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Neue jüdische Presse · 1917-03-23 · Heft 12 (23.3.1917) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 12 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite L Frankfurter Zfraelitisches Fmnilienblatt. SK. 12- >»- gegenüber dem «eneral-Auzeiger Vornehmes Fgm i Iien-Kaffee W* Nachmittags u. Abends Konzert. den Sprache -und der Schristzeichen einer solchen zu bedienen." Dieser Paragraph -war' denr Mißtrauen .und (bür Feindseligkeit -Hegen' Äe' Juden entsprungen. .Tre.,.Kommisswn hat. Mn aUMonrmen „unter der Merkennvng,(. daß die ' hebräische Sprache nicht -zu, einerlebendigen zähle. Damit setzte sich die Kommission zwar in einen schar-sen Gegensatz Zu den Tatsachen, aber sie vertrat den Standpunkt, der überhaupt dem Paragraphen feilt ■ Dasein verschafft hat,: den Juden im deutschen Sprachgebiet die Führung ihrer Handelsbücher in hebräischer und südischveutscher Schrift und Sprache unmöglich zu machen. Der Versuch der Juden, sich: den Anschauungen der umwohnenden Völker anzupaffen, veranlaßt sie logischerweise, die dem Judentum feindliche Richtung dieser Umgebung in sichaufzunehmen und sie. zu äußern. Daher die heftige Feindschaft solcher Juden gegen das Hebräische schon als Gebetsprache, geschweige denn als Umgangs¬ und Unterrichtssprache. Das Neuhebräische als moderne Umgangssprache hat zuerst in Jaffa Fuß gefaßt. Dann griff es in die Kolonien über. Jetzt dringt es endlich allgemeiner in Jerusalem ein, nachdem Ben- Jehuda jahrzehntelang' in der Stadt selbst fast allein gestanden und seine Anhänger und Nachfolger in Jaffa, Safed und den Kolonien gefunden hatte. Zu den Gegnern des Hebräischen gehörten auch die Kreise junger Leute aus Rußland, die im Hebräischen aristokratische Bestrebungen erblicken tvollten. -Das Hebräische war ihnen die Sprache .der Bourgeois, der sie die - Mischdeutsche Sprache des angeblichen Proletariats entgegensetzten. Die nationalen Erinnerungen, die das Land Israel für das jüdische Volk mit sich führt, und ebenso die -dauernde Entfernung von Rußland, dem- Nährboden übertriebener, ungesunder Gehässigkeit gegen ein vermeintliches Bourgeoistum, haben von selbst dazu geführt, daß auch diese Kreise junger zionistischer Weiter sich dem Anwachsen des Hebräischen nicht länger entziehen konnten. Das Hebräische als Nationalsprache hat sich gegenüber allen die Juden trennenden Machten als die zum Si^ge strebende Macht erwiesen. Aber trotz alledem stehen wir hier erst am Anfänge einer Entwicklung, Immerhin hat sich das Hebräische als die Unterrichtssprache der Juden im Lande Israel bereits durchgesetzt. Sie ist als solche so selbstverständlich, daß der Hilfsverein der deutschen Juden von ihr garnicht absehen kann und daß die orchvdoxe Gegenschllle des Hebräischen Gymnasiums in Jaffa gezwungen war,, das Hebräische als Unterrichtssprache einzusühren, well sie nur so existieren kann. Einen sehr weiten Schritt nach vorn bedeutet in diesem Sinne auch die jetzt in die Wege geleitete.Gründung von modernisierten Chedarim, die ihren Hauptunterschied gegenüber den überkommenen, im mittelallerlichen Geist geleiteten Elementarschulen ebenfalls .in der hebräischen Unterrichtssprache findet. Das Hebräische kämpft .dabei einen viel schwerern Kamps mll sich selbst als mit seinen Gegnern. Des täglichen Verkehrs in Haus und Gasse, in Stube und Küche sell langem entwöhnt, hat es zwar keine Schwierigkeiten, die feinsten Distinktionen der modernsten Wissenschaft genau und dem Sinne entsprechend wiederzugeben. Aber die einfachsten Benennungen der Speisen und Getränke, der Spiele der Kinder und der häuslichen Verrichtungen sind' ihm fremd geivorden. Die Bezeichnungen vyn Tieren und-Pflanzen sind starr geworden. Man kennt die Wörter, nennt die Namen, weiß aber nicht, wie Gegenstände und Bezeichnungen zusammenkommen sollen. Dies ist ■ bei weitem der schwerste Kampf des Hebräischen, der freilich im Lande Israel viel geringer als irgendwo in der Fremde ist. ..... Wer auch in anderen Ländern macht das. Hebräische. große, dauernde Fortschritte. Die Ausnahme, die die Organisation für hebräische Sprache und Kultur (Histadrut ibrit) in Rußland und Galizien mit ihren Zielen und Arbeiten gefunden hat, beweist den Fortschritt oer Sprache und Spra.chbestrebungen auch in diesen Läildern. Hier, wo eine.große hebräische Schristkultur neben derjüdischdeutschen Volkssprache einhergeht, wo ein Jahrhurrdert hebräischer Literaturblüte ' hinter .uns fliegt, wo heute in Bialik ein /Dichter.; erstanden ist, der zu den ^großen Dichtern 2der Weltliteratur gerechnet werden darf, hat unter dem von, Palästinir ausgehenden Einfluß ebenfalls einliv BewegNM -begönnen, das Hebräische neben inw über - dem Jüdischdeutschen als Umgangs- und Familiensprache besonders der Heranwachsenden Jugend einzuführen. Hier sind wir noch viel mehr am ersten Anfänge einer Entwicklung. Das Jüdischdeutsche, das.bereits von den..-Landessprachen stark in seinem Bestände bedroht wird, richtet seinen Abwehrkampf merkwürdigerweise -weniger gegen diese als gegen das Hebräische. Nun liegt ja eine gewisse Gefahr darin, daß auf lange: Zell hinaus das Hebräische nur neben. einer anderen Sprache, meist neben zwei anderen, sich wird halten können. Denn außer dem 'Verkehr mit Volksgeiwjsen, die Jüdischdeutsch als Muttersprache sprechen, ist der Jude auf die Kenntnis der Landessprache angewiesen. Mer oie Mehrsprachigkeit hat auch ihre Vorteile. Sie schult den Geist und gibt eine gewisse Leichtigkeit .in der Uebertragung von Gedanken. Aber wahrhaft gefährlich für 'den Bestand des Volkstums der Juden ist die Art der Zweisprachigkeit, wie sie heute schon in Rußland bei den Juven in die Erscheinung tritt. Heute spricht die Masse jüdischdeutsch und hat hebräisch als .Kultursprache. Aber die Kreise, die sich durch Reichtum oder Biloung aus der Masse emporheben, vertauschen das Jüoischdeutsche mll dem Russischen uuo Polnischen .und zerreißen damit den geistigen Zusammenhang zwischen' sich und der Mischen Masse. Diese bleiben zum großen Teile unter den alten Einflüssen, während sic selbst, auch wenn sie jüdischnational sind, durch die Spxache vom Juoeutum losgelöst smd und im Russentum oder Polentum enden müssen. Dazu, kommt, daß der aus feiste Geschichte und Volkswürde stolze Jude nichts mehr verachten, kann, als daß Juden, intelligente Juden, sich dazu herbeilassen können, ihre imnierhin jüdische Mundart gegen die Sprache der Pogromhetzer einzutauschen. Gegenüber den bisherigen Tendenzen in Rußland, die doch immer nur zu einer Abbröckelung vom Judentum geführt hätten, gegenüber dein mächtigen Fortschritt in der Zerstörung . Mischen Kulturlebens unter der jetzigen russischen Gewaltherrschaft ist .es von besonderer Bedeutung, daß die lebendige hebräische Umgangssprache in Rußland Fortschritte macht, wie man sie vor einem Jahrzehnt noch nicht einmal ahnte. Selbst in Deutschlandvon wo die Zerstörungsarbeit am Hebräischen als der Schrift- und Kultursprache des jüdischen Stammes ausgcgangen -war, fiitb in ■ jüngster Zeit im Anschluß an die nationaljüdische Bewegung der Zionisten die ersten Keime zu einer Neubelebung des Hebräischen als der nationalen Sprache Israels gemacht worden. Gewiß sind oie Kurse im Verhältnis zu der zu leistenden Arbeit gering, ja verschwindend klein; in kaum mehr als einer deutschen jüdischen Familie sprechen die Kllider hebräisch als ihre Muttersprache, kaum mehr als ein Klub existiert unter einheimischen Juden, in denen man den Versuch macht, hebräisch .zu stammeln. Mer doch ist überall die Tendenz bemerkbar, das Hebräische erlernen zu wollen. Dieses Bedürfnis ist viel größer als die-Mittel zu feiner Befriedigung. Wenn- Freilich die vorhandenen Lehrkräfte und Lehrmittel keineswegs ausreichen, so ist doch der lebendige Wunsch: eines großen Teiles der Heranwachsenden Jugend nicht zu verkennen, die Sprache der Mischen Geschichte kennen'' zu,lernen und sie wieder sprechen zu wollen. Das.ist gewiß erst der Anfang eines Anfanges. Aber es ist bereits etwas Ungeheures dadurch erreicht, dgß in dieser Beurteilung .nicht mehr. das Maß Der Bildung im umgekehrten Verhältnis zu der Kenntnis deS Hebräischen, stehen - So erwacht gUenihalben ' das. Hebräische . zu neuem Leben. An allen Orten; wo'' es Juden gibt, machen sich, die Keime erster hebräischer-Arbeit wieder bemerkbar. Was 'aber ein Volk in mehr als anderthalb .Jahrtausenden vergessen und verlernt hat, das kann es natürlich nicht in anderthalb' Jahrzehnten einholen. , Aber das Hebräische hat ein neues Leben be-, gönnen. Es hat bewiesen, daß. es nie tot war und daß es aus seinem tausendjähjrigen Schlaf ettvpcht. Das Zauberland, das' es zu neuem Marken,Wvh'ckt hat, ist dabei :dasselbe. Land,"Das äuch'dem -Volle der Juden 'die "neue Regsamkeit verliehen hak, ans Stammlaud von' Voll und Sprach^,. das Z.a nd Selbstvertöstiguug rituell lebender jüd. Mannschaften im Heere. Durch''Erlaß des Kriegsministeriums vom 28. Januar war die Geldabfindung für Mannschaften, die sich selbst verköstigten, aus M. 2.— erhöht, dabei aber äußerste Einschränkung der Selbstverköstignng den Truppenteilen zur Pflicht gemacht worden. . __■ 1 Infolgedessen sind jüdischen Mannschaften, die bisher aus religiösen Gründen von der Truppenküche befreit worden waren, vielfach Schwierigkeiten erwachsen. Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen und unter Ausschluß jedes Mißbrauchenden religiöjen Anliegen der jüdischen Heercsa»gehörigen in weitepgehendcm Maße Rechnung zu tragen, hat das Kriegsministerium nunmehr durch B-erfügung vom 10. März 1917 Nr. 262/3, 17 iS 2 sämtliche stellvertretenden Generalkommandos daraus Hingcwiesen, daß die Festsetzung vom 4. November 1915 Nr. 2148, 10. 15 ß 2 durch den oben erwähnten Erlaß vom 28. Januar feine Einschränkung erfahren habe. Befreiungen von der Truppenküche, für Ivelche lediglich Rücksichten auf die Religionsvorschristen bestimmend sind, fallen auch nicht unter den Erlaß vom 17. Juli 1916 Nr. 420, 7. 16 b 2 (Befreiungen auf „persönlichen Wunsch"). Um aber unberechtigten Ansprüchen entgegcntretcn zu können, kann Anträgen unter Berufung auf die Religionsgesetzc fernerhin nur dann entsprochen werdenwenn der Antragsteller durch ein Rabbinatszeugnis nachiveist, daß er vor seinem Eintritt in das Heer rituell' gelebt hat. ' ' Bei Befreiungen von der Ttuppenküchh auf Grund eines solchen Zeugnisses ist die erhöhte Geldabfindüng, wie sie der Erlaß vom 28. Januar - vorschreibt zahlbar. . Den bisher von der Truppenküche. befreiten jüdischen Mannschaften soll eine angemessene Frist für die Beschaffung eines Rabbinatszengnisses bewilligt werden. Formulare für die durch die Verfügung des Kriegsministeriums vorgeschricbencn Rabbinatszeugnisse stellt das Büro der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, E. V." in Frankfurt a. M. den Rabbinaten kostenlos zur Verfügung. Der Erlaß findet formell nur auf immobile Truppenteile Anwendung, gilt aber seinem Sinuc nach gemäß Verfügung vom 15., April 1916 Nr. 3725/2.16: iS 1 auch für Truppenteile an festen Standorten .in. der Etappe. Aus aller Welt. i Oesterreich-Ungar». El« Kongretz der Jude« Oesterreichs? Das „Lemberger Tageblatt" begründet die Notwendigkeit eines Kongresses der Juden Oesterreichs mit folgenden Anssührrmgcn: „Es ist hier nicht der Platz, über die trostlose Lage der Juden im dritten Kriegsjahr viel Worte zu verlieren; hat doch manche Erscheinung der letzten Zeit auch vielen Assimilanten über die den Juden in den.österreichischen Kronländern bevorstehende unerfreuliche Zukunft hinläng- . lich zu denken gegeben. Sieht man von 'Zeit zu Zeit in ein nichtjüdisches Blatt Hinein oder lauscht man dex allgemeinen Stimmung in manchen nichtjüdischen Kreisen, so gewinnt man ein. annäherndes Bild von den kommenden Zeiten nach dem Kriege,' wenn -der jetzt künstlich aufrecht erhaltene Burgfriede gestört sein wird, wenn, der Zensor den roten Stift beiseite legen wird und die bisher unterdrückten Gefühle und Leidenschaften frei und ungehemmt kn die Oesscutlichkeit treten werde». /Folgt ein längerer von der Zensur gestrichener Passus.) Der nichtjüdische Soldat kgnn nach dem Kriege durchtvegs zu seiner früheren Beschäftigung zürückkehren, der eine in die Landwirtschaft, der andere in die Fabrik; der jüdische Soldat wird nach dem ^Kriege in den meisten Fällen Heimat- -und existenzlos' bleiben)' seine Familieist entweder äusgewandert oder .hat die Kriegszeit «mit großer Not dank der Unterstützungen des Staates überstanden. Er wird zu Hanse kaum die nötigen Mittel finden, um seine zugrunde gerichtete -Existenz wieder aufzurichten oder eine neue zu gründen. Der nichtjüdifche Soldat wird von der Monopolisierung verschiedener Artikel, Zentralisierung von Lebensmitteln u, dgl. nach dem Kriege wenig zu leiden haben; für den jüdischen Soldaten können'aber diese Maßregeln die

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