Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1917)
- Date
- 1917-01-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr- 2. '■ - .rKlymi hatte ^ie'einen' Schritt - gemacht, als sie ihr ' Mädchen erblickte, das- 'auf sie'-zulief: - Däs^ -Kind,/ bleich wie Kreide, zerfloß fn'Tränen, und bebte am ganzen 'Körper-' ' ' . „Was ist?" rief Leah außersich. „Was macht der Vater?" " .„Mutter",- stammelte das. Kind, „ich weiß nicht,' was dem Vater ist; vor einigen - Minuten blickte er mich^so sonderbar, schrecklich.an, dann schüttelte er die - Hand einigemale und schloß die Augen. Ich rief ihn, zupfte ihn am Arm, aber er liegt regungslos da..." - » »Weh' mir! -Mein Mann, mein Mann ist tot!" schrie.c Leah/ indem sie die Fischkörbe zu Bodenwarf, die Härcke rang und, wild auf und ab rennend, sich die . Haare ausraufte. Bald' aber kehrte sie iviedcr, ergriff mit beiden Händen das iveinende Mädchen, schüttelte es heftig hin und her und schrie: „Tot sagst .Du? Dein Vater ist tot? So sprich doch, tot ist er?" Das Mud begann noch heftiger zu weinen, bald »kamen eine Menge Weiber zur Stelle und entrissen -es der. Mutter. „Was ist Dir, Leah?" riefen sie, ' „warum schlägst Du das Kind?" . „Sie sagt, daß er rot.sei!" rief Leah mit wilder . Stimme, und ihre Augen rollten schrecklich. „Höret aJhr? -Tot sagt sie. Ha, ha, ha!" stieß sie. plötzlich i ein schauerliches. Gelächter, aus, „sie lügt!, er ist nicht tot! Sie lügt, sie lügt!" ' Sie rannte auf und ab, zerrte, sich die Kleider vom-Leibe-und schrie unablässig: „Sic lügt, sie lügt! nicht tot, nein!...'' ' . Entsetzen ergriff die Umstehenden. „Führt sie ab! .Sie ist von Sinnen!" riefen mehrere Stimmen. Die Flucht der vau SparrdowS. -, ' Bon Arnold Zweig. -. ' In der Nacht des 12. April 1821, ür der Nacht .»der Behütung", als die jüdischen Familien von Oranienburg — denn es begibt sich dieses Ereignis unter» »den Inden, jenem unbekannten Volke, das mit gesonderten Sitten und eigenen Wertungen einsiedlerisch unter Ans lebt — den Eingang des Passahfestes nach Art .aller gesetzestreuen Juden des Erdballs feierlich bedingen, schreckte sie von der festlichen Abendtafel, dem weißleuchtenden, mit flachen ungesäuerten Kuchen und .'bitteren' Krautern, rotem Wein und helleir Kerzen bestellten Ssedertisch, der donnernde Galopp eines Pferdes "auf rauher Straße an die Fenster; imd mancher christliche Mitbürger fuhr, dem ersten Schlafe entrissen, stöhnend empor und saß aufrecht und verstört — war die «Epoche der Kuriere und Eilreiter^oieder da? — bis das »Getöse fern-verhallte. Der Regen sang unwirtlich an- - den Scheiben. Der dieses Roß hinausjagte, ivar der - ehemalige Kapitän der holländischen Chasseurs ä cheval, Wolf von Spandow. Er floh vor dem Unglück seiner jungen'Frau, deren Geschichte ich hier erzählen werde. .' Ruth Ostertags Ruf war, daß in sieben Meilen Umkreis kein schöneres und tugendhafteres Mädchen zu finden sei, und, wie auch immer! solch übertriebene Ge- . Ächte aufkommen mögen, dieses war beinahe der Wahr- 'heit.gemäß.' Sie schritt als Demoisclle von achtzehn Jahren mit dem braungeftochtenen Korbe über den Markt t~ und alle Männer wandten, sich nach ihr um und. »gingen dann, freundlich lächelnd und einen Augenblick abwesend, wohl auch leicht mit dem! Kopfe schüttelnd, ihren.Geschäften stach. Hingen ihre kastanienfarbenen - 'Zöpfe nicht bis an die Knie hinunter, dick wie Kinderarme,/und leuchteten irr dem sehr weißen Gesicht nicht größere und braunere Augen, sanfter glänzend' und unter >. langer geschwungenen Brauen, als man jemals im Märkischen erblickt hatte? Fand man nicht selbst die Marktfrauen, diese sonderbaren Mten, die Kohl, Obst und .' Salate .feilhielten und wahrlich nicht sanfter Gemütsart waren, fähig, ihr eine Blume oder eine rötliche Edcl- „'förnp zu verehren, 'deren Farbe nnt der Wange des .-Mädchens an Lieblichkeit nicht streiten konnte? Sacht ,- Ä>pd aufrecht schritt sie überdie rundeir Steine des ' ^Pflasters und begab sich nach Haus, zu chrem beschäftigten SSater, ohne den Beaux der Stadt auch nur - einen Blick zu schenken. Die nutzlosen und immer heller brennenden FlaiNmcn der vergeblichen Liebhaber triebem ' jenedazu, sie stolz, hochmütig und herzlos zu nennen, 'und stolz war sie. Aber au das andere konnten idw . Beklagenswerten vermutlich selbst sticht glauben, sie logen '.-aus.Verzweiflung und heirateten späterhin irgendwen .---mit ausreichender Mitgift .... ' ... . ° Mit sanfter und stets freundlicher Stimmte/ mit Be¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. wegungen, Me niemals Ihre Anmut verloren, leitete Ruth den kleinen- Hausdhalt und behielt doch manche Stunde!oes Tages für' sich. Sie war viel allein, denn ihr guter Vater harte oft über Land zu fahren und zu reiten. Er . wäre wohl gern Arzt geworden, aber als er jung gewesen, hatte man daran-nicht denken dürfen. So-betrieb er jetzt aufmerksam, wenn auch ohne Hast, ein Geschäft ' mit Getreide, und Kartoffeln, und manche Woche kam cs vor, daß er, besonders im.Sommer, am Montag früh-in seine semmelgelbe Kalesche stieg, vor der die beiden Braunen geduldig warteten, bis der Abschied beendet war, und erst am Freitag nachmittag bestaubt und zufrieden wieder vor dem Wohnhause im Zopfstil vorfuhr, während er vergnüglich knallte und,lärmte, dann Peitsche und Zügel dem Kutscher übergab und mit wohlbewahrter Rüstigkeit vom Bocke stieg, die Tochcer zu küssen, zu betrachten und wieder zu Kissens bis die Wohlfahrt der Pferde seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Kam er dann, halb andächtig iwch und halb schon behaglich gestimmt von - dem Abende, der ihm bevorstand, cuis dem Keinen Betsaal in seine schöne Wohnung, in das Eßzimmer, darin schon die -Sabbatlampe von der Decke hing, nnt sieben rundgestellten Lichtern blinkend wie ein sanfter siebenstrahliger Stern, so empfand er es nur ganz leise, daß. , seine liebe und schöne Frau Ulrike im dritten Jahre seiner Ehe zu Gott eingegangen war, nachdem sie Ruth noch einmal geküßt hatte, das Kind, das sic soeben geboren, und das ihr Ebenbild geworden war. Stille und zarter Friede weilten in dem Hause Mexander Ostertags, und wenn die Mahlzeit vvn'iber war, das einsame und heitere Mahl des ergraut.n Herrn mit dem jrmgen Mädchen im grünen Seidenkleide,. und nur der gelbliche Rheinwein auf dem dauiastenen Tischtuch einen goldenen Schein spielen ließ, dann lehnte er sich in den umfänglichen Süffel zurück, liebkoste das glänzende Haar der großen Ruth, die ihm zu Füßen auf einem niederen Schemel hockte, und es begannen jene liebenswürdigen Berichte zwischen Vater und Tochter, welche Kleinigkeiten des Alltags, die man sonst vergißt, zu Kränzen sorgender Liebe zusammenjlochten. Wenn dies erledigt war, kamen die Bücher an die Reihe. Ostcrtag war ein frommer Mann, jeder-. mann wußte das. aber er war, als gereister Kaufmann, der gleichwohl Muße hatt, der zeitgenössischen Bildung keineswegs feind, und er hatte der Tochter alle seine Neigungen mitgeteilt, auch seinen etwas absonderlichen Geschmack. So las sie denn au jenen Sabbaten und Sonntagen mit helltönender Stimme und andächtigem Tonfall ans dem wenig beliebten Roman des Weimaraner Mini'^ers von Goethe „Wilhelm Meisters Lehr'cchre" .vor, einem langen und streng geschriebenen Werke, denen Vorzüge und Vollkommenheiten er ihr unablässig rühinte 'und liebevoll erklärte, indem er sic an passenden Stellen freundlich unterbrach: während er für jünaere und geradezu vergötterte Schriftsteller, wie den großen Jean Paul, nur ein mürrisches Achselzucken übrig hatte. Ja, man fand auf feinem Schreibtisch eilt übrigens der Tochter verbotenes und entzogenes Buch, welches kurz nach dem unheilvollen Fried'ensschluß zu Tilsit erschienen war, eine Tragödie , jenes Dichters nack alrdeutschen Motiven, wie man sie jetzt wieder schätzte, „Faust" genannt — ein merkwürdiges Gedicht, dem man Sittenlosigkeit und Dunkelheit nachiaate . . . . .Uebrr-!Üauvt kaufte er. obwohl die allgemeinen Lasten und' Bermöaenseiubußen ihn keines'weas verschont hatten. ans dem Suöskrivtionsweqc ein vollständiges Eremvlar der »gesammelten Schriften des Herrn von Goethe. die in dem funalücklichen Jahre 1806 bei Cotta in Leinrig ui erscheinen begonnen batten: und. man kannte ihn manche mal sehen, die Hände ans dem Rücken, wie er. vor seinem Bücherschrank stehend, die Reihen der kleinen rotbeschildeten Pappbände zärtlich betrachtete oder den jüngst hcrausgekommcnen Roman „Die Wahlverwandtschaften" streichelte, darin blätterte und wieder sorgsam bineinschob. Wenn Ruth jedoch allein war., an den Abenden und Nachmittagen maikcher Woche, daun hatte sie eine andere Lektüre. . Zwar waren , die „Jvbiaenie" des oben erwähnten Dichters und seine berühmte Erzählung „Die Ariden des iunacn We' th-r" auch ihr sieb und. wnlraitt, 'und wenn sie in zarten Stunden diesem unglücklichen Jüngling Gehör schenkte, konnte cs geschehen, daß sie Ihcrld aushören mußte zu leien, weil ibrc Tränen dir. Blicke hemmten und aus das!Buch sielen: noch lieber aber, fiihlte sie mit: wenn. Tie in den Trauersisiel-n -d-s leider so jung gestorbenen Schiller las, im „Tell" etwa oder im „Don Carlos". Der h h!' Adel se'n r Sprache 'und das gewaltige Gefühl der Beipflichtung gegen eine höhere Macht» oder Aufgabe, welches in einigen seiner Geschöpfe lebt, sprach laut zu dem, rvgs sie selber zu . empfinden glaubte», und was sie von sich jedenfalls verlangte und erwartete: die Erfüllung einer Pflicht, welche sie zwar nicht kannte, einer „Liebe" vorzuziehen,, die sie allerdings noch weniger kannte. Daher, als her alle und väterliche Freund des Hauses, der ehemalige Bankier Arnold von Spandow, von dem noch zu reden sein, wird, ein großer Kenner der französischen Literatur, ihr einen hübsch in» Leder gebundenen und brmpletten ' Pierre Corneille schenke, nahm sie auch diesen Dichter jmit Begeisterung auf, und das gehaltene Maß seiner Form würde fast übersehen vor dem starken Eingreifen seiner heroischen Personen. Ost, wenn sie ihr schönes Gesicht, auf eine feine Handarbeit herabneigte, am Fenster ihres hellen Mädchenstübchens sitzend, sagte sie für sich jene prachtvollen und pathetischen Redewendungen her. in denen Dort Rodrigüe und Donna Chimöne im Wett-, 'streit der Ehre begriffen sind, und als sie von dem alten Freunde auf die Tragödie der Berenice, Prinzessin, von Judäa, aufmerksam gemacht wurde, die Racine in den wohllautendsten Alexandrinern verfaßt hat, las sie dös Werk zwar zu Ende, denn es schien ihr unmanierlich, einen so berühmten Dichter gleichsam nicht ausreden zu lassen — aber nur unter Aeußerungen heftign Abscheus und rief ganz böse aus: „Nein, Onkel Spandow,- Ihren Racine mag ich gar nicht. Diese BerSnkce —- pfui, ja, ich sage pfui, wenn Sie auch lachen. Titus, gut, .er gefüllt mir, er tut seine Pflicht, es geht ihm ans Herz, aber er verzichtet. Und sie? Sie wirst sich!fhm an den Hals, die Person! Hören Sie sie doch reden: -Und wie sic sich nacht / anfführt, diese „Schwätzerin!" '„Nun, Ruthchen, las,c.t Sie gut sein, davon können -Sie nichts verstehen," sagte der alte Herr heiter und steckte den gescholtenen Dichter in die Tasche, „wir-wolleii Sie später über diesen Punkt reden hören," und er lächelte listig. (F Etsekiina folgt.) Literarische Rott;e«. Zur Geschichte des Volkes Israel.*), Bon Kittels großem Werke „Geschichte des Volkes Israel" ist der erste Band vor kurzem indritter Auf, läge erschienen. Die zweite Auflage dieses Bandes kam 1912 heraus. Dieser Band behandelt Palästina in der Urzeit, das Werden des Volkes, Quellenkunde und Geschichte bis zum Tode Josnas und zwar auf 696 Seiten. Wie man schon mts dem Umfange sieht, hat man es also hier mit einem recht gründlichen Werke zu tun. Der Umstand, daß in. so kurzer Zeit von einem Werke dieser Art eine neue Auflage herauskommen konnte, macht eigentlich all» Empfehlungen überflüssig. Und doch ist es .gut, vielleicht an dieser Stelle und grade an diesen Leserkreis ein paar empfehlenswerte Worte zn richten. - Wenn eincin so mitten im Kriege ein so dicker ,/Wälzer" zn Gesicht kommt, so ist das erste Gefühl, ein Gefühl des Stolzes auf unsere deutsche Wissenschaft. Ruhig und unbeirrt, soweit das eben dem Einzelnen möglich ist, schreiten die Schöpfungen> deutscher Gelehrtenarbeit vorwärts. Und ein . selbst scheinbar so abgelegenes und wenig aktuelles Thema, wie die Darstellung der alten Geschichte Israels, - wird gewiß schon jetzt und nochmehr nach dem Kriege Leser finden, die es gründlichdnrchstudicren. Denn mit dem Lesen allein ist es hier nicht getan. Das Buch will studiert werden, und das sollten alle jüdische» Kreise tun, die die Geschichte ihres Volkes gründlich kennen lernen wollen. Vielleicht wird durch solche Werke bei den Juden einmal das Interessean ihrer eigenen alten Geschichte so stark werden, daß sie es schmerzlich empfinden werden, wie trostlos es auf diesem Gebiet mit der jüdischen Wissenschaft' bestellt ist.- Die Frage, warum und weshalb das so ist und die noch wichtigere Frage, ob das iwch so bleiben muß und ob cs nicht muh schon jetzt möglich wäre. - mehr für die jüdische Wissenschaft zn tun-, als bisher geschehen ist, soll hier nicht aufgerollt iverden. Da müßte eine dicke und inhaltsreiche Anklageschrift der Oeffentlichkcit unterbreitet werden, zn der alle auf jüdischem Gebiete arbeitenden Forscher ohne Schwierigkeit umfangreiche Beträge liefern könnten. Dckch zurück zn unserem Werke! Wer auch nur etwas Ahnung von . dem augenblicklichen Stande der biblischen Theologie und 'der Art ihrer Geschichtsschreibung hat, wird ohne weiteres wissen, daß es Werke auf diesem Gebiete,, die aus dem Standpunkt der Tradition stehen, leider nicht gibt. ES kann sich also imincr mir darum handeln, daß der eine oder der andere Verfasser einen konservativeren oder radikaleren Standpunkt einnimmt. Ter Standpunkt Kittels läßt sich nicht ohne größere Ausführungen » vräzisicren. Augenblicklichmacht die Bibelwissenschaft eine '- große Krise durch, die l)ervorgerufen wurde durch di« Entdeckung der babylonischen Vorzeit, die es uns er- ' möglicht, das Weltbild des semitischen Altertums» in ganz anderer Vollständigkeit mü> mit sehr viel mehr Einzelzügen "zu, rekonstruieren. . Wer kann heute noch erttsthast die klnmögli ch k e i t schriftlicher historischer Fixierungen etwa aus der Zeit MosiS behaupten, wo *) Rud. Kittel, Geschichte des Volkes Israel, l. , Band. 3. Auflage. (Handbücher der alten Geschichte .1,3).. Gocha. Frd. Andr. PerthS 1916, XVk. 696 S. 8°. Preis