Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 16 (27.4.1917)
- Date
- 1917-04-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Famüivnvlatt. Nr. 16. Mein Dricker wirr inzwischen in die Armee getreten. Er hatte in seiner / Laufbahn viel Glück und kam xafdj empor. An seinen freien Stunden weihte ich ihn in die Weltweisheit und die jüdische Lehre ein; er wurde ein Held und ein Denker zugleich." „Lebt noch dieser Bruder?" —frug Miguel plötzlich. „Es geschah nach dem Tode unseres Vaters," nahm -de Fereira wieder auf, „mein Bruder war damals siebenundzwanzig Jahre alt, seit zwei Jahren war er bereits Jude und zwar mit Leib und Seele. Da begab es sich, daß' er einmal einen Feldzug gegen die Mauren mitmachte, den der König in eigener Person leitete. Die Mauren siegten und-jagten unsere Truppen in die Flucht, ein Araber stach sogar das Pferd unter dem -Könige nieder, wenig fehlte, und der König wäre tot gewesen. Da sprang mein Bruder dazwischen, tötete den Feind, und der König war gerettet. " „Was höre ich?" rief Miguel erstaunt, „mein Vater hat ja. auch dem König das Leben gerettet! Wie hieß denn dieser Dein Bruder?" „Christobal!" antwortete de Fereira. Miguels Augen funkelten. „Aber er führte doch auch den Namen de Fereira?" fragte er^ „Der König verlieh ihm damals einen hohen Rang und den Beinamen San Salvador!" „Mein Vater!" rief Miguel, indem er von seinem Sitze aufsprang und sein Gesicht flammenrot wurde. „Ich bin also Jude, und du bist mein' Onkel!" „Ja/ mein Sohn," sagte der Kranke und lehnte sich stöhnend in die Kissen zurück. Das Reden hatte ihn erschöpft. - Die Lippen des Kranken umspielte ein zufriedenes' Lächeln. Aus seinen Blicken strahlte jene Ruhe, die in der Brust eines Menschen einzukehren pflegt, wenn er eine heilige Mission erfüllt hat. - - ' Miguel warf sich an die Brust des Kranken, umarmte und küßte ihn. „Ich bin Jude, und du bist mein Onkel!" rief er mehrmals stürmischen Herzens. „Laß mich Wem holen, mein Sohn," sagte de Fereira mit schwacher Stimme, „denn ich bin zu Tode ermüdet; dann will ich dir weiter meine und deines Vaters Lebeusgeschichte erzählen." In Miguels Herzen wogte ein Meer der verschiedensten- Empfindungen. Zufriedenheit und Schmerz, Freude und Bitterkeit, .Stotz und Demütigung, Haß und Liebe, dies alles tobte in seinem Innern: „Er ist also seinem Lehrer nicht frenü», sondern ist ein Stammesgenosse, ja, sein Blutsverwandter!" Dieses Bewußtsein machte ihn glücklich. Aber bald überkam ihn eine peinigende Empfindung: Soll er sich also vom spanischen Volke gänzlich lossagen? Zwar achtet er setzt die Juden weit höher, .aber mit dem spanischen Volke ist seine früheste Jugend verbunden, seine zartesten Erinnerungen, die noch heute wie Morgentau seine Seele erfrischen, sind spanisch! Wie ist ihm leid, sich davon loszureißen und in ein anderes Lager überzugehen, das ihm gänzlich fremd ist!.... Da tauchte Claras Gestalt vor ihm' auf. - Er ist also nicht mehr ihr Stammesgenosse.. sie — eine Spanierin, er — ein Jude.. es ist befremdend. Ach, was gäbe er nicht dafür, wenn man plötzlich entdeckte, die beiden Völker seien im Grunde eins! Wer — regt sich in ihm ein anderer Gedanke, der immer mehr die Oberhand gewinnt — muß er sich denn wirklich von dem spanischen Volke lossagen? Was ist es denn, das ihn davon trennt? Hat er denn wegen der Verschiedenheit der Ansichten in Glaubenssachen aufgehört, Spanier zu sein? Sind denn die Juden in der Tat darum weniger Spanier, weil sie andere Gebete haben? Sollen sie deshalb um das Recht gekommen sein, zu den Kindern des Landes zu zählen? -Freilich, dieses Rechthat man ihnen geraubt, aber deshalb haben sie noch nicht aufgehört/ es beanspruchen zu dürfen! Wie kann überhaupt der Mensch seinem Nächsten das ihm von Gott verliehene Recht entreißen? Nein, beruhigte er sich, ich bin Spanier, wie ich war, obwohl ich von Wstammung und Bekenntnis Jude bin! Ich bin also ein Sohn jenes unglücklichen und verfolgten Stammes, des jüdischen Stammest Dieses Voll, über dcks Bösewichte und Tyrannen Fluch gebracht haben, ist also mein Volk.... Fleisch von , meinem Fleische und Blut von meinem Blute.... meine Vorfahren und Brüder waren es also, die man Hingerichtete gespießt, verbrannt und verjagt hat. Bisher hatte er dieses große Unrecht eingesehen, jetzt fühlte er es. Die ganze Schmach dieser Verfolgungen flammte ihm auf, er empfand sie wie eine eigene, persönliche Schmach. Jetzt gehörte er selbst zu den Gehetzten. und Verabscheuten,, auch ihm würde man nun ^Berfluchper.. Jude", mrchschreien.. Seine Augen irrten unstät umher. — Weshalb denn? fragte eine Stimme in ihm, und'in seiner Seele klang es wie eine tiefe Klage, was hat dieses Volk verbrochen? Was Hat es euch zu Leid getan? Weshalb muß sein Blut in Strömen fließen und das Leben seiner Söhne vogelfrei sein? Warum mißbraucht 'ihr die Gewalt, die euch eure Ueberzahl verleiht? Hat denn dieses Volk nicht das Recht wie . ihr, seinen Ansichten, seinen Wahrheiten zu leben? Ja, kam ihm ein stolzer Gedanke, dieses Volk leidet für Recht und Wahrheit, es stirbt für seine Ueberzeugüng. Und verdient ein Märtyrer heilig gehalten zu werden, was ist dies Volk denn anders als. ein Volk von Heiligen? Ein bitteres Lächeln glitt über sein Gesicht. Und dies Volk, das irdisches Glück verachtet und es für seine himmlischen Hoffnungen hingibt, ' dieses Volk, welches einmütig und schweigend für die Wahrheit leidet, verachtet ihr? Ihr schüttelt eickh vor Ekel bei der Erwähnung seines Namens, als wäre es Ungeziefer.. Schmach und Schande über euch! Sein Inneres überfloß von Liebe und tiefem Mitleid zu seinen gemarterten Brüdern. Er wollte weinen und sein Herz erleichtern. Und wer trägt an all dem die Schuld? Wer anders als die fanatische Priesterschaft! Das spanische Volk G <ä»el und gut. aber die Priester haben ihm den Sinn verdreht und es auf Irrwege geleitet. Sie haben die Religion zu einem Mordwerheug gemacht, zu einem Henkerbeil — und Gott zu einem blutdürstigen Tyrannen gestempelt! Ihr Werk ist es, das Werk der Torquemada und der Timencs! Da erinnerte er sich seines Entschlusses, eine Schar bon Gleichgesinnten um sich zu sammeln und der In- . yuisition offen den Krieg zu erklären. Nun aber wurden in ihm schwere Bedenken dagegen wach. Als Katholik und Spanier, da konnte er es wagen, für ein anderes Volk zu Gunsten desgesamten Vaterlandes einen Kampf autzunehmen. Aber jetzt.. da er Jude ist, ist er. ja . selbst dabei beteiligt. Jetzt wäre es ein Kampf.' im eigenen Interesse, im Interesse des eigenen Volkes, und gegen tven? Gegen das Vaterland! Nicht offen und ehrlich, sondern hinterlistig, unter der Marke eines Katholiken und Spaniers. Das kann nicht sein, das wäre wirklicher Verrat an'König und Vaterland! . ' Aber ist es denn nicht überhaupt ein eitler Gedanke? Jetzt sieht er ja, daß sein Lehrer ein Jude ist, er selbst ist ein Jude, sein Vater war Jude. Vielleicht rührt ihre duldsame Gesinnung daher, vielleicht sind alle Gleichgesinnten in Spanien, wenn solche sich überhaupt fänden,. auch geheime Juden! Die christlichen Spanier dagegen, die wirklichen Katholiken, dürften vielleicht kaum eine Handvoll Edeldenkender aufweisen können? Mit. wem würde er also einen solchen Kampf aufnehmen? „Freust du dich über meine Mitteilung, mein Sohn?" unterbrach de Fereira plötzlich Miguels Sinnen „oder hat sie dich betrübt? Gestehe mir die Wahrheit, lieber Sohn!" „Ich freue mich, Onkel, und bin stolz, der Sohn deines Volkes zu sein' und nicht jenes, das einen Torquemada geboren hat. Ich bin stolz auf diesen meinen uralten und wundervollen Adel, auf die edle und erhabene Lehre, die mein Volk sein eigen nennt. Wir haben keinen Torquemada erzeugt... Aber ich muß über unser büteres Los weinen!" „Weine nicht, mein Sohn!" tröstete ihn de Fereira „das Bewußtsein, die Verfolgten und Bedrückten zu sein, soll uns erheben. Ueber das Geschick auf Erden soll sich der Gerechte nicht beklagen, da er sich unschuldig weiß. Nicht wir, sondern jene sind die Beklagenswerten. Sie süü) verblendet, und ihre Verblendung würdigt sie zum Tiere herab. Die Zukunft aber gehört uns. Nicht ewig wird die Dunkelheit herrschen. Einst wird das Licht der Wahrheit alles Fleisch bescheinen' und kein Volk wird mehr das zweüe im Namen Gottes verzehren." Das Gesicht des Kranken nahm bei diesen Worten einen Ausdruck glühender Begeisterung und Verklärung an. Wann werden diese schönen Tage kommen? fragte.sich Miguel im Jnnerni Claras Gestalt stand ivicker vor seinem Geiste, und tausend neue Gedanken wurden in ihm rege. Was wird sie sich denken, wenn sie hört, daß ich ein Jude bin? Wird sie mich nicht mit Entrüstung von sich stoßen? Aber könnte sie das, mich wegen meiner Religion verstoßen? Sollte, diese Scheidewand ihre Liebe ersticken? Bin ich denn durch diese Entdeckung ein anderer Leworden? Und wenn auch, was schadet das? Habe ich nicht ihren Sinn soweit geändert, daß sie keinen wegen ^seiner Religion verachtet, und mich sollte sie verstoßen? . . Dennoch, iver weiß! AltetNewohnheftenblassen-/sichschwer auSrotten. Aber was - zwingt ' mich, ihr' das Geheimnis zu verraten? Wenn ich es verschweige, wäre dies ein . Mißbrauch ihres Vertrauens? Uns hat die Liebe verbunden, nicht die Religion, wie sollte uns nun diese von einander reißen, können? (Fortsetzung folgt.) Aus dem Tagebuche eines jungen Landrabbiners. Mitgeteilt von Dr. Max Steif, Raußnitz. . Die Weckuhr läutet stürmisch und rüttelt mich unsanft aus dem festen Morgenschlafe. Ich we sc einen Blick aus das Ziffernblatt und mM es mir noch halb verträumt rügend Vorhalten, wie unwürdig es für einen, seit kurzem in Amt und Würden bef ndl chen Seelenhi tcn. eigentlich sei, sich dem verweichlichenden Morgenschlummer so, lange zu überlassen. Heißt es doch jetzt vor allem ein vorbildliches Pflichtgefühl an den Tag legen und mit gutem Beispiel denen vorangehen, die, so nachsichtig sie auch für ihre eigene Person in religiösen Dingen sein mögen, ihrem Rabbiner hierin keinerlei Milberungsrecht znerkenneil wollen. Also nur schnell Toilette gemacht und hin ins Gotteshaus, das zum Glück-in unmittelbarster Nähe liegt. Der heilige Raum ist noch leer, niemand darin zu erblicken. Doch nein, in der letzten Bankreihe, ganz im Dämmerlichte verborgen, sitzt bereits ein altes, vertrocknetes Männchen und summt leise etwas vor sich hin. Er scheint überhaupt in diesem Hause zu wohnen, ganz mit ihm verwachsen zu sein; denn bis nun habe ich ihn außerhalb desselben «wch niemals zu Gesicht bekommen. Und da taucht mich schon der Schammcs ans einem Seitcnranm auf, er, der getreulichc Hü'er, kommt auf mich zu und begrüßt mich freundschaftlich fast wie seinesgleichen. Ich weiß nicht, ob alle Exemplare dieser Gattung einen solchen Wesenszug auflpeifett, aber mein Schammcs fühlt sich, wenigstens im Gotteshause, -als eine Persönlichkeit, die, wenn schon nicht auf gleicher Stufe mit dem Rabbiner, so doch unmittelbar nach ihm rangiert. Ja, -er nimmt sich bisweilen mir gegenüber sogar eine Art väterlicher Bevormundung heraus, gibt mir ungefragt allerlei belehrende Aufschlüsse und Ratschläge, wie man sich am besten in den verschlungenen Jrrgängen der mannigfachen Orts- Lräuche — jede Khille hat bekanntlich! hier ihre besonderen, durch Alter geheiligten, an denen sie nichtrütteln läßt, und die außeracht zu lassen, ein größeres Verbrechen wäre, als irgend ein biblisches Verbot zu übertreten, — zurechtfinden könne. Und um es ehrlich! einzugestehen, , auf diesen« Gebiete ließen sich in dein Wissen so manchen jungen Rabbiners Lücken feststellen, die in den Augen eines Schmnmes zumindest ebenso beschämend sind, als wüßte Man nicht anzugeben, welche „Sidra die Woche geht." — Jetzt erscheint - auch der „Olerkanior" auf den Plan, sein Nahen schon durch'ein wc't^in remehmbares Räuspern anknndend. Wer es nicht aus dem Kalender erfahren, der könnte es jetzt ans seinem -ganzen Gebaren.erschließen, daß die „Jomim nnuroim"1) im Anzüge sind. Wo er geht und steht, bei jeder Gelegenheit, sogar in« Kaffeehausc oder auf der Straße, immerzu wird probiert, ob man noch „bei Stimme" sei und durch, ein Zuhörbringen einiger Anfangstakte aus iraenb einem' heiligen oder p-ofanen Gesangsstücke M't Befr'ed'gung festgesellt, da»; dies der Fall sei. Das Durchdrungensein von der Wichtigkeit seiner ganzen Persönlichkeit erfährt um diese Zeit, w:nn möglich, ' noch eine Steigerung. Uekerhaupl könnte man diese Klasse um ihr stark ausgeprägtes und so offen zur Schau getragenes Standesbewußtscin bene'dm. So dürfte es nur wenige Kantoren geben, die sich beisvielsweise keine Goldbrille zugelegt haben, selbst solche, die einer Brille ganz gut entraten könnten. Wer sie haben es einmal herausbekommen, 6aß man mit diesem dekorativen Nasenaufsatz entschieden imponierender wirke als ohne einen solchen, zumal wenn man vor den« „Ware" stehe, wo jede Kantorenstiimne sich etwas >vie Gottesstimme zu sein dünkt. Nach dein Gottesdienste das zumeist sich ewig gleichbleibende, jeder besondere«« Abwechslung entbehrende Tagespensnm. Es läßt sich, nicht länger leugnen, daß tu diesem eintönigen Abrollen der Tage zuweilen etwas Niederdrückendes liegen mag, besonderst wenn man dem entgcgenhült all das Himinelsstürinende der seeligcn Studienzeit, all die hrnhfliegenden, weitausschauenden Pläne, mit denen man sich damals getragen, und die nun eine nüchterne und oft grausame Wirklichkeit einen nach den« anderen zu zerstören unternimmt. Mer.heute muß ich denn doch einmal ernsthaft a» die Wfassung meiner Predigen für die hohen Feiertage mich Heraninachen. Wie haben sich auch diese jetzt eilte gewisse Umwertung gefallen lästert müs'en! Denn welche Vorstellung verband tnan nicht mit der Wirksamkeit des gesprochenen Wortes von der Kanzel herab, — und nun «nutz Man je weiter desto mehr es seheti, daß es im beste» Falle ein äußerlicher Augenblickserfolg ist, den man mit seinen Worten erzielt, ohne tieftrgehende Spuren in den Gemütern zurückgelassen zu haben. Aber für den. Prediger dürfen alle dcrariigen Erwägurigen nicht abschreckender Natur sein, er. mutz immer von nertein nur sein, a««s tiep innerster Ueberzeugung strömendes Bestes zu geben vcr- Wenn «narr hicfür Nur jederzeit' auch die nötigt, innere Saminlung und Stimmung aujzubringen verinöchlt- Ein Dichter oder Schriftsteller kann sich gewissermaßt» seine Schöpfcrstunde selbst wähle,« oder sie abwarten, er darf sich, wenn er Schaffenslust in sich anffteige» spürt, . von der Außenwelt und'rill ihren unliebsamen Störunge» in seinem Sanktuarium abschließen. Mer soll dies einmal *) Hohe Feiertage.