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Neue jüdische Presse · 1917-05-18 · Heft 19 (18.5.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 19 (18.5.1917)
Date
1917-05-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Es wird Zeit, sich mit der Haltung des de u t s ch e.n Indens u in s i in K liege etwas eingehender zu beschäftigen. Nicht etwa mit seiner Haltung . des deutschen Staates, des deutschen Vaterlandes. Darüber brauchen wir Inden kein Wort zu verlieren; wenn wir cs tun, so nur gezwungenermaßen, wennman uns durch schnöden Eingriff zur Abwehr nötigt. Wir haben unsere Pflicht als "'Deutsche erfüllt, und das ist nur selbstverständlich;. die Haltung des deutschen Juden im Weltkrieg, vom deutschen Standpunkt aus, gibt keinen Anlaß zu weiterer Erwägung und Betrachtung. Sie ist eine Tatsache, die man' nichtbesser würdigen kann, als indem man von ihr aW von etwas Selbstverständlichem nicht weiter spricht.■ llntfcr mejjr Anlaß zur Erwägung und .Betrachtung gibt die Haltung der deutschen Judenheit, im Weltkrieg, sofern man sie vom jüdischen Standpunkt ansiel/t. Und hier muß man leider das Umgekehrte konstatieren; so makellos und nach Men Seiten hin untadelig das Verhalten der deutschen Juden als- Deutsche war, so unbefriedigend und zu schärfster Kritik herausfordernd ist. ihr Verhalten als Juden gewesen. In all den g'roßen Fragen, in. denen wir Inden ^als Juden vom Weltkrieg berührt wur- Xhen, hat .das deutsche Judentum vis heute versagt. Man halte uns als Erwiderung all das Mannigfache entgegen, was wähtrend des Krieges vom deutschen Judentum für Me mannigfachen, durch den Krieg hervorgerufenen (speziell jüdischen .Fragen und Bedürfnisse getan swurde, besonders auf dem Gebiete der Fürsorge "und Wohltätigkeit. Es sind dies alles nur Dinge (minderen Ranges, die Nicht über die Grundfrage (der Haltung der deutschen Judenheit zu den /großen jüdischen Problemen des Krieges entscheiden können. Denn dies ist heute wohl allen klar gewor- ,den: daß dieser Krieg große jüdische Probleme lihat, erstehen lassen, daß er auch uns. Juden iin immer steigendem Maße als Juden tangiert j und in unser Dasein mit wuchtiger. Hand einigreift. Mit seiner ungeheuren revolutionierenden (-straft, die man heute erst an ihren ersten Wirkungen wahrnimmt, hat er mit. allen anderen igroßen Fragen der Zeit auch die Judenfrage neu ^aufgeworfen, in ihrem ganzen Umfangs und in '(ihrer vollen Tiefe aufgewiesen und so auf die Tagesordnung her Zeirgeschehnisse gesetzt. Die sJudenfrage ist durch den'Krieg zu einem internationalen, aktuell-politischen Problem "geworden: * die immer häufiger uud breiter werdende Erörterung der . Frage in der großen europäischen (Presse aller Länder zeugt deutlicher davon als (alles andere. Und in weiten Kreisen der..enropäiäschen und amerikanischen Oeffentlichkeit, weit bis in die maßgebenden politischen Kreise hineinmacht sich bereits .die Erkenntnis geltend, daß es beim ^Friedensschlüsse, bei der Vornahme der neuen »großen Regelung der internationalen Verhältnisse ."auch notwendig sein wird, die Judenfrage irgend- I wie zu regulieren. 1 Hier ruht , der entscheidende Punkt der Frage!'nach dem (Verhältnis des jüdischen Volkes zum Weltkrieg: in der Art, wie wir Juden diese eigenartige, kaum je so.wiederkehrende Situation betrachten und verwerten werden, deutlicher ge- 1 sagt: mit welcher Energie und politischen Vernunft I wir diese Situation 'auszunutzen verstehen werden. In weitesten Kreisen des Judentums hat. man bereits die hohe, historische Aufgabe erkannt, die diese Situation uns anserlegt; hat man begriffen, daß jetzt der Moment gekommen ist, da'das jüdische Volk sich in seiner Reife als Volk erweisen muß, da cs mannhaft und einig seine Forderungen und Ansprüche erheben muß. In verschiedenen Ländern hat man bereits begonnen, diese Erkenntnis in die Tat umzusetzen^ wir erinnern an die machtvolle jüdische Kougreßbewegüng in Amerika, an die Bestrebungen zur Einberufung jüdischer Kongresse in Italien und Rußland, an die Gründung der Pro Causa Judaica-Komitees in den neutralen Ländern. lleberall schickt sich das Judentum an, die Aufgabe, die ihm dieser Krieg stellt, zu erfassen uud zu erfüllen. Lediglich das deutsche Judentum bleibt passiv und indifferent, uud dies ist es, was wir mit seinem .Versagen im Weltkrieg gemeint haben. Ihr weitesten sKreisen des deutschen Judentums scheint man von der Anfrollung der großen jüdischen Gegenwartsfragen durch den Krieg kaum etwas zu ahnen, geschweige denn, daß mau Anstalteu machte, au ihrer Lösung mitzuwirken. Und die jüdischen .Organisationen in. Deutschland, berufen, hier voranzugehen, verhalten sich gleichfalls, passiv. Worum man sich in jüdischer .Hinsicht kümmert, ist und bleibt' lediglich der Antisemitismus; über d?n engen Horizont von 'Abwehr und Apologetik blickt niemand. Und so ist es denn so weit gekommen, daß die deutsche Judenheit —. mit der österreichischen — die einzige ist, in der das jüdische Leben von den großen jüdischen Tagesfragen, die überall das jüdische Dxnken und Tun beherrschen, unberührt bleibt; daß, während überall das Judentum sich organisiert, um beim Friedenskongreß die jüdischün Forderungen zu vertreten, in Deutschland nirgendwo auch nur der Ansatz dazu 'wahrzuilehmen ist; ist es so weit gekomnien, daß män sich kaum noch traut, so etwas, wie einen Kongreß, der fdeutschen Gesamtjudenheit zum Zwecke der Mitwirkung an der Lösung der jüdischen Frage überhaupt nur anzuregen. Welch ein Vergehen dem Gesamtjudentum gegenüber in solcher Passivität und Indifferenz ljegt, brauchen wir nicht erst aufzuweisen. Es ist das größte Vergehen, dessen sich ein Volk in kritischen Momenten seiner Geschichte überhaupt schuldig niachen kann: die Zeiten und Forderungen der Zeit nicht erkennen und einen einzigartigen, unwiderbringlichen Moment ungenutzt vorbeistreichen lassen. Daß diese Indifferenz der deutschen Judenheit nicht. ausschlaggebend sein wird, mildert den Schmerz über, ihre Haltung. Das Judentum der gesamten Welt wird sich durch die Verständnislosigkeit der deutschem Juden natürlich nicht hemmen lassen, sondern wird seine Bestrebungen zur Ausrottung der Judenfrage vor dem Friedenskongreß und zur Herbeiführung ihrer Lösung unentwegt fortsetzen, - wie wir inbrünstig hoffen, mit Glück und Erfolg. Die einzige Wirkung der passiven Haltung der deutschen Inden wird bloß die sein, daß ihre Stellung innerhalb des Gesamtjudentums außerordentlich, an Wert und Einfluß verlieren und sie in allen großen gesamtjüdischen Fragen der Zukunft sehr in den Hintergrund gedrängt werden wird. Vor dem Kriege nahm die deutsche Judenheit im jüdischen Leben eine sehr hervorragende, in manchem geradezu führende Stellung ein. Die russische Revolution und die durch sie bedingte Emanzipation des russischen Judentums bringt schon ohnedies eine der wichtigsten Ursachen dieser Stellung in Wegfall. Tut die deutsche Judenheit durch ihre schuld nun./noch ein tlebriges hinzu, versagt sie in diesem kritischen Moment der jüdischen Geschichte, wie sie bisher in der polnisch-jüdischen Frage schon vollkommen versagt hat, so wird nach dem Kriege die Situation eine völlig andere sein, und im .gesamtjüdischen Leben wird das deutsche. Judentum, nur eine sehr zweitrangige Bedeutung besitzen. Sich darüber klar zu werden, ist jetzt Pflicht der deutsch-jüdischen Oeffentlichkeit. Vielleicht daß dieser Gedanke ihr endlich die Erkenntnis gibt, die sie aus dem Bewußtsein ihrer Verantwortung und Verpflichtung dem gesamten jüdischen Volke gegenüber bisher wicht geschöpft hat: sie Erkenntnis, daß es höchste Zeit für sie ist, aktiv an den großen jüdischen Fragen des Krieges Anteil zu nehmen, Jich zu organisieren, um an ihrer Lösung Mitwirken Hir können, kurzum: daß es höchste Zeit für sie ist, die großen Aufgaben, die ihr wie dem gesäurten jüdischen Volke der gegenwärtige Moment auserlegt, zu erfassen und mit aller Energie ihnen gerecht zu werden. Der Brief des Gerer Rebbe. Man steht wieder einmal verständnislos hör der politischen Ungeschicklichkeit von Männern, die djie Gesamtinteressen der traditionellen Judenheit vertreten wollen. Und diese Männer haben den Wahlsprnch: „Tauroh im derech erez", Thorawissen, Thoraleben in Verbindung mit der Kenntnis der Geistesströmungen und dem Leben der Zeit. Wir meinen Pen Brief des Gerer Rebbe, der das Lesen einer anderen Zeitung als der neuen Warschauer Zeitung „Das jüdische Wort" untersagt. Dieser Brief wäre ohne Willen der Herren Dr. Kohn und Dr. Carlebach, die die westeuropäische „Derecherez"-Orthodoxie lgrch dem Osten verpflanzen sollen, nicht erschienen, man hat sogar alle Veranlassung, anznrrehmen, daß er das.Ergebnis von Verhandlungen dieser Herren mit dem Rabbi ist. Hinzu kommt noch, daß eine orthodoxe Zeitschrift in Deutschland den Brief verteidigt, indem sie ihren Lesern den Brief itij Wortlaut mitteilt und von der unkritischen Veranlagung ihrer Leser voranssetzt, zu glauben, dieser Brief spreche keinen Bann gegen das Lesen anderer Zeitungen als der Zeitung „Das jüdische Wort" aus. Freilich das Wort „Bann" ist in dem Briefe nicht enthalten, wenn, aber ein Gerer Rebbe seinen Gläubigen die jüdische Presse als „irreligiöse und sitllich frivole Aeußerungen" enthaltend, als „Seele und Leib verzehrend" schildert 'und Namen und Adressen derjenigen mitgeteilt wünscht, die „Das jüdische Wort" lesen, so sagt das Lur Genüge.- Ueürigens ist ja in den chassidischen Betstuben faktisch in feierlicher Weise der Bann ausgesprochen worden. Wäre es nicht vernünftiger, mehr „Derech erez" verratend gewesen, sich damit zu begnügen, die Notwendigkeit einer im Geiste des überlieferten Judentums, geleiteten Zeitung zu betonen? Diese Empfehlung schon allein hätte für die Anhänger des Rebbe genügt. Warum verletzen, warum selbst die Waffen schmieden, mit denen man nachher angegriffen werden muß? Seit wann können " wir es uns leisten, den starken Mann zu spielen und nach.allen Seiten Schläge auszuteilen? Denn solche Schläge teilt der Brief des .Gerer Rebbe aus,' aber auch, veranlaßt durch den Staub, den der Brief .aufgewirbelt hat, die deutsche orthodoxe

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