Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 19 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. gegenüber dem General-Anzeiger Vornehmes Familien-Kaffee M" Nachmittags u. Abends Konzert. Zeitschrift, indem sie von der „geradezu widerwärtigen Art der Polemik, die vor den.niedrigsten und zugleich dümmsten'persönlichen Verdächtigungen nicht zurückschreckt", spricht und den Ausdruck „.Heuchler" gebraucht. Bei einer suchen KampfeHveise kann der Vorteil int Schaden aufgehen, und der Vorteil ist auch ohne'eine solche Kampfesweise zu erreichen. D-ie Aufgabe des traditiorrstreueu Judetcheit besteht darin, innerhalb der ihr zur .Verfügung stehenden Kreise Kenntnis und , Erkenntnis des Judentums zu fördern. Dieses allein ist heute im Golus das Bollwerk gegen schädliche Einflüsse. ,'So - wenig bei uns in Deutschland die Vertreter des traditionellen Judentums auf den Gedanken kommen, ihren Kreisen 'das Lesen der allgemeinen _ Presse, den Besuch von Theatern mrd Vortrögen zu verbieten, tveil ..sie Hier immer wieder und wieder Gedanken aufnchmen müssen, die den Anschauungen des Judentums widersprechen, so wenig hat es Sinn, den ostjüdischen Massen das Lesei: 5 gkwisser Zeitungen und Bücher zu verbieten. Hat die richtige jüdische Erziehung ^lrteilsfähigkeft gegeben, dann ist es gut, — sonst kämpft man mit ..allen Anstrengungen einen Don .Quichote-Kampf gegen Windmühlen- Auch hier lernen wie wieder folgendes: Wo . man heute das jüdische Leben auch airpackt, immer wieder ckornmt man zu dem Schluß, daß seine Lage eure uichaltbare ist und es da man die Juden- / gaffe früherer Zeiten nicht zurückwünschen kann, s nur eine Lösung gibt:, ein Eigenleben im Lcurde . der Väter: Deshalb ist auch der „Misrachi", der das überlieferte Judentum nicht nur mit seinen 7' religiösen, sonder:: auch mit seinen nationalen Seiten betont,, diejenige jüdische.Organisation, der - einzig die Zukunft gehört; sein Standpunkt ist das Ergebnis. der wahren Kemrtnis u:ü> Erkenntnis des Judentums. Wer gerade die Kreise des Gerer Rebbe und die Kreise der Herren Dr. Kohn und Dr. Carlebach stehen gegnerisch zu den natio- . ^nalen Bestrebungen und gehen so Wege, die zu r. keinem Ziele führen. - Kolonisation««- Juvnstrie in Palästina.*) Y Von Ing. Agr. I. Oettinger. Nur durch die Tatsache der Entlvicklung einer breiten ländlichen produktiven Volksschicht . wird die zukünftige jüdische Gemeinschaft in Palästina ihren dauernden Bestand und ihren natio- : atalen Warakter sichert: können. Doch der Vorrang, der der Landwirtschaft bei allen Kolonisa- ' tioMplänen in Bezug auf Palästina enrgeräumt wird und stets eingeräumt werden muß, darf keineswegs dazu .fuhren, die Bedeutung der Industrie ' für die Entwicklung Palästinas unterschätzen zu , wollen. Erst die Industrie wird eine dichte Be- : ' siedelung des Landes ermöglichen, da sie mannigfaltige mrd sehr zahlreiche Existenzmöglichkeiten 7 schassen kann. Zusammen mit der Landwirtschaft ' Wird die Industrie sozial-wirtschaftliche gesunde 7 Verhältnisse in.Palästina herbeizuführen haben. Die bisher geruM ^Entwicklung der palästinen-' fischen Industrie und die Ursachen davon sind zur (Genüge bekämet. Die ersten Ansätze industrieller Unternehmung waren in technischer Beziehung rück- ständig. Die. Gewinirung des vielleicht nicht gar so ' unbedeutenden heimischen Marktes war durch den ftüheren „Wertzoll" (8 o/o bis '1907, 11 o/o bei Be- , ginn des Krieges) für alle Waren ungeheuer er- H schwert. Für die Förderung des Absatzes der Jndustrieprodukte im Auslände fehlten vor Mein — ineben anderen erforderlichen staatlicher: Mäßnahvier: — günstige Handelspcrträge. Obwohl das FchleN von Kohle im Latrde kein Hindernis für die Entlvicklung von Industriezweigen, die auf billi- *) Aus dem in Vorbereitung befindlichen dritten Hest von ,.Erez Israel" über Psanzun gen. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. gen Brennstoff angMiesen such, bildet, so haben sich bisher Industrien, die wenig oder.gar keinen Brennstoff verbrauchen, in Palästina wenig entwickelt. Trotz der schwierigen Verhältnisse hat in Palästina namentlich die Verarbeitung leicht verderblicher landwirtschaftlicher Produkte beachtenstenswertc Ansätze für eine zukünftige aussichtsvolle Industrie aufzutveiscn. Die Wcinerzcugung, die Oelproduktion und die Seifenproduktion überragen an Bedeutung bei weitem andere Industriezweige, von denen mehr oder weniger bescheidene Anfängevorhanden such, wie 2s- Bdie kunstgewerblichen' Industrien, die Gewinnung ätherischer.Ocle, die Herstellung von Baunraterial, das Bauhandtverk und die anderen einzelnen Handwerke. Die weitgehendsten industriellen . Möglichkeiten Palästinas beruhen aber sicherlich vor allem auf der technischen Verarbeitung der wertvollsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse, also hauptsächlich der.verschiedensten Gartenbauprodukte. Bisher wurden in Palästina mir zwei Frnchtarten — die Weintraube und Olive — zur Ge-, winnnng von Danerprodukter: — von Wein, „Trauhenhonig" und Rosinen, von Oel, konservierter: Oliven und Seife — verwertet. -Außerdem kann in dieser Bezichung ans die recht verbreitete Herstellmrg von Aprikosenpastcn und Trocknung von Aprikosen in Syrien Hingewiesen werden. Mit diesen drei Zweigen der Fruchtverwertungs.industrie ist aber bei weitem nicht die . Reihe derjenigen Produkte erschöpft, welche in Zukunft in Palästina und .Syrien einer großartigen Entwicklung fähig sind. ,;Um hie Aufmerksamkeit derjenigen Kreise, welchefiir die ivirtschaftliche Erschließung Palästinas sich interessieren, ans dieses .mit der landwirtschaftlichen Produktion eng verbundene industrielle Tätigkeitsgebiet zu lenken, Wollen wir hier in Kürze d'ie wichtigsten Momente anführen, die für die Entwicklung eurer aussichtsbolleir palästinensischen Konscrvenindustri'e in Betracht kommen. Unseren Ausführungen wollen wir. die allgemeine Bemerkung vorausschicken, daß wir in Bezug aus industrielle Pläne, ganz ebenso wie hinsichtlich landwirtschaftlicher Siedlungsprojekte, vor allem jüdischkolonisatorische Gesichtspunkte im Auge haben Von dieser: Gesichtspunkten.ausgehend, stellen wir an. eine in Palästina zu entwickelnde Konserpenindustrie folgende Anforderungen: 1. Sie muß. den investierten Kapitalien eine hinreichend hohe Verzinsung bieten; 2. Sie muß, um eine hohe Rentabilität erreichen zu können,- - vorwiegend Dauerprodukte, die fiik beit Majfenkonsum berechnet sind, erzeugen/ , 3. Sie muß eine reichliche, stetig zunehmende Erzeugung wertvoller landwirtschaftlicher Rohprodukte bewirken; 4. Sie muß zahlreiche Arbeitsgelegenheiten für jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen schaffen. Für das Gedeihen der Verarbeitungsindustrie ist die richtige Wahl einer für diesen Zweck passenicu Ortschaft von ausschlaggebender Wichtigkeit. Zu der gewählten Ortschaft, die in der Nähe einer Bahn und eines Hafens liegen soll, müssen möglichst gute Fahrwege führen, da mangelhafte Verkehrswege große Unkosten bei der Zustellung der, voluminösen Rohprodukte'verursachen'. Am meisten entsprechen in Palästina den Änfordermrgen in Bezug auf. Transportverhältnisse. die Hafenstädte Haifa und Jaffa. Das Prvduktionsgebiet.der zu verarbeitenden Rohprodukte muß möglichst nahe bei den projektierter: Verarbeitungsanlagen sich befircken. . In der nächster: ,Umgebung soll die Möglichkeit der Anschaffung von möglichst viel Früchtcrr, Gemüse und eventuell Fischer: vorhanden slein. Be: allen Zrveigen der Konservenindustrie müssen die Rohprodukte in vollkonnnen frischem Zustande zur Verarbeitung gelangen. Die aus. frischen Früchten, Gemüft und Fischen hergestellten Kionserven werden stets höher bewertet sein. als diejenigen, die aus Produkten angefertigt waren, . die einen: längeren Transporte ausgesetzt rvaren. Die in der Nähe der Fabrik gewonnenen Rohprodukte ergeben picht nur qualitativ bessere Konserven, sondert: sie erweisen sich auch viel aus-' gicbiger als.Rohmaterialien, die aus der Ferne kommen-. Rr. 10. Die neue Industrie muß an Orten begründet Werhön, wo bereits''eine bedeutende jüdische Arbefterbevölkerung. vorhanden ist oder wo eine solche in Bälde voraussichtlich sich ansiedeln kann.' Diese Industrie wird viele Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnei: beschäftigen. .Eir: Teil Wird allerdings nicht während des ganzen Jahres jn den Kvnjervierungsbetrieben Arbeit sinder:. Die Saisonarbeiten dieser Betriebe fallen aber mit denjen:-' gen, die für die.Gewinnung der rohen Produkte (Früchte oder Gemüse) in Betracht kommen, nicht zusammen. In diesem Umstande liegt ein .zweifaches Vorteil: eliierstits wird die Konservenindustric an^ Arbeitskräften keinen Mangel haben in den Monaten, in welchen sie ihrer am ineisten bedürftig sind, und .andererseits werden die Arbeiter eine ergänzende. Beschäftigung gerade "in denselben landwirtschaftlicher: Zweigen finden, derer: Entwicklung durch .diese Industrie mächtig gefördert werden wird. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen sich zu genossenschaftlicher: Gruppen organisieren werden, um eventuell Lieferungen von Geinüse an die Fabriken zu über- ' nehmen. Der aus diese Weise regulierte und gesicherte Absatz ihrer Erzeugnisse wird ihnen in Verbindung mit der Arbeit in den Fabriken eine gesicherte Existenzgrundlage verschaffen. In der nächster: Nähe der Konservenfabriken wird die .Errichtung von Arbeitersiedlungen sehr am Platze sein. Ir: diesen Siedlunger: werden sich intensive Landwirtschaft und industrielle Tätigkeit aufs engste verbinden. Von Wichtigkeit wird u. a. . dabei der Untstcnck» sein, daß in der Konservenindustrie namentlich Frauen und Mädchen beschäftigt sein tverden, sodaß alle Arbeitskräfte der hier wohnender: Familien volle Verwendung finden können. Es sei hier auch dex Vorteil erwähnt, den die Arbeiterinnen daraus ziehen werden, daß sie in' der. Konservenindustrie manches lernen werden, was sie in ihren: Haushalt werden vertverter: können, da ja das Verfahren des Einmachens und Einlegern im Großbetriebe so ziemlich dasselbe ist wie das im Haushalte verwendete (Sterilisierung, Bereitung derselben flüssigen Konzentrationen,. Lustabschkuß.usw.) Das Vorharrdensein einer bestimmten Artzahl von Arbeitern und Arbeiterinnen, die mit jeden: Jahre geschickter und sachkundiger sein werde::, wird einen wichtigen Faktor für die Möglichkeit einer stetigen Ausdehnung der Konservenindustrie ausmachen. Neben den einfachen Arbeitern tverden Konservenfabriken auch eine beträchtliche Anzahl von Qualifizierten Arbeitskräften Le: dem Dampfbetriebe, bei der Anfertigung von.Verpackungswaterialier: und bei der eigerftlichen Zubereitung der Klonserven beschäftigen. Ueberdies wird für Leitung und Büroarbeiten ein tüchtiges technisches und kaufmännisches Personal erforderlich sein. In Bezug auf. die anfänglichen.Dimensiorten von Anlagen für Konservenherstellung möge darauf hingewieser: werden, daß .sowohl, lleinere, als auch mittlere und größere. Einrichtungen mögliche sind. Kleinere Betriebe können mit verhältnismäßig geringem Kapital anfanger: und sich bloß aus die Herstellung von einem oder höchstens zwei bis drei Fabrikaten beschränken. Dabei wird von Kraftbetrieb und auch.von eitler Darnpfanlage Abgesehen tverden können. Der kleinere Unternehmer muß aber unbedingt in der Lage sein, sowohl die technische wie auch die kaufmännische Seite selbst zu führen. . Was große Einrichtungen anbetrisst, so denken wir an ntoderne Konservertfabriken, welche mög-' lichst viele Fabrikate Herstellen. Diese Fabriken sind in der Leitung, sowohl :n technischer als in käufmännischer Bezichung, so vielseitig und kompliziert, daß sie von Anfang an nur erstklassige Leitnn'g skr äste heranzuziehen haben. .Große Konservenfabriken müssen die v erschieder:stenKan- -servierungszweige aufttehmen können und müssen vor allem auch für der: Vertrieb der Produkte rechtzeitig großzügige Propagandamittel Anwender:. ' - - Zwischen diesen beider: Extremen, also einer Keinen und bescheidenen Einrichtung .und einer großen Fabrik, welche alle in der betreffenden Gegend rnöglichen Konservenzweige gleich von Anfar:g an ausnimmt, lassen sich Betriebe denken^