Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 20 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Siln-ttt M Knihti gegenüber dem General-Anzeiger Vornehmes Familien-Kaffes Nachmittags u. Abends Konzert. kchrt „lerachek kcrv'biin", die Nahestehenden vom Judentum a b z n st oß e n? Auf Grund der bisherigen befremdenden Maßnahmen der Herren Rabbiner K oh n und «Carleb a ch müssen wir leider all diese Fragen im negativen Sinne beantworten. Ml die schiefen und gar häufig verwerflichen Handlungen — von der Loyalität triefenden Adresse au den Staatsrat des antisemitischen Polen bis zum Cherem des Geber Rebbe beweisen höchstens — diplomatische Fähigkeiten nach der Methode der alten Schule der Reaktion. Dies ist aber auch alles! Nicht Friede, nicht Ausgleichung nicht Einigung^ Nicht Annäherung, nicht Würde haben Dr. Kohn und Dr. Carlebach nach Polen getragen, sondern Hader, Zerreißung, Unversöhnlichkeit. Anstatt sich an die gefauiben, . erhaltenden Elemente zu wenden, haben sie es Vvrgezogen, sich an die fauleN, morschen -Elemente innerhalb der Chassidim und an die Assimilation zu halten. Lie^t der Grund hierfür in der Absicht diese untauglichen Elemente für die eigenen Zwecke auszunutzen oder in der Gemeinsamkeit des Standpunkt des „Nur-Konfessionellen" oder in beiden zugleich, — das erübrigt sich zu ergründen. Doch eines vergessen diese Diplomaten, daß sie mit dem Betreiben der Nur-Konfessionellen den Äst, auf dem sie und die ihrigen sitzen, absägen mtb sich in einen Gegensatz zn ihren Auftraggebern stellen. Wie dem auch sei, so ist das Gebahrem des Wiplomatenrabbiners Kohn dazu angetan, nicht nur den polnischen Juden ungeheuren Schaden zuzufügen, sondern auch der Tradition als solcher den größten Abbruch zn tun. Daß dabei der Ruf der westlichen Trennungsortbvdoxie, der wegen Einseitigkeit, Scharfmächerei und Mangel an Jinzrerlichkeit noch schlechter wird und der Riß Mischen ihr und den übrigen Orthodoxen erweitert wird, braucht nicht erst gesagt zu werden. Allein die Trennnngsprthvdoxie sucht ja die Kluft zwischen sich und den Andersdenkenden künstlich zu vertiefen, lediglich wegen der Erhaltung ihyes -in Wahrheit unhaltbaren Prinzips. Ihr rufen wir zu: Chasor becha! (Besinnt Euch und kehret um). Dies gill dem gutgläubigen, jedoch rrvegeführten Tell. Dem anderen hingegen, der sich der Tragweite der Zerreißung und des Unjüdischen dieses Treibens bewußt ist, diesem Teil sagen wir angesichts der baldigen Wiederkehr des „Seman matan toratenu": Lo sjso schein haschem elokecho laschow! Und doch gllt unsere ernste Sorge unseren Brüdern in Polen, auf die das verderbliche Tun des Diplomatenrabbiners nur demoralisierend wirkt, und ebenso der unverfälschten Tradition, die unermeßlichen Schaden infolge der verderblichen Handlungsweise dieser Männer davonträgt, einer HandluugMveise, die geeignet ist, Tanseirde, die auf dem besten Wege zur Religion sind, von ihr abznftoßen! — Als Vertreter eines traditionellen Organs, das bei den größten Opfern und Widerwärtigkeiten auch in den schwierigsten Zeiten die Fahne der Tradition hochgehalten hat..und auf Grund unserer, persönlichen langjährigen Tätigkeit im Dienste der Tradition sowohl in dieser Zeitung als auch in unseren anderen Schriften, wie auch in Zeitungen (siehe die mit „Bokcr schel tekufah" betitelte, in fünf Fortsetzungen erschienene Abhandlung im „Hasman", Wllna, im Juni 1914) und anderes mehr halten wir uns für berechtigt, gegen das verwerfliche, klerikale ' Gebühren im Rabbinats-Talar schärfste Verwahrung einzulegen. Wahrlich, es ist ein Verhängnis, daß diplomatisiereude DAnncr, bei denen Machtg.elüste das .Ausschlaggebende in all ihren Handlungen sind, ' an der Spitze religiöser Organisationen stehlen. Aber ein noch größeres Verhängnis ist es, daß die westeuropäische Orthodoxie,, die die Einheit, Ilchdut, frankfurter israelitisches familienbkaft. Ar. 20. des jüdischen Volkes anstrebt, die auf deyl Boden des! „Klall Jisroel" steht, sich ganz passiv' verhält und selbst in dieser weltumwälzenden Zeit nichts. Anr Hebung der Religion sowie zur Organisierung' der polnischen Juden unternimmt, sondern alles Männern n.berläßt, die die Zerreißung Israels betreiben und die Werte des Judentums bewußt entstellen. Diese unsere Mahnung gilt auch dem westeuropäischen „M i s r a chi", der ebenfalls. mit verschränkten Armen alles sieht und geschehen läßt. Die Führer des „Misrachi" plüssen alsbald an die Einheitsorthodoxen herantreten zur gemeinsamen Akti ou in Polen. Der „Agudas hoorthodoxim" muß/ eine „Agudat Etzobebe Jisroel wetorato" oder „Mogine Achduth Jisroel wetorato" entgegengestellt werden. Diese Mahnung ergeht au die Männer des Gesetzes und der Einheit in den Tagen der einstigen Offenbarung, in dem Sman matantoratenu. Ml jenen Männern rufen wir zu: Et laesot laschem uleamo. Die Stunde des Handelns für Gott und sein Volk hat geschlagen! S. H. Gold mann. Zu den Gemeiudewahleu in Polen. (Von unserem Konespondenten.I * Warschau? 18. Mai. Die Reorganisierung der jüdischen Gemeinde in Polen ist greifbar nahe gerückt. Die administrativen Vorarbeiten gehen ihrem Ende entgegen, die Wahlen zur Gemeinde nehmen bald ihren Anfang. . Die Umformung des Gemeindewesens in Polen ist von hoher Bedeutung. Die bisherige Verwaltung, die in den HändeN der krassesten . Assimilation lag, erwies sich bei jeder Gelegenheit als vollkommen unfähig. Das Gelneindetvesen war durch, diese und andere Umstände in Unordnung und Mißwirtschaft geraten. Von einer Fühlungnahme, von einem einheitlichen Zusammenarbeiten der einzelnen Gemeinden konnte 'keine Rede sein. . Die Einsetzung eines Obersten Rats, dis Einteilung in 'Kreisgemeinden nach der Verordnung vom 1. November 1916 wird nun die Lage durchgreifend umgestalten. In einigen Monaten werden die Gemeiudewahleu durchgeführt werden, zunächst in Warschau, gleich darauf in der Provinz. Tie hiesige jüdische Welt ist sich über die große Wichtigkeit dieser Wahlen klar. .In allen Lagern werden die Waffen zum Wählkampf geschärft. Bloß die Assimilation Hält sich nodj still, was jedoch «ine heimliche, intensive Arbeit nicht ausschließr. Ist sie doch von vornherein zu einer negativen Haltung gezwungen: Ml ihr Bestreben geht dahin, ihre Macht zu behalten. Hierin haben die Orthodoxen und die Nationalen ein weit größeres p o s i t i v e s Ziel. Doch ist das Zweikuriensystem den Assimilauten nicht ungünstig. Denn in der ersten Kurie, die aus — meist assimilatorisch gesinnten — Intelligenten besteht, ist ihnen der Erfolg sicher. (Sjet Kampf gilt also hauptsächlich der zweiten Kurie.' Und hier machen ihnen den Raum streitig: Zionisten, Volksgruppe und Agudas hovrthodoxim. Ferner haben sich einige gemäßigtere assimilatorische Richtungen gebildet. Dis verschiedenen Nuancen sind sich in einem einig: in der Verurteilung der Taktik der alten Assimilanten. Die Agndas hoorthodoxim scheint mit diesen „Neo-Assimilanten" in Verhandlungen treten zu wollen, um gemeinsam die Nationalen zu bekämpfen. Doch macht sich seit einiger Zeit eine Gegenströmung der Orthodoxie geltend, heroorgerufen durch die Haltung der „Agudoh". Diese Opposition hat sich in zwei Ereignissen deutlich kundgegeben. Die Neuwahlen der „Agudoh", die am 19. Jjar stattftnden sollten, wurden verschoben, ein bezüglicher Vorschlag ab ge lehnt. Offenbar erachten die Herren der „Agudas hoorthodoxim" ihre Stellung noch nicht für befestigt genug,um dem allseitigen Verlangen, -nach Neuwahlen zu entsprechen. ,Ihre Erklärung im „Jüdischen Wort", der Wunsch sei aus persönlichen Motiven erfolgt und dahdr abgelehut worden, kann nur ein Lächeln entlocken. Ein zwei-, tes Sywpthom für die Unzufriedenheit mit der Agudoh? sehen wir in der Gründung eines selbststäiMeß 'vrthodLen ^ahlhomiteßs. 'Eine Vereinigung der Zionistpn und der Volksgruppe ist nicht ausgeschlossen. - Die nächste Zeit wird nach all dem Gesagten eine seht bewegte . sein und unsere ganze Auf merksamkeit beanspruchen, müssen. Haknisi. Aufruf! Unter Lei» Zwange unerbittlicher Tatsachen haben Tanscilde Unserer Brüder nnd Schwestern in Palästina ihr in jahrzehntelanger Arbeit geschaffenes Heim verlassen müsse». Jaffa ist evakuiert. Fast die ganze jüdische Bevölkerung hat die Stadt verlassen müssen, deren stolzer Aufschwung ein unzerstörbares Zeugnis jüdischer Schasfenskraft .geworden ist. . ' Inden jüdischen Kolonien ist nur ein Teil der Milchen Bevölkerung zurückgeblieben. . . Heimlvs incher Heimat, dem Fliichtlingsclend und' verheerenden Krankheiten ' preisgegcben, verlangt, die jüdische Bevölkerung, die fast drei Jahre lang unverzagt ausgeharrt hat, unseren Beistand. .Juden! In dieser Zeit muß-das gesamte Judentum beweisen, daß es die Pioniere unserer Wiedergeburt im Lande unserer Väter nicht verlassen wird. Kinder und Frauen, Alte nnd Kranke harre» unserer ^Eine große, schnelle, umfassende Hilfsaktion tut not. An das gesamte Judentum treten wir nrit der eindringlichen Aufforderung heran: Helft! Helft schnell! Helft mit Liebe! Das Judentum wird seine Pflicht tun. Das Hilfswerk sür Palästina verlangt Eure Tat.*j ' ' Hilfswcrk für Palästina. Marburg? Aus aller Wett. Deutsches «eich. Berlin. Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Dem Jahresberichte entnehmen wir folgendes: Die Zahl der Hörer betrug im Svmmersemcster 25, im Wintersemester 24. Sämtliche Hörer hatten Reife. Bon der Gesamtzahl von 49 stammten 32 aus Deutschland, 11 ans Oesterreich-Ungarnj. 4 ans Palästina Unp 2 aus Rumänien. Die Zahl der Hospitanten betrug im Sommersemester, 23, im Wintersemester 22. Die Rechnung schließt in Einnahme und Ausgabe mit 115,195 M. ab'. Das Hauptvermögen der Anstalt wuchs von 1,300,603 M. auf 1,349,082 M. Berlin. Eine Heilanstalt für jüdische Lungenkranke. In der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde bemerkte das Vorstandsmitglied Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld anläßlich einer'Spende der Frau Wally Eisner von 2500 M. sür Lungenkranke folgendes: Es bestehen in privaten Kreisen Bestrebungen zur Gründung einer Heilanstalt für jüdische Lungenkranke. Der Vorstand sei zwar grundsätzlich! der Ansicht, daß die Begründung derartiger konfessioneller Anstalten wenig wünschenswert sei (Warum? D. Redakt.), doch liege hier eine'Ausnahme vor. Gerade bei Lungenkranken, die für längere Zeit eine derartige Anstalt aufsuchen, sei es wichtig, eine zusagende Nahrung zu bieten und deshalb rituelle Wünsche zu befriedigen. .Auch biete eine teilt jüdische Anstalt die sichere Ruh« vor antisemitischen Neckereien oder Hetzereien, die gerade bei Lungen- und Nervenkrankheiten ein unbedingtes Erfordernis sei. Bei der geplanten Neugründung solle es sich übrigens um keine Berliner Lokaleinrichtung, sondern um eine Mische Heilanstalt für ganz Deutschland handeln, für die hoffentlich zahlreiche Beiträge eingehen würden. . «OHtlUVtUUll» . Das jüdische KurhospUal. Im Jahre 1916 wurde wie im Vorjahre ein -Teil der Betten für Lazarettzwecke zur Verfügung gestellt. Es konnte daher in Ermangelung der erforderlichen Mittel nicht wehr als 37 Bewerbern unentgeltlicher Kuraufenthalt gewährt werden. Die Förderung des menschenfreundlichen Werkes, armen israelitischen Kranken und Knrbedürftigen durch einen mehrwöchentlichen Aufenthalt in der Anstalt zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit' zu.verhelfen, geschieht seitens jüdischer Gemeinden, Krankenpflege-, Wohltätigkeiis- und Franenvereine und Privatpersonen, aber noch nicht Kn dem Maße, daß es möglich wäre, eine größere Zahl von Kranken aufzunehmen and alle Bewerbungen zu berücksichtigen. In der Zusammensetzung des Vorstandes und Kuratoriums sind einige Veränderungen eingetreten. Es verstarben Rabbiner Dr. Biram, Rechtsanwalt Mendelsohn-Hirschberg. Es wurden neugewählt in den Vorstand Rabbiner Dr. Kl ein-Hirschherg,-in das Kuratorium Stadtrat Paul Cassel und Sanitätsrat Dr. Sanomon, beide in Hirschbcrg wohnhaft. Fabrikbesitzer Wallfisch aus Herischdorf hat der Anstalt den Betrag von 2000 M. zur Stiftung eines Kurbettes zur Verfügung gestellt, sowie die vollständige Einrichtung eines Hospitalzimmers übernommen. Laadanfenthatt für Kinder. Tie Rektoren der Volksschulen hättensich betreffs .der Unterbringung der jüdischen Kinder an den Jüd. Frauen- -; *) Epeicken sind zu. richten-M Las Hilsswerk fnr-Pakäfhrta, Berlin W. 15, Postscheckkonto Berlin 4192. 81 st