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Neue jüdische Presse · 1917-03-23 · Heft 12 (23.3.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 12 (23.3.1917)
Date
1917-03-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die Revolation in Rutzlaud. Tie Revolution in Rußland stellt ein Ereignis dar, dessen Bedeutung vom jüdischen-Gesichtspunkt nicht geringec. ist als vom allgemein weltgeschichtlichen. Eines der größten Probleme der jüdischen Gegenwart, in seinen unmittelbaren Wirkungen gewiß das zentrale jüdische Problem unserer Tage, die Lage des russischen Judentums, ersührr mit der russischen Revolution eine umstürzeiwe Aeurung, erhält seine teilweise Lösung. Worum die Judeuheit Rußlands seit Jahrzehnten mit heroischer Kraft und dem Mut der Verzweiflung kämpft, die Aushebung der jüdischen Ausnahmegesetzgebung und die Gewährung der Gleichberechtigung, steht nunmehr vor seiner Erfüllung. Tenn wie auch immer der weitere Verlaus der revolutionären Bewegung sich gestalten mag, ob die jetzt herrschenden gemäßigt-bürgerlichen Schichten das Heft ineiter in Händen behalten oder aber die extremen sozialistischen Strömungen die Oberhand gewinnen wer- ' den, daß mit dem Sturz des Zarismus und der Reaktion auch das Ende der russischen Judengesetzgcbung gekommen ist, darfals sicher, als selbstverständlich betrachtet werden; und das Programm, das der Exekutivausschuß der Duma bereits veröffentlicht hat, enthält ja die Älbschgssung aller gegen besondere Bevölkcrungsgruppeu gerichteten Beschränkungen als einen seiner ersten Punkte. Damit beginnt für das russische Judcrltum eine neue Epoche seiner Entwicklung, eine Epoche, der esmit größter Zuversicht und Hoffnung ent- ^gcgensthauen darf. In einen, freien Rußland hat 'das Judentum große Entwicklungsmöglichkeiten. Ter geringe BildungSstand des Landes, die niedrige. Stufe seinen wirtschaftlichen Entwicklung, die großen Notwendigkeiten und Bedürfnisse seiner nächsten Zukunft, alt dies mackst Rußland zu einen, Staate, der seinen jüdischen Bürgern für die Zukunft reiche - Gelegenheit, zur Entfaltung ihrer Kräfte bietet. .Für die Erfüllung der großen zentralen Aufgabe, deren Bewältigung nunmehr den eigentlichen Inhalt der nächsten Jahrzehnte der russischen Entnial'ung bilden wird,- die Aufgabe der tsuropcuiitv > l'uncv und Modernisierung Rußlands, werden die russischen Juden mit die berufensten und geeig- - „etsten Elemente darstcllcn. Sowohl vom rein wirtschaftlichen wie' vom allgemein kulturellen Standpunkt stellt das russische Reich Neuland für 'die , Juden dar und einen für die Entfaltung all ihrer Kräfte sehr fruchtbaren Boden- Noch läßt sich im einzelnen gar nicht. ermessen und übersehen, welches die Folgen der russi- , schen Revolution für das russische Judentum'sein werden. Main fühlt nur in diesem ersten Augenblick, daß etwas Großes . und Gewaltiges ' sich ereignet hat,. daß ein Märtyrin,,, der furchtbarsten Art, das 7 Millionen unseres Volkes seit Jahr- . zehnten auferlegt war, sein Ende gefunden .und für sie .eine neue Zeit, eine Zeit der .Freiheit und. Sicherheit, unabsehbarer Möglichkeiten und leuchtender Hoffnungen beginnt. 'Daß dieses gewaltige Ereignis jetzt eingetreten ist, mitten im .'Kriege,- nach drei Jahren furchtbarster Leiden und Verfolgungen, steigert . seine Größe und beweist wieder, einmal die alte große Lehre der jüdischen Geschichte, daß aus der stärksten Not meist dw Rettung und Beireiung für uns. zu erwachsen pflegt. Namenloses hat das russische Judentum im Kriege erdulden müssen; und gar mancher wollte schon au seiner Zukunft verzweifeln. Und nun ist über Nacht das Ende all seiner Leiden und -Nöte herangekoininen. Was kaum noch jemand erhofft und erwartet hat, ist Ereignis Leworden, und unsere Brüder ‘in Rußland dürfen nun endlich von sich sagen, das; sie frei und gleichberechtigt sind. Taß. dieses Ereignis, die Emanzipation des russischen Judentums, auch für sein inneres Leben, fürseine innerjüdische Entwicklung von der größten' Bedeutung werden muß, ist selbstverständlich; denn es .braucht nicht erst gezeigt zu werden, welche entscheidende Wirkung seine äußerlich entrechtete Lage guf seine innerjüdische Art gehabt hat. Ter große innere Zusammenhalt, den ihm dtt äußere Knechtung - gegeben hat, verliert eine seiner stärksten Wurzeln, und die große Frage der modernen jüdischen Geschichte, ob die äußere Emanzipation die innere Assimilation notwendig bedingt, wird „an auch für die russische Judenheit ern Problem von brennendster Aktualität und konkretester Bedeutung. Wir wollen heute auf all diesen Fragenkomplex nicht näher eingehen; es wird noch Zeit genug sein, es in all seinen Aeußerungen -zu untersuchen- Für heute soll es uns die Freuoe nicht trüben, die wir mit dem Judentum der gesäurten Welt über das Ende des Martyriums unserer Brüder in Rußland und über den Anbruch einer neuen Zeit der Freiheit und Gleichheit für sie empfinden. Die Sprache der jüdiscken Kultur. Von Prof. Tr. Heinrich Loewe. / (Schluß.) Daß das Hebräische nicht bloß eine Gelehrtensprachc wie etwa das mittelalterliche oder gar das neuzeitliche Latein ist, sondern eine wirkliche Schriftsprache des größten Teiles des jüdischen Volkes, kann man täglich daran seststellen, daß Leute, die keineswegs Gelehrte sind, sofort imstande sind, Hebräisch; richtig zu sprechen, sobald ihnen hierzu die. Gelegenheit geboten wird. Lue. sprechen in Hebräisch sprechender Umgebung sofort als in der Sprache Einheimische mit. Es ist eben noch heute ein Volk, das in seiner überwiegenden Mehrheit einen Judendialekt einer anderen Sprache spricht, aber hebräisch schreibt. Das Hebräische ist also nicht tot, sondern' lebt, wenn auch nur als geschriebene Volkssprache. Sie bildet damit eine Parallele zum jüdischen Volke, dem auch scheinbar sehr viele der wichtigsten Attribute einer Nation abgehen und das trotzdem als Nation wciterlebt. Die Anomalie des Lebens .schließt das Leben nickst aus. j Aber es ist notwendig, daß diese Anomalien, die das Leben keineswegs verschönen, .verschwinden und einem normalen, einem naturschönen Leben Platz machen. Dazu gehört, daß eine Sprache auch ihrem. Grundwesen, dem Gesprochenwerden, ihren Namen verdanken muß. Wie nun die jüngste Gene- - ration, die für die Erhaltung und Fortentwickelung des Judentums begeistert ist und tätig sein will, die Anomalien im jüdischen Volksleben dadurch mindern will, daß sie eine wirtschaftlich gesunde jüdische Bevölkerung im alten Stammlande'vor allem auf. der .breiten Grundlage einer landwirtschaftlichen Volksschicht airfzubauen im Begriff steht, so sind auch an derselben Stelle die Versuche gemacht, worden, in dieser entstehenden Bevölkerung die hebräische Sprache als die lebendige Umgangssprache einzuführen. Zugleich soll die hebräische Umgangssprache WM WM MegMW bei Wr ZMk. KrMgemssmsMZMküsse,MnsMslAMgsgeseUDllfl,W!tMM eines der Mittel sein, um die andersartige, bereits im Lande sässige jüdische Bevölkerung der erwerbstätigen- Kolonisationsbevölkerung in Stadt ünd Land an- und cinzugliedern. . Auf dem Gebiete der Neubelebüng des Hebräischen als lebendiger Umgangs- und Kultursprache des jüdischen Volkes ist das Verdienst; E lies er Ben-Jehudas von epochaler Bedeutung. Er erkannte die Notwendigkeit, das Hebräische zur Umgangssprache zu machen. Er begann bei sich selbst. Er legte-seinen-russischen Namen ab und nannte sich nur noch Ben-Jehuda. In der von chm in Jerusalem gegründeten Familie würde so lange nur hebräisch gesprochen, bis die Gewißheit vorhanden 'war, daß das Hebräische die lebendige Mutter- und Umgangssprache aller seiner Kinder bleiben würde. Er hat dies mit der unermüdlichen Energie, die sich bei ihm bis zum Eigensinn steigern kcnln, durchgesetzt und sich damit einen unvergänglichen Namen in der jüdischen Geschichte geschaffen. Wie groß diese Arbeit, wie opserinutig das Unternehmen war, vermögen nur die zu ermessen, die fern von allen hebräischen Zentren sich in gleicher Weise mühen, das Hebräische in ihren Familien als Muttersprache ihrer Kinder zu pflegen. An Ben-Jehudas Person und Arbeit lehnten sich die ersten Versuche an, die im Lande Israel die hebräische . Sprache als lebendige Mundart nicht bloß in. der Schrift, sondern im täglichen Umgang pflegten. Wie jede Neuerung, die dem Fortbestände des Judentums dienen soll, so wurde auch die neuhebräische lebendige Umgangssprache aufs heftigste bekämpft. Die Vertreter her alten Ghettoüberlieferung, - besonders in Jerusalem, sahen in ihr vor allem eine Entweihung der - „heiligen Sprache". Hinzu kam die Gehässigkeit gegen Ben- Jehuda, - der ihrer Gläubigkeit .schroff gegenüberstand. Dazu kam ihre Meinung, daß das Indischdeutsche die jüdische Sprache sei. Sie. sahen in. ihr die gottgewollte Ueberlieferung, da sie ihren Ursprung überhaupt nicht kamtten. Nicht minder feindlich waren aber die Ftinde jüdischer Eigenart, besonders im jüdischen Lager. Assimilation ist ja nichts weiter als die Uebertragung der Feindseligkeit gegen alles Jüdische von der judenseinolichen Umgebung aus die Juden selbst. Die Juden, aus dem Wege aus dem Judentume heraus begriffen, sahen und sehen die gottgewollte Abhängigkeit von anderen Völkern für „eine Mission", akso für einen Auftrag vom lieben Gott selber an. Danach ist sie ein Tell der . nationalen Ausgabe des .jüdischen Volkes, dem .sie aber zugleich die Existenz und nationale Eigenart absprechen. Diese Feindschaft des Hebräischen ist ein Teil der von der nichtjüdischen Umgebung auf die .Juden übertragenen Feindschaft gegen alles Jüdische. Tiefe Feindlichkeit hatte früher schon dazu geführt, daß die Inden begannen, ' das Hebräische in ihren Gottesdiensten durch die Landessprache, insbesondere durch das Deutsche, zu verdrängen. Tann aber kam sie darin zum Ausdruck, daß bei der Abfassung des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches der Artikel-- 32 Absatz 1 ausgenommen wurde, der auch als § 43 Absatz 1-»in das jetzt, gültige Handelsgesetzbuch seine Aufnahme gefunden, hat und der also lautet: „Bei der Führung der Handelsbücher und bei den sonst erforderlichen Aufzeichnungen hat sich der Kaufmann einer leben- 880644

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