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Neue jüdische Presse · 1917-05-11 · Heft 18 (11.5.1917) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 18 (11.5.1917)
Date
1917-05-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. 0. WMm. E Die Geschwister. Eqählung aus dem fünfzehnten JahrhuiLert vonKem-Avigdor. (Kwtschmg.) „Der Großvater Emllias? Was höre ich!" »Lern anderer. Ich habe dir erzählt, daß er nach der Taufe auch innerlich sich zum Katholizismus bekehrt hatte. Nach dem Tode seiner Tochter fürchtete er, daß feine Enkelin von deinem. Vater für baä Judentum erzogen würde. Er ließ sie also heimlich: durch seine Diener entführen. Man brachte sie mit-' samt ihrer Wärterin Juanna nach Segovia." „Das ist schrecklich!" rief Miguel! erregt. „Jetzt erst begreife ich recht den Inhalt jenes Schreibens, wie auch, weshalb mein Vater die Sache verheimlichte. Er fürchtete, baß man dahinter komme, daß "er Jude, sei- Jetzt ist es mir klar, wozu mein Vater bann nach Segovia reiste und weshalb er nach der Rückkehr so -gebeugt war." „3fr, er war nach Segovia zu seinem Schwiegervater gereist, aber das Kind fand er dort nicht mehr. Er flehte und beschwor seinen Schwiegervater, chm "das geraubte Kind zurülhugeben, aber vergebens. Er mußte unverrichteter Dinge heimkehren. Auch wo sich die Kleine befand, konnte er nicht ermitteln." „Entsetzlich!" flüsterte Miguel, „llnd wo befindet süh jetzt der herzlose de Abulesia? Hat man keine Spur der Verschwundenen auffinden können?" „Ich habe viele Nachforschungen angestellt, — aber «erfolglos. De Abulesia ist längst aus Segovia -verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlaffen." „Wer weiß, wo sie sich jetzt besuchet und was aus ihr geworden ist? Wie glücklich wäre ich, wenn ich sie fändel" dachte Miguel. „Nun will ich dir ein» anderes Geheimnis ent-, decken, ein Richterliches und bitteres Geheimnis. Du 'aber, Miguel, mache dich gefaßt, es mit möglichster Seelenruhe anzuhören. Dein Vater ist nicht unterwegs gestorben, wie ich dir damals erzählte; er ist ein Opfer der Inquisition geworden!" „Man Vater? Mein Vater?" stieß Miguel mit veränderter Stimme hervor, indem er leichenblaß wurde. „Gemordet sagst du, gemordet dnrich die Inquisition! . . „Wie kam dos?" fragte ier zuletzt in. Tranen ausbrechend. ~ „Dein Vater war an der Verschwörung gegen die Juquisitiml beteiligt. Er hatte dich deshalb wiÄer J zu mir gebracht, weil er für dein Leben fürchtete, falls man ihn errürecken sollte. Als er nach Sevilla kam, waren die Inquisitoren schon in der (Stobt. Die Verschworenen, darunter auch dein Vater, versammelten Wh bei de Abulesia, um über die Art zu beraten, wie man der Inquisition offen den Krieg erklären könnte. Wer die Inquisition hatte bereits alles aus- . spioniert. Mari besetzte die Ausgänge des Hauses, die Versammelten wurden gefangen genommen und in die Kerker geworfen. Me, bis auf deinen Vater, wurden hWerichtet. Er allein wurde vorläufig verschont. Sie wußten, was er dem Könige gatt, und. daß.dieser nie erllruben imüä», ihm das Mindeste entgelten zu lassen. Deshalb verbreiteten sie das Gerücht, daß Christobal 'San Salvador auf der Reise gestorben sei. In Wirklichkeit aber wurde er später im Gefängnisse zuerst gemartert und dann getötet." Miguel wurde plötzlich starr und konnte kein Wort Hervorbringen- Nur unartikulierte, herzzerreißende Klagetöne enttarnen sich seiner' Brust. Sein Gesicht war blutrot, seine Zähne klapperten, und er.bebte an allen Mildern. Eine Weile saß-er regungslos da, dann erhob er sich rasch und begann im Zimmer wie toll umherzujagen. Er sah aus wie . ein angeschossener Tiger. „Miguel," bat de Fereira saust, „beruhige dich. Die Sache läßt sich nicht mehr Ädern." Miguel ließ sich schwer auf den Stuhl nieder. „Beruhige dein Gemüt, mein Sohn," rief de Fereira und ergriff Miguels Hand. „Nicht Rache haben wir zu nehmen. Laß uns ihnen verzeihen! So verzecht unser Vater im Hdnmel denen, die gegen chfr gesiedelt Haben. Auch die Priester sind nicht schuldig. Sie sind Wenfalls in einem falschen Geiste -es .Hasses erzogen worden. Wir bitten nicht Lu Gott, um die Vertilgung -der Sünder, sondern der Sünden. Nicht durch Macht ' und Gewalttat, sondern durch. Liebe und Gerechtigkeit . wird das Uebel vom Erdboden verschwinden-"" Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Die sanften Worte des. 'Lehrers beschwichtigten Miguels empörtes Blut und beruhigten seine aufgeregten Nerven. „Wie erfuhrst du dies alles!" fragte er nach einer Welle. „Einer der Gefangenen, entkam tvie durchein Wunder, und dieser erzählte mir alles. Von ihm erfuhr ich auch, daß die Inquisitoren deinem Vater .ein Schriftstück abzwangen, worin er 'gestand, all sein Hab und Gut den Aeltesten verkauft zu haben. So kam alles in ihren Besitz." 10. Es war bereits vorgerückte Nachtstunde. . Der Kranke war von der langen Erzählung erschöpft und schlief sanft ell^ Auch Miguel begab sich zur Ruhe. -Auch er war sehr abgespannt. Die welle Reise und die Aufregungen, des Tages hatten ihn entkräftet. In seiner Seele erbebten noch die letzten Töne der Empfindungen und Gefühle, die sie heute durchwühlt hatten, dann er- .starben sie allmählig, und «in tiefer Schlaf überwältigte den'Müden. Als er am frühen Morgen erwachte, drangen die ersten Sonnenstrahlen ins Zimmer. Miguel erhob sich rasch uw) trat an das Bett des Kranken. Dieser Wies noch. Die Wärterin' erzählte Miguel, daß de Fereira einige Mal die Augen geöffnet und nach ihm gefragt hatte. Miguel verließ das Zimmer und sagte der Alten, daß er bald zurückkommcn werde. Er wandelte in den Straßen Cordovas sinnend umher.. Alles, wds er seit gestern wußte, tauchte in seiner Seele tvieder auf, und ein Meer von Gedanken stürmte aus ihn ein. Welch eine neue Welt hatte sich vor ihm aufgetan! Welch eine Menge von ungeahnten Geheimnissen barg nun seine Brust! Es ist also Wirttichkell üw> kein leerer Traum? Sein Lehrer, er selbst such also Juden, Söhne jenes unglücklichen, wunderbaren Stammes, dessen *Los seit frühester Zell so sehr seine Teilnahme erregte? Er, der erste Kämpfer von Granada, einer der gefeiertesten Helden des Vaterlandes, würde-wie ein Fluchbeladener, wie ein Verpesteter gemieden werden, wenn man es 'erführe ... Vielleicht müßte er gar den Scheiterhaufen besteigen.. . . Ist bas der Dank des Vaterlandes? , „Mein armer Vater," dachte er weiter, „der Freund und Erretter des Königs, wurde durch die mörderische Jnquisllion dahingerafft. Mein geliebtes Vaterland ward das Blutgerüst für meinen Vater. . . Das ist grau- Plötzlich erinnerte er sich der Schilderung seines Onkels, wie Jsabella vor rhin zurückbebtc, als sie seine Abstammung erfuhr. „Ich wlll nicht die Frau eines Juden werden!" Und er erinnerte sich jenes Abends in Claras Elternhanse, als er an ihrer Seite saß und sie dann zum Tanze führte und ihr glühende Liebesworte zuflüsterte. Was wäre, wenn sie damals um sein Geheimnis gewußt hätte? Wäre sie nicht auch zurückgebebt und hätte gerufen: „Ich kann einem Juden meine Hand nicht reichen!" Vielleicht hätte' sie noch mehr getan, sie hatte ihn angesichts der Versammelten angespieen... Me Gäste, seine Freunde nicht ausgenommen, wären vor ihm zurückgewichen: „Fort, du verfluchter Jude!" .... Dann hätte man mit ihm das Auto-da-Fe eingeweiht... Ein Schauer durchrieselte ihn. „Jetzt denkt sie anders über Juden," tröstete er sich. Was würde de Fereira.sagen, wenn er ihm seine Liebe entdeckte? Wurde er ihn ansfordern, ihr zur rechten Zeit zu entsagen? Me würbe er diese gerechte Forderung zurückzuweisen vermögen?... Ja, wie kann er es ihm Überhaupt verschweigen? ... Er gedachte sogar Clara zu hintergehen. . . ' Wie well steht er hinter seinen: Lehrer zurück! Ein heftiger Kampf entbrannte in seinem Innern: „O Gott, warum forderst du von mir ein solches Opfer? -Kann ich mein Herz, mein Leben hingeben? Der TÜd wäre mir lieber, als meiner Clara zu entsagen! Nein, die Religion ist zum Wöhle des Menscher: da und nicht zu seinem Unglück. Soll sie mich ohne Verschulden aus meinem Paradiese jagen? Ich will allen Freuden .des Lebens der Religion zu Liebe eillsagen, — nur der Liebe nicht! Soll ich Clara zum grausamen Mörder werden? Sie von mir stoßen? Wird sie nicht, tvie Jsabella, vor der Zell hurwelken? —Was hat die Arme gesündigt? Habe ich ein Recht, sie zu töten, weil mir eröffnet wurde, daß ich einer anderen 'Religion angehöre als sie?"" „Sie ist so sanft und so gut," beredete er . sich,' „tvarum könnte es mir nicht gelingen, sie nach und nach dem Judentum zuzusühren? Wenn sie dann mein' Nr. 18. Geheimnis erfährt, wird, sie-cs ruhig aufnehmen. . ...-. Vielleicht tvird sie-selbst Jüdin. Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken aufgcstört. .Seine Augen spähten nach einer Gestalt' die er durch das Fenster eines der niedrigenHäuser dieses cntteßcneu Stadttvinkels erblickt hatte. Wer konnte cs sein? War es nicht jenes Mädchen, das er damals mit ihren Groß. Vater in Granada vor dem Pöbel beschützt hatte und die von jenem Emilia benannt wurde? Miguel 'schaute zum Fenster hinein, aber die Gestalt ivür verschwunden. Nach einigen Augenblicken zeigte sie sich tvieder. „Das ist sie!" jubelte cs'in ihm auf. Er nickte ihr grüßend zu, während sie eine,: Augenblick tvie versteinert vor sich hinstarrtc. Er überlegte einen Augenblick mtö trat dann ins Haus.' i (St pochte an die Türe, welche sich bald austat, und er stand an der Schlvdlle eines kleinen, ärmlichen Gemaches. Die Wände waren nackt und die Decke niedrig, aber Ordnung und Reinlichkeit herrschte. Das Mädchen trat auf seinen Anblick einige. Schritte zurück. Sie trug ein einfaches Kleid, und das Haar fiel ihr lose auf die Schultern herab. Eine reizende' Anmut schwebte über die ganze Gestalt. „Entschuldigen Sie, Signora,"" rief Miguel, indem er dem Mädchen ins Gesicht blickte, das ihn noch immer befremdet und ivortlos anstarrte. „Entschuldigen Sie, daß ich mich erkühnte, hier ungeladen cinzütretcn und Ihre Ruhe zu stören. Aber seit ich Sie in Granada sah, habe ich Sie nicht vergessen, llnd als ist Sie am Fenster erblickte, konnte ich mich. nicht enthalten, hier cinzütretcn."" . Bei diesen Worten tvich die Angst und das Staunen aus ihrem Gesichte, und es gewann den Ausdruck freudiger Ueberraschung. „Seien Sie willkommen, Signor!" sagte sie. „Ich . habe Ihre Güte nicht vergessen, die Sie mir und meinen: Großvater bewiesen, indem sie uns in Granada aus den Händen des Pöbels befreiten. Aber ich habe Sie nicht gleich ' wiedererlannt. Entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht höflicher begrüßt habe. "" Sie brachte ihm einen Sessel und bat ihm zu sitzen.. (Fortsetzung folgt.) Der AMa-Romau.*) . Vierzig Jahre war Akiba alt und war Hirte bei ben Kalba Sabua. Da sah dessen Tochter, daß er der keuscheste war von ben Hirten ihres Vaters, und sprach: Dieser hätte es verdient, ein Lehrer in Israel zu sein und daß die Schrift seinen Namen trüge. Und sie ging uub traute sich ihm im geheimen an. Als sie herangewachsen war, kamen vornehme und Reiche Freier zu ihr, sie aber wollte 'sich mit keinem vermählen. Ihr Vater sprach zu chr: „Weswegen willst du dich nicht verehelichen?"" Und er rief eines Tages die Angesehensten seines Geschlechts zu -sich und sprach zu seiner Tochter: „Erwähle dir von diesen einen, an dem du Gefallen hast." Da antwortete sie: „Ich bin berells von. deinem Hirten Akiba geheiligt worden." Als sie das gesagt hatte, trieb sie ben Kalba Sabua aus seinem Hause und entsetzte sie alles "Antels in seinem Vermögen. Also zog sie von dannen und ging zur- Mutter Akibas, sie wohnte bei ihr und verdang fisch' Äls Tagelöhnerin bei ihren Freundinnen. Von der Hälfte des Lohnes ernährte sie sich, die andere Hälfte schickte sie Akiba, der hingezogcn war, um aus dem Munde Rabbi Eliesers und* Rabbi Josuas die Lehre zu empfangen. In ihrer Nachbarschaft wohnte ein Lahmer, und dieser pflegte sie mll Worten zu schmähen und zu beleidigen,' indem er sprach: „Seht die Törin, die die Hoheit ihres Vaterhauses verleugnet und sicheinen: angetrant hat, *) Probe aus „D. e r B o r u J u d a s"'. Legenden, Märchen und Erzählungen, gesammelt von M. I. bin Gorion. Erster Band: Von Liebe und,Treue. 376 Geilen. Leipzig, Insel-Verlag. Auch'wir. Juden haben eine reiche Märchenwelt, haben Legenden iutb Erzählungen, die dort, wo noch! ein jüdisches Eigenleben besteht, von Geschlecht zu Geschlecht, überliefert werden. Es hvird 'gut sein, daß mau innerhalb und außerhalb der lvcfteuvopäifdjcn Judcnheit diese kennen lernt. Ist, doch' Ln WHteuropa das Judentum, der traditionelle Gehalt des jüdischer Völkes ei» . Gebiet geworden, Las erst -wieder entlockt werden muß! Wird dieses'Gebiet aber erst bekannt, dann wird es Len Inden Stolz geben und den Nichtjude:, stlchtung. Um wieviel.höher steht der sittliche Wert der Märchen, Legenden und Erzählungen, mit denen uns der Leser bi» Gorion hier vertraut macht, als der Drwchschmtt der Märchen, Legenden und Erzählungen an» derer Völker! Der Insel-Verlag hat das Buch! vornehm und eigcnartig ausgestaltet, sodaß es auch! äußerlich eine Zierde jeder Bibliothek ist. ' , ,

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