Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2693025-2693034--09811-2705069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erscheint wöchentlich am Freitag. Armgsprris pro Nirrtrijahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— fr« inS Haus. Bei der Post abonniert SO Pfg-, frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, für Rußland I Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel»Nummern kosten 10 Pfg. KeÄaKtion und Expedition: Franftfurt a. M. :: Lsngestr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Heransgever: Saks Geis.. Infrrtionsprris für die fünfgefpaltene Petitzeile 25^pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Ber Wederholungen entsprechender Rabatt. Slellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped.und in mAnnoncen^Sureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Freitag, de« 8. Mar 5627 (2. März 1917» 15 Jahrga«g. Der „Fall Schmoller."^) Die. deutsche Juüenheit hat wieder eiuu'al eitlen „Fall" zu verzeichnen, einen sensationellen, aufsehenerregenden „Fall", einen jener „Fälle", die so etwas tvie die .Höhepunkte des jüdischen Lebens in Deutschland bezeichnen. Ein berühmter Mann hat antisemitische Aeußerungen getan! Für alle diejenigen Juden in Deutschland, deren Juden- - tnm lediglich darin besteht, jede antisemitische Bemerkung/ die irgendwo fällt, zu verzeichnen lmo ihr mit lautem Protest entgegenzutreten, deren ganzes Leben von der Angst beherrscht wird, das; ihnen irgendwer irgendwie zu nähe 'trete, also wieder eine feierliche Gelegenheit, ihr Judentum, von dem sonst nicht viel wahrzunehmen ist, zu * bekunden. Und so ergoß sich eine Flut von Artikeln zur Abwehr des neuen Angriffs, eine lebhafte öffentliche Debatte setzte ein, und der neue „Fall" war fertig. Ter „Fall Schmoller". Was war eigentlich geschehen? Herr - v. Schmoller, Exzellenz, Gehcimrat, führender Professor der Nationalökonomie in Preußen, hatte in einem. Aufsatz seines „Jahrbuchs für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im deutschen Reich" einige antiseniitisch gefärbte Bemerkungen gemacht. Ties war gewiß nicht schön; war, wenn man will,, eine Geschmacklosigkeit durchs die unsachlich-kleinliche Form, in der sic vorgebracht »vurden, und für einen, Mann der Wissenschaft, zumal für einen, der stets für die objektive, voraussetzungslose Methode seiner Disziplin eingetreten ist, alles andere eher als allgebracht; umso weniger, als seine Behauptungen sächlich nicht einmal stimmten. Und gewiß wäre es nur natürlich und geboten, daß jüdische Zeitungen diesen Ausfall vermerkten, ili kurzen Worten zurückiviesen und — zur Tagesordnung übergingen. Denn es ist wirklich keine Lebensfrage für die deutsche Judenheit, ob zu ihren vielen Gegnern noch einer hinzukommt, und sei er auch Exzellenz, Geheimrat und ein berühmter Mann. Man sollte innerhalb der deutschen Judenheit. ruhig und selbstsicher genug geworden sein, uin eine solche Erfahrung gelassen zur Kenntnis zu nehmen und sie mit eineni skeptischen „Auch Tu, Brutus" zu registrieren. Statt dessen lösten die paar Zeilen Schniollers eine förmliche Erregung iii deutsch-jüdischen Kreisen aus. Die gesamte jüdische Presse ward mobil gemacht; die großen liberalen Zeitungen, die die Majorität der deutschen Inden als ihre Wortführer und Sachivalrer anzusehen gewohnt - ist, brachten große Artikel; und eine Flut von privaten Zuschriften ergoßsich über Herrn von Schmoller. Offen gesagt liegt uns an dieser Wirkung, die der antisemitische Ausfall Schmollers innerhalb . des deutschen Judentums auslösen konnte, mehrmals an seinen Äeußerungen selbst. Vom Standpunkt eines stolzen, selbstbewußten positiven Judentums gesehen, ruht hier der eigentliche „Fall" Schmoller. Daß Herr von Schmoller antisemitisch infiziert ist, ist nicht uninteressant, im übrigen aber wirklich keine erschütternde Begebenheit. (Sein zweiter - Artikel in der „Täglichen Rundschau" hat überdies gezeigt, daß er sich bemüht, objektiv zu sein, aber an der — beinahe möchte man sagen: erblichen antisemitischen Infektion leidet.) Daß aber einige antisemitisch gefärbte Bemerkungen eines berühmten Mann genügen, um das deutsche Judentum in eine starke Erregung zu versetzen, dies ist allerdings eine wichtige Tatsache. und eine solche von keineswegs erfreulicher Natur. Wenn *) Siehe Leitartikel in Nr. 5. . man zudem noch die Zeit und die allgemeine jüdische Situation berücksichtigt, in der sich dieser „Fall" ereignet hat, wird er noch, wichtiger und trauriger. Marc bedenke: "das Judentum befindet sich in einer Krise, »me seit Jahrhunderten nicht; Hnnderttansende unseres Volkes sind zu Grunde gerichtet, große Teil der Judenheit ringen verzweifelt um ihr Dasein; unmittelbar an den Grenzen Deutschlands, in dem von ihnr okkupierten Polen, steht die Zukunft und das Schicksal von Ih- Millionen Juden zur Entscheidung. All dies läßt die deutsche Judenheit ziemlich kalt. Bon der Not des Judentums sprechen höchstens die Rabbiner in ihren Predigten; die unerhörte Katastrophe, die der Krieg' unserem Volke gebracht hat, dient höchstens Rednern als pathetische Phrase; und die polnisch-jüdische Frage begegnet höchstens hier und da akademischen! Interesse.. Wer es braucht nur ein christlicher Gelehrterzu kommen — allerdings Professor, Geheimrat und Exzellenz in einem! — und ein paar Zeilen gegen die deutschen Juden zu schreiben, einige banale Behauptungen aufzustellen, die schon tausendmal aufgestellt und ebenso oft lviderlegt »Vörden sind, und das, ganze deutsche Judentum gerät in Erregung; jede jüdische Zeitung hält sich für verpflichtet, zur spaltenlangen Abwehr, Hunderte von Juden und Jüdinnen — und gewiß darunter sehr viele '„prominente" —, glauben es ihrem Judentum schuldig zu sein, Herrn von Schmoller durch, private .Zuschriften ins Gewissen zu reden, kurzum: eine Energie wird ent»vickelt, als ob tatsächlich irgend eine wichtige jüdische Lebensfrage auf dem Spiele stände, eine Energie, von der man nur wünschen könnte, daß sie den »virklich großen jüdischen Daseinsfragen des Tages zugewendet würde. So sieht sich der „Fall" Schmoller an, von einem wahrhaft jüdischen Gesichtspunkt gesehen; als ein neues trauriges Symptom jener inneren Angst und Selbstunsicherheit, in der das deutsche Judentum lebt, jener inneren Armut an wirklich positiven jüdischen Werten, die den Kampf gegen den Antisemitismus zum einzigen Inhalt des Judentums .der meisten deutschen Juden macht, jenes dauernden Hinstarrens auf die Meinungen der „anderen", die dann zu solch — fast möchte man sagen: grotesken — Wirkungen führt, wie sie der Fall Schmoller ausgelöst hat. Und die Lehre, die wir Juden aus diesem „Fall" ziehen müssen, kann daher nur die Mahnung zu etwas mehr Selbstbelvußtsein, mehr Selbstsicherheit und stärkerer Pflege der positiven jüdischen Lebensinhalte sein, die allein in Zukunft uns davor bewahren können, in einer Zeit, , da die gesamte Existenz unseres Volkes erschüttert ist und seine Zukunft zur Entscheidung steht, einige antisemitische Bemerkungen eines berühmten Mannes zum Anlaß tiefer Erregung und Erschütterung zu nehmen. Das sollten wir aus dem „Fall" Schmoller lernen: daß. die Meinung der „anderen" über uns, und seien sie auch noch so hoch gestellt, nicht mehr für uns zu „Fällen" werden können, an denen wir unsere Energie und Kraft nutzlos vergeuden. Die Sprache der jüdische« Kultur. Von Prof. Dr. Heinrich Loewe. - (Fortsetzung.) Ein 'schwerer Schaden für das Hebräische war es, daß die jüdische Bildung der Frauen im allgemeinen eine ebenso geringe blieb, wie die der Männer eine in ganz weitem Kreise äußerordent- Rr. $ sich intensive war. Für die Frauen und Ungebildeten entstand daher in geringem Maße eine Literatur im gesprochenen Votksdralekt, die.aber neben der hebräischen vollständig verschwindet. Sie , ist in erster Reihe religiös und enchält auch Erzählungen und Schwänke in der jüdischen Mundart. Mit dem Purimspiel schafft sie sogar die ersten Grundlagen zu einem jüdischen Drama. Das jüdische Volk kennt keine Analphabeten. Es hatte deren auch nicht im Mittelalter. Wer diese Juden schreiben auch heute noch zu neun Zehnteln Hebräisch oder mindestens mit hebräischen Buchstaben. Es ist bei den amerikanischen Einwanderungsbehörden festgestellt nwrden, daß es . oft genug vorkomnit, daß russische Juden aus die Frage, ob sie lesen und schreiben können, deshalb mit „nein" antworten, weil sie es für so selbstverständlich erachten, daß sie Hebräisch lesen und schreiben, daß sie hinter der Frage einen ganz anderen Sinn vermuten, den sie nicht verstehen.*) Ueber die Frage, ob sie „Hebräisch lesen" können, würden sie sich nur wundern. Das ist selbstverständlich. Hebräisch ist auch heute noch die allgemeine Bildungssprache der Juden im ganzen Osten geblieben. Dadurch aber sind sie von vornherein durchaus jüdischnational. Denn ihr ganzes Denken ist mit der ganzen historischen Vergangenheit dadurch verbunden. Sie leben in der alten hebräischen Literatur, die ihnen in den wichtigsten Bestandteilen durchaus geläufig ist. Der bewußte Nationaljude, dem das Hebräische unbekannt und dem die Idee nur eine politische Erwägung bleibt, ist weit »veniger von dem natioinalen Geiste des Judentums durchdrungen als der unpolitische Jude, der sich aber ganz und gar im hebräischen Lenken zu Hause fühlt. Einen getvissen Ersatz vernrag die durch andere Sprachen vermittelte Kenntnis in jüdischer Geschichte zu geben. Aber es bleibt auch das ein Ersatz. Darum ist freilich auch die politische nationaljüdische Idee in dieser Hinsicht nicht etwa überflüssig oder gar schädlich. Beide in ihrer Ergänzung führen zu folgerichtigerem hebräischen Denken. Sie sind Ergänzungen zueinander. . Das Jnüischdeutsche vermittelt die Kenntnis von Schiller und.Lessing. Das ist wichtig für Juden, die niemals ihre geistigen Bande mit« Deutschlands Sprache und Kultur aufgegeben haben, trotzdem sie seit Jahrhunderten von dort vertrieben sind. Wer das Hebräische vermittelt die Kenntnis von Mosche und Jeschaja, von Jehuda Han-Naffi und Jehuda Hal-Lewi. Und. diese sind für die organische Entwicklung' Mischen Denkens und Empfindens, 'für die Fortexistenz des Judentums von ganz anderer und ausschlaggebender Beden-: tung. Immerhin hat das Jüdischdeutsche. außerordentlich viele hebräische Wörter und Wendungen und weist danrit an und siir sich seinen Träger aufs Hebräische hin. Auch in diesem Sinne hat cs einen bedingten nationalen Wert. Wer sein Grnndwesen ist deutsch. Wenn die Partei, die es an Stelle des Hebräischen zur Nationalsprache machen nwchte, sich bemüht, es durch Fremdwörter aus dem Russischen einer selbständigen Sprache zu machen, so erreicht sie allerhöchstens, das russische Jüdischdeutsch und das amerikanische' einander un- *) Auch mir persönlich ist es wiederholt vorgekommen, daß Juden diese Frage, ob sie lesen und schreiben können, dcchin .mißverstanden haben, ob sie eine nichtjüdische Sprache lesen und schreiben können. Sie verneinten es, und nachher tvar. ich sehr erstaunt, wenn sie . zum Teil sogar recht große Kenntnis des Hebräischen verrieten.