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Neue jüdische Presse · 1917-05-18 · Heft 19 (18.5.1917) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 19 (18.5.1917)
Date
1917-05-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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beite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 19. LH 1. Bodehan, Herrenschneider Frankfurt a. Hain, Friedensstrasse No. 1 Telephon: Römer S650. FEßSTE MASS-SCHNTEIDEREI. _AnfWnnsch koschere Verarbeitung._ New-Aork. In einer Ansprache auf einer russischen EmMizipationsvcrsmnmlung führte Gcrard, der gewesene Botschafter in Berlin, äils, cs sei chm während . seiner Anwesenheit in Berlin mickst eine einzige Klage über / die Behandlung der. Kriegsgefangenen in den deutschen Hospitälern zngekomnicn; das käme daher, weil die Mehrzahl der Aerzte Juden seien. Diese Verbeugung vor dem Juden hat wohl darin chre Ursache, Laß Derart» sich um ein öffentliches Amt bewirbt. Personalien u. kleine Mitteilungen. Berlin. Bor kurzem verstarb hier nach langem Leiden der ehemalige Obcrkantor der Warschauer Hauptgcmeindc, Edmund Ser dato r. Mit ihm ist. einer der größten Männer seines Berufes dahingegangcn. Die hebräische > Sprache erwachte in feinem Mulde zu neuem Leben und wirkte auf die Zuhörer durch! seinen einzigartigen Vortrag wie eure Offcnbarimg. Er besaß eine herrliche von Gott begnadete Stimme mit einem scelcnvöllcn, durchgeistigten Bortrag, die den Zuhörer unwiderstehlich' in seinen Bann zog. Jedesmal nach dem Gottesdienste in der Warstl>aucr Hauptsynagogc auf Tlomazzkastraßc wurde» chm stürmische Ovationen' dargebracht, — eine Eigenart, die uns überhaupt ganz merkwürdig von Synagogcnbesuchern berühren mutz. Es Muß ivie ein ÄUriosium klingen, wenn erzählt wird, daß der Andrang zu einem Gottesdienst in der Synagoge an den Sabbath'en, an denen er üörbetetc, so ftarf war, daß es erst eines Aufgebotes von Kosaken und Schutzleute bedurfte, um dem gewaltigen Ansturm der Tausende von Menschen — ^anch vieler Nichtjudcn — die um Einlaß begehrten, zurückzuhaltcn. . Es Iw«« gewiß ein großer Verlust für das Judentum, daß ein so genial veranlagter Mann diesem Amte nicht dauernd erhalten blechen konnte. Denn sein Wirken tvar lecher — dank des Neides und der Mißgunst seiner Kollegen — von nur kurzer Dauer. Er verblieb nur zwei Jahre in Warschau. Edmond Servator wurde im Jahre 1875 zu Tomaschvw in'Russische-Polen geboren. Er entstammte einer angesehenen Mischen Familie. Mit Einwilligung seines Vaters ging er schon als Keiner Knabe in eine Jcschiwolh Der Keine Servator erfreute und entzückte oft durch Sologesänge die dortige Gemeinde. Der Knabe — jedenfalls. ermutigt durch! die Erfolge und das Lolß welches ihm gespendet würde,.— begab sichauf die Wanderschaft und veranstaltete ans eigener Initiative in verschiedenen größeren Gemeinden Kvnzcrt-Gollcsdienste. Er erregte mit seinem schonen Gesang und nicht weniger durch die snr das Älter des Knaben sehr erstaunliche Intuition seines Vortrages, sowohl, als ailch! durch die stilvolle Improvisation der hebräischen gtczitative großes Aufsehen. Er .erlangte dadurch! schon als Wundcrknabe eine Berüh'ncheit. — Nun tvar sein Schicksal besiegelt. Nach vielen Reisen, .auch durchs Ausland, gelangte er nach! Berlin, um sich einem ernsten musikalischem Studium hinzugeben. Er studierte in Berlin am Konservatorium und in Paris Gesang. Mit 26 Jahren wurde 'er nach' Warschau als Oberkantor berufen. Ms Mensch' zeichnete er sich durch Großzügigkeit seines Charakters und edle Gesinnung aus. Es ist bekannt, daß er, nach Warschau kommend, seine kleinen, durch den frühzeitigen'Tod der Eltern verwaisten Geschwister zu sich nahm, und für deren.weiteren Erziehung vollständig, sorgte. Wer auch sonst an seine Tür klopfte, ging nie mit leeren Händen aus. Und so manch! jüdischer Student wußte, wo er sich.am Ende des Semesters das nächste Kollcggclü holen konnte. - Nachdem Servator noch ein Jahr in Petersburg mit eben solchem Erfolg wie in Warschau als Kantor tätig tvar, ging er ins Ausland zurück und loidmete sich! dann vollständig der weltlichen Kunst. Er sang an der Oper und in Konzerten in Italien, Paris, Berlin, Petersburg, Warschau und Amerika usw. und erlangte auch hier eine Bcrühmheit. Edmond Servator war «in Autodidakt int wahren Sinne des Wortes, denn er sang nicht nur seine Opern und Konzerte in fast allen europäischen Weltsprachen, sondern beherrschte sic auch zugleich in Wort und Schrift. Auch' als Pädagoge hat Edmond Servator sehr segcns- - reich gewirkt, «nd.dicjenigen Künstjünger, denen es vergönnt war, als Schüler von seinem eminenten Können zu.profitieren, werden dies am besten zu würdigen wissen. Danrit hatte;r sich selbst das schönste Denkmal gesetzt. Berlin. In der letzten Zeit traten bier folgende Personen aus dem Judentum aus: Generaldirckwr Leo Simon und Frau Lckb. Gernsheim, ilkndolf Karfunkelstein und Frau geb. Schreiber, Ernst Friedman», Hermann Hirschfcld, Frl. Dr. Wice Solomon, Frau Direktor Felix Lehmann geb'. Friedlaender, Frau Hauptinann Elisabeth Müller geb. Goldstein, Ella Lockstädt geb. Stenger, Frl. Paula Arndt, Agnes Arndt geb. Löwy, Cäeilie Mch'els geb. Schwabächcr und Frl. Charlotte Hamburger, ki Berlin. Prof.7Dr. Adolf Loewh wurde mit der Vertretung des erkrankten Direktors an der Landwirtschi Hochschule, Geh Rcgicrnngsratcs Prof. Dr. Zuntz, beauftragt. Die Lmidrichter Sachs- Torgan, Dr. Cohn -Berlin, S i m o n - Lyck, Dr. O r g l c r - Benthen und' die Amtsrichter Dr. Blnmenthal-Bcrlin, Dr. Arnade- Katwwitz und Dr. M aä ß-Königshütte wurden zu Landgerichtsvczw. Amtsgerichtsräten befördert. i Wiesbaden. Simon Heß, Senior der Stadtverordneten, seit 40 Jahren Vorsitzender des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, wurde von der Trambahn überfahren. Er erreichte ein Alter von 80 Jahren. Köln. CoßmannBier seit 27 Jahre Vorsteher der jüdischen Gemeinde Köln-Deutz, beging den 70. & burtstag. , Dr. Julius Hirs ch an der Handelshochschule würde zuiü ctatsmq ßigcn Pro sc sso r befördert. München. Die JsraelitischePrivatklinike.V. (Hermann Schnridtstraße) verpflegte in ihrem letzten Berichtsjahre 427 Kranke an 5276 Tagen. Das Israelit. Schwester »heim, dem 15 Schwestern angchörcn, leistete in seinem letzten Berichtsjahre 58 Pflegen .an 2900 Tagen. Wien. Dr. Michael Svitzkopf, Oberlandesgerichtsrat, ist Vers ch ic den. Er hatte lebhaftes jüdisches Interesse. - Budapest. Dr. Mar Schächter, außerordentlicher Uinvcrsitätsproscssor, Stabsarzt nsw., einer der geschicktesten Operateure Uirgarns und hervorragender nledizinischcr Schriftsteller, ist verschieden. Er betätigte sich mich im jüdischen Gciilcindcwescn und auf jüdisch-literarischem Gebiete. - Petersburg. Laut „Rjetlch" gibt die Kadettenpartei ihr Parteiorgan, ein Wochenblatt namens „Wjestnik Parti Narod. Swobodi", wieder heraus — unter' der Leitung des bekannten jüdischdü Rechtsanwalts M. M. Winaive Samstag, den 11. (24.) März wurde in Petersburg cin feierlicher Gottesdienst' angeordnct. Es wurde ein neues Debet für das Wohl und Gedeihen Rußlands, von Nabb. Dr. Eisenstadt, porgelesen — anstelle des Hanoscn tcschinah lmnelachim. Sostu. Die Nachricht von einem besonderen freiwilligen Korps der Inden in Bulgarien wird von der Presseabtcilung des bulgarisch,:» Aüßcnniinisteriiims als niiziitreffciid bezeichnet. Die Juden dienen in der bulgarischen Armee .und erfüllen vollauf ihre Pflichten gleich tme ihren' Mitbürgern. . „Lodzer Volksblatt" Frankfurter Berichte. Personalien. In denjeiligcn unserer Kreise, in deuc» die llcberlieferung der Väter noch! wach ist, macht man bei Männern der Ocfscntlichkcit de» M». — und nicht wie i» anderen Kreisen heute üblich! den 70. — Geburtstag zum Gegenstände besonderer Ehrung. Mit Rechlt! Der Sechzigjährige fühlt sich! Noch in der Fülle seiner Kraft, wahrend der Siebzigjährige nur mit einem nassen Auge die Wünsche entgcgennehnien kann. Deshalb wird auch der 60. Geburtstag des Herrn Jacok S. Posen, den er mit Gottes Hülfe am 2. Juni feiert, ein Gegenstand bcsondcrcr Ehrung sein. Herr Posen hat selbstlos, nur aus Freude an der Atizivohs an tausenden Kindern die Miloh Vollzogen und durch Talmndünterricht Hunderten der heraMvachscndcn Jugend ihr jüdisches Wissen und ihre Liebe zum.Jildcntnm gegeben, — Grund genug, ihn zu Jüngst verlieh Rabbiner Dr. Nobel-dem 'langjährigen überaus verdienten Mitgliede des Pflegcamtes des Krmikenhauses der Israelit. Gemeinde, Jacob Frcii kcl den Chvwcr-Titcl. Ihm ist es zu verdanken, daß das Krmlkenhmis den peinlichsten Anforderungen des jüdischen Gesetzes entspricht. / 'Eine würdige Matrone, Fraü Emma Strauß,, geb. Bender, ist im gesegneten Alter von 82 Jahren verschieden. Vor der überaus zahlreichen Träncrversammlnng würdigte Nabb. Tr. Nobel die ausgesprochene Frömmigkeit, den Wohltätigkcitssinn und das liebenswürdige Wesen der Dahingcgangcncn. Die Geschwister. Erzählung ans dem fünfzehnte» Jahrhundert von Ben-Avigdor. (Fortsetzung.) „In diesen schlechten Zeiten,", fugte sie hinzu, „darf cs Sic nicht wuitdcrn, daß der Anblick eines Spaniers in einem Juden Furcht erregt. Wir trauen unseren Augen nicht, wenn wir einen wackeren und freundlich gesinnten Spanier sehen." „Sie haben recht, Signora" versetzte Miguel seufzend, „es ist döse Zeit für Spanien und besonders für Ihre unglücklichen Brüder, die man unschuldig verfolgt. Das Land geht dadurch Zugrunde. Wehe dem Lande, wo blutgierige Priester unumschränkt herrschen dürfen!" Das Mädchen war verblüfft, solche Worte aus ^seinem Munde zu vernehmen. Sic sah ihn erschreckt und durchdringend, an, wie um sich von der Aufrichtigkeit seiner Worte zu überzeugen, denn sie fürchtete, vor sich'einen Spion der Jnquisiton zu erblicken. Aber sein treuherziges, offenes Antlitz beruhigte sie. „Es ist mir eine Freude," sagte sic, „daßdie Menschen unter den Spanien! noch nicht ausgestorbcn sind, dgß cs noch unter ihnen manche gibt, denen der F. SAINT-DENIS, , ALLE REPARATUREN ui UHREN Cold und Silberwaren, Brillen und Zwicker. Wohlgeruch von Menschenopfern, die man, dem Gotte der Barmherzigkeit darbringt, nicht schmeckt." Diese kühnen und sarkastischen Worte des Mädchens versetzten Miguel in Staunen. Es war ihm lmbegrciflkch, loic sic sich nicht fürchtete, vor einem Freindcn, den sie für einen katholischen Spanier halten mußte, eine sülche Sprache zu führen. Er dachte einen Augenblick daran, ihr sein Geheimnis zu entdecken, bcsaitn sich aber und hielt sich zurück. „Alle Wohlgesinnten beklagen es, Signora, daß dieses gesegnete und erleuchtete Land zur blutigen Opfcrstättc für den Moloch wurde. Wir bedauern es tief, können aber nicht helfen."'' ' Aus einem anstoßenden Zimmer drang ein Stöhnen; das- Mädchen eilte hinein und kehrte bald zurück. I» ihren Augen standen Tränen. „Wir sind hier seit einigen Tagen. Mein Großvater ist. scknver krank, und die Aerzte behaupten, daß es ein langwieriges Leiden ist." „Weinen Sie nicht, Signora," rief Miguel teilnahmsvoll, „eine Jüdin darf nicht 'verzweifeln!" „Sic haben recht, Signor," antwortete Emilia. „Das Gottvertrauen ist unser einziges Besitztum auf Erden. Ich selber, so jung ich bin, habe schon vieles erdulden müssen; und wenn man das Leben-nach den übcrstandoncn Leiden messen sollte, dann bin ich schon sehr alt. Aber verzivrifclt habe ich noch niemals, und niemals habe ich gemurrt. Aber selbst die Duldsamkeit eines Juden erschöpft sich zuivcilen. Ich stehe einsam in der Welt, habe keine Ettern, keine Geschwister, keinen Freund; * mein einziger Trost ist incin Großvater, er vertritt mir. Vater und Mutter, Geschwister und Freunde. Und wenn ich ihn verlieren sollte, was soll dann aus mir werden? Seine Krankheit ist schwer, sic raubt ihm fast die Besinnung. Das Augenlicht!'hat. er schonverloren, er erkennt »sich ilicht - mehr. Da muß man manchmal verzlvcifcln..." Miguel war tief gerührt. Es ergriff ihn inniges Mitlew mit diesem einsamen Aiädchen. Er verglich sie in der Seele mit seiner Clara. Wie verschieden die Lebenslagen der beiden! Beide gleichen herrlichen Rosen, beide sind lieblich und hcrzcrfrcnend, aber die eine ist in einem wvhlgcpflcgten, bewässerten Garten cmporgeblnht, ivährcnd die andere wie in einem feuchten Kelter verkümmern muß! „Was wird ihr Ende sein?" fragte er sich, „wird sie nicht elend verblüh»? Oh, ihr unglücklichen Töchter Israels! Rosen auf wasscrlosen Gefilden!" „Ich kann Ihr Hcrzleid mitfühlen, Signora," sagte ' er, und seine Stimme klang »vcich und traurig. „Mein Geschick ist dem Ihrigen gleich. Aiich ich stehe allein in der Welt, ohne Eltern oder Geschwister. - Alles dies fand ich in ineinem Lehrer, der auch mein Onkel ist. Nun kam ich ihn zu besuchen und finde ihn -auf dem Krankenlager." Im Herzen Emilias mochte eine aleichgestimmte Saite angcklungen haben. Ihren Lippen entrang sich ein tiefer Seufzer. Das geincinsame Leid schien - ein .Band der Zusaiiiinengehörigkeit um. die beiden z» schlingen. Miguel erhob sich und ivolltc aufbrechcn. Bevor er ging, nannte er ihr seinen Namen. Sie nannte den i ihrigen Emilia de Castro. . Die Zeit tvar ihnen unvermerkt und sehr angenehm verflossen. Miguel versprach, sobald als möglich wicderzukommcn, Ivorübcr Ennlia sichtlich erfreut tvar. 11. Auf dem Wege Hach der Wohnung des Onkels ivar . Miguel voll neuer Gedanken. Das. jüdische Mädchcil Hütte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Ein-eigentümlicher Zauber war über ihr ansgcgosscn. Ohne besonders durch Schönheit hcrvorzuragen, besaß sic doch einen bcsoildcrcn Reiz, den die Melancholie sin ihren Zügen <ind das Gepräge des Kummers, welches ihr die vielen Leiden ausgedrückt hatten, nur noch erhöhte. Ihr Kummer erschien ihm tvic ein Bild des Kummers des ganzen jüdischen Volkes, voller Duldung und ergebener Demut. Und wie schön sie zu sprechen verstand! Welche Klugheit sprach aus jedem Wort«!- Ihr Gesicht mar eines, von denen, das man nie mehr vergißt, tvcnn man es einmal gesehen hat. Und in dieser kurzen Zeit hatten sie sich so sehr an einander gewöhnt. Ihre Gesellschaft war ihm so lieb geworden, daß es ihm zuivcilen Vorkain, sie sei ihm schon von lange her bekannt.

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