Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-26
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2693025-2693029--09771-2705024- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seit 6^ *t von feilt Riten und dem Gesetz such schrecklich viel vergessen hatte und vielleicht nicht sehr viel davon hielt, so war ihm das Buch doch um so teurer und -sehr vertraut . . . Außerdem mußte sie bald den Kindern beschichten erzählen, wenn sie müde vom Spielen kamen, und Josefs bunter Rock erschien neben dem Glaspantoffel Schneewittchens, Dornröschens Einsamkeit wich vor Jakobs Treue, und der böse Haman nebst dem Riesen Goliath waren sicherlich schlimmere Leute als die Königin und die Knusperhexe. Feste kamen und wurden gefeiert, wie es geschrieben stand, gelegentlich Freunde und Gäste geladen, und jeden Sonntag erschienen die alten Spandows freundlich, wenig gealtert und gut gekleidet wie stets. Segen ruhte auf diesem Hause - fünf Jahre des Glücks. VI. Aber Ruth Ostertag gehörte nicht zu denen, die über Geheimnis, Lüge und falschem Grund wohnen dürfen; und da der Mann nicht sprach, an dem es war, gab Gott Toten einen Mund und ließ mit einem selbstverständlichen Mittel das Notwendige geschehen. Am frühen Nachmittag des elften April 1821, am Tage vor Erew-Pessach, dem Vorabende des Passahfestes, wurde Dr. van Spandow mitten aus seiner heiteren Beschäftigung nach der weiteren Umgegend gerufen, wo sich ein Bauernjunge das Bein gebrochen hatte. Er war gerade dabei gewesen, mit .Hilfe seiner jungen Frau den Sauerteig, alle Brotkrumen und dergleichen Reste, die verbrannt werden mußten, aus Taschen und Ecken herauszusuchen, wie es das Fest gebietet, das allem Gesäuerten Feind ist, und machte daraus ein frommes Spiel, bei dem es viel zu küssen gab und noch mehr zu lachen. Fast alle Zimmer waren gereinigt, ausgenommen das ärztliche Kabinett, in dem der Doktor es von jeher selbst erledigte, um seine Kleinigkeiten und Notizen besorgt, die von Steinen und kleinen Schußwaffen beschwert und festgehalten wurden. Er warf einen Mantel um die Schultern: ,,Der Sedertifch wird döch ohne mich bereit sein?" Sie knickste übermütig: ,,Gewiß, Herr Kapitän." „Nun also. Ich bin zur Zeit zurück, morgen nachmittag; da sind die Schreibtischschlüssel, suche gut und mache keinen Unfug;" und er drohte ihr lächelnd mit erhobenem Finger. „Soyez sans peur, Monseigneur," versprach sie, während sie ihm die Ledertasche mit den Instrumenten hinhielt. „Nun Adieu, Madame." Er küßte sie auf die Stirn: „Adieu, monsieur le capitaine," und er ritt davon. Der Schreibtisch, ein gelbes Ungetüm, welches er sich von seinem Vater hatte schenken lassen, gab sich als eine wahre Burg mit geheimen Zugängen und unterirdischen Verließen. Ruth öffnete mit den verschiedenen Schlüsseln Schub um Schub, ein Fach nach dem anderen, nahm die Papiere heraus, die darin lagen, Banknoten, Notizen, Scheine und dergleichen, Rezepte und Beschreibungen interessanter Fälle von Heilung oder Tod, fegte es aus und legte alles wieder hinein. Sie erheiterte sich dabei, schtdenkte ihr Tüchlein und sprach mit dem abwesenden Liebsten zärtliche und drollige Worte; es machte ihr Freude, die verborgenen Federn zu finden, Stellen, an denen man drücken oder ziehen mußte, um eine Geheimlade zu entdecken. Es gab ihrer viele, und sie war schon müde, als sie innerhalb eines Faches, das sich üicht ganz herausziehen ließ, eine Erhöhung bemerkte: sie drückte, zog und es ließ sich weiter öffnen. Eine schwarzlederne Dokumententasche lag darin, alt und abgeschabt, enthaltend mehrere Dokumente von Wichtigkeit: einen amtlichen Geburtsschein, die Urkunde, welche ihn zum Leutnant machte, sein Doktordiplom aus Leydeu, eine Bescheinigung der Marienkirche in Köln, daß der sergeant-major Wolf de Spandow am 9. Juni 1806 zum katholischen Glauben . . . hier öffnete Frau Ruth den Mund, um zu schreien ... der Raum kreiste in einem Wirbel um sie, in einem Trichter, der in ihrem Herzen mündete — erblaßte aber fürchterlich und glitt, ihrer Sinne unmächtig, an dem gelben Schreibtisch herab zur Erde. Sie erwachte endlich aus tiefer Ohnmacht und fühlte sich wie ein bebender Stein. Sie erhob sich mit Anstrengung an der Kante des Möbels. Sic riß den schrecklichen Taufschein mitten durch mit Händen, die sie nicht leitete. Eine Erkenntnis, daß sie eilen müsse, begann sie zu jagen. Sie steckte einen Teil in die Tasche und rief, alles liegen lassend, wie es lag, mit fremder Stimme nach den Kindern. Ihren Kopf fühlte sie ganz leer, doch nur so, wie ein Raum leer ist, vor dessen Türen eine schwarze Menge drängt, einzudringen — man mußte fertig werden, ehe es ihr gelang. Sie nahm den Kleinen auf den Arm, gab Ulrike, nichts Trauriges ahnend, ohne Ende von der Großmama sprach, die Heilige Schrift in die Hände und ging, ohne sich umzusehen und ohne eine. Träne zu MLSMWM FaWiÜEStt vergießen, durch die zum Feiertage geschmückte Wohnung, durch alle Zimmer, die Treppe hinab, durch die Tür, die hinter ihr klingelnd schnappte, bloßen. Hauptes in den Regen hinaus zu ihren Schwiegereltern, da ihr Vater noch nicht daheim war; öffnete die Stubentür, setzte den Sohn auf die Füße, rief: „Wolf ist getauft!" und die schwarze Menge brach ein. Sie fiel wiederum bewußtlos zu Boden, den beweisenden Fetzen weit in das Zimmer gleiten lassend. (Fortsetzung folgt.) TaS Kiudergmmer. von H. S. Verwalter. Wer denkt nicht beim Lesen dieser Aufschrift an Lachen und Jauchzen, an ein Stübchen mit wundervoll bemalten Tapeten, lustigen Bilderlein und darin zwei, drei oder noch mehr von süßen Geschöpfchen, die unseren Stolz und unsere Hoffnung bedeuten. Ja, lieber Leser, nicht in ein solches Äinderziinmer möchte ich Dich heute führen, sondern wir wollen einen Blick werfen in den für Kinder bestimmten Saal einer jüdischen Krankenanstalt. Unser Empfinden sträubt sich, die mit dauernder Erkrankung belasteten Menschen mit irgend einem Glücksgefühl in Verbindung zu bringen. Und doech wir sollten gerade in der schweren Kriegszeit jetzt den Gedanken in uns aufnehmen, daß auch der leidende Stunden der Freude hat, ja, daß gerade er den Daseinswert mehr ideal anzuerkennen vermag; denn er sieht die Menschen von der besseren Seite. Er sieht den Kern von der rauhen Schale gelöst; die Menschen, die sich ihm nähern, sind beseelt von dem Wunsche, sein Leid -mittragen zu helfen, und dieses Mitleid wiederum ist es, das, so angewandt, reine Menschenliebe ausströmt. Es ist Sabbat nachmittags ...... Schon beginnt es zu dämmern. Draußen im Parke des Heims neigen sich die Aeste der Bäume, mit Schnee beschwert, herab. Die Natur geht ihren altgewohnten Gang. Bei den kranken, leidenden Kindern sitzen wir und träumen. Wir träumen von den Zeiten des Friedens, in denen den Menschen alles zu Gebote stand. Wie klein waren da die Sorgen des Tages,, wie winzig klein gegen heute! Und doch, fanden die Menschen keine Brücke zueinander, sie waren sich fremd geworden, und das Traurige dabei, sie entfremdeten sich ihrer. Religion Wie wenige wissen, was sie den Kindern nehmen, wenn sie ihnen die Säfte vorenthalten, die dem alten, feststehenden Baume der jüdischen Lehre entquellen. Das kindliche Gemüt umfaßt doch mit Inbrunst alle Ideale des Judentums, seine Feste sowohl als auch seine Leidenstage, und gerade die Leidenstage sind es, die 'den Kindern so recht vor Augen führen, welch Schutz und! Bollwerk ihnen ins Leben hinaus gegeben werden kann, wenn sie die herrliche Geschichte des Judentums in sich aufnehmen. Der Gedanke, daß alles Leid letzten Endes nur vorhanden ist, um die Menschen zu verinnerlichen, wird so ganz in ihnen ausgehen. Könnte man sonst glauben, daß ein körperlich und sprachlich fast gelähmtes Mädchen Tag für Tag und Jahr für Jahr dahinlebt, ohne daß, die Schwere feiner Erkrankung es vermag, seine Freude an altem, was es umgibt, zu trüben, ja, daß es gewissermaßen als Mittelpunkt für die ganze Umgebung betrachtet wird. Es zeigt sichuns in einer Anhänglichkeit, die weitab anders ist, als die draußen im Leben. Wenn es seine großen, schwarzen Augen aufschlägt und die ansieht, die ihm nahe stehen, so ist es ein Buch!, das sich offenbart. Das Mädchen, das kaum sprechen kann, versteht es, auf seine Art Unterhaltung zu führen, und mit einer kleinen Leidensgefährtin, die ihm zur Seite liegt, findet es den Weg zu seinem Schöpfer, denn wenn dieses Kind sein Gebet zu Gott richtet, dann folgen des Mädchens Gedanken Wort für Wort. Wie ein Erlebnis kommt es über uns, wenn diese Kleine ihr Nachtgebet spricht, das nach den hebräischen Lauten auf Deutsch mit den: Wunsche schließt: „Lieber Gott, laß mich gesund und meine Eltern, meine Schwester Oberin und alle guten Freunde. Omein!" Und hier kommen wir zu dem Kernpunkte. Was uns das Kinderzimmer zeigt, es ist die Kraft und *ne Stütze der Religion, der Glaube an das Gute und Edle. Die draußen im Leben Stehenden können ihren Kindern alles geben, was ihr Körper verlangt, was ihre Sinne erfreut und ihren Geist beschäftigt, aber sie sollten nicht umgehen, 'sie für das Leid zu rüsten und ihnen die reichsten Schätze des Judentums mit ins Leben hinaus zugeben. Mögen dann Stürme ihren Weg umstoßen, sie haben den Halt, dessen sie benötigen! — Wer ist arm, dotz er nichts gebe» kan«? Hat Gott mit Klugheit reichlich Dich verseh'n, Soll auch Dein Licht nicht unterm Scheffel stehn. Vielleicht hat Dich Dein Bruder jetzt erwählt, Und teilt Dir mit, was ihn bedrückt und quält, Kannst Du ihm helfen wohl nicht mit der Tat, So hilf ihm gern mit einem guten Rat. Hast Du ein Hans, so öffne Deine Tür, Deck Deinen Tisch und gib ein Nachtquartier, Du wohnst ja selbst in Gottes großem Haus,. Er bereitet seinen Himmel um Dich aus. Bei Manchem schon, der solchen Schlitz gewährt, Sind unbewußt ihm Engel eingekehrt. Rr 4: .' Und steht Dir Gold und Reichtum zu Gebot, v Hilf Deinem Drüder freundlich aus der Not: Du mußt nicht zögern, lang damit verzieh'n. Dir ist ja selber alles nur gelieh'n. Gott kann es nehmen, wie er es Dir gab, Du nimmst ja nichts hinunter mit ins Grab. Ist nichts Dein eigen, was Du könntest geben, Jst's mit Dir. selbst nur karg bestellt im Leben, Und bist Du traurig, daß Du nichts gewannst, Womit Du Helsen und erfreuen kannst: Du hast noch viel, darfst nicht so arm Dich wähnen, ' Du hast Dein Herz, den Händedruck — die Tränen. Moritz Baum, s. A. Literarische Roti;e«. Jüdisches Jahrbuch ^ür die Schweiz, 5677 Herausgegeben von der Kommission' zur Verbreitung jüdischer Volksbildung in der Schweiz. 220 Seiten. Luzern. . Das Jahrbuch mit seiner Fülle literarischer, wissenschaftlicher und belletristischer Arbeiten stellt dem jüdischen Leben in der Schweiz das beste Zeugnis aus. Einer Anregung der Gesamtheit der Feldrabbiner folgend hat der Verband der Deutschen Juden die Herausgabe einer Feldbibel für unsere Soldaten im Felde unternommen, unter denen der Wunsch nach einer solchen vielfach laut geworden war. Der Verband hofft, daß eine durch die äußere Form und Ausstattung für den Feldgebrauch handliche Bibel nicht nur das empfundene Bedürfnis nach Erbauung erfüllen, sondern auch vielen die Tiefe und Schönheit des" unvergänglichen Buches neu erschließen wird. Die Auswahl und sprachliche Gestaltung der aufzunehmenden Teile ist einer Kommission von Fachgelehrten aller Richtungen anvcrtraut worden. Der Verband übersendet den Feldrabbinern zahlreiche Exemplare. Um aber die für die Herausgabe der Bibel erforderlichen außerordentlich hohen Kosten zu decken, stellt der Verband die Feldbibel allgemein zum Preise von Mk. 1.— zur Verfügung. Aufträge sind an das Büro des Verbandes, Kerlin IV. 35, Steglitzerstr. 9, zu richten. Arnold Zweig's „Ritualmord in Ungarn", .Jüdische Tragödie in 5 Aufzügen, wurde von der Generalinten danz der Vereinigten Stadttheater in F r a n k f u r t a. M. für die Spielzeit 1917/18 zur Uraufführung angenommen. Das Drama, dessen Handlung im wesentlichen den historischen Begebenheiten des weltbekannten Prozesses von Tisza Eszlar folgt, erregte bereits im vorigen Jahre beim Erscheinen der Buchausgabe (Hyperion-Verlag, Berlin), besonderes Aufsehen und läßt eine starke, eigen artige Bühnenwirkung erwarten. Wie die Londoner „Jewish Chronicle" schreibt, wrrrde in London eine Gesellschaft zur Verbreitung der jüdischen. Literatur gegründet. Sie setzt sich zum Ziel, freie Lesehallen zu eröffnen. Die Gesellschaft wird ferner in die Spitäler, Heime und ähnliche Institutionen Bücher, Zeitungen, Broschüren und dergl. schicken. An der Spitze der Gesellschaft stehen, Vorsitzender: Mr. Herbert Kohn, Kassierer: M. Sebay-Montefiore und andere angesehene jüdische Männer. Oflfenfcfielier Druekluft-Ajftlag* Ittenbach a. ■. Telefon 123. (Anschluss mitFrankfmt) cwihrteste T«w)lsliralnlPl>no (100,000 qm jährlich *o«r mdbertroffsne Battfedernraloiguno mittel» Druckluft und Wasserdampf, mmmmmmm Wochen-KaUnder. Samstag, den 27. Januar (= 4. Schewat.) Sabbal Anfang in Frankfurt a. M., 4 Uhr 45 Min. Sabbat Ausgang in Frankfurt a. M^, 6 Uhr. Wochenabschnitt: Bau. — Die letzten der zehn Plagen. Auszug der Kinder Israel. Vorschriften für das Pefachfesi. Das Gebot der Tefillin zur Erinnerung an die Erlösung aus Egypten. Die Weihe der Erstgeborenen von Menschen und Vieh zur Erinnerung an ihre Schonung bei der Tötung der egyptischen Erstgeborenen. Wochengottesdienste in Frankfurt a. M. Morgens 7 Uhr in den meisten Synagogen. Hauptsynagoge, Königsteinerstr. llh Uhr, Unterlindau! 7 Uhr 10 Min. Abends: 4 Uhr 30 Min. in den meisten Synagogen (Hauptsynagoge 4 Uhr, Königsteinerstr. 7 Uhr). Vereins-Kalender. T a l m u d - T h o r a - D e r e i n. Freitag Aberrd: Vortrag des Herrn Dr. B. May. Verein M o n t e f i o r e. Freitag, 26. Januar, 811 Uhr: Geselliger Freitag Abend. Samstag, 27. Januar, 11 Uhr: ^chiur. Sonntag, 28. Januar: Kaisers-Geburtstagsfeier, M5 Uln nachmittags, Vereinslokal. Montag, 29. Januar: Literarischer Lesezirkel (Dr. Plotke. Dienstag, ‘30. Januar, 9 Uhr abends: Englischer Kursus. Donnerstag, 31. Januar, 9 Uhr abends: Französischer Kursus. Krankfnrler Familiennachrichte». Geboren. Ein Sohn Rechtsanwalt Dr. Brinknumr (Eisemann), Fichtestr. 8. . Barmizwohs. Manfred Mühlselder, Sohw'des Synagogendieners Joseph Mühlfelder, Ostendstr. 31, Stz«aao0£ am Börneplatz. — Siegfried Bodßncheimer, Satz,