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Neue jüdische Presse · 1917-05-04 · Heft 17 (4.5.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 17 (4.5.1917)
Date
1917-05-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die int ganzen keinesfalls sehr erfreuliche Bewegung, die durch das Auftreten. der Herren Rabbiner Dr. Kohn und Dr. C arleb ach in Warschau innerhalb des innerjüdischen Lebens der polnischen Judenheit aüsgÄöst wurde, und die wir bereits einige Male an dieser Stelle beleuchtet haben, nimmt in ihrer Fortentwicklung immer seltsamere Forureu au. Das neueste Mittel, zu dem die von den beiden Herren geführte „Agudas hvorthodoxim" in ihrem Kampf gegen die anderen jüdischen Richtungen gegriffen hat, ist die Verhängung des „Cherem" gegen die nichtorthodoxen j ü d i j ch e n -Z e i t ungen. Durch den Gerer Rabbi wurde in allen von feinen Chassidim besuchten Betstuben in feierlicher Weise der Bann ausgesprochen, und die Lektüre jeder anderen jüdischen Zeitung als das „Jüdische Wort" verboten Die Methode des Kampfes, zu der hier die. neuen „Führer" und „Organisatoren" der polnischjüdischen Orthodoxie ihre Zuflucht genommen haben/ verdient volle Beachtung. Sie zeigt, welcher Geist ihr Wirken und Wollen beherrscht. Die /Parole, mit der sie nach Polen kamen, war dass Hirsch'sche „Tauroh im derech-erez", die Vereinigung der Treue zur jüdischen Tradition mit moderner Kultur. Dieses Programm, sollte es in segensreicher und fruchtbarer Weise verwirklicht werden, setzte zweierlei voraus: zunächst das volle Verständnis für die Eigenart der polnischen. Judenheit und den Respekt vor ihren Tugenden .und Vorzügen, die.sie der,, westjüdischen Orthodoxie voraus Hat, daneben aber auch den Willen und den Mut, westeuropäische Kulturformeu und-Denkweise dorthin zu verpflanzen, selbst gegen den.Widerstand so mancher Elemente innerhalb der polnisch-jüdischen Orthodoxie,. die nichts von moderner Bildung wissen wollen. Es galt, kurz gesagt, das Gute im polnischen Judentum zu erhalten und das Schlechte, Mangelhafte durch Uebertragung des Wertvollen, was ihm der Westen geben kann, zn bessern und zu reformieren. Statt in solcher — allerdings sehr schwieriger und sehr viel'. Klugheit ünd Energie erfordernder.— Meise zu wirken, zogen die. Herren Dr. Kohn und Carlebach es vor, den entgegengesetzten — allerdings sehr viel leichteren. und bequemeren — Weg zu gehen: Sie wagten es nicht, gegen das Schlechte, rm Laufe der Zeit korumpiert und reformbedürftig Gewordene, das sie innerhalb der Polnischen Orthodoxie vorsanden, aufzutreten und Verbündeten sich statt dessen mit den Elementen, die indenu starren Festhalten an diesem Morschen und Ungesunden den Sinn ihres Wirkens sehen; und das einzige, was sie. als Eigenes, Neues hiubrachten, waren gerade diejenigen Eigenarten der deutschen Orthodoxie, die ihrem Mangel an wahrhaft lebendigem Judentum entspringen, also all das, was mau, gemeinhin mit dem Schlagwort „Trennungsorthodoxie" bezeichnet. Für diese „Werte" war es denn auch nicht schwer, schnell Abnehmer und Liebhaber zu finden^ denn gerade die ungesunden Eigenschaften weiter Kreise der polnischen Orthodoxie mußten sie für diese „Lehren" aus dem Westen sehr empfänglich machen. Und so ergab sich denn als innerer Gehalt der Tätigkeit 'der Herren Dr. Kohn und Carlebach eine sehr wirksame Synthese von allem Negativen, das die polnische Orthodoxie schon 'besaß, mit allem Negativen, das ihr die deutsche noch neu geben.konnte. Vom elfteren Wernahmen die Herren die Ueberbleibsel des Majofisjudentums, die, unmännliche Art in der Haltung den Polen gegenüber, die unvornehme und giftige Art- >. - des Kampfes.und manches andere mehr, als Eigenes taten sie aber die Gedankengänge der Trennungsorthodoxie hinzu, die Bekämpfung alles Nationalen, die Tendenz der Konfessionalisierung u. dergl. m. Wohin schließlich diese Art ihrer Wirksamkeit fWrt, zeigt der Vorfall, von dem wir ausgingen: die Verhängung des „Cherem" gegen die nichtorthvdoxen Blätter. Dazu also mußten Abgesandte der deutschen Orthodoxie nach Polen kommen, um den Rückfall in solch unlautere, ebenso sehr allem Kulturempsinden wie allen wahrhaft jüdisch-traditionellem Geist widersprechende Methoden des Kampfes herbeizusühren, ° wie sie die Verhängung des „Cherem" gegen Konkurrenzblätter bedeutet. Mau ' fragt sich, welche der beiden großen Ideen, deren Vereinigung die Herren Dr. Kohn und Carlebach in Polen predigen wollten, stärker verletzt ist durch diesen. „Cherem": die „Tauroh", die jüdische Religion, die hier zu durchaus unreligiösen Zwecken entweiht wird, oder der „derech-erez", die moderne Kultur, deren Geist der Toleranz und Gesinnungsfreiheit durch solche Methoden. wirklich nicht nach Polen verpflanzt werden kann.- Kampf gegen den Zionismus auf der einen und Durchführung dieses Kampfes mit Hilfe des „Cherem" auf der anderen Seite, dies bezeichnet so etwas wie ein .Resultat der Tätigkeit der Herren Dr. Kohn und Carlebach, ein Resultat, das kaum vernichtender für ihr Wirken sein könnte. Man weiß nicht recht, wer wen schädlichier beeinflußt hat: die Herren Rabbiner den Gerer „Rebbe", indem sie ihm die antinationale, konsessionalisierte Ausfassuugsweise des Judentums vermittelten, die im „Jüdischen Wort" vertreten wird, oder der Gerer,,Rebbe" die Rabbiner, denen Pr die Anwendung solcher Kampfmittel, wie es der „Cherem" ist, mundgerecht gemacht hat. Aus jeden Fall war der wechselseitige Einfluß ftir beide Teile ungesund und verderblich, weshalb wir nur — in ihrer beiden: Interesse — wünschen können, daß sie recht bald ihrer gegenseitigen Beeinflussung entzogen werden mögen. Zur Frage eines jüdische» Kongreffes i» Oesterreich. Die Prager „Selbstwehr" hat hinsichtlich eines etwaigen Kongresses der österreichischen Judenheit einen Fragebogen an angesehene jüdische Persönlichkeiten gerichtet. Aus den Antworten seien hier eine der wichtigsten in ihren, wesentlichen Teilen wicdcrgegeben. , .Adolf Skand, ehemaliger Reichstagsabg. und Präsident des Zion. Zentralkomitees für Oesterad. 1: Meiner Ansicht nach erfordert sowohl die gegenwärtige wie' auch die künftige .Lage der österr. Juden nach Friedensschluß einen engeren Zusammenschluß der österreichischen Judenheit. Die Tatsache, daß wir ein einheitliches Volk mit gemeinschaftlichen wichtigen Postulaten, Forderungen^ Lebenszielen und Lebenszwecken, mit Wünschen kultureller, politischer, wirtschaftlicher und', .sozialer Natur siud, diese Tatsache spricht inerster Linie dafür, daß wir uns endlich finden und zusammenschließen müssen, um unsere Lage zu studieren und zu. besprechen. : ad. 2. Einen österr.-jüd. Kongreß halte ich für das geeignete Mittel, das diesen engeren Zusaiumenschluß herbeiführen könnte. ad. 3. Ich wünsche für einen solchen Kongreß entsprechend unserer traurigen, ja trostlosen Lage ein weites Programm. Neben der Frage der Organisierung der jüd. religiösen Gesellschaft in Oesterreich und einer Repräsentanz der österr. Juden jst . die Frage der, jüd. Erziehung und der wirtschaftlichen Hilfeleistung für die tausende Kriegsopfer von hoher Wichtigkeit. Eine wichtige Frage: die Frage der jWischen Emigration. Viele TauseWe von Juden werden infolge der Tatsache, daß' sie in ihren bisherigen Wohnorten. im Osten infolge deren völliger Devastierung nicht bleiben können, emigrierenmüssen. Große Emigrationsbüros, die sowohl in den Zentren europäischer Staaten me auch der, überseeischen Länder entstehen müssen, müssenan der Hand statistischer Tatsachen, der genauen Kenntnisse der Verhältnisse sowohl des Emigrationswie des Jmmigrativnslandes die Masse dorthin dirigieren, wo ihre Kräfte am besten benötigt, am besten bezahlt und am nützlichsten für sie und die betreffenden Länder verwertet werden können. ad. 4. Zur Abhaltung eines Kongresses halte ich den Zeitpunkt im Herbst 1917 für richtig. ad. 5. Für die Vorarbeiten zu einem solchen Kongreß schlage ich vor, daß die Redaktion der „Selbstwehr"' sich an maßgebende Führer der österr. Judenschaft aller Parteien wendet und dieselben ersucht, sic mögen zu einer ersten Aussprache in Wien spätestens im Mai dieses Jahres Zusammenkommen und sich über den Kongreß äußern. Robert Edler von Fuchs Robettin, Vizepräsident der Prager Kultusgemeinde, ist der Meinung, daß ein Zusammenschluß der österreichischen Judenheit notwendig sei, hält aber hierfür die Einberufung eines großen Kongresses für weniger geeignet als die Bildung eines richtigausgewählteU engeren Komitees, welches alle in Betracht kommenden Fragen behandeln und bearbeüen soll. . Dr. Alfred Stern, Präsident der Wiener Kultusgemeinde, schreibt: „Ich beantworte die Rundfrage dahin, daß ich die Einberufung eines jüdischen Kongresses derzeit entschieden perhorresziere." Dr..Max Grunwald,-der bekannte Rabbiner und Präsident der „Hilfs-Kommission 1915 für Palästina": ad. 1. Engeren Zusammenschluß halte ich für - eine Lebensfrage der österreichischen Judenheit. ad. 2. Ein Kongreß kann uns nur dann helfen, wenn die Vorarbeiten verbürgte Aussicht auf harmonisches Zusammenwirken bieten; denn der Kon- - greß trägt unsere Mische Ehre. Ein sorgfältig " zusammengestcllter Vorstand wäre vorzuschlagen. ad. 3. Alle von Ihnen genannten Fragen müßten auf dem Kongreß verhandelt werden. Referenten wären vorher zu bestimmen und Sektionen mit der Durcharbeitung der Einzelfragen zu betrauen. ad. 4. Die Wochen unmittelbar vor oder nach dein Herbstfeiertagen empfehlen sich, da die Vorarbeiten Zell beanspruche^. ack. 5. Cs wären Landeskomitees einzusetzen, in denen,-zumal kulturelle Gegenstände zur Verhandlung stehen, das Rabbinerelement entsprechend vertreten sein müßte. . Hilfsverei« der deutschen Jude». Am 25. April fand in Berlin die statutengemäße Sitzung des Zentralkomitees und die Tagung der ordentlicher Mitgliederversammlung statt. Es hatten sich Besucher aus Hamburg, Dresden, Mannheim, Metz, Königsberg i. Pr. Lissa, Tilsit ünd anderen Orten eingestrnden. In der Sitzung des Zentralkomitees erklärten auf eine Anfrage des Oberrabbiners Dr. Nett er-Metz, ob es dem Hilfsverekn möglich wäre, sein Hilfswerk auch auf die Juden, hes okkupierten Gebietes im Westen auszudehuen, Dr. Nathan urch Dr. Simou, daß..der Hilfsverein!

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