herrlichen Gesängen, und das Licht der Thora strahlte nojch allen Richtungen der Welt. Unsere Vorfahren erklommen die höchsten Stufen der Staatswürden, und auf dem . Gipfel ihres Ruhmes blieben sie der angestammten Religion und dem Gotte der Väter treu, t Run hat Gott aiiders gewollt. Er ließ den fremden Eroberer aus der Ferne komnien, und das Land wurde ihni zur Beute. Seither wurde uns dieses Paradies .zur Hölle, das Blut unserer Brüder fließt in Strömen. Run müssen wir aber das Land gänzlich verlassen. Uns, die wir der glücklichen Tage gedenken, die wir unter dem Schutze der Maurenkönige verlebten, trifft dieser Schlag härter als unsere Bruder im übrigen Lande, die. von jeher unter dem herzlosesten Drucke zu lechen hatten. Aber Gott ist gerecht, und wir müssen uns in Demut vor seinem Beschlüsse beugen. Gewiß haben wir die Wege unserer fiommen Väter verlassen und in den Tagen des Glückes zu wenig an Gott gedacht. Unsere Schulen und Gotteshäuser werden entweiht, die Gebeine unserer Vorfahren in. der fremden Erde zurückblcibcn. Aber lasset uns nicht murren. Zum Trost, möge uns das Bewußtsein gereichen, daß wir heiser 'sind als unse.re Peiniger, die uns schuldlos folgen. Gott der Vater wird dann wieder uns sein Antlitz leuchten lassen und uns in Gnade aufnehmen. Aber nun steht uns eine harte Prüfung bevor. Die Feinde rvcrdcn uns den Schimnicr eines Irrlichtes zeigen und uns verlocken wollen, durch die Taufe dem grausen Lose zu entgehen. Laßt uns daher stark sein! Niemand von uns darf sich zur Untreue verleiten lassen! Auch möge es niemandem einfallen, das Beispiel unserer .unglücklichen marranischen BrUder nachzuahmen!.' Ihr seht, welches Los ihrer wartet. Trotz ihrer Vorsicht werden sie von der Hand der Inquisition ereilt, und -müssen auf dem Scheiterhaufen sterben. Und was.würde aus denen werden, die auch nur zum Scheine den Katholizismus annehmen? Werden sic nicht, nachdem der Grundstock des jüdischen Volkes das Land verläßt, wie ein vom Stamme losgelöster Zweig verdorren müssen? Werden sie nicht nach und nach ihre väterliche Religion gänzlich vergessen und spurlos mtter den katholischen Spaniern aufgchen? Mögen also alle die Feigen und Mattherzigcn rvisscn, daß, wenn sie auch nur zum Scheine ihren Glauben verlassen, sie sich dadurch für immer von Israel lossagen! Wir müssen dem Beispiele unserer Borfahren folgen, die mutig in den Tod - gingen, wocs galt, die Treue ihrer Religion zu bewahren. Die Mariannen. aber mögen nach und nach das Land verlassen nick» Stätten aufsuchen,. wo sie die Maske-Her Nr. 23 Lüge oblegen können, ohne ihr Leben zu gefährden, wo es ihnen freistehen wird, sich offen zu unserem Glauben zu bekemicn!" Dann ermahnte der Prediger die Gemeinde' zur Einigkeit und zu gegenseifiger brüderlicher Unterstützung. Zum Schlüsse forderte er sie auf, die Gräber der Verstorbenen zu besuchen und die Leichensteine mitzunchmen, damit sie nicht von rohen Händen entweiht würden. Die flammenden Worte des Predigers machten auf Miguel einen tiefen Eindruck. Er .glaubte daraus heftige Vorwürfe gegen sich herauszuhören. Die ganze Rede schien ihm wie auf ihn absichtlich gemünzt. Auf ihn paßte ganz die [ Bezeichnung Feigling,' die der Redner gebraucht hatte. Er kam sich vor, als stünde er vor dem Richter, der ihm sein Sündenregister herzahlt. So tobte in ihm der Sturm immer heffigcr. Bald kam ihm der Gedanke, sich unverzüglich den Auswanderern anzuschließen, bald wieder siegte die Liebe über die Pflicht. Miguel empfand schmerzlich den Mangel seines Lehrers und Leiters, der ihm wohl den Ausweg aus diesem Wirrwarr gezeigt hätte. In dieser Sttmmung wurde er eines Tages nach Toledo abberufen. 18. Es war am Morgen des 2. August 1492, am neunten Tage des Monats Ab. Donna Clara de Henriquez saß cinsanr im prächtigen Garten hinter dem Palaste; sie schien mit wenig heiteren Gedanken beschäftigt, denn auf ihrem schönen Antlitz lag ein Schatten von Trauer. Weshalb er nur so lange ausbleibt? Andere Regimenter sind längst zurückgekehrt, und er läßt so lange auf sich warten. Wie unendlich lang ihr die Tage Vorkommen, auch des Nachts ist ihr Schlaf hin! Da erinnerte sie sich seines Abschiedes und des verborgenen Kummers, der an seinem Herzen zu nagen schien. Was mog das gewesen sein? Zwar hatte er immer seine Stunden, wo ihn die gewöhnliche Heiterkeit verließ, aber diesmal war er besonders ficf betrübt, was umsomehr auffiel, als er seine Stimmung zu verbergen bemüht war. Soll es wirklich nur die Teilnahme am Lose der vertriebenen Juden sein? Aber auch sie ist ja davon ergriffen, nur allerdings nicht so heftig, daß alle anderen Gefühle davor zurückwcichen. Aber er ist üun einmal so, beruhigte sie sich, ftemdes Leid kann ihm so tief zu Herzen gehen... Da trat Maria hinzu und sagte lustig: „Signora, machen Sie Toilette, dann gehen wir hinaus, uni der Vertreibung der Juden zuzusehen. Es verspricht ein köstliches Schauspiel zu werden!" Clara wurde totenbleich und machte eine abwehrende Geberdc. Plötzlich erschollen Männertritte, und bald stand Miguel vor ihr. Clara stürzte sich ihm jubelnd entgegen; jede Spur von Kummer war aus ihrem Antlitz verschwunden, und sie rief fröhlich : „Willkommen, Geliebter!" Aber das Wort erstarb ihr auf den Lippen, als sie Miguels verstörtes Antlitz und seine wild und unheimlich rollenden Augen bemerkte. Er bebte am ganzen Körper. „Was fehlt dir, Miguel!" schrie Clara entsetzt. „Bist du krank?" „Sei ruhig, Clara," brachte Miguel mühsam hervor, indem er sich zu beherrschen suchte und ihre Hand küßte, „soeben bin ich angekommcn und bin hierher geeilt, ich bin von der Reise sehr erschöpft! Wie erging es dir hier?" ' - „Gut!" sagte sie, „aber laß uns sitzen." Sie ließen sichauf eine Bank nieder, und Clara legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: „Miguel, ich beschwöre dich, -verbirg mir nichts, ich bin ja deine treue Clara, und ich merke, daß du einen schweren Kummer vor mir zu verheimlichen suchest." „Du hast Recht, Clara," antwortete er mit bebender Stimme, „aber fasse dich, das große Geheimnis zu vernehmen." - Clara öffnete die Augen' weit und horchte gespannt. „Wisse also, Clara, daß ich nicht dein Glaubensgenosse bin." „Wie? was dann?" stotterte Clara. . „Jude bin ich!" „ _ (Fortsetzung folgt.) F. SAINT-DENIS, r'E'ESKSi*; ALLE REPARATUREN an UHREN - ' Gold und SUberwareri, Brillen und Zwicker.,