Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Siehst Du, Clara, diese Frage ist ein ' Geständnis, daß!vir unrecht haben, die Juden wegen ihres Glaubens zu verfolgen, ebenso wie die Juden unrecht hatten, unseren Heiland zu töten. Aber wenn einige Juden der Vorzeit gefehlt haben, indeiu sie, gleich anderen alten. Völkern, oder wie wir noch heute tun, einen Andersdenkenden vernichten zu müssen glaubten, haben loir deshalb ein. Recht,'das ganze heute lebende Geschlecht büßen zu lassen? Im Grunde 'ist aber dieser Borwurf nur ein Vorwand, den unsere Priester ' gebrauchen, ihren Haß zu bemänteln, den sie gegen alles hegen,, das anders glaubt und denkt als sie. Nicht nut die Juden hassen sic, sic verfolgen auch die Mauren, die doch mit dem Tode unseres Heilands nichts zn tun hatten. Ja, die Jnquisitton streckt ihre lüsternen Arnie auch nach gläubigen Christen aus, wenn diese es wagen, ihr Treiben und ihre Herrschsucht zu bemängeln." .Die Inquisition verfährt in der Tat grausam," — dachte Clara — „und er verdammt sie nicht grundlos. Wie konnte ich das bisher gar nicht bemerken!" „Aber ist es wahr," — sagte Clara, nachdem sie eine Weile 'geschwiegen — „ist es wahr, daß Gottes Fluch auf diesem Volke lastet,. weshalb es zu allen Zeiten und unter allen Völkern verfolgt und bedrängt wird?" ,Das ist es ja, eben, daß die Menschen alle Bosheiten, die sic verüben, den Willen und den Beschluß Gottes gern unterlegen - möchten! Wir vergießen unschuldiges Blut - und behaupten, Gott wolle es so haben. Nicht Gottes Fluch, sondern der Menschen Fluch lastet auf diesem Volkes Gott ist voller Gnade und Güte für alle seine. Geschöpfe, er flucht nicht der Schwachen und Gedrückten; wir, loir allein haben Flnch aus dies Volk gehäuft, wir haben es seiner Rechte beraubt und aus Bosheit und Verblendung sein Blut in Strömen vergossen. Wie kommen wir dazu, für unsere verruchte Handluilg Gott verantwortlich zu niachen? Jenes Volk hat uns und der ganzen Menschheit Segen gebracht. Der Heiland stammt aus seiner Mitte, und die. Heilslehren, die er verkündet, gründen sich auf die Lehre der Juden, und nun, da dieses' Volk heimatlos auf Erden umherirrt, von Land zu Land gehetzt, gepeinigt und verfolgt, sollten wir es nicht vielmehr gastlich beherbergen, beschützen und ihm eine Ruhestätte gcivähren? Geziemt es sich nicht eher, den müden Wanderer zu lieben, anstatt nach ihnl mit Steinen zn werfen, wie loir es heute hm? Sage doch, Clara, handeln wir gerecht?" Clara aber bebte an allen Gliedern, während sie seine feurigen Worte schlürfte, die er in großer Erregung sprach. Als er. geendet hatte, ergriff sie seine Hand und sagte:. „Miguel, Du bist edler und besser als ich, .Du denkst weise und gerecht Ivie keiner, den ich kenne." „Ich' dächte, .es gehört keine außerordentliche Weisheit oder besonderer Edelmut dazu, nur natürlicher Menschenverstand, der durch»keinerlei Irrlehren verdreht, und ein fühlendes Herz, das vom Gifte des Menschenhasses nicht angesteckt ist" — antwortete Miguel bescheiden. V „Noch eine Frage" — sagte Clara und faltete leicht die Sttrn, löte um sich etwas ’ zu erinnern — „Wenn die Juden, die sich öffentlich zu ihrer Religion ^bekennen, unschuldig sind, so wirst Du doch jene audereu ncht verteidigen wollen, die zum Scheine das Christennim annahmen, und uns hintergehen, indem sie äußerjlich unseren Glauben bekennen,und heimlich dcnr Jndcnum anhängen. Wenn sic an Christus nicht glauben, lvaruni haben sie sich denn taufen lassen?" „Weil sic heimlich am Judentum fcsthalten, arüber kann man sic nicht beschuldigen, denn es sollte sedernmnn freistehen, die Religion zu bekennen, die ihm m meisten zusagt; sic verheimlichen es nicht aus freien Stücken, sondern ans Not. Aber daran niögen sie lvohl nicht gut getan haben, sich tausen zu lassen, »ehrend sie innerlich unserer Religion abgeneigt waren. Allein, wie ich es . von meinem Lehrer weiß, taten es ie meisten nicht aus eigenem Entschluß, sondern sie wurden dazu nnt Gewalt gezwungen, denn unsere Borährcn überfielen sie wie reißende Tiere, mordeten sie Erbarmungslos hin, — ihre' einzige Rettung war die rufe. Und was tut nicht der Mensch, um sein Leben '.! retten? Mer die heuttgen Neuchristen haben ja die kathoische Religion gar nicht angenommen; können wir sie rdammen^ weil ihre Vorjahren einst aus Not sich zu wer Religion bekannten, die ihnen und ihren Nachammen in der. Seele frenrd geblieben ist? Wenn wir acht Ihrgutes Menschenrecht, das RÄchh' der freien Frankfurter Israelitisches Favnlienblatt. Willensentschließung rauben' ivürden, so ivürden sie sich ja heute frei und offen zu ihrer Religion bekennen!" Clara war von der Wucht dieser Beweise -überwältigte Sic schwieg eine Welle und sagte daun: „Aber man beklagt sich allgemein über die Juden, daß sie den eingeborenen Bürgern Konkurrenz bieten und ihnen den Bissen vom Munde 'wegnehmen. Besonders gilt dies von den Neuchristen, welche durch ihre Taufe alle Rechte erworben haben. Sie haben Glück in allen, Unternehmungen, haben große Reichtümer angehäuft, -aller Handel und alle Industrie ist in ihreu- Händen; gehört denn dies alles nicht uns? Du gestehst ja selber, daß wir die Bürger, jene aber eingeivanderte Fremde sind. Wenn sie wenigstens ehrlich unserer Religion zugetan mären, dann '. . ." „Verzeihe, Clara, daß ich Dich diesmal unterbreche. Bevor ich aber Deinen Einwurf ganz widerlege, will ich Deine letzte Bemerkung berichtigen. Tu sagtest, daß die Nerichristen uns Konkurrenz machen, sic, die Fremden; uns, den Eingeborenen; aber wenn sie ehrlich zu unserer Religion hielten, dann . . . dann,' dürften wir uns über sic nicht beklagen. Aber ivie? Haben sie durch das Taufivasser deu Schandfleck des Fremden ' wcggewaschen und mit einemmale Bürgerrechte erworben? Allein nach der Ansicht unserer Priester kann ja der Akt des Uebertrittes zu unserer Kirche dies Wunder beivirken, daß dadurch sich 'das innere Wesen des Menschen im Handumdrehen verändere. Ich denke jedoch, daß, wer hier zu Lande als Fremder zn gelten hat, es auch dann bleibt, wenn er ganz in unserem' Glauben aufgeht: die Taufe kann ihnl höchstens das Bürgerrecht im Himmel, keineswegs aber hier auf Erden einbringen. Aber die Gerechtigkeit fordert, daß alle, die in unserem Lande seit jeher wohnen, alle Lasten tragen helfen, treu dem König und dem Vaterlande dienen, und >oenn es gilt, -gleich uns, das Leben aufs,Spiel .setzen, auch alle Rechte und Begünstigungen eines Bürgers beanspruchen dürfen. Wenn sie in ehrlichem Wettbewerbe um die - Güter des Lebens mitunterdie -Oberhand gewinnen, so ist das nur ihr gutes Recht, demi sie sind Menschen Ivie wir, und haben gleich uns das Recht, zu kämpfen und zu siegen. Wenn sie uns vor sind, so belveist dies nur, daß sie tüchtiger sind als wir und mit Vorzügen ausgerüstet sind, die wir nicht besitzen. Anstatt sie aher zu hassen und zn verfolgen, sollten wir -von ihnen lernen und es ihnen gleich zu niachen trachten. Im Grunde ist aber die Behauphmg, die Juden seien Fremde in unseren: Lande, falsch. Sie Hatten sich Hier längst angesiedelt, Jahrhunderte, bevor viele unserer Vorfahren, die aus dem Norden kamen, hierher eine» Fuß gesetzt hatten." „Was höre ich, Miguel" — unterbrach ihn Clara erstaunt. .— „ist es wahr, daß die Juden so lange hier wohnen?" „So ist es. Ich habe in den -alten Chroniken unseres Vaterlandes gelesen, daß viele unserer größten Städte von den Juden in vordcnk'licher Zeit erbaut und sogar mit 'hebräischen Namen benannt wurden. Tic Inden haben einen großen Anteil an dem Aufblühen unseres Landes und dessen Wohlstandes. Sie haben körperlich und geistig reichlich dazu beigetragen. Sie haben nicht bloß dem Handel neue Bahnen erschlossen, indem sie mit fremden Ländern Verbindungen ankniipsten, sondern vielfach auch als hohe Würdenträger und Staatsbeamte zum Segen der Bevölkerung gewirkt. Besonders höhe Verdienste haben die Verivalier des Staatsschatzes und die Aerzie erworben, welche aus der Mitte der Inden hervorgegangen sind. Auch haben sie viele hohe Schulen für Wissenschaften errichtet und unser Schrifttum bereichert — sie Halfen unser Vaterland zu dem zn machen, was cs jetzt ist, das 'glorreichste und schönste Land der Welt!" „Das alles haben die Juden getan, und ich wußte nichts davon!" —: rief Clara erregt, und in ihrer Stimme klang ein bitterer Vorwurf — „man vflegte mir stets zn erzählen, daß die Juden ein böses Geschwür an dem Körper unseres- Volkes seien, Frenrde, die das 'Land aussangen und ihm Flnch bringen. Erst Du hast mir die Augen geöffnet." Freude strahlte aus Miguels Augen, die Wolke, die seine Stirne beschattete, schwand, und sein Gesicht färbte sich leicht. . - Beide hielten, wie auf ein Zeichen, die Pferde an. Sie blickten einander in die Augen, und eine himmlische Harmonie ergoß sich über diese beiden Menschenkinder, deren Seelen in diesem 'Angenblicke in Eins zusammenslossen.... „Wie glücklich ich bin, Dich so sprechen zu hören!" — ries Miguel und erhob ihre Hand zu seinen Lippen. „Und' ich bin doppelt.glücklich, einen Mann wie Seite 5 Du mein nennen zu dürfen" — antioortete Clara mit bebender Stimme. ' Der Tag ging zur Rüste; die Sonne hatte sich gesenkt und begoß den westlichen Hiinmelsrand mit-purpurner Röte. Der erhabene Anblick erfüllte die Liebenden mit feierlicher Stimmung. Eine lange Weile litten sie schweigend nebeneinander; auch die Pferde schritten leise, als vermieden sie es, die Reiter in ihrem ernsten Sinnen zu stören. „Wie schön und heiter ist es hier draußen!" rief Miguel, indem er die Augen in die Runde schweifen ließ ,— „hier herrscht Ruhe und Friede, kein Mißton stört die Harmonie, kein Zank, lein Hader, — und warum muß dort, in den Wohnungen der Menschen Neid und Haß, Mord und Gewalt Hansen? Gott ist gütig und umgibt mit gleicher Gnade alle seine Geschöpfe, warum lernen die Menschen nicht seine Wege wandeln? Ja, Clara, Gott schenkte seine schöne Welt denMenschen, allen in gleicheni Maße, ohne den einen oder den andern vorzuziehen oder hintanzusetzen; sie aber, die Menschen, erheben sich übereinander, keiner ist mir seinem Anteil zufrieden, und jeder sucht den zweiten zn verdrängen. Hörst Du, Clara, wie die Glocken läuten und die Fronimen zn Gebet laden? Jetzt schüttet der katholische Christ seine Seele vor Gott aus im Mendgebei, und in derselben Stunde sendet zu ihm Gebete empor auch der griechische Christ, der Mohamedaner, der Jude, der Chinese, der Inder, jeder in einer anderen Weise, jeder in der Sprache seines Herzens, unö her gütige Gott hört von seinen Höhen alle die Gebete mit gleichem Wohlwollen." - Miguels Worte erfüllten Claras Gemüt mit heiligem Schauer. Ströme von Liebe und Beglückung ergossen sich in ihr Herz, sic hätte in diesem 'Augenblicke alle Menschen umarmen und an das Herz drücken mögen. „Einst" — sprach Miguel seufzend — „einst herrschten auch in unserem Lande Liebe und Brüderlichkeit unter den Menschen. Die Juden waren als nützlliche, friedsame Bürger geachtet und hatten cs gut. Unsere Könige pflegten mit ihren Weisen Umgang und bebauten mit deren. Hilfe daS Feld der Künste und der Wissenschaften. Im Lande blühten Segen und Wohlstand, und alle Bewohner ivarcn glücklich." . (Fortsetzung folgt.) Dank. Bon H. S., Verwalter. 1 — — — „Und Sie glauben wirklich an eine Dankbarfett, die uns des Wortes Bedeutung so recht verstehen läßt?" „Ja, meine Gnädige .- „Sehen Sic, Herr 'S., darüber habe ich schon so oft uachgedacht. Sie wissen, ich betätige mich sozial, d. h. ich'gehöre einigen Vereinen an, die das, edle Ziel haben, zn helfen. -Schön if? das, nicht wahr? Ueberhaupt helfen! -Was das schon alles besagt! Wir kommen zusammen und beraten über all die Häufchen Unglück, die leider jetzt so zahlreich sind. Und dann versitchen wir, diesen beiznkominen. Wir haben Ulkten vor uns liegen, worin jeder Fall für sich! wohl ein Schicksal bedeutet und wenn wir dann nbercingckommen sind, dann gehen wir zn den Hilfesuchenden und bringen ihnen das, was sie benöttgen, oder dock wenigstens einen -Teil von diesem. Wissen Sie. den Großen zn helfen, das ist fast leichter als den Kleinen. Wenn ich in die Familien kpmme n:rd sehe so ein kleines Würmchen, das Köpfchen gelockt, süß und lieb dasitzen, mitten im Elend, da empfinde ich erst, wie wenig ich doch mitbringr. Es ist nicht die materielle, Hilfe, die hier nottnt, sonderii das im Werden begriffene Leben muß die Gegensätze des Daseins bereits in sich aujnehmen, und das ist traurig. Biel Liebe und Verständnis sind deshalb erforderlich" „Ich verstehe, verehrte Frau, Ihren herrlichen Gedankcngaug. Desto größer ist natürlich die Befriedigung fi'rr Sie, wenn Sie, wie das bei Ihnen der Fall, so ganz die Notwendigkeit des Helsens erfasse»: um so größer aber auch wird die Dankbarkit sein!" Ein silberhelles Lachen klingt mir entgegen. „Sehen Sie, nun kommen ^ie mit Ihrer Dankbarkeit! Glauben Sie mir, die Ansichten mußten hier ganz entgegengesetzte sein. Wir sollten nicht >o sehr auf Dankbarkeit sehen, denn eigentlich müßten wir dankbar "sein, daß cs uns vergönnt ist, unserem besseren Ich Gelegenheit zu. solch edler Betätigung zu geben." . „Ich bewundere, gnädige Frau, diese köstliche Offen- 'barung Ihrer Leele. Einen vinweis ans das, was Sie' mir sagten, gibt uns in außergeivohnlichem Maße die jüdische Religion. Sie verlangt von uns Pflichten und zwar als Gebot. Es ist uns geboten. Kranke zu besuchen, die Leidenden zn erfreuen, und wieviel Vorschriften gelte» für uns, wenn es heißt, Not zu lindern und den Armen beiznstchcn! Wettgehend .wird die Dankbarkeit ausgeschaltet für die Männer, die sich vereinigen) um die letzten ' Liebesdienste zu erweiseir, die manchen Tag und manche, Nacht opfern, um am Sterbebett die religiöse Pflicht erfüllen zn können." . „Ja. recht haben Sie. und ich 'möchte hoffen, daß dieser schöne Geist bei all demnr, die. sich das Ziel gesetzt haben, der Menschheit etivas zn sei», Äkusnahme finden