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Neue jüdische Presse · 1917-03-02 · Heft 9 (2.3.1917) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 gegenüber dem tteueral-Aiizetger Vornehmes Familien-Kaffee W' Nachmittags n. Abends Konzert. verständlich zu machen. Das Jüdischdeutsche ist nird bleibt eben doch deutsch. Dagegen ist selbst das schlechteste Hebräisch immer noch hebräisch, das .heißt jüdisch. Jahrhunderte lang hatte -das Judentum sein - Wesen ausschließlich in der Erfüllung, des Ge- .. setzes und in der Hoffnung seiner Errettung ans der Verbmmung gesehen. Das: hatte vollauf genügt, um das Judentum über die Jahrtausende zu erhalten- Während alles Menschliche, jeder Verkehr von Mund zu Muiid im Jüdischdeutschen, Jüdischspanischen, Arabischen usw. erfolgte, war das Hebräische die Sprache für das Judentum gebliebem Die Einseitigkeit des Jrweickums Prägt sich sprachlich darin . aus, daß das Hebräische sich nur in der BegriffsifVwelk des Gesetzes, der.Philosophie und der synagogalen Poesie entwickelte und erweiterte. Wer als - Sprache, d. h. doch als gesprochene Gedankentvelt, ' wurde es unfruchtbar. Es war völlig erstarrt. Ws die spanischen Juden in die Türkei, die deutschen Juden nach Polen getrieben wurden, erhielt auch . das.Hebräische einen schweren Schlag. Besonders l . die geringen Reste in Deutschland zurückbleibender Juden zeichneten sich durch Unwissenheit aus. - Ohne die Lehrer, die sie aus dem nunmehrigen Sitze - deutschsprechender Juden, aus Polen, bezogen, wären sie noch früher und noch mehr der völligen Unwissenheit iin Jüdischen airheimgefallen. Da setzt die große Geistesrevolution des achtzehnten Jahrhunderts ein. Es ist die Aufklärung, die von Frankreich ausgeht. Gegen das Christentum gerichtet, ist sie später denr Bestände gerade des Judentums gefährlich geworden. Denn sehr bald wirkte diese Aufklärung auf die Juden, viel ■ früher, als sich politische Folgen geltend machen. - . Das deutsche Judentum zumal beginnt, zu gären. Das Judentum wird von Grund aus -aufgewühlt. Die schlechtesten rm Judeirtum, die leichtesten Ele- " mente kommen zuerst nach aben und setzen sich am Rande als Satz ab. Auf der anderen Seite wollen jakobinische Idealisten und Ideologen das Judentum : auflösem Diese jüdischen Schwarmgeister geben den materiell und persönlich gesinnten Geistern den Vorwand, sich aus angeblichem Idealismus aus i dem Judentum herauszulügen. Auf der .anderen - Seite hat ein Teil sehr gelehrter und dem Judentum ergebener Männer begonnen, nrit überkommenein jüdischen Wissen europäische Wissenschaft und si Kultur zu-verbinden. Hierin geht besonders. Schleusten voran. Der Kampf um die Zerstörung oder Erhaltung und Ilusbauung des Judentums ist eine Folgeerscheinung der großen Geistesrevolution, die vorder politischen von Frankreich ausging. Die unlösliche Verbindung des Judentums mit dem He- . bräischen brachte es mit-sich, daß dieser Kampf zu einem großen Teile ein Kampf um das Hebräische - war. Dabei gehen die Revolutionäre des Judentums nach zwei verschiedenen Richtungen, auseinander. Die einen wollen das Hebräische als, lästig - abschaffen. Sie empfinden, daß das Hebräische die festeste Verankerung des Judentums ist. , Daher ' - taufe:: sie Sturm gegen das Hebräische. Die allge- / . meine Unwissenheit derdeutschen Juden im He- - bräischen kommt ihnen dabei zu Hilfe. Sie weisen ' darauf" hin, daß das Hebräische nur die Gebet- ' spräche dieser Inden, ist. und: daß sie ihre Gebete nicht verstehen.' Tie anderen wollen vermittelst, des - . Hebräischen die neuen Kulturgedanken in das Volk trägem Wie dort für ein reines Deutsch, so. wird hier für ein reines Hebräisch gekämpft. Aber die beiden RichtmTgen schließen sich - keineswegs aus. Derselbe Wessely, der zuerst wieder in reinem Hebräisch ein großes Epos zu dichten - ’ . unternimmt, ist auch einer der Vorkämpfer der reinen deutschen Sprache- Derselbe David Fried- . länder, dessen Wunsch .es ist, sich in die deutsche Nation durch eine konfessionslose Scheintaufe all- - mählich hineinzuchristianisieren, beteiligt sich auch, wenn auch wenig, an dem neuen reinen Hebräisch... .So entsteht , in der Zeit des'werdenden und gären- Frankfurter Jsraslitisches FamilieMatt. . . den neuen Judentums, in: der Geburtsstunde ' der Assimilationsversnche - auch jener Ham-Meassef, der von besoirderer Bedeutung für das neue Hebräische wurde. Das ist dort noch eine schwerfällige, wenn auch grammatisch korrekte Sprache. Aber zwischen dem Ham-Meassef und den hebräischen. Tageszeitungen liegt nicht einmal ein. Jahrhundert. Und von Wessely bis Bialik ist ebenfalls auch nur ein Jahrhundert vergangen. So haben die neue hebräische Sprachbewegung und die Versuche, das Judentum allmählich auseinander zu reformieren, zum Teil wenigstens die gleichen Ausgangspunkte. Beide sind von dem Streben, aus dem Ghetto herauszu - kommen, ausgegaugen. '-In Deutschland hatte das Hebräische sehr wenig zu verlieren. Tenn die hier einsetzende „Reform" war nur auf Grund dxr .entsetzlichen Unwissen- . heit der Juden .im Jüdischen möglich. Trotzdem hat das Hebräische in Deutschland noch immer einige Einbuße erlitten. Es hat aufgehört, dem Jüdischdeutschen hier die Schrift zu geben. Während man früher die Gebete ohne Verständnis herleicrte, kann man sie jetzt auch nicht einmal lesen. Die -Jugend steht dem Hebräischen völlig fremd gegenüber. Es gilt als ein Zeichen von Zurückgebliebenheit, Hebräisch, gelernt zu haben. Die Bildung steht im umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Kenntnis vom Judentum, und zum hebräischen Wissen. Der Eintritt der Posenschen Juden in die deutsche Juoenschaft hat daran nichts gebessert, sondern die posenschen und westpreußischen Juden in den Taumel, das Hebräische, als „imge»# bildet" zu verleugnen, hineingezogen. Dafür aber hat das Hebräische im Osten äußerlich undinnerlich zugenommen. Was. es als Gebersprache cingebüßt hat, hat' es vielfältig als lebendige Sprache wieder gewonnen. In Galizien macht die Bewegung, die mit Wessely und dein Measses einsentj die erste Station, um dann nach Rußland yinüberzugreisen und eine mene Blüte hebräischer Literatur vorzubereiten. Aber auch die Sesardim des. Orieirts werden in dieses neue Schrifttum allmählich mit hineingezogen. Selbst, die Karäer unterliegen - seinem Einfluß. Aber das Hebräische macht dabei einen ganzen ’ Umwandlnngsprozeß durch. Es wird völlig umgeschmolzen und neugegossen. Zuerst hart und ungeschmeidig, erweicht es allmählich und wird biegsam. Der Stil wird wieder hebräischer. Er nähert -sich der einfachen Größe der altbiblischen Schreibart. Dabei wird er erhabener, vornehmer und reicher. Neue Wörter werde:: geschaffen, 'Neue stilistische Verbindungen gewinnen an Raum. Aber die Neubildungen bleiben 'im engsten Anschluß an das alte biblisch-klassische Hebräisch. Neue Begriffe finden ihren Weg in das Judentum. Damit entsteht düs Bedürfnis nach neuen Begriffssymbolen, die in Wort und Stil nach Ausdruck ringen. Das Hebräische bestrebt sich, alle modernen europäischen Verhältnisse zu umfassen und doch möglichst dem StUc der Bibel nahe zu bleiben. Zwar würde kein Zeitgenosse des Jeschajahu die Artikel eines Ah ad-ha-'Ams verstehen können; aber wer sein .Hebräisch in der Schule Ahad-ha-'Ams gebildet hat, wird dem Jeschajahu ganz anderes Verständnis evtgegenbringen, als das die bloße Gelehrsamkeit verleiht. So hat das Hebräische seine Auferstehung als Schrift- und Kultursprache der Juden gerade in einer Zeit gefeiert, als man glaubte,' es einsargcn zu können: Aber es blieb nicht dabei. Indem ein kleiner Teil der Juden .den Fesseln des einengenden Ghettos entrann, kam über das Judentum und damit über das Hebräische jene neue Regsamkeit, die eine nationale. Richtung allein erst möglich «rächte. Der Freiheit- und Frühlingshauch ließ die nationale Idee aufkeimen, die sich Politik als Zionismus, kulturell als hebräische Sprachbewegung äußert. -. Kaum hundert Jahre nach Wessely erlebte das Hebräische seine Auferstehung , als Umgangs- und Familiensprache. Auch als solche war es ja nur erstarrt, keineswegs völlig abgestorben gewesen. Wenn irr 'irgend eine Gemeinde Deutschlands sriihcr ein Stammesgenpsse als Abgesandter aus Jerusalem, ein „Erez-Jißröl-Jid" kam, da drängte sich alles ehrfürchtig nur ihn, um die heilige Sprache lebendig zrr hören. Bei solcher. Gelegenheit durfte sich der Rabbister freuen. Er konnte .stolz sein. Tenn alles-bewunderte, daß Nr. tz. er dem lebendigen - Hebräisch, folgte und' mit Schriftbrocken das .Hebräisch' so radebrechte, daß der „Erez-Jißröl-Jid" ihn einigermaßen verstand. In Jerusalem führte die hebräische' Umgangssprache noch immer ein bescheidenes, recht bescheidenes Dasein. Die sesardim in der" Heiligen Stadt pflegten die.heilige Sprache auch, im Sprechen, und es gab stets viele Familien, die es für eine .fromme Pflicht ansahen, daß wenigstens am Sabbat keine andere Sprache als Hebräisch in ihrem Hanse gehört wurde. Im Jahre 1853 berichtete der Judenmissionar Reichardt über eine. in Galiläa von ihm und seinem .Kameraden Nicolaison gemachte merkwürdige Enldcckurig. Beide trafen in den galiläischen Bergen in der Richtung zwischen 'Akka und- Nazareth nördlich .von Schcfä-'Amr ein ganz von Ackerbau treibenden Juden bewohntes Dorf Buke ah, dessen Bevölkerung sich nach, ihren Aftgaben vpn. den morgenländischen und abendländischen Juden in Palästina dadurch unterscheidet, daß sic weder Deutsch noch Spanischsondern nur Hebräisch neben der arabischen Landessprache redet. Gumprecht gab in einem Artikel über „Das Syrische und Hebräische als lebende Sprache"*) der Meinung Ausdruck, daß man hier ein. weiteres ' Beispiel der Bioazit.ät untergegangen geglaubter Sprachen gefunden habe. Die früheste neuzertliche Erwähnung dieser hebräischen Juden in Pekiin, ivie der Ort hebräisch von den .Juden genannt wird, findet sich im Ahaball) Zioir des Simchah ben Jchoschua, der Pekiin vor ungefähr 150 Jahren besucht hat. Seitdem ist die jüdische Bevölkerung dort dauernd au Wohlstand und Zahl zurückgegangen.**) Immerhin.ist es. einsinteressantes Beispiel, daß auch nach dieser Richtung das Hebrä- - ische niemals ganz aufgehört hat, als Umgangssprache zu dienen. Endlich war das bis zu einem gewissen Grade stets bei den sehr zahlreichen Juden in Jemen der Fall. Diese heute ins Land Israel zahlreich einströmenden Juden bringen aus ihrer Heimat neben denr Arabischen ein geläufiges und von ihnen gern gesprochenes .Hebräisch mit, dessen eigentümliche Aussprache sie im Umgang im heutigen Palästina bald mit dem sefardischen vertauschen, während sie ebenso wie ihre aschkcnasischen Stammesbrüder beim Gottesdienst, die hei- " mische Aussprache fortsetzen. (Fortsetzung. folgt.) Born amerikanisch-jüdischen Kongreß. An: 14. Januar hielt das Administrationskomitee das Exekutivkomitees seine zweite Sitzung ab. Prof. I s a a c H o u r w i ch beantragte die Wahl'. von 295 Delegierten aus den verschiedenen KongreHdistrikten, in welche die Vereinigten Staaten zu diesem Zwecke eingeteilt werden müßten. Außerdem sollten noch 100 Delegierte« (25, Prozent der Gesamtzahl nach dem Uebereinkommen) 'von den' verschiedenen amerikanisch-jüdischen Organisationen gewählt werden. Allen Juden upd Jüdinnen im zur Wahl berechtigenden Alter steht die Wahl frei. Diejenigen jedoch, die keiner Organisation angehören, können sich zum Zwecke der, Kongreßwahlen in besondere Kongreß-Organisationen Msannnenschlicßen. ... Es' folgte eine lebhafte Debatte. Louis Marshall trat für die'demokratische Durchführung der Wahlen ein. Er schlug für die jüdischen Kongreßwahlen das Systen: der städtischen, - staatlichen und nationalen Wahlen vor, nämlich nach Wahldistrikten.' Wegen der andersgearteten Konstitution des jüdischen Gemeinlebßns in. Amerika wurde dieser Vorschlag abgelehnt. Die Hauptdiskussion ries jedoch die Frage der Vertretung der „nationalen (d. h. amerikanischjüdischen) Organisationen" hervor. Einander widersprechende Definitionen des Begriffes „nationale Organisationen" wurden gegeben, und der Bericht wurde schließlich.' dem „Komitee für Wahlmethoden" zur nochmaligen Beratung zurückgegeben. Der nächste Bericht wird in zwei Wochen erstattet werden. Man glaubt jedoch schon heute, vaß folgender Modus angenommen werben wird: „Alle . diese Organisationen werdeneine gleichmäßige Rech Zeitschrift für Allgemeine Erdkunde. Bd. 1. Berlin 1853, Seite 143. . ,**) Luncz' „wachs ärez Israel" Jg. V. Jerusalem 1899—1900. Vgl. ferner den demographischen Bericht über Pekiin und seine Juden von Dr. S. Weitzenberg (Elisabeth-- grad) im. Globus, Bd. 96, 1909, Nr. .3, Seite 41—45. -

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