Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 20 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Siwan 5627 (25. mal 1917) Rr. 20 Nächste Woche erscheint infolge der »kalen Feiertage keine Nummer. Die nächste Nummer wird erstFreitag, . Juni herausgegeben. III Mahnende Worte in ernster Stunde. >f Im Die „Freie Vereinigung für die Interessen es orthodoxen Judentums" hat sich' die große Aufabc der Zusammenfassung - der polnischen Judencii zu einer orthodoxen Einheit gestellt. Unter ein Namen „Agudas Hoorthodoxim" hat sie beeits — wie unseren Lesern bekämet ist — durch ijv.c Warschauer Vertreter, Rabbiner Dr. K'ohn iid Dr. Carlebach, eine solche Organisation berüitdet. Der Anfang ist also gemacht. Als die „Agudas Jisroel" seiner Zeit von er „Freien Vereinigung" .ins Leben -gerufen mrde, wiesen stir in einem Artikel darauf hin, aß es keiner Organisation gestattet sein könne, 111-5 Prädikat „Jisroel" allein für sich zu beanpruchen und all' den Millionen, die die weit ibetzviegende Mehrheit des jüdischen Volkes bileu, aber nicht Mitglieder der Agudoh sind, den Hamen „Jisroel", der jedem, auch noch so sündhaften Juden zukommt, zu rrehmen. Unsere da- »alige Beanstandung ist jetzt anscheinend beachct worden, denn „Agudas „Hoorthodoxim", Bund rr Orthodoxen, heißt die neue Vereinigung. Wie steht's nun mit der Berechtigung einer otchen Gründung? Der Gedanke, die traditionelle jiideicheit zn organisieren und sie zu einem »olitischen Faktor im jüdischen Leben zn machen, st, wie wir in diesen Blättern des öfteren ausührten, durchaus richtig nnd seine Realisierung üitzlich und daher notwendig. Sind doch in mseren Tagen die Widerstände gegen die Religion ehr groß! lleberdies leben wir in einer Zeit scr Organisierung; alles, was nach Entfaltung rächtet, organisiert sich! Die Frage bleibt aber offen, auf welcher Aimdlagc eine solche Gründung zrr geschehen;nbe? 1. Zweierlei ist „gegeben: a) als religiöse nid vationale Partei mit dem Schwer- ^»ninkt der jüdischen Zukunft in ,Pa- » listin a, dem Lande der Väter; b) als bloß f* cligiöse Partei der jüdischen Gegenwart. Die erste Grundlage ist die des .Talmuds mb daher auch die unserer Väter, die das Golus >ls Provisorium, als etwas Zeitliches, Vor- Tvrgehendes betrachteten urid danach airch han- ^elten. Zu allen Zeiten der Diaspora, selbst in >cu Glanzzeiten, die inan mit „Es hasahab" (gol- >cuc Zeit) zn bezeichnen pflegt — z. B. das Zeitalter Ludwig des Frommen, irr Spanien die ’wm seit unter R. Samuel Hanagid —, .haben sie >ebr Lisch als ihre eigentliche Mutter- Prache angesehen. Wohl führten sie Alt- 'ei-.tjch, Arabisch und dergleichen mehr als Landes- Prache.' Doch man bediente sich ihrer nur ils Notbehelf des dllltags, des Verkehrs mit >cm „Nochri", dem Wirtsvolk, bloß für die Dauer des Exils nnd nicht in e h r. D o ch ic wahre Mutterspra che des jüdischen Lölkes, mit der es verwachsen war, an der man nit Inbrunst, ja mit ganzer .Seele hing nnd die man als unzertrennbar für alle Ewigkeit betrachtete, war Hebräisch, in der man phantasierte und dichtete, in der man aber, zugleich seine Handelsbücher führte. Der zweite ist. der unhistorische und darum nnjüdische Weg. Es ist der von Mendelssohn für die vorübergehende Zeit des Internationalismus nnd der erstrebten Emanzipation zurechtgestutzte Konfessionalismus, es ist der Weg der Assimilation; letzterer ist weit davon entfernt, in der Diaspora eine Anomalie zn erblicken, sondern sieht sie als eine dauernde Heimat nicht nur für den Einzelnen, sondern für das jüdische Volk an. Palästina aber höchstens als Symbol, als Gewürz zur religiösen Weihe, lind welcher von beiden Wegen ist der gegebene, der gangbare? Der erste. Ter Konfessionalismus ist für aufgeklärte, in der Frcmde, unter starken und demok r a t i s ch e n Nationen lebende Minderheiten bei völliger Emanzipation nnd dazu noch zu Zeiten des Chauvinismus lebensunfähig und daher auch unhaltbar! Italien nnd Frankreich beweisen dies zur Evidenz. Stünde Mendelssohn aus seinem Grabe auf, er würde dies ohne weiteres zugeben nnd eipe gründliche Korrektur seiner unhaltbar gewjordenen Lehre vorgenommen haben. Uebrigens, die Ehrlichen und Einsichtigen von rechts, und links geben das rückhaltlos zu. Man wende nicht ein, es gäbe auch noch im Westen Gruppen Orthodoxer, in denen reges jüdisches Leben pulsiert. Allein, abgesehen davon, daß jene sich in undcmokratisch regierten Ländern, in denen die Rechte der Juden gar manches zn wünschen übrig lassen, befinden, so erhalten sich jene nur künstlich, durch Abschließung und Trennung von der Gesamtheit und noch anderes mehr. Und was am meisten zn beachten ist, ist, daß das wirklich Echte, Lebendige an jenen abgesplitterten Judentümern das N a t i onale ist; alles andere aber ist zumeist unecht, Schein, toter B u ch st a b e. Das .eine aber steht fest: Der bloße reine Konfessionalismus bei Ausschaltung alles Nationalen, sofern er keinen politischen Machtfaktor nach Art des Katholizismus bildet, ist in wirklich demokratischen Ländern und bei völliger Emanzipation der Juden auf die Dauer haltlos. lind welchen Weg hat die moderne westeuropäische Orthodoxie betreten? Sofern sie die Tatsache des Vorhandenseins eines „Klal Jisroel" zugibt und an diesem festhält, erkennt sie das Nationale im Judentum an. Dies bringt sie zum A'usdruck, indem sie den alten nationalen jüdischen Grundsatz: Iisroel a f a l p i s ch e ch o t o, Jisroel hu akzeptiert, dem gemäß Fromme mit Nichtfrommen in einer Gemeinde verschmolzen sind. Zwar ist sie sich der Tragweite ihres Standpunktes nicht klar bewußt. Auch zieht sie nicht die hieraus folgende Konsequenz. Allein, dies ist eine.Frage d e r Z e i t. Früher oder später wird sie sich zum Nationalismus bekehren, da sie sich, wie gesagt, zu ihm bekehren muß. Anders aber dieTrennungsorthodoxie. Sie verwirft den nationalen Grundsatz: Jisroel af al schechoto, Jisroel hu, und getreu diesem ihrem Standpunkt zieht sie sich vom Klal Jisroel zurück und bildet T r e n n u n g s g e m e i n d e n. Daß diese Trennungsorthodoxie die Geulah (Erlösung) auf eine nimmerkommende Zeit verlegt, auf die Zeit des Kalo sakai (Alles gerecht) und den Zionismus so heftig befehdet, ist demnach ohne weiteres klar. Schreitet also letztere wirklich auf dem Weg des reinen Konfessionalismus, nnd ist sie wirklich dem Untergange geweiht? Glücklicherweise birgt in sich die Trennungsörthodoxie gar manche Widersprüche, genau so >vie die Schriften ihres Meisters Hirsch, die neben reinem Konfessionalismus auch glühenden ^Nationalismus enthalten. Als reine Konfessionsgemeinden dürfen sie nur wirklich gläubige Juden als Mitglieder führen, während sie sich zum weit größten Teil ans puren Pietätsjnden rekrutieren. Diese Menge von Pietätsjuden ist, wenn auch unbewußt, national — gibt doch die Pietät die Grundlage des nationalen Gefühls ab —; als reine Konfessionsjuden, die die Diaspora als einzige dauernde Heimat für das jüdische Volk annehmen, hätten sie keinen Konnex mit Palästina noch mit Hebräisch haben dürfen, während in Wirklichkeit der weit größte Teil einen starken Hang fiir alles beide besitzt. Dies ist auf Mangel an festen unumstößlichen Prinzipien zurückznführen. Aus reinstem Zufall Entstanden diese Gemeinden. Ein Zufallsübel einer vorübergehenden geistigen Not wurde zur Kehillopolitik und die Kehillopolitik zum sogenannten Trennungsprinziz erhoben. Doch es darf angenommen werden, daß dieses künstliche, unnalionale und daher unjüdische Prinzip sich nach und nach verflachen und verflüchtigen wird. Nach nnd nach, — allein einstweilen richtet dieses falsche Prinzip Schaden an, unermeßlichen Schaden! Denn dieses Prinzip beschränkt sich nicht nur auf das eigene Haus, auf die enge Kehilloh, sondern greift um sich und sucht seine eigenen Grenzen auszubreiten. Tie Männer der Trennung sind bestrebt, mit allen Mitteln dieses Prinzip in andere Länder zu verpflanzen. Tenn siehe, schon naht die Stunde der Demokratisierung der Länder - - eine Folge der Umwälzung des weltzerstörenden Krieges — und die Repräsentanten des Trennungsprinzipes bereiten sich vor, der Demokratisierung vorzugreifen, indem sie feste Organisationen Orthodoxer in jenen Ländern zn gründen suchen. Daß die Gründung von festen Organisationen im chaotischen Osten an und für sich richtig ist, sagten wir schon oben, und ihre Berechtigung bedarf für jeden, der es mit der Tradition gut meint, kein Wort der Begründung. Allein diese Organisationen dürfen nicht auf die falsche Basis des reinen Konfessionalismus gestellt werden, sondern auf die Grundlage des Religiösen mit dem Nationalen. Es sollten alle positiven Elemente, denen die Erhaltung des jüdischen Gesetzes am Herzen liegt, zu einer Organisation vereinigt werden. ' Doch wie verfahren die Männer, die von der „Freien Vereinigung" zur Begründung einer orthodoxen Organisation ausgeschickt wurden? Sind ihre ^Handlungen, wie es wahren „Chassidim weansche maase" geziemt, dazu angetan, der Orthodoxie Ehre nnd Ruhm zu verleihen? Handeln sie als wirkliche fromme Juden, wie die einstigen Chassidim, „Chassidim horischaunim", deren Grundsätze stets waren: Haemeth wehascholom ahawu (Liebet die Wahrheit und den Frieden. K e s ch o t a z m e ch a weachar-kach k e s ch o t a ch e r i m (Zunächst schmücke Dich selbst, nnd d a n n erst die. anderen)? Sind sie überhaupt ausgezogen „lekarew rechokim", die abseits vom Judentum Stehenden an es näherzubringen oder umge-