Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1917-02-23 · Heft 8 (23.2.1917) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 8 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2693025-2693033--09802-2705059
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Pirrtrijahr: In Frankfurt a. M. Mk. Ifrer ins'Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1. Süibel, für alle übrigen Länder Mk^2.— Einzel»Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und Grpedition: Frankfurt s.M. :: Lsngeslr.7 Fernsprecher Amt Hansa 2903. ^eransgeSer: KatA Heis. Jnsrrtimrspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für dieReklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, WvchnungSinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Ännahme bei der Exped. und in«.Annoncen-Bureaus, Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr.4364. J 15 Jahrgang. Freitag, den 1. Adar 5677 (23. Februar 1917) Nr. 8 Die deutsche Orthodoxie und das polnische Judentum. Die Eroberung Polens durch die Zentralmächte, mit der wie für das gesamte Land so auch für das polnische Judentum eine neue Epoche begonnen hat, bedeutet vor allem auch den Beginn einer neuen Zeit für die jüdische Orthodoxie in Polen. Daß die Lage.der Orthodoxie in ganz Rußland, ganz besonders aber in Polen, in vielem sehr unbesriedigetid ist, ist eine bekannte Tatsache. Das Eigentümliche ihrer Situation und der Grundquell ihrer inneren Schwächen beruht in ihrer krampfhaften Wlehnnng alles Modernen, Europäischen und ihrem unbedingten Festhalten auch cm denjenigen Lebensformen des -Ghettos, die; nichts mitder Wahrung ver Lehre und Tradition selbst zu tun-haben. Das große Grundprinzip, der westeuropäischen Orthodoxie, die Anpassung an die moderne Kultur unter strenger Wahrung der Tradition, die Vereinigung von „Torah im Derech-Erez", wie es in Deutschland formuliert wurde, . ist der osteuropäischen Orthodoxie bis heute im wesentlichen fremd -geblieben, ja vielfach steht, sie ihm geradezu feindselig gegenüber. Die wichtigste Folge davon war, daß sie in allen politischen und kulturellen Ereignissen und Prozessen, die sich in den letzten Jahrzehnten innerhalb des osteuropäischen Judentums -abgespielt haben, ins Hintertreffen gelangt ist, und iip öffentlichen Leben der Ostjudenheit nicht die Stellung und Bedeutung gewinnen konnte, die ihr ans Grund ihrer numerischen Stärke und qualitativen Kraft zukommt. Schon die letzten Jahre vor dem Kriege brachten die ersten Anfänge einer .Aendprung, einer Besserung der Lage. Es.'begaimen sich Organisationsbestrebungen geltend zu machen, die die gesamte Orthodoxie umfassen undihr den ihr gebührenden Einfluß im jüdischen Leben sichern sollten. Daß diese Bestrebungen, die im Gedanken der „Agudas-Jsroel" ihren, bedeutsamsten Ausdruck gefunden -haben, gerade von Deutschland ihnen Ausgangspunkt nahmen, ioar kein. Zufall, sondern zeigte bereits in aller Deutlichkeit/ daß hier die deutsche Orthodoxie, die bereits einehundertjährige' Emanzipation hinter - sich, chatte, vorangehen und bis zu einem gewissen Grade die Führung übernehnien mußte. . Die Bestrebungen cher „Agudas-Jsroel" fanden durch den Krieg ein vorläufiges! Ende. Mit der Eroberung derwestrussischen Gebiete aber ward ein großer Teil des östlichen Judeytums in sö enge Verbindung mit dem deutschen Judentum gebraa/>,- däß für diese Bestrebungen neue Möglichkeiten und Müssichten sich eröjfneten. Ebenso. wie es klar wurde, daß für die gesamte Beziehung von Ost- und Westjudentum durch die Lostrennung der westrussischen Provinzen von Rußland eine neue'Epoche beginnen müsse,, so ward es nicht minder klar, daß auch für das- Verhältnis der deutschen und polnischen Orthodoxie eine neue Zeit anbreche. Weite Kreise : der deutschen Orthodoxie haben dies zur rechten Zeit begriffen und gingen bald daran, an der Erfüllung der großen Aufgaben, durch welche die Orthodoxie in Polen vor neue Verhältnisse gestellt würde, mitzuwirken. Ihren sichtbaren Ausdruck fanden diese Versuche in der Entsendung zweier bekannter Vertreter der deutschen -Orthodoxie, der Herren Rabbiner Dr. Cohn-Ansbach undSeminardirektyr.Dr. C arleb ach-Köln, nach, Warschau. ZHre unmittelbare Aufgabe sollte in der Mitarbeit-an einer- Reorganisation der Chedarirns-bestehen, darüber'hinaus aber sollten und wollten sie ihren Einfluß im Sinne einer Organisierung. und Modernisierung der Orthodoxie in Polen geltend machen. Die 'Aufgabe war außerordentlich wichtig und bedeutsam, aber auch sehr schwierig Eine große Gefahr galt es vor allem zu vermeiden: die Anschauungen und Prinzipien der deutschen Orthodoxie wahllos auf die polnische zu übertragen und zu versuchen, dort parallele Zustände zu den innerhalb des deutschen Judentums herrschenden zu schaffen. Wie für alle jüdisch-deutsche Betätigung in der Ostjudenfrage, so mußte auch für die Arbeit der deutschen Orthodoxie, und ganz besonders fü'r sie, Grundvoraussetzung ihres Wirkens die Erkenntnis Von der Sonderart des -Ostjudentums sein und der Respekt vor dieser Sonderart. Mchts mußte von vornhinein gefährlicher und unheilvoller erscheinen als die Beeinflussung der Orthodoxie eines Landess in dem die Judenheit in großen Massen lebt und ein vollständig entwickeltes nationales Eigenleben führt, im Sinne der Anschauungen der deutschen Orthodoxie, die doch nur Bestandteil eines assimilierten-, entnationalisierten und könfessionalisierten Judentums bildet. Bon vornherein mußte alle Arbeit innerhalb der. Orthodoxie Polens sich auf den Standpunkt der Synthese von nationalem und religiösem J.u d e n t u m stellen, auf diesen Standpunkt, der allein das .ganze, wahre, echte Judentum repräsentiert. Jedes Abweichen von diesem Standpunkt und jede Verpflanzung westeuropäischer konsessionsjüdischer Gedankengänge nach Polen mußte und muß als ein Unheil und eine Gefahr betrachtet werden. - 7 Ueberblickt man die Tätigkeit der beiden Herren, die als Repräsentanten der deutschen Orthodoxie — allerdings nicht ihrer Gesamtheit — nach Polen gingen, so gewinnt man nicht s die Ueberzeugung, dqß sie diese Gefahr vermieden hätten. Sie haben zweifellos eifrig' und energisctt gearbeitet und haben gewiß auch manche Erfolge anfzuweisen. Sie haben eine Anzahl von Chedarim modernisiert, stehen jetzt vor der Gründung einer Mädchenschule, haben eine große „Vereinigung der Orthodoxen" gegründet und geben seit dem 1. Februar' auch eine neue orthodoxe Tageszeitung heraus. »Nun wissen wir zwar, daß alle diese Leistungen im einzelnen noch große Mängel haben und von vielen in Polen heftig kritisiert werden. Die Schulen — hören wir sagen — ' seien kaum irgendwie wirklich besser als die alten Chedarim; die „Agudas Hoorthodoxim" mit ihren nominiellen 17 000 Mitglieoern, wird von manchen.'Seiten behauptet, sei nür eine Scheingründung; - und was die neue Tageszeitung betrifft, so haben sich dabei Vorgänge abgespielt, die in manchem in der Tat sehr zur' Kritik heransfordern, auf die nür . aber jetzt nicht näher eingehen wollen. Wichtiger als all dies und für die Beurteilung allein entscheidend ist der ganze Geist, in demdie beiden Herren und die hinter ihnen stehenden orthodoxen Kreise in Deutschland wirken. Und dieser Geist scheint nur zn stark Don deutsche-jüdischen Gedankengängen beeinflußt, scheint uns von zu wenig Verständnis für die Eigenart des polnischen Judentums getragen zn sein. Meint . uns die Tendenz einer Konsessionalisierung auch des polnischen Judentums zu verfolgen. Denn vüe wäre es. andernfalls zn erklären, daß in dem heftigen und. bedeutungsvollen Kampfe,: den. : das - polniscye Judentum gegenwärtig um die Anerkennung seiner Sonderart und seiner nationalen Minoritätsansprüche kämpfen muß, von Seiten der Teile der polnischen Orthodoxie, auf die die Herren Dr. Cohn und Dr. Cartebach .Einfluß besitzen,, noch, keinerlei Aeußerung zu verzeichnen ist? Wie wäre es zu., erklären, daß die „Agudas Hoorthodoxim", die doch nach der Behauptung ihrer Gründer die stärkste jüdische Organisation in Warschau darstelle, keinerlei Aktion zur Sicherstellung der jüdi- - scheu Rechte in Paten eingeleitet hat? Wie wäre . es weiterhin zn erklären, daß auch die neue orthodoxe Zeitung „Das jüdische Wort" bisher noch in keiner Weise die berechtigten Minoritätsanfprüche des polnischen Judentums vertreten-hat? All dies sind. Fragen, zu denen die allen offenkundigen Tatsachen zwingen; darüber hinaus aber erfährt mau noch vieles über die Tätigkeit der Herren im einzelner:, was zu noch heikleren Fragen uno Doch schärferer Kritik Anlaß igäbe. Wir wollet: es uns heute versagen, auf all dies näher einzugehen, iveil wir sehr wohl wissen, wie außerordentlich schwierig jede innerjüdische Arbeit in Polen ist und wie doppelt schwierig die Situation gerade für den ist, der innerhalb ipr Orthodoxie in Polen wirken will. Aber über diese wichtige Frage, muß doch Klarheit geschaffen werden: ob die Herren Rabbiner Dr. Cohn und Dr. Carlebach und die hinter ihnen stehenden orthodoxen Kreise in Deutschland gewillt sind, sich in ihrer Arbeit den besonderen Verhältnissen des polnischen Judentums anzupassen oder gewillt sind, die Prinzipien der deutsche:: Orthodoxie auch nach dorthin zu verpflanzen. Dies wird sich sehr bald entscheiden inüssen. Das polnische' Judentum steht gegenwärtig im Kampf um seine nationalen Rechte, deren Sicherstellung allein ihlft die Wahrung seiner Eigenart und da auch vor allem seines religiös-traditionellen. Eigenlebens ermöglichen wird; und es wird wissen müssen, ob es die deutsche Orthodoxie und ihre beiden Vertreter in Polen in diesem schweren und heiligen Kanipfe zu seinen Verbündeten zählen kann oder nicht. Wir wollen im Interesse der deutschen Orthodoxie hoffen, daß die Frage bejaheltd -entschieden werde und sie Erkennen wird, daß es ihre Pflicht ist, im Kampf des polnischen Juden- ' tums um die Anerkennung seiner Sonderart unv seiner Minvritätsrechte ihm mit allen Mitteln zur Seite zu stehen, und jede Nichterfüllung dieser Pflicht oder gar eine Betätigung im entgegengesetzten Sinne ein nicht ivieder zu sühnendes historisches Vergehen an der Zukunft des polnischen Judentums vedeuten wird. Die Sprache der jüdische» Kultur. Bon Prof.'Dr. Heinrich Loewe. Es ist keine Frage, daß das Hebräische, aus süner Heimat vertrieben, nicht mehr als Volks- und Verkehrssprache in einem freien und ftischen Volksleben erklang, sondern sich von Markt und Gasse-in die Synagoge und das Lehrhaus flüchtete. Hinter den schwergefügten Mauern, die das beterwe und lernende Israel einschlossen, fand das vom väterlichen Boden vertriebene und flüchtende Hebräisch eine ruhige Stätte. In den Räumen der Synagoge erklang das hebräische Gebet, erschollen hebräische Lieder und Hymnen, wurde in der alten Weise und in der alten Sprache die Lehre des Mannes vorgelesen, der als der Schöpfer, des Volkes, als der Befreier und Gesetzgeber zugleich, angesehen wurde. .Selbst der alte Ton,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.