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Neue jüdische Presse · 1917-01-26 · Heft 4 (26.1.1917) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4. Frankfuirter Israelitisches Familrenblatt. Seite 5 Alsdann sprach Herr G o i l e i n der Delegiertentag nicht vermocht entsprechend genügt, und bedauert, daß. hat, die 5llnft zwischen den praktischen und den poli tischen Zionisten ganz zn Überdrücken. Auch er schließt ''ich, der Meinung des Herrn Feygin bezüglich der Leistungsfähigkeit der Leitung an. Dr. Hantle, sagt er, sei wohl eine große Arbeitstraft, doch seine Sekretäre Blnmenfeld und Berger seien für die große Sache ungeeignet. Zuletzt ergriff der Delegierte, Herr Jakob W o l f das Wort.^ Als Erwiderung zn der kritischen Bemerkung des Herrn Schloß sagt er, das; man in den schulen Palästinas das Religiöse vorn Rationalen nicht trennen kann, und er meint auch, daß die Auswanderung vieler Zöglinge der zionistischen Schulen nur auf Mangel an Religiösität zurückzuführen wäre. Herr Delegierter Unterzahlmeister O p p c n h e i rn e r sagt, 'daß er auf Grund seiner Beobachtungen auf seiner Reise durch Palästina, findet, daß Herr Wolf zu schwarz sieht und daß es um die Reigiösitüt der Lehrer nicht so schlimm bestellt ist, wie Herr Wolf glaubt. Frau Dr. B a ch r a ch und Frau Dr. Blum schließen sich der Meinung Oppenheimers an. A. O. Die Flucht ver van Spundows. Bon Arnold Zweig. Das war so wunderbar nicht, wie es zuerst erscheinen mag. Gab es doch in Holland schon längere Zeit jüdische Staatsbeamte, und in dem Jahre, in dem der junge Spandow die Waffe ergriff, 1805, ließ Napoleon die Holländer mit gegen Oesterreich marschieren. Hieß man obendrein Wolf van Spandow, hatte man das Geld, sich selbst prächtig auszurüsten und saß man überdies fest und schön zu Pferde, einem edlen Pferde wohlverstanden, so gab es schlechterdings keinen erfindlichen Grund, eines Zufalles wegen einen begeisterten Freiwilligen abzuweisen, der, um alles zu vollenden, Arzt war und wie ein Spanier aussah und sich hielt. Und wenn man es verdiente, wurde man Offizier, unbehindert durch veraltete Vorurteile. So war es wohl geschehen. Und jetzt erzählte der alte Herr und beschrieb zierliche und heitere Bewegungen mit der rechten Hand, während die linke das Kinn versteckte: „Ligny sei die lustigste Affäre im vergangenen Jahr gewesen, schreibt er, und höllisch ernst für die Herren Verbündeten. Ter Lorporal Blücher steckte unter seinem Gaul, förmlich darunter, wißt ihr, fluchte stark und mußte zusehen, wie seine Leute liefen. Nicht einmal Er hatte voraussehen können, daß die Preußen am übernächsten Tag trotzdem ankommen würden; er kannte die Knochen unserer einheimischen Landbevölkerung nicht. Wolf hat dieses Letzte übrigens nicht mehr mitgemacht, was mich, offen gestanden, angenehm berührt." „Und warum nicht?" fragte Ruth eifrig. „Spandow rede nicht herzlos," sagte seine Frau. „Malwine, ist es herzlos? Ich denke nein; überdies ist es doch vorüber. Ja, liebe Ruth, er lag nämlich nach dem dritten Anritt auf die Karrees — dem unter Ney, die ersten beiden hatte Milhaud — zwischen zwei toten Pferden auf dem Rücken, ein bißchen gedrückt, mit einer Kugel in der Schulter und einer im Schenkel. In der Nacht kam er zu sich, verband sich das Bein mit der Schärpe, kroch ziemlich mühsam hervor und gelangte am Ende in einen Bauernhof. Ihr könnt euch denken, daß es langsam ging." Die schöne Ruth überlief eiu fröstelnder Schauder, und sie atmete tief ein. „Der Brief kam erst Mittwoch an, es ist alles lange zurück, müßt ihr wissen. Nun, als er gesund war, war Er' bereits in Sankt Helena, Ney hatte man füsiliert ... so findet Wolf, daß ihn die Sache nichts mehr angeht. Alle Offiziere denken wie er. Murat ist übrigens wirklich tot, schade, nicht?" „Und Wolf?" fragte Ostertag und entleerte die Asche aus seiner Pfeife. „Er kommt nach Haufe!" -rief die Mutter jauchzend vom Fenster her. „Wahrhaftig?" fragte Ruth. „Ja, Ruthchen, es ist wahrscheinlich." „Sage nicht wahrscheinlich, Alter, sage gewiß." „Ich sage dennoch wahrscheinlich, Malwine. Was heißl gewiß? Er wollte zuerst nach Helena, aber das Gefolge ist schon zu groß für die Herren Briten, dann dachte er an Amerika, aber dort ist nur Freiheit, und Freiheit ohne Ihn? Und ich schwöre euch -" mw'Wtzlich wurde der alte und kluge Herr heftig, rot urL schlug mit der Faust auf den Tisch — „ich schwöre eM bei meiner Seligkeit, daß wir Ihn wieder hier haben, ch^ß^Mf Jahre um sind! Was ist denn dieser Mister HW?'' Eines Tages tvird ein Schiff in Helena landen, M^tÄroegen mit amerikanischer Flagge, man wird diese ß^^^>er ausrotten, .ersäufen, was weiß ich, und Er HWtzEuropa wieder bej der Hand nehmen, so wahr ich hier sitze!" „Hoffen wir und warten wir ab," begütigte Ostertag mit einem Blicke auf Ruth, welche eifrig genickt hatte. „Ich glaube es, Onkel Spandow," sagte sie überzeugt. „Mcht wahr, kleine Ruth, wir verstehen uns," damit nahm der alte Herr, der sich wieder ein wenig beruhigt hatte, ihre Hand in die seinen. „Aber warum ist er damals nicht auf den Amerikaner echappiert, sondern wählte den Engländer?" „Bellerophon" hieß das Schiff, ein Dreimaster", antwortete Ostertag; „übrigens, ich weiß wirklich nicht . . ." Und sie erörterten diese Frage des längeren. Frau Malwine zählte an ihrem Strickstrumpf und Ruth sah verträumt auf Sein Bildnis, in grüner Uniform, ohne Orden und Stern, den .Hut über den stillen Brauen, eine Hand in der Weste und eine auf dem Rücken. IV. An einem schöllen Tage, einem blaßblauen Frühlingstage der Mark, sprang Wolf van Spandow aus der Kalesche und fing seine alte Mutter in den Armen auf. Er war braun und hager wie ein Heide, denn er hatte den ganzen -spanischen Feldzug mitgemacht; und somit galt es den Oranienburgcrn als bewiesen, daß er bis jetzt in den Kolonien geweilt hatte, als Kaufmann versteht sich, weil er augenscheinlich noch lebte. Nachdem die ganze Stadt bei Spandows gewesen war, um zur Heimkehr Glück zu wünschen — denn es war ein Glück, daheim zu' fein — den Sohn zu betrachten und nebenbei ein Zipfelchen von den sinnbetörenden Kostbarkeiten und Juwelen zu Gesichte zu bekommen, die er sicherlich mit heimgebracht haben mußte — hatte man die Pferde gesehen, die vor der Kalesche gegangen waren? Herrliche Rappen, so wahr .Gott im Himmel lebt, und ihre 1000 Taler preußisch jeder wert, ohne das Geschirr — machte sich am Sonntag das alte, glückliche Ehepaar bereit, bei Ostertags vorzusprechen, und Wolf kam mit, einigermaßen verwundert. „Ostertag? Gewiß, ich erinnere mich: dein Freund. Hatte er nicht einen schwarzen Bart? Er fuhr mit zwei Füchsen aus, wie?" „Sein Bart ist nun wohl grau," lächelte Frau Malwine, „und jetzt fährt er mit Braunen." Es gab einen Mohnkuchen heute, der vor Butter Flecke auf dem gezuckerten Papier hinterließ, worauf er lag, und einen sehr guten Kaffee in zarten Täßchen durchscheinenden und zerbrechlichen Porzellans, Freude und Erregung war zu bemerken, der alte Ostertag wurde nicht müde zu fragen, und nur Ruth saß mit niedergeschlagenen Augen dabei und ließ die Hände zusammengelegt im Schoße ruhen. Sie antwortete kurz und scheu auf die Fragen des alten Paares, woran Herr van Spandow senior seine besondere Freude zu haben schien; wenigstens sah er immer wieder feine Gattin an, welche dazu lächelte. Erst als man aufbrach, in das bequeme Rauchkabinett hinüberzuziehen, richtete der Kapitän seine ersten Worte an Ruth, unbefangene, allzu unbefangene Worte, die mit leiserer Stimme gesprochen wurden als erklärlich: „Uebrigens" — so fing er an — „übrigens weiß ich nun, daß die Demoiselle und ich alte Bekannte sind. Ich hob Sic immer hoch in die Höhe und Sie zappelten, weinten und zogen mich derb an den Haaren." „Ja," sagte sie und hob oie langen Wimpern wie dunkle Flügel von den Augen, „Sie waren immer wild mit mir, und ich mochte Sie gar nicht leiden," und sie wurde rot. Uni niemanden zn langweilen - nach zwei Monaten warb er um sie bei Alexander Ostcrtag und erhielt ihre Hand zugesprochen. Er war in seiner Galauniform gekommen, in rotem Rock mit goldenen Epaulettes und blauen Aufschlägen, engen, weißen Hosen und hohen Stiefeln von glänzendem Leder, und als sie, hereingerufen, ihn so stolz sah, aufrecht prangend und tapfer, stieg ihr das Blut ganz langsam bis zum Scheitel empor und ebbte völlig wieder ab, so daß sie bleich, zitternd und in grünem Hauskleide hörte, wie er einige Werte sprach, sah, wie der Vater die Augen voller Tränen harte, plötzlich in zwei ausgestreckte Arme hineinsank, in ein starkes Weinen ausbrach und seinen Kuß sehnsüchtig-glücklich ertrug. Kurz vor Ostern war er gekommen, und am Wochenfeste, zu Pfingsten, wurde das Bündnis öffentlich, worauf der Zug der Glückwünfchenden zu Ostertags strömte und die weiße Haustür nicht aufhörte zu klingeln, mit bellendem, deutlich verärgertem Schnappen. Jawohl, die jungen Leute — Gott, wie glücklich sahen sie doch aus! — würden in diesem Hause wohnest, wo Herr Ostertag einige Zimmer des ersten Stockwerkes für fein Geschäft haben - sollte, und Herr van Spandow junior würde sich als Doktor und Chirurg im Orte ansässig machen, worüber diejenigen in Entzücken gerieten, die von jeher darauf geschworen hatten, der junge Herr sei ein lustiger Tunichtgut gewesen — früher, versteht sich — und Arzt in Borneo oder Bajavia geworden. Nun, gottlob war e; ja nicht am gelben Fieber gestorben; worauf der Bräutigam, diesmal in modisch geschnittenem grauen Ror! versicherte, er sei immer nahe daran gewesen. Das Glück war vollkommen und -die Hochzeit fand bald statt. Wenn A. van Spandow beabsichtigt hatte, in Oranienburg den Nachweis zu führen, daß er wohlhabend sei. ein eigentlich überflüssiges Beginnen, so gelang ihm das unübertrefflich gut. Denn obwohl das Haus ver Ostertags, dieses reinliche Gebäude aus der Zeit desalten Fritz, auf der anderen Seite des wahrhaft nickü übergroßen Marktplatzes lag, und man in die Fenster sah, holte der junge Mann, nachdem am Vorabend alle Gebräuche erfüllt waren, das Abschneiden dieses herrlichen Haares ausgenommen, seine B aut in einer blauen glänzenden Kutsche ab — vierspännig, mit zwei Rappen und zwei Schimmeln, Tieren von alter und vornehmer Rasse, zitternd und wohlgepslegt, deren Beschirrung von gediegenen Silberbeschlägen klang und die Büsche ans den stolzen Häuptern trugen. Ruth, blaß, weinend und in weißer Seide, stieg ein, begleitet von dem guten Hannchen Saltz, welche sich ebenfalls in Tränen erging, und lächelte doch durch Schleier und Tränen dein bleichen Manne zu . . . Und alles andere war dieser Pracht entsprechend: die feierlichen Vorgänge bei der Vereinigung vor Gott, wo noch viele Tränen vergaßen werden mußten, wie das Mahl, das lange, üppige und heitere Mahl, zu dem man sich nachher niedersetzte. V. Fünf glückliche Jahre, es vergingen fast fünf glückliche Ehejahre ohne irgendeine Trübung. Frau Ruth, in breiten Gewändern jetzt, fast immer von ruhigem Grün, ging auf dem Markte umher, das Haar unter einer zierlichen Haube aufgesteckt, und kaufte ein, Fleisch, Kartoffeln und Oost, viel mehr als früher, denn es gab Münder im Hause, stets offene, leicht zum Schreien geneigte: Gott hatte es gesegnet . . Dr. van Spandow hatte es niemandem gestatten wollen, seine geliebte Frau helfend zu berühren, aber feine Mutter und eine tätige Alte/ welche sich darauf verstand, hatte er am Ende zulasscn müssen; doch verhinderte die Unterwerfung der Gesichtsmuskeln unter die sachliche Maske des kaltblütigen Arztes und Offiziers vieler Schlachten keineswegs, daß man das Zittern sah, welches bei dem lauten ' Jammern der Geliebten an ihm rüttelte, und feine Zähne knirschen hörte. Mit Gottes Hilfe hatte sich die schöne Ruth nicht allzusehr quälen müssen; doch meistens verließ das Lächeln für Wolf ihren oft stöhnender: Mund — bis endlich diese Tochter da war, rot, runzelig, mit großem Kopf und aufgerifsenen schwarzen Augen. Im Nebenzimmer aber ging Alexander Ostertag zitternd auf und nieder, von der einen Tür bis zur anderen, und betete inbrünstig zu Gott, er möge ihm seine geliebte Ulrike nicht zum zweiten Male, nehmen. Und dann kam der Schwiegersohn hereingestürmt, erlöst von der fürchterlichen Gespanntheit seiner Nerven und strahlte und weinte, fiel ihm um den Hals und rief ein Mal über das andere: „Ein Mädchen. Alter, ein Mädchen!" Was an Süße hinter ihr lag, verlor den Schein vor dem Glück der jungen Mutter, und als sie voll Demut, Stolz und Glück zum ersten Male wieder in den Betsaal trat, um Gott zu danken, und dies frohe Ereignis wie üblich von der Kanzel herab verkündet wurde, da schien die Sonne hinein und sie fragte, wieso gerade sie eine solche Seligkeit empfing, und antwortete sich, als Wolf sie nachher erwartete: „damit er glücklich ist." Nach Ulrike, der Aeltesten, kam Arnold, der Fortsetzer des alten Namens, ein zartes Kind, das seinem Vater merkwürdig ähnelte. Fünf Jahre Glücks . . . Weder ihre Liebe nahm ab no-ch ihre Schönheit. Sie schien ein wenig üppiger geworden in den letzten Jahren, aber noch war sie schlank, aufrecht und vollkommen, wenn sic mit ihrem Manne ins Freie ging, ein Kino an der Hand und das and-ere vor sich her laufen lassend, oder daheim, des Nachts. Hatte sie noch Zeit, gute und schwärmerische Bücher zu lesen, Schiller, Corneille, Goethe? Gott behüte; und sie betrübte sich nicht darüber. Da waren ihre Kinder, da war ihr Mann, der Vater, das ganze weitläufige .Hauswesen, die Dienstboten, welche zu st lagen Anlaß gaben, oie Lieferanten, welche säumte;:, und die Nähterin, die geradevergeben war, wenn man sie notwendig brauchte — es gab zu tun, so viel zu tun, daß die Zeit gerade ausgesü.lt war, bis die Praxis am Abend den Gatten zu feiner Familie entließ. Fünf Jahre des Glücks . . . Nur d:e Thora konnre nicht verbannt werden, sie blieb Frau Ruths steter Freund, seitdem Wolf ihr die dunklen Sprüche erklärte und die Weite dieses Weltbuches ihr eröffnete: denn wenn

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