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Neue jüdische Presse · 1917-06-15 · Heft 22 (15.6.1917) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 22 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Innern gegen die Ausführungen Emilias. Nein: Spanien ist sein Vaterland, und taufend Tyrannen können es ihm nicht rauben! Spanien ist fein und seiner Brüder Vaterland, und wenn, grausamer Fanatismus sie daraus verjagt, so hört es dennoch nicht auf, ihr Vaterland zu fein. „Es ist gut, daß man uns verjagt," nahm Emilia wieder auf, indem sie im Zimmer auf und ab zu gehen begann. „Wir dürfen mit den Mördern nicht in einem Lande wohnen; Menschen sollen mit Raubtieren nichts gemein haben. Hätten unsere Brüder Ehrgefühl gehabt, sie hatten dies Blutland längst verlassen und wären von selbst ausgewandert." Bald aber brach sie in ein Weinen aus: „Auswandern? aber wohin? Wenn sie einzelweise, in kleinen Gruppen das Land verlassen hätten, das wäre leichter gewesen, aber nun sie vertrieben und gezwungen werden, mit einemmale sich eine neue Heimat zu suchen. — Wohin sollen sie sich wenden? Alle ihre Besitztümer bleiben im Lande, und sie müssen die Stätten ihrer Tätigkeit und ihres Fleißes nackt und mit leeren Händen verlassen, wo werden sie eine Ruhestätte finden?" Plötzlich blickte Emilia nach dem Krankenzimmer und rief aus: „Wäre der Großvater nur wieder hergestellt, wir würden das Land augenblicklich verlassen, ohne den Termin abzuwarten. In einem andern Lande wird es uns frei stehen, uns offen zu unserem Glauben zu bekennen. Wie lästig ist mir die Maske, die ich tragen muß! Oft drängt es mich, in die hiesige Synagoge zu gehen, um meinem gepreßten Herzen vor Gott Lust zu machen, aber da steht ja mein und des armen Greises Leben auf dem Spiel." Sie hielt inne, dann rief sie: „Nein! nicht jetzt! Wir trennen uns nicht von unseren Brüdern, zusammen verlassen wir das Land, und zusammen gehen wir in die Verbannung!" In Miguels Gemüt beschworen diese Worte des Mädchens einen heftigen Sturm herauf! Er empfand etwas wie bittere Demütigung. Sie will sich von den verbannten Brüdern nicht trennen — und ich? Soll ich zusehen, wie mein Volk in die Fremde geht? Wird nicht mein Los sein wie das des Wassertropfens, der vom Meere auf den Sand gespritzt wird und im Sande versickert! So werde ich und meine Nachkommen unter Spaniern, fern und losgerisscn von meinem Stamme untergehen, ohne Zusammenhang, ohne Fühlung mit dem Judentum. „Und Sie, was haben Sie vor?" fragte Emilia plötzlich. „Ich?" stotterte Miguel und konnte nichts entgegnen. „Gedenken Sie etwa hier zu bleiben, während Ihr Volk in die Fremde geht?" — forschte Emilia und sah ihn durchdringend an. „Kann ich denn mein Vaterland verlassen, das ich wie mein Leben liebe?" entgegnete Miguel und senkte die Augen, da er nicht den Mut hatte, ihr ins Gesicht zu sehen. — Kann ich?. Die zweite Ursache, die ihn festhielt, verschwieg er. „Und Ihr Volk?" — fragte Emilia vorwurfsvoll, und ihr Gesicht flammte. „Aber" ... „Aber!" — unterbrach Emilia heftig — „ich kenne dieses „Aber!" Es tut Ihnen leid, sich von ihrem Rang und Ihrem Ansehen im Spanien zu trennen! Ja, ja, es ist besser in Spanien als bedeutender Feldherr zu leben, ein üppiges prunkvolles Dasein zu führen, anstatt in fremden Ländern herumzuirren, Verfolgung nnd Verachtung, vielleicht auch Mangel und Not zu erdulden!" Jedes ihrer Worte traf ihn wie ein Dolchstich. Er wurde abwechselnd rot und blaß, und seine Blicke verrieten Scham und stillen Vorwurf zugleich. „Emilia, urteilen Sie nicht falsch" — kam cs flehend von seinen Lippen. — „Sie ahnen nicht, wie sehr ich mein Spanien liebe, dafür ich so oft in den Tod gegangen bin. Das können Sie mir nicht nachfühlen. Wenn Sie für das Vaterland Ihr Blut vergossen hätten, Sie würden dann begreifen, daß die Heimat verlassen so grausam ist, wie sich vom Leben loszusagen." „Das will ich zugeben" — entgegnete Emilia etwas beruhigt — „aber vergessen Sic nicht, wie oft unsere Vorfahren der Religion zuliebe dem Leben entsagt haben! Wie oft haben sie den Scheiterhaufen freudigen Herzens bestiegen, um so für die Heiligung des göttlichen Namens Zeugnis abzulegen! Ich bin überzeugt, daß auch jetzt der größte Teil unserer Brüder keinen Augenblick schwanken wird. — Heimat!" — schrie sie plötzlich auf mit veränderter Stimme, und ihre Augen funkelten unheimlich — „ist dies Land unsere Heimat? Das Land, Frankfurter Israelitisches Familienblatt. wo wir seit so vielen Jahren Höllenqualen zu erdulden haben, das getränkt ist vom Blute unserer armen gemordeten Brüder, dessen Einwohner uns, die nur feit einem Jahrtaufeno hier festen Fuß gefaßt haben, wie die wilden Tiere hetzen, wo wir vogelfrei sind, den Gelüsten jedes rachsüchtigen oder habgierigen Priesters preisgegeben, — ich hasse, ich verabscheue dieses Land!" Miguel war von dieser Rede überwältigt und fand keine Worte der Widerlegung. Die kühnen Ausführungen der Sprecherin imponierten ihm, — aber sie taten ihm unendlichweh irr der Seele. Sie klangen in seinen Ohren wie "Blasphemie. Nach einer Weile faßte er sich und sagte mit ruhiger Stimme: „Trotzdem bleibe ich bei meiner Behauptung, daß wir so gut wie alle Spanier Kinder dieses Landes find. Wir dürfen auf unsere Rechte nicht verzichten, wenn sie uns auch verkümmert werden. Wenn man uns auch . jetzt bedrückt und grausam vergewaltigt, — die Herrschaft der Ruchlosigkeit und der Gewalt wird doch nicht ewig dauern. Der Geist Spaniens kann nicht für immer so tief sinken. Es wird eine Zeit kommen, wo ein neuer Geist unser Vaterland beleben, die Dunkelheit, die uns heute umlagert, zerstreuen und das Licht der Gerechtigkeit und der Menschenliebe heraufführen wird über Spaniens Söhne. Das Vaterland wird dann das an uns begangene Unrecht gutmachen und seine verbannten Söhne wieder heimrufen, wo wir wieder wie früher glücklich sein werden!" Miguel hatte mit Wärme gesprochen; er versenkte seinen Blick in eine erträumte, bessere Zukunft um sich über die düstere Gegenwart zu trösten. Auch Emilia schien bewegt und hingerissen. Wie traumverloren versetzte sie: „Wann wird diese schöne Zeit kommen? Wer weiß, wie viele Jahrhunderte noch vergehen können, wie viele Leiden und Verfolgungen wir inzwischen noch erdulden werden!" Dann erwachte sie plötzlich aus ihrem Traume und rief heftig: „Nein! Wenn sie uns dann auch zurückrufen, wir kehren nicht wieder in dieses undankbare Land, das uns stiefmütterlich und treulos verstößt! Fremd sei uns dieses Land fortan! . . . ." „Sie ahüen nicht, wie mich Ihre Worte schmerzen, Emilia!" Emilia antwortete nicht, sondern blickte traurig vor sich hin. 15. Miguels Urlaubszeit war zu Ende, und er mußte nach Toledo zurückkehren. Er ging zu Emilia, um sich von ihr zu verabschieden. Unterwegs bemerkte er eine zahlreiche Menschengruppe, die sich um einen in der Mitte stehenden Mann drängte. Miguel trat heran und horchte. „Ich kann es Euch gar nicht schildern," ließ sich der Erzähler vernehmen, „welch ein prächtiger Anblick es war. Die ganze Bürgerschaft und der Adel, tvie auch ' die Geistlichkeit von Toledo, die Spitzen der Behörden und auch zahlreiches Volk war zugegen. Das vornehmere Publikum hatte eine Tribüne eingenommen, die den Platz amphitheatralisch umgab, und der Rest der Zuschauer stand Kops an Kopf gedrängt in der Mitte. Gegenüber standen die verurteilten IKetzer, die eben verbrannt werden sollten; darunter waren hochangcsehenc Granden, frühere einflußreiche Beamte, berühmte Feldherren . . ." „Können Sie vielleicht jemanden von diesen mit Namen nennen?" fragten einige von der Gruppe neugierig. „Jawohl!" antwortete der Erzähler stolz, „der eine hieß Don Valero de Franco" .... Miguel zuckte zusammen. „Dieser hatte offen gestanden", setzte der Erzähler fort, „daß er von einer noblen jüdischen. Familie abstamme; bis vor einem Jahre habe er es selber nicht gewußt, aber seit er es erfahren, bekehrte er sich im Innern zu seinem alten Glauben und war im Geheimen eifriger Jude" . . . Miguel verließ wankenden Schrittes die Gruppe und ging seines Weges. Jeden Augenblick sah er sich erschreckt um, wie fürchtend, ob nicht Boten der Inquisition hinter ihm her sind. „Also auch der war Jude," dachte er, „vielleicht sind auch meine Übrigen Freunde und Bekannten Juden. Ist dies das Los der Wahrheit in diesem Lande? Muß jeder LeLine Maske tragen?" L L„Und dieser Herrliche Jüngling wurde ein Opfer der Flammen der spanischen Hölle! Dank für seine Tapferkeit und seine kriegerischen Großtaten im letzten Kriege!" Nr Er war vor Emilias Wohnung angelana trat ein. „Eben vernahm ich eine Nachricht, die n erschütterte," erzählte er. „In Toledo hat foe Auko-da-fe stattgefunden, und zwischen den ungl Opfern befand sich mein Freund und Waffenbru junger Offizier, mit dem ich zusammen die Bel von Granada mitmachte. Er galt als Christ, erfuhr er, daß er Jude sei und bekehrte sich, mußte er sterben, so grausam sterben!" „Wie hieß dieser Arme?" fragte Emilia m gefähr. „Don Valero de Franko." „Valero! mein Freund!" schrie Emilia m ohnmächtig zusammen. Es dauerte lange, bis Emilia, von Miguel wieder zu sich kam und ein Lebenszeichen gab „Armes Mädchen!" dachte Miguel, „es u harter Schlag, und ich mußte der Hiobsbote sein wie konnte ich ahnen, daß er ihr Geliebter war merkwürdig ist dies Zusammentreffen." Emilia erholte sich ganz und richtete sich auf. Ein Strom heißer Tränen stürzte aus Augen und brachte ihrem Herzen Erleichterung „Verbrannt haben sie ihn!" jammerte sie, ,, also Jude, und wir wußten es nicht! O, istglückliche!" In Miguel weinte das Herz; er fühlte ihr : loses Weh und konnte dessen ganze Größe er „Wie kam das nur?" fragte sie. „Wann i in Granada, und wann erfuhr er sein 'Gehei- „Das weiß ich auch nicht," antwortete 2 „Zwei Jahre belagerten wir Granada zusammen als wir die Stadt endlich besetzten, blieben wi wenige Tage da. Ich Ihielt ihn immer für einen Ehr „Wenn er gewußt hätte, daß ich in Grande Wenn er das gewußt Hätte! zweifelsohne bekan sich schon damals zum Judentume." Miguel suchte sic zu trösten, so gut er konnte erst nach geraumer Zeit, als ihre Tränen Vers beruhigte sie sich etwas. „Wissen Sie, Emilia," sagte Miguel, „ich b kommen um mich von Ihnen zu verabschieden, ich muß nach Toledo zurück." (Fortsetzung folgt.) De«« FreuSe ist i« seine« Wohoimge Sie schreien alle: Diese Welt! Diese Welt wollen sie, lustig wollen sie sei fröhlich . . . Freude wollen fie haben, den Ges des Lebens fpüren ... Und ich sage euch: Freude ist in seinen Wohin- Er ist der Quell der Freude . . . Von ihm ' sie aus! Freude steckt in der Thora, in den Mizwe guten Werken, in den Seelen der Gerechten, allem was von dort gespeist wird, was vom r des göttlichen Thrones saugt! Auf dem ganzen Diesseits, sage ich euch, Trauer und Schwermut. Alles ist mit Trübsinn tränkt und in Trübsinn gehüllt. Denn worüber soll man sich freuen? Von w die Freude Herkommen? Darum harrt jedes Ding seiner Erlösung Alles muß von der Schwermut erlöst werden, vo Erstarrung, in die alles verfällt, wenn es reichi einem Strahl seiner Gnade gestreift wird! Ein Beweis: Wir tririken, und fie trinkeil . . . Welchen Geschmack hat ein Schluck Braniüuu einer Schenke, urrd welchen Geschmack hat ein 2 Branntwein in der Betstnbe, ivenn der Abschluß Talinndabschnittes gefeiert wird, oder bei einer Ja- und selbst bei einem gewöhnlichen Schalafchudes! Bei ihnen läßt sich der Branntwein gar trinken, und man hat auch keine Lust, ihn zu tri Man tut es nur, wenn der Böse Trieb befiehlt! redet ihnen zu, und fie folgen ihm . . . Darum - *) Probe ans I i z eho k Leib P e r c z „E I: e d i s ch c G e s ch i ch t e n". AnS dem Jübischeu von Lli der Elinsberg. 268 Seiten. 4 M., gcb- 5,60 M. und Berlin, R. Löwit Verlag. Die obige Probe ist ein Musterbeispiel für die e art des Chassidismus. Sic zeigt aber auch, daß die I! tragung von Eliasberg eine tadellose ist. die stattung, die der Verlag dem Buche gegeben hat, vei gerühmt zu werden. **) Weidenruten, die am Hojschano-Rabo, dem 7. des Sukkofestes, während des Gebets abgeklopft wc

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