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Neue jüdische Presse · 1917-05-18 · Heft 19 (18.5.1917) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 19 (18.5.1917)
Date
1917-05-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr- 19. „Sie soll viel gelittenhaben, wie sic' erzählt. Was kann das sein?!!" Miguel war neugierig, ihre Leüensgeschichte, kennen , zu lernen. ' Diese Jüdinnen, dachte er, scheinen doch eine ganz besondere Standhaftigkeit inr Leiden und im Kämpfen zu besitzen, wenn es gilt, ihr Teuerstes, ihre Religion, zu erhalten! Er trat ins Zinimer, wo ihr: der Onkel bereits erwartete. Nach einer kurzen Begrüßung erzählte er ihm, daß er heute Nachts gut geschlafen habe; er fühle sich erleichtert und könne nun ruhig sterben und zu seinem geliebten Bruder einkehren. Er habe die Pflicht, die ihm jener hinterlassen, getreu erfüllt- Jener habe ihm einen zarten, biegsanien Stoff anvcrtraut, und er habe aus demselben eine herrliche Gestalt geformt, die das Auge , entzückt. Aus dem kleinen Knaben, den der Vater einst in seine Häirde gegeben, habe sich ein voller, denkender Mann entwickelt, ein Jude im Geiste und inr Herzen. .Nun könne er sich Aber seine Kinderlosigkeit trösten, da er an dem Sohne seines Bruders seinen Anteil habe. Dann bat er Mignel, ihm den Verlauf des letzten Krieges - zu erzählen und was er erfahren, seitdem sie sich nicht gesehen hatten.- Miguel erzählte, alles aufs genaueste, und de Fereira lauschte mit großer Teilnahme. Besonders freute er sich, die Siege der Spanier zu vernehmen, die Tapferkeit, welche Miguel bewiesen und die Auszeichnung, die er geerntet hatte. . „Merkwürdig, wie die Juden zu ihrem Vatcrlandc halten" — dachte- Mignel — „selbst dieser Greis, der sein' Leben in der Abgeschiedenheit. seiner vier Pfähle zugebracht hat, freut sich über die Siege unseres Heeres über die Araber, trotzdem dadurch die Lage seiner Brüder sich bedeutend verschlimmert hak. Das ist' die Wirkung der Vaterlandsliebe, die zuletzt über alles den Sieg davonträgt. Aber welch ein Lohn wird ihnen Zuweilxn empfand Miguel ein Bedürfnis, seinem Onkel von der Liebe zu Clara zu erzählen. Aber er beherrschte sich, Ivie von der unbestimmten Gingst zurückgehalten, der Onkel könnte ihn Von ihr reißen. Auch wollte er ihm seine letzten Tage nicht verbittern. „Mag' er ruhig ins Grab steigen", dachte er bei sich.. Dagegen erzählte er ihm ausführlich über das merkwürdige Zusammentreffen mit dem jüdischen Mädchen. Er lobte ihre Anmut und ihre geistigen Vorzüge. De Fereira war darüber entzückt. „Du kennst noch die Jüdinnen nicht"- — sagte er — „wenn Du sie kennen lernst, wirst Du erst ihren Wert recht zu schätzen wissen. Du wirst emsehen, wie treu sielieben, und wie inannhaft sic känipfen und dulden können." Die aufrichtigen Worte des Onkels berührten seine H'erzenswnndcn und verursachten ihin tiefen Schmerz. Da gedachte er Claras: „Nein! Ihr gleicht keine! Eine Seele wie die ihrige findet sich nicht auf den: ganzen Erdenrund!" De Fereira empfahl ihm, das jüdische Mädchen häufig zu besuchen und sie näher kennen zu lernen. Er möchte ihre Vergangenheit und ihre Lage genauerfahren, vielleicht ließe sich etwas für sie tun. Ab und zu erzählte er ihm Abschchttc aus der Geschichte der Juden, aus dein Hebe» der großen Männer Israels, auch erklärte er ihm viele Gesetze und Vorschriften des Judentums, — und Miguel horchte aufmerksam. „Mache Dich unt den jüdischcir Weisen bekannt, mein Sohn", sagte De Fereira einmal,, „und schließe Dich ihnen an, uni' von ihnen zu lernen. Du wirst Deine uralte Religion, die Dir neu ist, erst recht kennen und lieben lernen. Ich. konnte dir nur die Grundsätze beibringcn, sic aber werden Dich das Gesamte lehren." So vergingen einige Tage, und Miguel besuchte Enrilia. mehrere Male. Sie schlosse!: sich immer enger aneiandcr und waren bald gute Freunde. Sie begannen, sich beim Vornanren zu rufen. Einmal, als Miguel von Emiliä hcimkehrte, fand er feinen Onkel in den letzten Zügen. Er kniete an: Bette nieder und brach in Tränen ans. Der Sterbende öffnete die Augen und schloß sie wieder. Er ergriff Miguels Hand und führte sie über sein Gesicht. Dann schlug er abermals die Augen auf und rief mit zitternder schwächer Stimme: „Ich sterbe — gehe ein zum Gott meiner Väter — Vcrgicb mir, Vater — daß ich so lange eine Maske getragen — man hat sie mir aufgedrängt. — Ich blieb Dir — im Herzen immer treu. Lebe wohl, mein Sohn — bleibe ein treuer Jude — verlaß Deine Brüder — nie in der Not — Schema Israel. . . ." Er hatte seine .Seele ausgehaucht. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. . Miguel war durch den Tod seines geliebten Meisters tief erschüttert. Jetzt fühlte er recht, ivas er ihm war gewesen, und was er in ihm verloren hatte. Eine tiefe Ehrfurcht vor diesem großen Toten ergriff ihn:, „Er trug eine ganze Welt im Herzen, . eine volle, herrliche Welt!" Einige Tage verließ er nicht das Zimmer und war wie uicdergeschmettert und entseelt — — Erst als die Geistlichen kamen, um den- Toten zu beerdigen, raffte er sich zusammen. Ein Gefühl tiefer Bitternis durchdrang ihn: Auch nach dem Tode darf man die Maske nicht -lüften. Selbst die Würmer im Grabe niüssen betrogen werden. 12. Als Miguel am dritten Tage Emilia besuchte, war diese von seinem verstörten 'Aussehen erschreckt. Auf ihre Frage erzählte er ihr vom Tode seines Onkels, wovon Emilia tief betroffen wurde. Während sic ihm teilnahmsvoll zlihörte, richteten sich ihre Blicke unaufhörlich nach denr Krankenlager des Großvaters, der im anstoßenden Zimmer schwer krank darnieder lag. „Sie wissen nicht,. Emilia, was» mir der Verstorbene gewesen," sagte Miguel mit bewegter Stimme, „er war mein zweiter Vater, 'er hat mich zum Menschen gemacht, er hat mir einen Gott gegeben." Einilia blickte ihn erstaunt an. „Ich will Ihnen ein Geheimnis entdecken/" versetzte Miguel, „ein Geheimnis, welches ich bisher verschwieg, nun aber, da niein einzig Vertrauter nicht mehr da ist, drängt es mich, mein Inneres mit Jemandem zu teilen. Auf Ihre Vcrschtviegenheit glaube ich rechnen zu können. Wissen Sie also, Emilia: ich bin Jude."" „Jude!"" rief Emilia und sprang von ihrem Sitze auf, „Jude! O, nun sind Sic mir erst recht lieb. Seien'Sie mir herzlich willkommen, als Stammes- und Neligionsgenossc." Sie streckte ihm ihre Rechte hin, die er mit. Wärme druckte. Emilia war sehr erregt und aus ihren Augen schossen Freudcnstrahlen, während sie ihm inS Gesicht blickte. Einen Augenblick blieben beide regungslos. In Miguels Seele tauchte die Gestalt seiner Braut auf. Einen Augenblick glaubte er die Gestalten beider Mädchen zu erblicken/wie sie um seinen Besitz stritten, als bemühte sich jede, ihn nach ihrer Seite zu ziehen. Diese Vision erregte in ihm einen bittcrn Kampf'der Empfindungen und seine Augen waren wie von einem . Schleier umnebelt., Ein großes Gefühl, gemischt von Wonne und Schmerz drohte ihn: die Brust zu zersetzen. „Lassen Sie mich Ihre Schwester sein/" erklang Emilias bebende Stimme. Die Schleier waren zerrissen.. seine Augen leuchteten auf- Seine Empfindungen klärten sich-und kamen -ihm zum Bctmlßtsein. Emilia hatte sie beim rechten Naiycn genannt. Das ist eine ganz verschiedene Liebe von jener, die ihn an Clara - fesselte. Die letztere ist . flammend und stürmisch, bcmuschend und herzverzehrend voller Verlangen und Sehnsucht. Was er, aber für Emilia empfindet, ist ein ruhiges, sanftes' Gefühl, wie ein stiller Bach seine Fluten wälzt... Bruderliebe. „Und ich ivill Ihr Bruder sein, Emilia," erwiderte er. Und' wieder standen die beiden Mädchengestaltcn vor seiner Seele, aber nicht mehr streitend mit cinaüder, soirdern Hand in Hand. Emilia kam ihn: vor, ivie eine Ergänzung von Clara, wie deren Vervollständigung. Was ihm Emilia ist, kann sie bleiben, -ohne den Gefühlen, die Clara geweiht sind, Abbruch zu tun. Diese ist seine Braut und jene vertritt ihm die Schwester. 'Dann wird erst sein Leben voller und reichhaltiger dahinflicßen. Darauf erzählte Miguel seiner Freundin die Geschichte seines Lebens, alles, was sein Gedächtnis davon aufbewahrt hatte, und Emiliä horchte gespannt. Zuweilen unterbrach sie ihn durch eine Bemerkung oder eine Frage. Als ec ihr von der Entführung feiner Schwester erzählte, wurde sie aufmerksam und forderte genaue Bezeichnung ihres Aussehens, ihres Alters; sie fragte, ob er nicht etwas von.ihr seither vernommen habe. Als er ihr dann von: Tode seines Vaters durch die Inquisition . erzählte, bemerkte sie, daß ihr Großvater ihr auch einmal von der-Hinrichtung eines seiner näheren Freunde, namens Don Christobal San Salvador, erzählt habe, den er sehr bedauerte. Miguel tvar über diese Nachricht sehr erstaunt. Er verschwieg ihr jedoch seine Liebe zu Clara. Eine unbestimmte Furcht hielt ihn von diesem Geständnis zurück; er wollte zuerst ihre Ansichten über derlei Dinge hören. „Dann werde er ihr auch dieses Geheimnis. erzählen," dachte er. . . (Fortsetzung, folgt.) Literarische Chronik. Der jüdische Sozialist in Rußland. Tie russische Revolution hat in Westeuropa ei» überaus starkes Interesse für den russischen Sozialismus erweckt. Ter Verlauf der- Revolution hat bewiesen, daß die sozialistischen Parteien in Rußland über eine Macht verfügsn, von der man bis jetzt keine Ahnung hatte. Tie Entstehung und die Entwicklung der russischen sozialistischen und revolutionären Bewegung weisen aber starke jüdische Einflüsse auf. Ter jüdische Sozialist und der jüdische Revolutionär spielten und spielen in Rußland eine große Rolle. Das neueste Heft der in Berlin erscheinenden „Neuen Jüdischen Monatshefte""*) ist dem jüdischen Sozialisten und Revolutionär in Rußland gewidmet. Der einleitende 'Aufsatz über den jüdischen Revolutionär in Rußlaich versucht, den jüdischen Einschlag in «der rnssischrevolntkonärcn Bewegung heranszuarberteu. Ein gut fundierter Beitrag von Leo Rosenberg über die Wege und Ziele des jüdischen Sozialismus in Rußland bringt eine Darstellung, in der die Geschichte und Gegenwart der jüdisch-sozialistischen Bewegung dargelegt wirb. Ein Aufsatz von Leon C Hasan »witsch schildert' die jüdisch-sozialistischen Parteien. Das Heft, das noch,' literarische und 'andere 'Aussätze enthält, bringt zur Aufklärung der jüdischen und irichtjüdischen Oeffentlichkcit über den jüdischen Revolutionär in Rußland wertvolles Material. ,/Wir". Ein Hindcndnrgbuch von Anton Fendrich. Buchschmuck von W. Planck. 142 «Leiten. 1 M., gcb. 1.60 M. Stuttgart, Franckhsche Bcrlagshairdlung. Der badische Volksschriftstcller 'Anton Fendrich hat sich durch seine flotte Schreibweise, lebendige Schilderung u.nd ernste, kraftvolle Lebensauffassung längst tausende Freunde erworben. Auch.feine neueste Veröffentlichung ist wieder ein echter Fendrich. | Offenbaeher Drncblnll- A wlagel I Off entasch a. M. Telefon 123. (Amchlnm mit Frankfiat). 1 I Bewährteste TapDlchralnltnwg (100,000 qm jährlich)! I sowie anObartroffane Battfadarnralnlgüng mittelst I Druckluft und Wasserdampf. Wochen-Salender. -Samstag, 18. Mai (— 27. Isar). Sabbat-Anfang iu Frankfurt. 8>/i Uhr, Sabbat-'Aicsgang in Frankftcrt 10 Uhr 5, Min., in Berlin 9 Uhr 53 Min. Wochcnabschnitt: Be har und Bechukaufei. — Das Sabbatjahr. Das Joveljahr. Die große Strafpredigt. 'Ans dem Prophetewoort des Sabbats: „Der Kuckuck ruft und hat nicht geboren. So ist. >vcr Reichtum schafft, doch nicht niit Recht. In der Hälfte seiner Tage verläßt er ihn, und an seinem Ende steht er als Nichtswürdiger da." » Dienstag- 22. Mai: Rausch-Chaiwesch Siwa». ° Wochengottesdienst in Frankfurt a. M. Morgens K'/e Illhr in den meisten Synagoge» (Bockenheim, Unterlindau 7 Uhr, Hauptsynagoge Königsteinerstraße Vh Uhr). 'Abend 8>A Uhr in bclt meisten Synagogen (BockenhKm, Unterlindair V/s Uhr, Hanptsynagoge 4 Uhr, Königstcinerstraße 7 Uhr). Frankfurter Familiennachrichte». ' B a r m i z w o s. Karl Lind, Klingerstraße 27, Synagoge Börneplatz. Verlobte. Rmmy Lotte Caro, Posen, mit. Rabbiner Dr. Georg Salzbcrgcr, Frankfurt a. M. Gestorben. Sally Fuld, Böruestr. 27, i. F. ,— 'Adolf Gotisch», 70 I., Bäckerweg 3. — Sara Wallach, gcb. Königswerther, 88 I. — Emma Strauß, geb. Bender, 81 I., 'Am Tiergarten 18. — Max Bendheim, Schleidenstr. 30. — Julius Fuld, 55 I., Landweg 8. Auswärtige Famllieuuachrichte«. Geboren. Ein Sohn Alfred Mayer (Heincberg), Essen. —Albert Gerson (Weinberg), Essen." Verlobte. Margarethe Harris mit Rabbiner Dr. Siegbert Ncufcld, Briefen i Westpr. — Dora Katz, Zaborze mit Dr. Georg Gerson, Berlin. — Rechä HeinrichKdvrff mit Julius Fraukcnstei»/ Berlin. — Karl Mannheimer, M.-Gladbach mit Aemie Helft, Blcicherode. — Emmy ' Jacobsohn mit Jak. Meyer, Berlin. — Hanna Hirfchjewitz, Berlin mit Julius Werthan, Güttingen. — Dr. Hedwig Grünebaum,' Elberfeld mit Referendar Hugo Simons, Düsseldorf. '! Verehelicht. Werner Hugo Kaufmann mit Selma Ostheimer, Lippstadt/ Gestorben. Max Schalscha, 58 I., Gleiwih. — Mathilde Mvunwitt, geb. Philippsohl,, 62 I., Hannover. — Leo Kohn, Essen, i. F. —'James Levy. 27 I., Berlin- — Walter Hirschfeld, Hamburg, i. F. Garofinc Weftptzäl, geb. Gottschalk, 59 I., Cuxhaven. — Harry Gans, 2l I-, Emden, i. F. — Dr. Werner Alexander Katz, Görlitz. *) „Reue Jüdische Monatshefte", Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Literatur in Oft nud West, erscheint 2mat. im Monat. Bezugspreis vierteljährlich M. 2.30. Einzelhcft 40 Pfg. Unser Büro ist vorlänfig nur vormittags von 8'/e—12/»Uhr geöffuet. Frankfurter Israel. Familienblatt.

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