Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 17 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 17. gleichzeitige praktische Vorführung eine besondere.Anzieh. ungSKast erhielt. Am 28. April fand die erste gesellige Zusanuncnkunft statt, die einen würdigen vielversprechenden Verlauf nahm. Im Anschlüsse an die Ansprachen Rabb. Dr. Horovitz und einem Referate Dr. Baruchs wurde die Zukunfts^- möglü^keit der Jargonsprache behandelt. Für best S. Mai 'ist außer derBesprechung desToraabschnittes eine Ausspräche über Las'ireu erschienenes rühmlichst bekannte Buch Prof. Förster.'. Lebensführung'" angefetzt. Alle. Veranstalt tnngen weisen 'einen guten Besuch! auf und lassen auch für die spätere Durchführung der Sommerarbeit das Beste Die Teilnahme an allen Einrichtungen des Vereins ist jedem jüd. jungen Mann. Und jiid. Mädchen freigestcllt. Es ist insbesondere, mit Rücksicht auf die Neu begonnenen und-beginnenden Lehrgänge empfehlenswert, sich, dieselbe» recht bald nutzbar zu machen. Schriftliche und persönliche Auskünfte erteilt das Budo Montag, Mittwoch und Donnerstag abends in: Vereinshause Bleichstr. 70. ' Jubiläum des SantarS Max Höchster. Am Dienstag, den 1. Mai feierte der Lehrer und Kantor der Gemeinde Bockenheim; Max Höchster, sein fünfundzwanzig jähriges Amtsjubiläum. Herr Höchster wurde im Jahre 1887 in Wetzlar als Sohn des dortigen Schocket imd Kultusbeamten geboren;, er besuchte die Kräparandenschule in Höchberg und daH Lehrerseminar in Köln, bekleidete eine Hauslehrerstrlle im Hause Hirsch in Messingdorf bei Berlin, war dann Lehrer und Borbeter in Flammersheim und Eschjweiler, bevor er sein hiesiges Amt antrat.' Welch großer .Beliebtheit sich der Jubilar erfreut, zeigte die freudige Anteilnahme weiter Kreise an seinem Ehrentage. In der Wohnung des Jubilars erschien Rabbiner Dr. Horovitz <nt der Spitze eines aus den Vorstehern und angesehenen Genieindemitgliedern gebildeten Jubiläumsausschüsses und überreichte eine ansehnliche Ehrengabe, an der sich sämtliche Gemeindemitglieder beteiligt hatten, sowie einen blumengeschmückten silbernen Tafelaufsatz, indem er gleichzeitig Herrn höchster in herzlichen Worten feierte. Schon vorher hatte der Herr Rabbiner ein Glückwunschschreiben des Vorstandes der Israel. Gemeinde zu Frankfurt a. M. iiberbracht und verlesen, in welchem eine Gehaltserhöhnckg vom -1. April dieses Jahres au angekündigt wird. Der Redner überbrachite schließlich noch Grüße Und Glückwünsche des -dienstlich verhinderten Direktors der Liebigoberrealschule, der den beliebten Lehrer bereits zu Beginn einer der letzten Schulbonferenzen gefeiert und ihm besonders für seine stete Bereitwilligkeit gedankt hatte, überall einzuspringen. Es gratulierten ferner Lehrer I. B. Levy im' Aufträge der Vereinigung israel. Religionslehrer und Lehrerinnen zu Frankfurt a. M. sowie namens des Ausschusses des Allgemeinen deutschen Kantorenverbands und Studiosus S ch ö n t h a l im Namen früherer und jetziger Schüler. Am Sabbat findet in der Synagoge zu Bockenheim eine shnagvgale Feier mit Predigt statt. - Möge dem wackeren Mann noch eine weitere lange und reichgesegnete Tätigkeit beschieden sein! „VICTORIA« Crste Berliner Wäscherei und Glanz-Plätterei Han» Tel. 2002. ]g EotleillStJ’aSSe M. Hain« Tel 2002 Spezialität: Kragen, Manschetten und Hemden. Die Geschwister. Etzählimg aus dem fünfzehnten Jahrhundert von Ben-Avigdor. l (Fortsetzung.) Da kam ihm ein neuer Gedanke: Ich bin also Jude, und Jude will ich bleiben; aber soll ich ewig ^>ie Maske eines Katholiken tragen? Wie unerträglich ist diese Verstellung! Welch eine Qual, jeden Augenblick einen Betrug zu, begehen! Aber was tun? Die Maske oblegen, mich der Inquisition freiwillig zum Fräße hin- .werfen? Ein leichter Schlummer schloß die Augen des Kranken. Miguel saß an seiner Seite und versank von neuem in Gedanken. > •9. „Jetzt will ich dir weiter erzählen", begann de iFereira, indem er sich mit Mühe in . seinem Bette jaufrichtete, „du fragtest öfter, warum ich unverheiratet geblieben bin? Nun will ich dir die so lange geheim .gehaltenen Gründe erklären. In Sevilla wohnte ein angesehener Maranne, Don Henrico de Aboab mit Namen, dessen Sohn, Bencdicto du kennst. Ich war einer seiner Hausfreunde. In seinem Hause lernte ich die Nichte seiner Frau kennen, eine Waise, die .nach dem Tode ihrer Mutter ins Haus des Onkels zog. Jsabella wap ein junges reizendes Mädchen, — und wir gewannen uns lieb. Ich hatte die Absicht, um ihre 'Hand anzuhalten,da entdeckte mir «Aboab, daß sowohl z.seine -.Frau wie auch deren Nichte voir Abstammung tfk’ uich Religion katholisch seien uitb ihrent Glauben treu anhängen. Ich mußte also mein Vorhaben aüfgeben." „Was ging dich die Religion an?" fragte Miguel, entsetzt, und die Erinnerung an Clara tauchte von neuem in ihm auf. >■ - „Was mich, das ianging?"' wiederholte de Fdreira die Frage. „Wie''konnte ich eine Christin heiraten? Die Verschiedenheit der Religion bildet ja eine unüberbrückbare Kluft." Diese Wottc erregten in Miguel einen' Sturm. Eine unübcrsteigbare Mauer türmte sich vor ihm auf, die ihn von seiner Geliebten trennte. Daran hatte er nicht gedacht. Zwar, wußte er, daß sich die Juden nur unter einander verheirateten, aber er hatte keine Ahnung, daß die Religion dies fordere. Also er darf nicht, .nach den Vorschriften seiner Religion darf er Clara nicht heiraten . . Aber Ivarum dies? ist das die Duldsamkeit, deren sich die Mische Religion rühmt? Mas geht mich Claras Religion an? Wer verliert dabei, wenn wir.in Religionssachen verschiedener Meinung sind? Wäre es nicht grausam, die Geliebte ihres Glaubens wegen treulos'zu verstoßen? Nein! Das kann ich nicht! „Weshalb verlangt die Religion von uns dieses Opfer?" fragte er seinen Lehrer nach einer Weile. . „Wenn du, mein Sohn, die Lehren unserer Religion begreifen wirst, so wirst du cinsehcn lernen, daß diese Forderung wohlbcgründet ist. Sie hat nur unser eigenes Wohl ini Auge. Wir sollen die Bekenner einer anderen Religion achten und lieben, aber zu einer Familie dürfen wir uns nicht verbinden. Die Geschichte hat das ihrige getan und unserem Leben ein eigenes Gepräge aufgedrückt, ein Gepräge, welches sich nicht wegwischen läßt. Der eigentümliche Charakter, den unser Leben also erhalten hat, macht es unmöglich, daß das Familienleben mit einer Person anderer Religion die gehörige Innigkeit und Weche erhalte. Das Familienleben heischt innige Einttacht ohne jeden Mißton. Mann- und Frau müssen von einem Geiste durchdrungen feinf sie müssen eine Sprache,-einen Gott und ein Gebet 'hüben. Wenn aber zwei Personen verschiedener Religion einen. Ehebund' schließen, mögen sie noch so sanftmütig und duldsam sein, sie müssen einander doch immer im Herzen fremd bleiben. Dcnn^ jedes hat eine andere Vergangenheit und .eine andere^ Zukunft, eine andere letzte Ruhestätte und einen anderen Himmel. Nein, mein Sohn, diese Kluft läßt sich uicht nberbrncken. Wenn der Riß auch einmal zur Not verkleidet'wird, das Flickwerk muß doch wieder auseinandergehen. Und wenn sie erst Kinder bekommen, die jedes nach seiner Seite zu ziehen trachtet. . . . Nein, das ist ein Leben voller Bitternis und Streit." - Eine Weile herrschte ini Zimmer tiefe Stille. Die Worte, die de Fereira ohne jede Absicht gesprochen hatte, machten Miguels Herz erbeben. Diese so einfache, und llare Einsicht zerriß ihm die Seele. Aber, möchte so gerne davor die Augen schließen, er möchte das geliebte Wesen ans Herz drucken, ohne sich viele Gedanken zu machen. Nein! er kann von ihr nicht lassen, komme da, was wolle! „Unsere Religion hat für das Leben unseres Volkes für dessen Fortbestand gesorgt. Der Geist unseres Religionsgesetzes -hat unserem Leben ein eigenes Bett gegraben, worin es dahinfließen muß, um sich unserem inneren Wesen gemäß zu entfalten und seiner Vergangenheit treu zu bleiben. Dieser Geist ist unsere Lebenskraft, unsere innere Natur, die wir um keinen Preis aufgeben dürfen. Wir dürfen unter den Völkern niemals aufgehen.' Indessen will ich nicht leugnen, daß ich damals über diese Frage, anders dachte. Ich fragte mich,' was hat denn die Religion mit der Liebe zu schaffen!- Zwischen diesen beiden Mächten entspann sich in mir ein schwerer Kampf; schließlich trug die letztere den Sieg davon, und ich beschloß', um Jsabellas Hand anzuhalten. Aber betrügen woltte ich sie nicht. Ich wollte ihr zuerst entdecken, daß ich Jude bin. Es geschah also. Und Jsabella schauderte, wie sie mein Geheimnis vernommeu hatte., zurück und rief, indem sie mich erschreckt ansah: „Ich will nicht eines Juden Frau werden! Fort von nur!" Dann brach sie in Tränen aus." „Würde Clara auch so sprechen?" dachte Miguel, und ein jäher Schreck erfaßte ihn. ' „Ich »war verwirtt, sie so sprechen zu Hören," sagte de. Fereira weiter, „es schmerzte mich unaussprechlich. Hassest du mich, Jsabella, fragte ich sic, weil ich einem anderen Volke entstamme und eine andere Religion bekenne?" Jsabella verbarg ihr Antlitz mit beiden' Hmide, weinte bitterlich und antwortete: „Hassen? Nein! Ich liebe dich, und werde nie aushören, dich zu lieben. Aber' deine Frau kann ich nicht werden. Ich verabscheue dein.Volk, aber dich liebe ich; trotz-! dem kann ich meine Seele nicht zur Hölle verdaminen! I Ihre Worte zerfleischten mein Herz. Aber . ich I hatte augenblicklich cingcsehen, daß sie in ihrem Rechte I war. Ja, ich bekam vor ihr große Achtung, während ich! selbst in meinen Äugen sank. . Ich gestand-ihr, Aispsw s recht hatte,' mich abzuweiscn,' da wirunter diesen'Um-1 ständen nimmer ein glückliches Leben führen könnte».! Aber mein Herz, war unheilbar verwundet. , Meine | Liebe flackerte auf und verzehrte mich ganz. Wir schieden I unter heißen Tränen. Wir schieden; dann nahten wir uns luiebcr; : uns abermals und zwar für immer zu trennen. Jsabella I verfiel in eine schwere Krankheit und ließ mich rufen, s Ich wich nicht von ihrem Krankenbette. Sic sagte, das; I ihr meine Nähe wohltue, oblvohl ich sie nicht' berühren I durste, als fürchtete sie sich durch meine Berührung zu I besudeln. Sie starb, und in der Stunde des - Todes I erhob sie die Augen zum Himmel und rief: „Gott, ich I habe mich deinem Willen geopfert!" 1 I Tränen standen in seinen Augen. Er sank in | die Kissen zurück. - Miguel war tief bewegt. Diese Erzählung erschien I ihm wie eine Voraussagung seiner eigenen Zukunft, r Seine Phantasie malte ihm ein so schreckliches Bild- So loird er sich einst von Clara für immer trennen.! Er fühlte in allen Gliedern eine brennende Glut. Sein i Gesicht flammte, und im' Kopfe schwindelte es ihm. T Der Kranke begann wieder: „Seit damals sagte I ich mich für immer von allen Lebensfreuden los, ich I mied die Eitelkeiten dieser Welt und gab mich der I Wissenschaft und der Lehre hin. Ich konnte mich nicht I wittier verheiraten, denn Jsabellawollte mir ans dem I Herzen nicht verschwinden. Ich. verließ Sevilla und I siedelte mich in Cordova an, wo einer meiner Jugend- I freunde wohnte. Ich beschränkte mich auf meine innere I Welt. Zwar ward die alte Wunde nie geheilt, aber I mein Leben verfloß in leidlicher Ruhe und innerer! Zufriedenheit. I Dein Vater aber heiratete die Tochter Juan de I Soßens, das war deine gottselige Mutter. Sie gebar I chm dich, ihren einzigen Sohn. Einige Jahre nach I dieser Geburt starb sie, dein Vater trauerte ein ganzes | Jahr um sie, dann heiratete er die Tochter des marannischen Rabbiners de Abulesia. Er bekam eine Tochter, Emilie, deine Schwester, welche dann plötzlich aus dem! Hause deines Vaters verschwand. Nach der Hochzeit I erfuhr dein Vater, daß de Abulesia inzwischen über- I zengter Katholik geworden war, also auch seine Tochter I zu einer eifrigen Katholikin herangezogcn hatte. Aus I Furcht, daß sic nicht -über dich Einfluß gewinne und I dich in ihrem Geiste erziehe, brachte dich dein Vater zu . nur nach Cordova, besonders da er selbst zu selten zu Hause war, um deine Erziehung überwachen zu können." -„Das war also der Grund, weshalb mich mein I Vater vom Hause sernhielt!' ‘ Aber", fügte Miguel hinzu, „mein Vater hat e glückliche Wahl getroffen. Du warst mir nicht blos I Lehrer und Erzieher, du hast mir dengütigen Vater vertreten. Ohne dich wäre ich vielleicht ein Schüler Torquenladas geworden!" | lieber de Fereiras Antlitz glitt ein Strahl von Freude. „Dein Vater konnte nicht nach Toledo übersiedeln, trotzdem er dort dm größten Teil, des Jahres zubrachte, denn er hatte in Sevilla viele ererbte Besitztümer. Es war ihm schwer, sich davon zik kennen. Auch mir hat cs viel .Ueberwindung gekostet. Nach seinem Tode aber , kam alles in ftemde Hand." „Wie geschah dies? Es. wunderte mich immer, daß mein Vater, der als sehr reich galt, nach seinem Tode, nichts hinterlassen hat." ' „Das wird dir gleich klar werden," antwortete de Fereira. „Zu Lebzeiten deiner Stiefmutter wollte dich der Vater nicht nach Hause nehmen. So'.oft er hierher, kam, freute er sich, daß du nicht im Geiste des Menschenhasses erzogen würdest. Er bedauerte tief, daß seine Tochter ihm durch die Erziehung ihrer Mutter entfremdet tvnrde. Erst nach dem Tode dieser letzteren konnte er dich wieder zu sich nehmen." „Jetzt ahne ich, wie und durch wen meine Schwester entführt wurde," rief Miguel. „Auch dein Vater wußte es. Erinnerst du dich des beschriebenen Papierstrciscns, den du im Garten gcfnndcn hast und deinem Vater brachtest? Das hatte de Abulesia geschrieben!" (Fortsetzung folgt.) - . .