Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1917)
- Date
- 1917-04-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Armee eintrete. Noch heute erinnert er sich der rührenden Abschiedes und der Worte, die ihm der Lehrer dabei ans Herz legte. Er erinnerte ihn an die langen, -gemeinsam verbrachten'Jahre, an die Lehren,, die er ihm eingepflanzt und bat ihn, denselben immer treu zu Leiben. Er ermahnte ihn,.immer sein Herz von Ellen bösen Einflüssen frei zu halten und es nicht von der allgemeinen Pest des Religionshasses angesteckt werden zu lassen. „Sei deinen Kameraden ein treuer Genosse," schloß der Alte, „dem Könige und dem Vatcrlande ein treuer Djener; scheue den Tod nicht, wenn es. das Glück des Vaterlandes gilt. Aber bei Gott, hüte dich, jemanden wegen seiner Religion zu-bekriegen. Jeden laß nach seiner Art Gott dienen, du aber umfasse alle Menschen mit gleicher Liebe. So ivirst du Gottes Gnade, meinen Beifall und die Zufriedenheit deiner verewigten Ettern erwerben!" Sie sanken, sich in die Arme und weinten lange. . Aber de Fereiras Lehren hatten feste Wurzel geschlagen und nichts in der Welt konnte sie erschüttern. Je tiefer seine Umgebung und die Menschen, auf deren Verkehr er tagtäglich angewiesen war, in den Sumpf der Vorurteile und des Hasses zu den Andersgläubigen versanken, desto lebhafter entwickelte sich in ihm die Lehre seines Meisters, sie war ihm. ein Talisman, der ihn vor Verpestung schützte. Anfangs hatte er mit seinen "Kameraden öfters Streitigkeiten wegen der Verschiedenheit ihrer Anschauungen in diesem Punkte. Aber als er einsah, daß er vergebens sie zu seinen Meinungen zu bekehren versuchte, vermied er es, fernerhin sich mit ihnen .einzulassen, . Bei der Garnison in Toledo hatte er sich die Zufriedenheit der Vorgesetzten dortselbs! in hohem Maße erworben. Er avanzierte rasch. Dann hatte er an einem Feldzug gegen die Mauren teilgenommen und' bei der Belagerung von Malaga sich ausgezeichnet. Der Ruf seiner Tapferkeit .war bis zum Könige gedrungen und dieser lud ihn vor sich. An Miguels Erinnerung zieht jetzt die prächtige Szene vorbei, da er vor dem Könige stand und dieser ihn um den Namen seines Vaters fragte. Miguel -nannte den Namen Christobal San Salvador und sah, wie des Königs Antlitz sich belebte und den Ausdruck großer Teilnahme gewann. . . „Christobal San Salvador war unser Freund," sagte er,-„Ich wußte cs gar nicht, daß er einen Sohn zurückgelassen hat," wandte er sijh znm ersten Minister. Darauf wandte er sich ln Miguel/streckte ihm seine Rechte hin, die dieser, ehrfurchtsvoll küßte, und sagte mit freundlicher Stimme: „Don Miguel San Salvador! Dein gottseliger Vater war mein Wohltäter. Er hat mir in einein Treffen mit den Arabern das Leben gerettet. - Ich habe ihm die Tat nie vergessen. Ich habe ihn zu meinem ersten Würdenträger, ernannt, aber plötzlich wurde er uns entrissen, ohne daß wir wüßten, wo und wie seine Seele zu Gott eingekehrt ist. Wir haben um ihn sehr getrauert. Nun niacht es uns große Freude, seinen tapferen Sohn zu sehen, dessen junge Stirn schon der Lorbeerkranz schmückt. Du sollst unsere Gnade wie dein' Vater genießen. Jetzt ernenne ich Dich zum Hauptmann und. gewähre dir Zutritt zu meinem Hofe." Miguel sank aufs Knie vor dem König, dankte ihm für seine Gnade, und sprach die Hoffnung ans, für das Königshaus und das Vaterland das Leben wagen zu dürfen. - (Fortsetzung folgt.) Der M«isch<Legioniir. Ein wahres Bild ans dein gegenwärtigen . Weltkriege von Lehrer Adolf Rothschild, Achim-Bremen. Ich sitze in meinem Zimmer und lese nachdenklich einen Artikel über die Möglichkeit einer friedlichen Verständigung der kriegführenden Völker. . . Plötzlich kommt ein junger Mann zur Tür herein. „Kennen Sie mich noch,? Sie wundern sich gewiß, mich hier zu sehen? Ich mustere den Eindringling von Kopf bis zu Fuß. Meine Kinder teilcir mit mir mein Erstaunen. „Selbstverständlich, kenne ich dich noch!" Moritz Ch. cuiä Warschau, drei Jahre war er bei mir. zum Zwecke der Erziehung und des Unterrichts. Ausgerüstet mit. den nötigen Kenntnissen und Fertigkeiten fürs praktische Leben wanderte der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte Jüngling im Jahre 1910 auf Wunsch seines Vaters, jedoch gegen seinen Willen in die Heimat znrüch Des öfteren schrieb er mir, daß, er sich garnicht mehr an russische Verhältnisse gewöhnen könne. „Alan . N»ciß hier garnicht, woran man ist, mit lvem man es zu tun hat. Ist es Wahrheit oder Lüge, Aufrichtigkeit oder. Schmeichelei, Freundschaft' oder Feindschaft, Liebe oder Haß? Das ganze Leben spielt sich hier ab im wirren bunten Durcheinander,'kein System, keine Ordnung." In dieser und ähnlicher Weise.machte Moritz oft.feinem Herzen Lust.'- Auf meine erstaunte Frage: „Wie kommst du hierher?"' berich tete er mir in noch «gutem Deutsch folgendes: „Ich war nach zweijährigem Aufenthalt in Amerika und Argenkinien zur Abwicklung verschiedener Geschäfte im Mai 1914 nach Warschau znrückgekehrt, wo ich mich drei Monate anfznh'atten gedachte. Der Krieg brach aus. Neben vielen anderen Juden traf auch mich das Los, Soldat zu werden, um gegen Deutschland, das ich so über alles liebe, gegen das Kulturland, dein ich meine Bildung verdanke, kämpfen 'zu müssen. Mein Bakerhat zwar alles versucht — jedoch vergeblich — mich frciznbekomme». 'Nie wurde mir der Abschied vou Baker und Mutter, von allen meinen Bekannten und Verwandten, von meiner Vaterstadt so schwer als wie jetzt, wo ich befehlsgemäß meine militärische Ausbildung in einem tief im. Innern Rußlands gelegenen Orte erhalten sollte. Was fcfji während meiner Ausbildungszeit gesehen, erlebt und gelitten habe, möchte ich Ihnen garnicht erzählen. In den wenigen Worten sei es zusammengefaßt Unaussprechliches, Umncnschliches, Unerhörte», Unglaubliches ... Ebenso „nnanSspce.hlich" ' wie der Name des Ortes, war alles, was mir Rußland je gegeben und genommen hat. Das Dorf CH. . . . zählt etwa 1000 Einwohner., die zum größten Teile dem Handwerkerstände angehören Merkwürdigerweise sind darunter nur sehr ivenige Jude», die auch Handwerkersind. Hier waren etwa 10,000 Soldaten nntergebracht. lieber die Räumlichkeiten und Ber-" pflegnng will ich schon garnichtS sagen; vielleicht läßt sich unter den bestehenden Verhältnissen yach dieser Richtung hin Menschenwürdigeres nicht ermöglichen. Aber die Bchluidlnng, die wir jüdische «oldaten erfahren haben, spottet jeder Beschreibung. Für jede schwere Arbeit wurden wir abkommandiert. Von den fast unerträglichen Hänseleien und Spötteleien will ich ganz absehen. Ein Spottliedchen dürfte in Ucbersetzung etwa so lauten: Der Jude ist ein Satan, ein Teufel schlimmster Art Er kennt ihn an den Peis» an Nase und an Bart, Werst ihn iic» Feuer, lverft ihn ins Meer, Jagt ihn fort von Hof und Herd! Dann freue dich-Russe, freue dich sehr, Friede wird sein auf der ganzen Erd. Fast jeden Tag lvnrde ich zur Wache abkvmmandicrt. Wenn nicht Kameraden Mitleid mit mir gehabt und mich des öfteren für einen Pudel abgelöst hätten, wäre, ich fraglos bald erschöpft zusammengebrochcn. Einst fragte mich mein Hauptmann: „Na, wie gefällt es dir bgiin Militär?" Ich glaubte, bei dem freundlichen Hauptnrann in diesem Augenblick meine Beschwerden mit Erfolg anbringen zu können. „Mcht besonders", erwiderte ich wahrheitsgemäß. ' Ohne »sich weiter reden zu lassen, entgegnen der Hmiptinann: „Du sollst es besser haben", — und am andern Tage schon kam ich trotz ungenügender Ausbildung mit einem Transport an die Front." Die Tränen rollten ihm au» den Angen, als er mir von seinen lveiteren Erlebnissen erzählen wollte, die Lippen preßten sich krampfhaft zusammen, die Angeil rollten vor Wut und Zorn durchglüht. Nur Fluch und . nichts als Flüche kamen ans seiner zitternden Seele, aus scinein stotternden Ainnde. Nach einiger Sammlung fnh^ „Bei der Einnahme von Warschau wurde ich gefangeil genoniinen und zwar in einer Synagoge, in die ich mit verschiedenen anderen Kameraden beim Einmarsch der Deutschen geflüchtet war. Eine gläubige Menge hat für nits gebetet in' dem Augenblicke, als uns zwei deutsche Landsturinmänner heransholten? Wir wurden zunächst in das Gefangenenlager nach Bütow gebracht, wo üh' aber, nur acht Tage zu verweilen brauchte. Ich atmete auf. Endlich wieder auf deutschem Boden, deutsche Kultur. Der Lagerkommandant wurde ans mich aufmerksam, und ich wurde,, da ich die deutsche Sprache so gut beherrschte, mit einem Transport gefangener Polen als Dolmetscher in eine Zuckerfabrik bei Halle gebracht. Diese Gefangenschaft gefiel mir ganz gut. Wiewohl ich auch hier nicht etwa durch meine deutschen Vorgesetzten, sondern durch die» Polen mairche Unannehmlichkeit mit in den Kauf nehmen niußte. . Llls nun Polen znm Königreich proklamiert tvorden war, richtete ich das Ersuchen an die Militärbehörde um freie Bewegung innerhalb Deutschlands. Wegen meiner guten Führung und des Vertrauens, das ich genoß, iourde mir die Bitte gewährt. Ich ging nach Berlin und erhielt dort,nach kurzer Ausbildung eine Anstellung als Bühnendekorateur. . Gcsterit morgen nun empfing ich vom amerikanischen Konsulat ails Stockholm die Trauerbotschaft, daß mein Vater in dem Augenblick, als er durch die russische Front nach Moskau zu 'kommen versuchte, um bei der von Warschau nach dort geflüchteten Bank sein Vermögen zu holen, als Spion erschossen-worden sei. Da.hielt ich 'mich leinen Augenblick länger auf meinem Posten. Ich berichtete meinem Chef die scheußliche Tat, die gerächt werden müsse und begab mich sofort zum österreichischen Konsulat, itm mich dort zum Eintritt in die Polnische Legion» zu melden. Rache für meinen ' Vater! ' Meine ganze Kraft will ich opfern, und wenn es sein muß, auch mein Leben. Vernichtung jener Riissenhordc. die aller Kultur zum Trotz uns arinen Juden öin solch e.lendes Leben bereitet. Ein gerechter Zorn isi's, der mich beseelt. Ein heiliger Schwur, den ich Halten werde. Ich -finde Gleichgesinnte, die zusammen ^ine-Macht bilden, die gepanzert ist mit Wahrer, echter Begeisterung und felsenfestem Gottvertrauen, einem Panzer, an dem die. russischen Pfeile apprallen werden, und' ohnmächtig wird dann der üngehenre Koloß am Boden liegen, entkräftet und entseelt, und frei werden aufatmen 'all die unterdrückten Völker, und frei werden dann mich leben können, unserem Gotte — wir Juden." < „Brav gedacht und gesprochen, niein Sohn. Gatt stehe dir bei und in dem,' wozu du dich berufen fühlst! Du hast mir aber immer noch, nicht gesagt, wozu bn hierher gekommen bist?" . .. „Das österreichische Konsulat verlangt von mir ein Führungszeugnis über die Zeit meines Aufenthaltes in Deutschland." Ich stellte, das gewünschte Zeugnis mit Vergnügen aus, ließ es von dem hiesigen Landrat, der sich für den Fall sehr. iirteressiert zeigte, polizeilich beglaubigen, und Ai CH. reiste üach Berlin ziirück, von wo er sich zur Angliederung in die polnische Legion nach Krakau begeben hat. Literarische Notizen. Schriftfteller-FondS. Anläßlich des-Todes von Reb M ordchai' le (vergl. unseren Artikel, in Nr. 9 D. Red.1 wird in kurzem laut „Lodzer Volksblatt" ein Komitee gegründet werden, da» einen Fond zwecks Herausgabe der Schriften des Verschiedenen errichten soll. > Die jüdische Gemeinde in Petersburg beschloß. ans Namen des verstorbenen Schriftsteller» I. Katzenelfon. (Bnki ben Jogti) einen jährlichen Fond von 600 Rubeln zu gründen. Das Stipendium soll einem der besseren Schüler der geplärrten jüdischen Hochschule gegeben werden. Bis zur Eröffnung der Hochschule aber soll es jüdischen Studenten, die die jüdische» Schriften als Spezialfach strrdieren, verabreicht werden. | Offenbaeher Druckluft-Anlage! I OffsnbaGh a. H. Telefon 123. (Anschluss mitSVankfuit). I I Jewährteste TipDlohralnlBima (100,000 qm jährlich)! I sowie unObartroflans Betttadararalnlguna mittels! 1 Druckluft und Wasserdampf. Wochen-Kalender. Freitag, 6. April, abends «'/- Uhr (Frankfurter Zeit): Beginn des Pessack,-Festes. .. Samstag und Sonntag abend: Nacht 7.55 Uhr. Donnerstag, 12. April, abends 7 Uhr: Begiim des 7. Fest- Samstag abend: Nacht S.10 Uhr. Aus dem Prophetenwort des Pessach-Festes: Siehe, sie sprechen: „Diftr geworden sind unsere Gebeine, geschtmmden ist unsere Hoffnung, abgeschnitten sind wir, uns selbst überlassen!" Deshalb sprich im Namen Gottes und sage ihnen: „To hat Gott, mein Herr, gesprochen: >--ieh-, ich öffne eure Gräber und führe euch heraus au» euren Gräbern als mein Volk und bringe euch heim zu dem Boden Israels. Ihr werdet'dann erkennen, daß Ich Gott bin, indenr ich.eure Gräber öffne und euch au» euren Gräbern als mein Volk heransführe. Ich gebe meinen .Geist in euch, und ihr lebet, und ich lcüsc euch in Ruhe wohnen, ans eurem Boden, und ihr UUrdct erkennen, daß Ich-, Gott, cs verheißen und ansgesichrl habe." Vereins-Kalender. Verein für jüd. Geschichte und Literatnr.- Dienstag, 8:!4 Uhr, Frankfurt-Loge, Eschersheimerlandstraße 27: Von dem inneren Leben der polnischen Juden (Nachum Goldmann-Berlin). ' Krankfurter FamUiennachrichte». Geboren. Ein Sohn Leopold Schwab (Erlanger), Rückertstraße 45. Gestorben. Bett», Strauß, - geb. Mela, 53 I.. Hanauerlandstr. 27.- — Berta Spier, geb. Spier, Langcstraße 63. Auswärtige Familieuuachrichten. Geboren. Eine Tochter Josef Schmidt (Devrics), Ossenbach a. M. — S. Schlveriner (Jacob), Berlin. Verlobte. Mucke Jacvby mit Siegfried Melifchowski, Breslau. — Lina Lederer, 'Heilbronn mit Fritz Pfifferling, Berlin. — Martha Plaat, Köln mit Moritz Katz, Treysa. — Tina Baruth, Dtsch. Krone mit Artur Schlamm, Königsberg i. Pr. — Herta Jacobsohn, Posen mit Rabb. Benno Gottschalk, Könitz. Sterbefälle. Jacob Berger. 70 I.. Berlin. — Joseph Meyerowitz, Königsberg i. Pr., — Rosa Speyer, geb. Stern, 54 I., Berlin. — Caspar Brock, 78 I., Charlottenburg. — Paul Löwenstein. 75 I., Danzig. — cicgmnnd Secketo, Kötn^ i. F. — Eugen Maas, 49 I., Mannheim. — Carl Liebmann, 51-I., Berlin. — Gustav Abraham, 59 I., Coblenz. — Sicgbert Slronsohn, Berlin, i. F — Sicgftied Berger, 66 I., Berlin. — Julius. Heymann, 40.1., Charlottenburg. i. F. — Oscar Cohn, Berlin, i. F. --/Joseph Berg, 68 I., Posen. I- - Spende». Beim F-rkf. Jsr. Fmdl, gingen ein: Palästüira - R o t st a n d s g k t i o n. Helene S. .25.— M. Tachke in o n tfchu le. Ers.-Res. Äl. W. 1.— M. < Frau Emma Emden'», geb. Feist, Hinterbliebenen deren ehrenden Andenken für die Martin Fcist-Stistung M. ' Eingesandt. E» ist sehr aiierkennungsmert, daß Herr Rabbiner Dr. Bamberger-Schönlanke, in'.fteimütigster Weise es unserem