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Neue jüdische Presse · 1917-01-19 · Heft 3 (19.1.1917) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 3 (19.1.1917)
Date
1917-01-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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€*k 2. gegenüber dem tieneral-Anzeiger Vornehmes Familien-Kaffee W; Nachmittags u. Abends Konzert. -M» 'Juden, obwohl auch sie gezwungen sind, um den .Anforderungen der jüdischen Arbeiter Rechnung zu' tragen, fakultativ die jüdische Sprache anzuerkennen. Die -Orthodoxie ist eigentlich - keine politische Richtung. - sondern eine religiöse. Die frommen Juden lesen jüdische Zeitungen, unterrichten ihre Kinder in der jüoischen Spräche, bringen ihnen he-. - bräisch Lei und stimmten zuletzt bei den Wählen (wo nur dieselben vorgekommen sind) für die jüdische Volksgruppe. Ueberhaupt braucht man nur einmal einen orthodoxen polnischen Juden anzusehen, um seine jüdische Nationalität nicht mehr anzuzweifeln. Selbst mit den Assimilairten ist es zum großen Teil nicht jo .schlimm bestellt, wie irgend; ein Uneingeweihter Lenken mag. Sie haben kürzlich eine Erklärung abgegeben, .worin sie sich für die jüdische Unterrichtssprache ausgesprochen haben. Es geschtch . allerdings fakultativ,, aber den National-, jüden fällt es "auch garnicht ein, irgendwen .zum jMschen Nationalismus zn zwingen.*) Ferner wird auch in den assimilatorischen Schulen mehr öder weniger die hebräische Sprache gelernt und jüdische Geschichte unterrichtet. Dies widerspricht zwar den Grundlagen der Assimilation, aber beweist unleugbar, daß die reale Wirklichkeit des nationalen Lebens die Assimilation überwindet, sogar bei denen, die . sie theoretisch predigen. ... * Kurzum,; es gibt allzu geiurgende objektive Merkmale, daß die' polnische Judenheit eine national-kulturelle Eige'nart besitzt, mit der man rechnen muß, wenn man die Gerechtigkeit achten wlll. Wenn die Erhaltmtg der natioiialen Minderheiten in Polen auch im Interesse der Zentralmächte liegt (und daß es so ist, ist, schon oftmals bewiesen worden), so steht.'schon nichts dagegen, um unsere Forderungen zu berücksichtigen.**) Keine besserer Beweise lassen sich auch für die nationalen Forderungen der Polen erbringen. Zcchlemnäßitz haben sich die PolenMicht weniger assimiliert (germanisiert und russifiziert) als die Juden und. sind' in 'den betreffenden Nationen dabei vollständig aufgegangen. Ausgesprochen national ist lediglich die polnische Intelligenz, der Adel und das Bürgertum, obwohl, der Ibd hier und da Neigungen zur Assimilation aufweist, und obwohl unter dem Bürgertum-viele Deutsche vorhanden sind, . die sich allerdings halbwegs'holonisierten, die aber . unter Umständen zum Deutschtum zurückkehren können. Ter polnische Bauer und überhaupt der schlichte polnische Durchschnittsmann ist Pole unbewußt, aber wenn.man ihn fragt, was er ist, wird er sich viel eher als Kacholik bezeichnen als Nationalpole. Ich »will aus dieses Thema jetzt -nicht näher eingehen,' denn ich bezwecke hier nur zu beweisen, daß sich durch „Dellarationen" der polnische Nationalismus nicht mehr Nachweisen .läßt als der jüdische. Gleichwohl fällt es keinem gerechten Mann ein, die Berechtigung der polnisch-nationalen Ansprüche anzusechten ... , Auch die zweite Aufgabe der Polnischen Juden, die Unterstützung der zionistischen Bestrebungen zur Lösung der.ganzen Judenfrage wird von uns ' Ostjuden erfüllt werden. Von den Zionisten erübrigt es sich zu sprechen. Die „Jüdische Volksgruppe" ist keine antizionistische Richtung: sie umfaßt viele ausgesprochene Zionisten, aber auch die nichtzionistischen Personen werden nichts dagegen haben, für'das zionistische Hauptideal einzutreten. Sogar die polnischen Assimilanten sind keine Gegner des Zionismus. Sie behaupten nämlich, daß die ' Polonisierung leine Lösung des polnisch-jüdischen Problems für die gesamte Judenheit Polens ist, sondern betonen immer und immer deutlicher, *) Vergleiche die in Nh. 3 der „Neuen Jüb.. Monatshefte" veröffentlichte „Erklärung der polnisch-jüdischen Assrmilatorcn". **) Daß Interesse.dÄösters in diese» ZKaasLtMS FamEenttatt. daß ein beträchtlicher Teil Juden aus Polen auswandern muß; erst dann wird .sich der Rest pölonisieren können. Für jenen Teil der Juden trachten, die Assimilanten nach Emigrationsgebieten und schließen dabei Palästina garnicht aus. Einer von ihren Extremsten, Dr. Heinrich Nußbaum, hat sich sogar geäußert, daß die Juden, die national gestimmt ' sind/ eben. nach * Palästina auswandern müssen, wo sie berechtigt siud, ein jüdisch-nationales Leben zu führen. Auch im Namen.des politischen Patriotismus, sind die Assimilanten gestimmt, das zionistische Haupridcal zu verteidigen, denn viele Polen sürd geneigt, die Einsprüche der Juden auf Palästina zu unterstütze,l, um dadurch die Juden - aus Polxn loszuwerden. . Aus all diesem ist .ersichtlich, daß bei den polnischen Juden itr den beiden Aufgaben des Nationaljudentüms tatsächlich Einigkeit, herrsch). Viel schwerer ist es aber, diese natürliche E i nheit in Vereinigung umzuwandeln, d. h.diese' Heiden Ideale in einer geschlossenen' Vertretung laut vor der ganzen Welt zum Ausdruck zu bringen. Es ist dies aber eine Zumutung, die man einer Gemeinschaft garnicht stellen darf, die infolge langjähriger Unterdrückung zur politischen Reife im westeuropäischen Sinne dieses Wortes nicht kommen konnte. Vor allem gibt es bei uns keine wahren politischen Parteien: bisher waren .sie bei uns streng verboten, aber auch jetzt in der Kriegszeit sind sie noch nicht amtlich erlaubt. Es sind deshalb nur „soziale Richtungen" vorhanden, über deren Stärke kein objektives Kriterium besteht. Deshalb steht jenen drei Leuten nichts dagegen, eine „eur; „Richtung" zu bilden. So verhält es sich mit den Assimilantzen. Wo es nur irgendwelche einigermaßen demokratische und freie Wahlen gibt, erleiden die Assimilanten eine schwere Niederlage. In der jüdischen. Gemeinde herrschen sie nur deshalb, weil dort ein für die Massen unerschwinglicher VermögenHensus besteht und s weil die russische Bureäukratie Ze durch manche Kniffe unterstützt hat. Die Orthodoxie ist, wie gesagt, keine politische Gruppe. Ueberdies bezeichnet. man bei uns ^häufig als Orthodoxe ungebildete Leute,'die überhaupt unfähig sind, in politischen Angelegenheiten ihre Ansicht auszusprechen. Diesen Umstand benutzen oftmals verschiedene Leute, um sich vollauf ohne Berechtigung als „Vertreter" der Orthodoxie aufzuspielen. Zuletzt kommt die Taktik in Frage. Alle Richtungen, die vielleicht dasselbe wollen, bringen es in einer anderen Form zum Ausdruck. Man sollte meinen, was wäre einfacher, als eine geschlossene Einheit zu erklären: Wir halten es für nötig, den Juden die politischen Möglichkeiten zu zeigen, sich' als Nationalität zu organisieren und ihre national-kulturelle Eigenart zu bewahren, gleichviel, ob die Juden es ausnutzen werden oder nicht. Um zu einer solchen Anschauung zu . gelangen, ist aber politische Reife nottvendig, die wir leider nicht besitzen. An der Tatsache ändert dies aber wenig. Diesen. Gedanken 'sprechen alle Richtungen aus. Wenn auch gesondert und in anderen Worten. Außerdem sind in Bezug. auf die Taktik andere Schattierungen vorhanden. Die Bundisten z. B. wollen die Nationalität nicht mit ihrem eigentlichen Namen nennen, sondern stellen sie als bloße Sprachfrage hin. Ein Teil der Zionisten ist gegen Jiddisch und will nur die hebräische Sprache in der Schule berücksichtigt sehen. Dies ist für uns eine innere Frage und für die Tätigkeit nach auswärts kein Hindernis, denn ich sehe , nicht ein, warum man nicht erlauben könnte, diesen Wunsch zu verwirklichen, sobald ein Teil der Eltern ihn äußern sollte, (umsomehr, als diesen Wunsch nur eine verschwindend Keine Anzahl hegt, die uns nicht stören kann). Schließlich gibt es einen Teil der zionistischen Führer, die die jetzige Uebergangszeit, wo noch 'nichts bekannt ist, und wo man heute noch nicht weiß, was der Morgen bringen rann, nicht für geeignet halten, um aktive Politik zu betreiben. . Ich resümiere: Ich gebe bei weitem die Hoffnung nicht auf, eine geschlossene formelle Vereinigung der polnischen Judenheit herbeiführen zu können. Was ich bezwecke, ist zu beweisen, daß dies bei unseren Verhällnisscn nicht so leicht ist, und' daß es für das Ziel auch nicht unbedingt nötig ist. Obgleich es in.' verschiedenen Ausdrücken geschah, haben »sich alle Richtungen bei uns zu Gunsten der Berücksichtigrurg der national-kul- Nr. ä. türellen, Eigenart der polnischen Juden ausgesprochen: Denselben Willen bekräftigt der - objektive Zustand der'Tinge. " Jetztist die Reihe, an den ' deutschen Juden. Als politisch geschulte Männer und als ' Leute, die in ihrem W i l l e n s a u s d r,l ck n i ch t g e h e mm t s i n-d > mögen sie den Leitern der Zentralmächte klarlegen, daß sowohl die Gerechtigkeit wie ihr eigenes Interesse erheischt, die Judenfrage in Polen in dem oben erwähnten Geiste ,zu lösen; das günstige Ergebnis, wird hoffentlich nicht ausbleiben. Erst wenn man sieht, daß dies prinzipiell durchführbar ist, wird sich auch bei uns aus dieser Grundlage; eine Verständigung bilden .können. Dasselbe läßt sich bei den Polen beobachten: die'Idee der Selbständigkeit-Polens unter dem Schutze der Zentralmächte hat vorerst eine einflußarmc Gruppe ge-' predigt. Als aber das Gros der Polen sah, daß sich die Theorie in die Praxis umwandelt, haben, sich nach und nach Anhänger gefunden. Desgleichen - Muß in der Jüdenfrage verfahren werden. Wer' umgekehrt denkt, zeigt wenig Verständnis für Realpolitik- und Massenpsychologie: Dasselbe, wasdie österreichischen und deutschen Polen für die Polen Kongreßpolens getan haben, müssen auch die deutschen und österreichischen Juden , für uns Ostjuden : Eine Tätigkeit zu Gunsten der Lösung?. der Judenfrage in ihrem Ganzen haben die amerikanischen Juden — ohne Unterschied der Richtung — angebahnt, und die Luden aller Länder werden hoffentlich nicht zögern, sich diesen zur rechten Zeit anzuschließen. Daß wir Ostjuden - bei dieser Arbeit nicht fehlen werden, ist selbstverständlich. Referat über Nattoualfönds und Laudspeude. Hugo; Schachtel. Verehrte (ScnnnungSgcrtof/cit! Was ich Ihnen heute hier zu sagen habe, fällt ja ausdem Rahmen dieses. — 'man kann wohl sagen — in jeder Beziehung „außer- , ordentlichen" Delegiertentages heraus, dessen Verhandlungen so ganz anders geartet sind wie die aller unserer früheren Tagungen. Mer so, notwendig es auch war, dag wir uns einmal ernstlicher und eingehender als sonst init den Fragen der ^Vorbereitung unserer Menschen für ihre Zukunft in unserein Lande befassen, so dürfen wir darüber doch nicht ganz die Vorbereitungen des Landes für seine.. zukünftigen Menscheil vergessen. . Ich .bin überzeugt, daß dies auch, nicht in Ihrer Absicht liegt, be,o»ders nicht im jetzigen Moment, der dock wohl „ich, mehr gar so fern dem Ende des surchtbaren Krieges ist, welcher Zeitpunkt uns vor neue große >lujgaben in Erez Israel.stellen wird. Das Instrument, das wie uns für solche Aufgaben geschaffen haben, ist, wie. Sie ja wisse», der Jüdische Nationalfonds. Für hn erbitte ich für eine kurze Zeit ihr Gehör. — In der „Herzl-Nummer" der Welt vom Jahre 1910, die ans Anlaß des 50. Geburtstages unseres - großen. Führers erschien, veröffentlichte unser verehrter Freund Justizrat Tr. Bodenhcimer einen . schwungvollen Aufruf für eine neue Unterabteilung des Nationalfonds: die Lnnt.spcnde: „Jeder Einzelne widme ein Stück.unseres Landes dem lüoischen Volke, ein Stück so groß, wie aas Tagewerk eines Bauern, um einen Garten darauf zu pflanzen uitc. ein Haus zu baue», — ein Stück Land, Las für ewige Zeiten den Namen des Spenders tragen wird, — ein Stück, an das sich andere reihen, werden, in unermeßlicher Zahl, so Haß allmählich Ucker iür Acker, Feld für Feld bis an die Grenzen des Landettnd bis ans Meer das heilige Land, das Land. ' unserer Väter, wieder ein Land des jüdischen Volkes sein wird." Einen Dugam' Land dem Nationalfond. und damit den, jüdischen Volke durch Zahlung von 50 Franks oder 40 .Mark zu stiften, das sollte die neue Spendejedem Inden zur heiligen. Pflicht machen. Auf diesem ' Boden sollten jüdische Landarbeiter als Mbpächter des Nationalfonds angesiedelt werden. So hatte das Di-, rektcrium deS Nationalfonds in seiner Sitzung im April 1910 beschlossen und damit einen vom Hamburger Kongreß zum Ansdruck gebrachten Wunsch erfüllt. So sehr indeß auch der GedanL einer solche» Spende für den ureigensten Zweck des Nationalfonds, den Erwerb von Land in Erez Israel zum ewigen Besitz des jüdischen Volkes und. zum Zwecke der Bebauung durch. jüdische Hände, der Kolonisierung jüdischer Landarbeiter dem allgemeinen Wunsche in allen zionistische» und chowewc-zionistischen Kreisen entsprach und gegen sie doch nichts einzulvenden war, die Landspende fand wenig Anklang. Sie brachte im Jahre 1910:4982 Mark, 1911: 26 559 Mark, 1912: 38395 Mark, 1913, dem Rekordjahr des Nationälfond: einen Rückgang- bis -ans 27 673 Mark, während alle anderen Spendenzweige und .-arten zugcnommen hatten. 1914 brachte sic nur noch 18900 Mark. Nick diese Beträge kamen zum weitaus größten Teil aus Nordarmerika und Kanada, woher auch die Anregung zur Lanüspcnde gekommen war. Die europäischen . Zionisten beteiligten sich wenig daran, a llen-: falls noch Deutschland, Oesterreich dagegen weniger.« Woran es lag, daß dieser neuen Einrichtung des. Nationalfonds so wenig Sympathie -entgcgengebracht wurde, wird sichschwer genau . feststellen lassen. . Vielleicht der Judewfrage auch-'im " " liegt. Habe -ich. schon

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