Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1917-01-19 · Heft 3 (19.1.1917) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 3 (19.1.1917)
Date
1917-01-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2692297-2693025-2693028--09757-2705009
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Kirririjahr: In Franksurt a. M. Mk. 1.— srn inS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— , Einzel»Nummern kosten 10 Psg. Redaktion und GXpedit.ion: Frankfurt a M. :: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. - ^erausgever:Salz cheis. ' Insrrtionsprris für die fünfgespaltene Peiitzeile 25 Pfg.. für die Reklame,zeUe Mk. I.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Slellen-Angcbote und -Gesuche. WohnungSinserate, Heirais-Annoncen 15 Pfg. die sech-gespaltene Peiitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und TaMm-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exved. und iua.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. Dt. unter Nr. 4884. 15. Zahrgaug. Freitag, den 25. Tewes 5677 (19. Januar 1917j Nr. K Zur jüdischen Lage in Polen. Die Konsolidierung der Verhältnisse im neuen polnischen Staatswesen nimmt ihren Fortgang. Mit der nunmehr erfolgten Einberufung des Staatsrats ist die erste Körperschaft der künftigen polnischen Negierung ins Leben gerufen, deren Aufgabe es sein soll, die Vorbereitungen zur weiteren Ausgestaltung Polens zu treffen und in die Wege zu leiten. Man wird mit Spannung den Arbeiten und Erfolgen des Staatsrats entgegensehen dürfen, vor allem auch seinen Bemühungen um die Schaffung einer polnischen Armee, die an der Seite der Zentralmächte den: Kämpf gegen Rußland aktiv aufnehmen soll.' Nach den bisherigen Erfahrungen hat man das Recht zu einiger Skepsis in der ganzen Polenfrage, und das Wirken des neuen Staatsrats wird so etwas wie eineir,Maßstab zur Beurteilung und Bewertung der gegenwärtig den Polen gegenüber betriebenen Politik abgeben können. Vom jüdischen Standpunkt hat man keinen Grund zu einer übermäßigen Befriedigung ' über diese Politik. > In ihrem Bestreben, mach Möglichkeit den Wünschen öer Bolen'nachzugeben, vernachlässigt sie darob "die berechtigten -Ansprüche und.Interessen der änderen Bevölkcrungsgruppen, die sich daher mit einem gewissen Rechte den Polen preisgegeben fühlen. Und .so konnte es kommen, daß unter deutscher Herrschaft in Warschau sich solche unerhörte Vorfälle ereignen konnten-wie die Errichtung eines' jüdischen Handelsghettos in den städtischen Markthallen durch den Magistrat der Stadt Warschau, wie die Bestätigung der gus' russischer Zeit stammenden Bestimmung, die Juden in ihrer traditionellen Kleidung den Zutritt zum städtischen Lazienkipark verbietet; beides Maßnahmen, die an die dunklen Zeiten des Mittelalters erinnern, die sich in nichts von den - bekannten .Methoden der russischen Judenpolitik unterscheiden. Man wird zugeben, daß in der Mchtverhinderung dieser.Maßnahmen durch. die deutsche: Verwaltung die Nachgiebigkeit gegenüber den Polen bis zu einem Grade getrieben ist, der' ebensowenig vom politischen wie von: .moralischen /Standpunkt gebilligt werden kann. Und dieselbe Erscheinung läßt sich auch in den.wichtigen politischen Ereignissen, die sich in letzter Zeit in Warschau abgespielt haben, wahrnehmen. Das . wichtigste dieser .Ereignisse ist die Bildung des Staatsrats. Aber weder bei den Verhandlungen, .die seiner Konstituierung vorangingen, noch bei .der Auswahl seiner Mitglieder selbst wurde das polnische Judentum, berücksichtigt, denn Kasimierz Natanson, der als einziger „Jude" inr Staatsrat sitzt und dessen drei Krnder . alle getauft- .sind, - als Vertreter der Juden betrachten wollen, hieße ./zum Schaden noch den zynischen Spott hinzufügen. Und so ist es nur verständlich, daß die Judenheit Polens sich in: allen wichtigen politischen Fragen - von den deutschen Behörden als übergangen empfindet,' was naturgemäß auf ihre Stellungnahme zu all den Ereignissen in der polnischen Frage, die seit' dem Unabhängigkeitsmaikifest vor sich gegangen sind, nicht ohne Wirkung bleiben kann. Iw diesem Zusammenhang sei auch darauf hingew.iesen, daß die Deutschen in Polen genau dieselbe Empfindung haben, und erst jüngst, anläßlichder Wahlen zum Stadtrat in Lodz, ihrer Sorge um die Erhaltung ihres Deutschtums in 7-großen Versammlungen -und in Telegrammen, die sie an den Kaiser, den Reichskanzler und an Hindenburg gerichtet haben, deutlichen Ansdruck verliehen haben. Daß diese Politik, durch die sich Deutschland gerade jene Elemente in Polen entfremdet, die berufen! wären, mit die festesten Stützen' der westlichen Orientierung des Landes zu sein, vom deutschen Standpunkt verhängnisvoll und irrig ist, darüber kann für denjenigen, der die Verhältnisse in Polen und die wahren Stimmungen im Lande wirklich kennt, kein Zweifel bestehen;'und man muß nur hoffen, daß auch die maßgebenden Kreise dies möglichst bald einsehen und jn dieser Hinsicht die deutsche Politik in Polen einer grundsätzlichen Revision unterziehen Gegenwärtig jedoch ist die politische Lage für die polnische Judenheit nicht übermäßig günstig.. Der Antisemitisnius der Polen ist maßloser denn je und gewinnt immer mehr Möglichkeit, sich zu äußern und in praktischen Maßnahmen zu bekunden^ Und so gilt denn jetzt mehr denn je, was eigentlich von vornherein der leitende Gesichtspunkt der jüdischen Politik in Polen hätte sein müssen: daß das polnische Judentum sich lediglich auf die ekgeneKrast verlassen darf und versuchen muß, durch eigene Energie sein Recht zu verteidigen und für seine Forderungen zu-kämpfen. Voraussetzung hierfür aber ist die möglichste innere Geschlossenheit all der Kreise, die aus dem Boden der Verteidigung, der jüdischen Rechte stehen. Es ist bekannt, daß gerade in dieser Beziehung bisher leider unerfreuliche Zustände geherrscht haben und die nationaljüdischen Kreise selbst in sich uneinig und zerrissen waren. Mit umso größerer Freude darf man jetzt konstatieren, daß hier eine Besserung sich bereits bemerkbar macht. Eine der Voraussetzungen für einen Zusammenschluß der nationalen Elemente, der Austritt der zionistischen Vertreter aus dem „Klub der' Vereinigten", in oem sie bisher mit den Assimitanten zusammen saßen, ist gerade dieser Tage erfüllt worden; und. die , bald danach stattgesunoene Generalversammlung der Warschauer Zionisten hat sowohl durch ihren Verlauf wie auch durch die Resolutionen, die sie annahm. und durch cas Ergebnis der Wahlen zum Vorstand den Willen zum Zusammenschluß mit allen nationalen und traditionellen Richtungen zum Zwecke der gemeinsamen Verteidigung der .jüdischen Rechte in sehr ausdrucksvoller Weise bekundet. Wir hoffen zuversichtlich, daß dieser Zusammenschluß sich wird dürchsühren lassen und die natioinstischen Gruppen, vor allein die Volksgruppe, auch ihrerseits den aufrichtigen Willen zur gemeinsamen Arbeit durch ' ihre Haltung bekunden und nicht durch irgendwelche pärteiegoistische Forderungen den Zusammenschluß erschweren oder gar unmöglich machen wird. Denn — es kann nicht scharf genug betont werden — nur bei einem geschlossenen und geeinten Vorgehen aller positiv jüdischen Elemente ist die Möglichkeit vorhanden, gegen' den Antisemitismus der Polen sich mit Erfolg zu wehren ünd einen Teil wenigstens der jüdischen Forderungen durchzusetzen. Und so sehen wir mit Spannung ' .dem Ergebnis der Einigungsbestrebungen innerhalb der nationaljüdischen Preise in Warschau' entgegen und hoffen, daß dieses Ergebnis positiv und fruchtbringend und von der Erkenntnis der Größe der Dinge, um die es sich hier handelt, getragen sein wird. Einheit und Verewigung. (Zum polnisch-jüdischen Problem.) Bon S. Hirschhor n,' Warschau. Die Einigkeit aller Gruppen der nationalen Judenheit in Polen steht jetzt auf der Tagesordnung: >ob es zu einer Bereinigung kommt, ist noch unbestimmt) Da aber diese Frage nicht nur uns Ostjuden angeht sondern die gesamte Judenheit, die. sich für die polnisch-jüdische Frage jetzt besonders interessiert, so muß gleich gesagt werden, daß die Einigkeit auf zweierlei Art erfolgen kann: in Form einer Einheit oder in Form einer Bereinigung, grnd daß, obwohl es sehr erwünscht wäre, eine vollkommene Vereinigung zu erzielen, man nicht in Verzweiflung zu geraten braucht, wenn nur die Einheit erreicht ist. Denn die Vereinigung bedeutet nur einen formellenAkt. die Einheit hingegen einen tatsächlichen Zustand. Um zu begreifen, welche " Form der Einigkeit fiir uns Ostjuden jetzt unentbehrlich ist, müssen die Aufgaben ,angedeutet werden, die uns jetzt im geschichtlichen Augenblick bevorstehen. Die Ostjuden haben jetzt fiir sich zwei Ausgaben zu erfüllen. Sie müssen erstens vor derjenigen, die über das Schicksal des neuen selbständigen Königreichs Polen zu entscheiden haben, kundtun, daß die Juden- Polens eine gesonderte Nationalität darstellen, deren national-kulturelle Eigenart verfassungsmäßig gesichert werden muß.. Zweitens nrüsscn sie zusammen mit der ganzen Judenschaft erklären, daß die endgültige Lösung der Jüdenfrage nur durch Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina erfolgen kann. Die erste Aufgabe hat die polnische Judenheit bereits erfüllt, soweit es unsere jetzigen Verhältnisse gestgtten. Es ist hierbei wichtig, daß die Vertreter der Zentralmächtc jetzt, die Gelegenheit haben, die Zustände in Polen direkt zu beobachten und sich zur Genüge zu überzeugen, daß die Ostjuden ein vollständig abgesondertes nationales Leben führen. Wer die jüdische Religion einigermaßen kennt, weiß, daß dieselbe eine ausgesprochen nationale ist. Das Weitere-haben objektive Tatsachen und Daten vervollständigt. Schon längst hat die Statistik in Polen nachgewiesen, daß etwa 90 Proz. der jüdischen Bevölkerung das Jiddische als Muttersprache führt. Die letztens vorgenommene Volkszählung in Lodz hat ergeben, daß über 981.4 Prozent der Juden sich zu der jüdischen Nationalität bekennt und Jiddisch als Umgangssprache betrachtet. Dieses Ergebnis war so frappant, daß die Polen die Wirklichkeit zu verhehlen suchten und keine Mittel gescheut haben, um diese Tatsache im ganzen Lande u verbergen. In der österreichischen Okkupation geang es ihnen, eine richtige Angabe der Mischen Umgangssprache zu hintertreiben, in der deutschen Okkupation haben sie es bisher überhaupt unterlassen, eine Volkszählung durchzusühren. - Aber auch in anderer Weise hat sich der Willen der jüdischen Bevölkerung kundgegeben. Außer der überaus dünnen Oberschicht, die assimiliert (d. h. noch nicht entschieden polonisiert, sondern vielmehr entnationalisiert) ist, gehören die meisten Richtungen der jüdischen Bevölkerung dem Nationaljudentum an. Der weitaus größte Teil des jüdischen Mittelstandes bekenn: sich zum Zionismus oder zu der „Jüdischen Volksgruppe". Die Arbeiterschaft teilt die Ansichten des „Bundes" oder der sozial-zionistischen Organisationen (Poalej-Zion, Sozial-Zionisten). Die polnischen sozialistischen Parteien zählen hingegen ein verschwindend^ -Häuflein von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.