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Neue jüdische Presse · 1917-02-23 · Heft 8 (23.2.1917) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 8 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Frarckfurter Zsraeütisches Fannlienblatt. .Nr. §. gegenüber dem tienerai-Anzeiger Vornehmes Familien-Kaffee Nachmittags n. Abends Konzert. 'W die Sprachmelodie des Dialekts wurde sorgsam Mer-, liefert and rettete sich in die Vorlesungen der Gemeindehäuser. ' Diese Synagogen waren Gott geweiht. Sie Meruahmen einen Teil der Heiligkeit, die auf dem zerstörten Heiligtume geruht hatte. ZN ihnen kam die Gemeinde zum Gebet zusammen. .Mer nicht bloß zum Gebet, nicht allein zur Vorlesung der Thora. Sie war das.Gemeindehaus. Hier fanden die Gemeindeversammlungen statt, ebenso zur Beratung wie zum Gebet. Vor allem aber waren sie die Unterrichtsfiütten. Sie waren die Schulen für die Erwachsenen. Daher heißt noch heute in allen Mmidarten djes Jüdischdeutschen die Synagoge die „Schul". Es ist keinem künstlichen Versuche gelungen, dieses Wort zu verdrängen. Das. Wort „Schul" in diesem Sinne ist noch überall dort üblichwo Jüdischdeutsch gesprochen wird oder früher gesprochen' wurde, in Kopenhagen und Stockholm ebenso gut wie in Newyork, Sidneh oder Berdyczew. In der „Schul" wurde vor allem auch, gelernt. In die „Schul"' flüchtete sich, die hebräische- Sprache, als das ° jüdische Volk aus. Palästina, die von ' ihm gesprochene Sprache aus dem täglichen Verkehr vertrieben wurde. '! Im Hebräischen wurde schon früher jedes Gebet der Juden gesprochen. Das Hebräische wurde aber jetzt noch mehr zur Gebetsprache, erstlichweil es im Verkehr verschwand, dann aber noch viel mehr' deshalb, well viel mehr gebetet wurde. Das Gebet war an Stelle anderer Formen des Gottesdienstes getreten und richtete sich nach Tagen und Zeiten ein. Dazu kam, daß die griechische Assimilation der ägyptischen und nordafrikanischen Juden kläglich Schiffbruch gelitten hatte. Ihr Bestreben, ein Griechisch sprechendes Judentum zu bilden, Griechen jüdischen Glaubens zu sein, war geschettert. Die nächsten Angehörigen ihrer grölen Geister hatten im Heidentum geendigt. Dieselben Männer, die auf Grund eines von ihren Führern konstruierten Propherismus eine allgemeine Menschheit und ein Griechentum mosaischer Konfession als junge Männer erträumt hatten, kehrten als ällere Männer dem angestamntten Judentum den Rücken. Zugleich war durch die würdelose AngleichMg an das Griechentum der Antisemitismus entstanden. .Er war so mächtig geworden, daß er die strenge Gesetzlichkell des römischen Ordnungsstaates ourchbrach. Aegypten und Kyrene sahen blutige Judenverfolgungen. Das war der Bankerott der „Hellenen", die in Mooses ihren großen Philosophen verehrten. ' Die Proseuche mit dem griechischen Gebet und 8er griechischen Gejetzesvorlesnirg, ja mit . dem Opfer, das hier auch Ungleichung an nichtjüdische Umgebung war,, wich der Synagoge, dem Beth hak-knssseth, in dem Hebräisch g^etet wurde. So ist das Hebräische die sieghafte Gebetsprache wieder gettwrden, die es ursprünglich auch gewesen war. .Aber es wäre ein Irrtum zu glauben, - daß sie nur Gebetssprache war. Sie ist die. Sprache des synagogalen Vortrags ebenfalls. In ihr finden die Gesetzesdiskussionen statt. Nur das Aramäische macht mll ihr zeitweise und -zum Tell einen Wettbewerb auf diesem Gebiete. Wer .abgesehen von .aramäischen Gerichtsprotokollen und Schul- Merlieferungen ist und bleibt das Hebräische die alleinige Schriftsprache der Juden. In ihr werden die neuen Kultnrschätze niedergelegt wie früher. Sie ist die Schriftsprache, die alleinige Kultursprache. Wer lesen und schreiben lernt, lernt es. in der hebräischen Sprache. Da es keine Analphabeten im.Volke gibt, so übernimmt jeder im Volke zugleich die Kenntnis der Schriftsprache mit der Schrift. Daher zu allen. Zetten die übereinstimmende Tatsache, daß. alle Judensprachen auch, später nur mit hebräischen Buchstaben geschrieben werden, wenn man einmal nicht Hebräisch schreibt.■ Darum stirbt das Hebräische ebensowenig wie das Volk. Man leugnet, daß das Volk noch! eine Nation sei. Aber man kann die Tatsache nicht bestreitendaß es noch lebt. Dieselben Leute sprechen davon, daß es kein jüdisches Volk gibt und. reden in demselben Atemzuge von den Pflichten des jüdischen Volkes. Man sagt, daß die jüdische Nation nicht existiert, daß sie aber die Mission hat, den prophetischen Geist der allgemeinen Völkerverbrüderung durch, die Welt zu tragen. Der Grund zu diesen Widersprüchen liegt in der anorinalen Lage der In-; 'denheit. Das Hebräische gilt als tot.- Und Dichter ' und Denker versoffen in ihm unsterbliche Werke. Es gilt als verschwunden,, und Millionen von Kulturmenschen benutzen cs.dazu, ebenso ihre tiefsten Empfindungen auszudrücken, wie ihre trockensten Geschäftsbriefe zu schreiben. Es soll erstorben sein und zeugt in den Mischsprachen Schößlinge, die alle die gleiche Aehnlichkeit mit dem jüdischen Väter und der nichtjüdischen Mutter haben. Es ist angeblich .rot und verschwunden wie das Volk, dem das Hebräische Nationalsprache gewesen .war, und ist des sortlebenden Volkes Dlltur- und Geistessprache ohne Unterbrechung geblieben. Die Literaturen' der Juden haben in. anderen Sprachen hohe Blüten gezeitigt, aber sie blieben doch immer nur Episoden. In vielen Sprachen traten die Juden redend undl schreibet! auf. Sie wären Dichter und Philosophen,! Schriftsteller und Denker. Lobte man sie, so galt' ihr Lob den spanischen, deutsche,:, russischen Litera-' turen, griff man sie an, so galt der «Angriff den Juden. Sie 'wurzelten weder im Judentum noch in den-fremden Literaturen. Deshalb! ffind sie vergessen und werden vergessen werden. Was das Judentum auch im Exil -Unsterbliches schuß war entweder von vornherein Hebräisch geschrieben, oder es rettete sich aus die Nachwelt in seiner hebräischen Uebersetzung. Der Moreh NeÄuchim ist das bedeutendste Beispiel,' aber doch nur eines von vielen Tausenden. Tcur' das Hebräische war und jblieb die Kulturünd Geistessprache des Volkes, deffen Geschick es teilte, als Mt angesehen zu werden, während es nur bestimmte Lebensbedingüngen und Lebensverrichtungen eingebüßt hatte. [ , Kultur- und Geistessprache der gesamten Jüdenheit Meb das HebMsche, als es als Umgangssprache auch in Judäa nicht mehr gesprochen wurde. - Aber nicht ein einzelner Stand, etwa der Priester oder Schristgelehrten, setzte das Hebräische künstlich fort, wie das mit dem Sanskrit in Indien oder mit dem Lateinischen in der katholischen Kirche der Fall ist. Das ganze Volk empfing auf breiter demokratischer Grundlage eine sehr eingehende biblisch-- talmudische Bildung in hebräischer und jüdisch-aramäischer Sprache' Das Volk betete hebräische Gebete und verstand sie, es führte allen schriftlichen Verkehr ausschließlich ckn hebräischer Sprache, seine, Handelskorrespondenz, seine Geschäftsbücher, alle seine Kontrakte und Protokolle. Dem ganzen Volke blieb das Hebräische als die allgemeine Mische Kultur- und Schriftsprache vertraut. Es war die Schriftsprache eines Volkes von Schristgelehrten. Nur ganz vereinzelten abgesprengten Bruchstücken des alten Stammes, den Falaschas in Abessinien, den chttresischen Juden in Kai-Feng-Fu und schließlich den geringen Resten deutscher Juden im deutschen Stammesgebiet, hörte das Hebräische auf, dieSchriftsprache zu sein. Aber die Einbuße' des Hebräischen war ganz außerordentlich groß. Wie ein Volk vieles von seiner nationalen Eigenart und all feine ftische Originalität einbüßt, werm es aus seinem Gebürtslande gerissen und in die Welt-verstreut wird, so verlor das Hebräische die Ursprünglichkeit und die lebenskräftige Frische, als es zlvar Schriftsprache blieb, aber 'in der Familie eine andere Sprache gesprochen wurde. Dadurch verlor es die Unmittelbarkeit der natürlichen Fortentwicklung. Nicht mehr das sprechende Kind bildete die Sprachje lvetter, sonderir der Verstand der Gelehrten, der aus. dem Borne der alten überlieferten Kultur schöpfte. Daher nahm es die Bezeichnungen der gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse, die neu an die Hebräisch schreibenden Juden herantraten, als Fremdwörter aus anderen Idiomen) während philosophische Begriffe in reichstem Maße in hebräischem Sprachgeiste aus der hebräischen Schriftsprache . weitergeschaffen wurden. Die Weiterbildung, auf dem Gebiete abstrakter Begriffe, hat nie aufgehvrt, während für die konkreten Dinge des täglichen Lebens das Hebräische dauernd Entlehnungen - vornehmen mußte. Mit dem Aramäischen■’ ging das Hebräische eine so -.enge Verbindung ■<ein wie vorher und nachher mit keiner anderen Sprache. Dazutrugchie. ' inahe Verwandtschaft bei. Mehr aber wirkte 'die umfangreiche Gesetzeslittcratur, die alle Gebietendes jüdischen Lebens beherrschte. Diese mar in einem hebraisierten Aramäisch und zum Tell in einem aramäisierten Hebräisch verfaßt. Die iimige Durchdringung beider Sprachen ist ein Teil der Ent- Wicklung der hebräischen Sprache. Sie ist nicht tot. ' Sie lebt, als Schriftsprache /des ganzen Volkes. Das oft wunderliche Hebräisch der religiösen Dichtung im Mittelalter' kam nur deshalb zustande,' ivell das Hebräische nicht abgestorben, aber in einer der Natur entfremdeten Entwicklung begriffen, war. Es ist ein Leben ohne natürliche Wurzeln, das aus Luftwurzeln sich die Kraft holt, notdürftig fortzuexistieren. Der heimatliche Grund fehlt der Sprache wie Lein Volke. Aber die vom Volke gesprochenen Dialekte und Mundarten werden mehr vom Hebräischen beeinflußt als das Hebräische von ihnen. Nur durch das! Hebräische als die begleitete Schriftsprache empfängt das Jüdisch-Deutsche seine besondere Färbung. Es Werträgt die flutsche Aussprache auf das Hebräische. Aber es empfängt ans diesem. seinen ganzen Reichtum an Wörtern, die irgend etwas Geistiges bezeichnen. Ohne das Hebräische in und neben ihm wäre es nur ein bloßer deutscher Dialekt wie viele' andere, aber wett weniger von der Schriftsprache entfernt als/, diese. Dasselbe gilt vom Judenspanischen mch...Kld^lperfvschen. Die hebräische Schriftsprache im Munde eines Volkes von Schristgelehrten füllt die jüdischen Bolksdialekte anderer Sprachen mit einer. Fillle .Hon Ausdrücken, besonders abstrakter.Natur. Es gibt ihnen besondere Verbindungen Und Forme», Vor allem aber begleitet (es„ die Sprache von Familie und Verkehr mit dauernden-Zitaten aus den,' hebräischen Schrifttum aller Zetten. Das Hebräische behauptet sich'neben der mündlichen Verkehrssprache als die ausWießlsche Schriftsprache im täglichen Verkehr. So sind die Verhandlungen in der Gemeindestube zwar Mischdeutsch) aber sämtliche Protokolle hebräisch. (Schluß folgt). ' . Für die jüdischen Geisteskranken. Die folgende Darlegung'möchte die jüdische Ocsfentlichkeit ans eine wichtige. Aufgabe unserer' sozialen Fürsorge .Hinweisen. - Mn großer Prozentsatzder Geisteskranken gehört der jüdischen Glaubensgemeinschaft <nt. Was immer der Grund dieser schmerzlichen Erscheinung ist — zu ihrer restlosen Ergründung wird unseres Erachtens der Psychiater auch die Winke der neuzeitlichen Religionsnnd Kulturgeschichte - der Juden , ivohl beachten müssen —, sic ist', eine Tatsache, an der unsere humanitäre und religiöse Fürsorge nicht achtlos' vorübergehen darf. .Eine unabweisbare Pflicht der jüdischen Gemeinschaft ist cs, ihren Geisteskranken eine Existenzmöglichkeit zu " verschaffen,' die ihren Ansprüchen als Kranken wie als Jude,', tn gleicher Weise gerecht wird. Die weitverbreitete Meimmg, daß Geisteskranke mit der Gesundheit ihres Geistes.auch das religiöse Bewußtsein eingebüßt haben, ist.ein schtverer Irrtum. Zeder Seelsorger, zu dessen amtlichen Aufgaben auch der Besuch jüdischer , Geisteskranker' zählt, hat Gelegenheit zu beobachten, wie erstaunlich rege und hell in lichten . Momenten dcs jüdische Bewußtsein auch in kranken Gemütern ist, wie in diesen armen, bedauernswerten-Seelen das religiöse Gewissen nicht erloschen ist, vielmehr bei jeder Gelegenheit wie eine entfesselte Flamme ' hervorbricht, sobald sich die Patienten nur etwas freier und wohler fühlen. Insbesondere wird es. von gar ' manchen Kranken als eine schwere Gewissensnot.empfunden, wenn es ihnen nicht möglich ist, sich rituell zu verköstigen. >- Um hier Abhilfe zu schaffen, ist vor kurzem der „Verein'für rituelle Verpflegung ifraeli-, tischer Nerven-und Geisteskranker" gegründet worden, der die rituelle Verköstigung der in der Heil- und Pflegeanstalt Lohr a. M. iintergebrachiten Aranken bezweckt. Während früher in erster Reihe nur bayerische Kranke Ausnahme fanden, ist/cs nun Dank" dem Entgegenkommen der Königlichen Änstaltsdirektion und -er Kgl. bayerischen Regierung ermöglicht worden, daß auch außerbayerische Kranke, wenn ihre An-, gehörigen den Antrag aus Unterbringung in Lohr im - Hinblick ans die daselbst mögliche rituelle Verpflegung stellen, berücksichtigt werden. Mit der. Gründung dieses unter dem Vorsitz der Herren Distriktsrabbiner Dr. Breuer-Aschasfenburg und.Dr. Stein-Schweinfurt stehenden Verein ist einem Bedürfnis, das in weiten Kreisen des deutschen Judentums als ein dringendes. empfunden wird, entsprochen worden. Diesen Berenr finanziell Jin Stand zu setzen, seinen Aufgaben gerecht zu werden, müßte daher ein ernstes' Anliegen aller fein, die Verständnis und Gefühl besitzen für die bedauernswerte Lage jüdischer Geisteskranker, Heren Schick-,

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