Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 50 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 V - Bierteldutzend, in Werer Stelle aber nun den einen Är. Lüdtvig Haas. Dieser hat bereits' Außerordent- WeZ geleistet, «ber der Arbeit ist zuviel. Es gibt in/Deutschland genug Juden, die guten Willens wären und die Me DiuLe. am richtigen Ende an- , zM^cken verstehest, die Hier vor allen Dingen wissen, wie man es niiht machen darf. In Polen so gut wie anderswo kommt man mit bloßer Wohltätigkeit nicht weit, auch dort ist die Organisierung der Selbsthilfe das beste Mittel. Und es spricht für den guten Kern der polnischen Juden, daß sie keine bloßen Mnwsenempfänger sein wollen, sondern vorziehen, sich mit den vorhandenen Hilfsmitteln zu organisieren und von unten herauf die Kräfte zu sammeln, die sie für ihre Weiterentwicklung und Gesundung, brauchen. „Nie sind in Polen" — so schreibt Julius Berger im 3. Heft des „Juden" — „so viel jüdiW Schulen gegründet worden, nie so viel Lesehallen und Bibliotheken, wie gerade jetzt, mitten im Kriege. Und nicht durch fürstliche Schenkungen einzelner Großen. Aber mit 100 Rubeln Anfangskapital haben z. B. die Zionisten in Warschau ein Schulsystem gegründet, das heute beinahe 3000 Kinder, umfaßt, Kinderheime, Volksschulen, Mittelschulen, Handfertigkeitsschulen für Mädchen." Diese Bewegung und diesen Geist zu unterstützen, ist Pflicht der deutschen Verwaltung. Und wenn bei einem Empfang durch den deutschen Reichskanzler Professor Brudzinski u. a. die Forderung stellte, daß ein provisorischer Staatsrat aus eMheimischen polnischen Elementen zu bilden sei, der die Ausarbeitung einer Verfassung und die Organisation der polnischen Staatsverwaltung vorzubereiten habe, so muß die weitere Forderung erhoben werden, daß diese Verfassung, eingehende Bestimmungen zum Schutz und : der Ent- . wicklungsfteihcit der jüdischen Minderheit in Polen erhält. Das erfordert nicht nur das wohlverstandene Interesse des polnischen Staates selber, es ist auch ein .Interesse Deutschlands. Das Deutsche Reich, hat viele Gründe, die Unterdrückung nationaler Minderheiten in den von ihm besetzten Gebieten nicht zu gestatten. Aus aller Welt. reittjcher Reich. verttu Die Gesellschaft zur Förderung der Wis senschaft d es Iüd e n tu ms veröffentlicht ihren 14. Jahresbericht. Sie widmet zuerst Worte ehrenden Gedenkens den in diesem Jahre verstorbenen Herren Prof. Dr. Martin Philippson und Rabbiner Dr. Joseph Eschelbach.er. Philippson war der erste Vorsitzende der Gesellschaft seit ihrer Begründung bis zu seinem Tode; ihm-verdankt sie zu einem großen Teile ihre Organisation und chre hervorragende Stellung im deutschen Judentum. Die wissenschaftlichen Unternehmungen der Gesellschaft hat er durch Rat und Tat gefördert; zu ihren Veröffentlichungen hat er selbst durch die dreibändige Neueste Geschichte des jüdischen Volkes beigetrimen. — Des erst anfangs dieses Monats verstorbenen Herrn Rabbiner Dr. Eschelbacher ist in die- - sen Blättern bereits wiederholt gedacht worden. Er hat in zwei 'Schriften, welche die Gesellschaft veröffentlicht hat, die Sache des Judentums. gegen seine Darstellung von christlich^: Seite erfolgreich vertreten; der Bericht rühmt an diesen Schriften „ihre vornehme Ruhe und Sachlich,feit sowie ihre Wärme und Ueberzeugungstreue". — Die Führung der Geschäfte der Gesellschaft lag seit dem Hinschewen ihres ersten Vorsitzenden in den Händen der Herren Rabbiner Pros. Dr. Guttmann- Breslau, Prof. Dr. Bloch-Posen »yii> Syndikus Dr. Nathan-Hamburg. Trotz der Ungunst der Zeiten hatte die Gesellschaft einen Zuwachs von nahezu hundert Mtgliedern zu verzeichnen, ein Beweis für die starke undunverminderte Anteilnahme weiter Kreise des deutschen Judentums an ihren Arbeiten. Nicht so günstig änßssrt sich der Bericht Wer das finanzielle Ergebnis des abgelaufenen Jahres; der KasseWericht schließt nämlich mit einem erheblichen Fehlbetrag. Um so größere Anerkennnug ist der Gesellschaft zu zollen dafür, daß sie ihre wissenschaftlichen Aufgaben in keiner Weise vernachlässigt hat; sie hat in> dem Berichtsjahre nicht weniger als drei selbständige Werke herausgegeben, eine Untersuchung des' oben genannten Breslauer Rabbiners G u t t m ä n n über die religionsphilosophischen Lehren - des Jsaac Abravanel; die Martin : Philippson gewidmete Festschrift Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden und daA Handbuch der jüdischen Chronologie des Budapester Universitätsprofessors 'Dr." Eduard Mahler. Die Herausgabe anderer Werke kündigt die Gesellschaft an; von ihnen dürfte der erste Band der Germania Judaica nach der Aufnahme, welche.die früher veröffentlichten Textproben v gesunden haben, der besonderen. Aufmerksamkeit der »oeitesten Kreise , sicher sein — wird doch die Germania Judaica das erste enzyklopädische Werk sein, welches über die Geschichte der deutschen Inden in umfassender und erschöpfender, zugleich aber auch populärer Weise Aufschluß gibt. Ein Stück Kriegsarbeit hat die Gesell- ' Mcankftrrter Israelitisch« Farnilienbtatt. Wast im ersten. Berichtsjahre insofern geleistet, als sie die; Zinsen ber Ludwig Philippson-Gedächtnis-Stiftung zugunsten der kriegsbeschädigten Wischen Lehrer Ostpreußens verwendet hat. Der 'Beruht verweist zum Schluß mit berechtigter Genugtuung nicht nur auf die vorstehend skizzierten Leistungen der Gesellschaft, sondern auch auf die in diesem Jahre wiederholt, auch in.christlichen Gelehrtenkreisen hervorgetretenen Bestrebungen, welche die Errichtung von Lehrstühlen für' die Wissenschaft des Judentums an den deutschen Universitäten bezwecken. Mt Recht sagt der Bericht, daß di« Gesellschaft-einen erheblichen Teil dieses Erfolges der Wissenschaft des Judentums für sich in Anspruch nehmen könne. — Der .Bericht ist von dem Schriftführer der Gesellschaft, Herrn Dr. Nathan, Hamburg, Werderstraße 30, kostenlos zu beziehen, lieber die Mitgliederversammlung der Gesellschaft werden wir:in der nächsten Nummer beruhten. - Oesterreich-Ungar»^ Wie«, 11. Dezember, Eine jüdische Deputation beim Kaiser. Heute empfing das junge Kaiserpaar eine Deputation der österreichischen Juden, bestehend miä den Vorständen der Großgemeindeu und ' Oberrabbiner Dr. Güdemann- Wien. Nachdem letzterer beim Erscheinen vor dem kaiserlichen Paare den hebräischen Segenswunsch gesprochen hatte, hielt Präsident Dr. Stern eine patriotische Ansprache im Namen der JWen. Daraus erwiderte der Kaiser: „Die mir Und der Kaiserin von den israelisischen Kulturgemeinden im Namen ihrer gesamten Glaubensgenossen dargebrachte Huldigung nehmen wir mit herzlicher Erkenntlichkeit entgegen. Die jWische Bevölkerung hat immer ihre Liebe und Anhänglichkeit an mein Haus und das Vaterland bewiesen und in der gegenwärtigen großen Zeit zu den unter Gottes gnädigem Beistand erzielten Erfolgen opferfreudig mit Gut und Blut beigetragen. So wie ich von der Unerschütterlichkeit dieser patriotischen Gesinnung überzeugt bin, ebenso mögen Ihre Glaubensgenossen versichert sein, daß sie sich in meinen Landen der allen Bürgern gewährleisteten Rechte stets uneingeschränkt werden erfreuen können. Gerührt von den «egenswunschen, die Sie in Ihren Gotteshäusern für mich' und die Meinen zum Himmel senden, sagen »vir Ihnen auch für diese fromme Bekundung Ihrer treuen Gefühle unseren wärmsten Dankt" 1 Der Kaiser sprach dann in heimlichster Weise mit den Herren der Deputation und erkundigte sich nach den Verhältnissen der einzelnen Gemeinden. Besonder lobend sprach er sich Wer die jüdischen Soldaten aus, die außerordentlich tapfer seien. Er sprach Wer die JWen in Galizien uW die Flüchtlinge in der Bukowina. Auch die Kaiserin war sehr huldvoll gegen die Vertreter der jüdischen Gemeinden. Pole«. * Warschau, 21 Dezember. Die Schulfrage. Der StWtrat behandelte in seiner heutigen Sitzung die Schul frage. Der Vertreter des. Magistrats, Führer der Schulabteituug, gibt einen ausführlichen Ueberblick der Entwicklung des polnischen Schulwesens uW kommt dabei znm Schlüsse auf die jüdischen Schulen z»» sprechen. Er verspricht, daß man dem Verlangen der „Polen nwsaischer Konfession" Rechnung tragen und daher in einem gehöriger» Maße jüdische Kinder in den städtischen Schulen, aufuehmeu werde, wobei ihre religiösen Bedürfnisse Berücksichtigung finden würden. Nationale, rein-jüdische Schulen aber »verde der Magistrat in keinem Falle eröffnen. Nach verschiedenen Reden kommt ein Redner der Volksgruppe zu Wort. Vom juristischjrn Standpunkt aus gesehen, sei die jiddische Sprache als gültig und vollwertig anzuerkennen, wie sie auch! bisher anerkannt worden ist. Die Forderungen der Volksgruppe, sagte Redner, seien allgemein menschlich und pädagogisch betrachtet, vollständig berechtigt imd müßten berücksichtigt werden. Zur Bekräftigrmg führt Rednxr einige anerkennende Meimlngen polnischer Gelehrter über das Jiddische als Sprache an. Dagegen spricht Prof. Gratowski. Nachdem er über die Judenfrage in Polen lang referiert hat, faßt er seine Ansichten in folgenden Worten zusammen: Die Juhen in Polen müssen zu Nutz und Frommen des polnischen KönigsreichD als Bürger von gleichen Rechten und Pflichten behandeltwerden, keineswegs aber als nationale Minderheit. * Die letzten Stadtratssitzungen haben deutlich bewiesen, daß die Polen keineswegs gewillt siW,- die Wischen wohl begründeten Forderungen zu berücksichtigen. In ungeschminkter Sprache und ohne Beiwerk — nach polnischer Art — »oird offen gesagt, die jüdische Nation habe sich« im Polentum aMülösen und zu Dienern der „edlen" Polen Herabdrücken zu lassen. Nun »vissen wir endlich, was nationale Minderheiten im. neuerstandenen Polen zu erwarten haben. Wir verweisen im -übrigen auf den Mtikel „Polen und die Juden". . Die Reorgauifieruug der jüdische» «emetude in Warschau und dem ganzen Warschauer Generalgouvernemenk kann erst in den nächsten Monaten vorgenommen tverden, da noch verschiedene Schwierigkeiten zu beseitigen sind. Dann wird muh in allen Städten die WaWrrdnung, Kurwneinteilung und dergl. bekanntgegeben werden.- Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, daß man die Resornren;ioch vor Pessach einführen wird. - Mite 3. umso mehr, als die oberste Behörde ihren Wunsch auf möglichst schnelle Einführung dieser Reformen jt»n5ge>’ geben hat. * \ «itt zionistischer Schulrat. Dem Kuratorium der zionistischen Volksschulen iu Warschau wurde ein Schulrat beigegeben, der. von den Lehrern dieser. Schulen j gewählt uW vom Kuratorium bestätigt worden ist. Der Schnlrat^wird folgende Ausgaben haben: 1. Herstellung eines' einheitlichen Lehr»— Programms, 2. Durchführung . dieses Programms ruch- - 3. Aufsicht über die innere Ordnung der Schulen. Durch 'häufige Zusammenkünfte mit den Lehrern »oird- - der Schulrat sich bemühen, die Lage der Schulen zu bessern, für die materiellen rurd geistigen Interessen der Lehrer Sorge zn tragen. Der Schulrat besteht aus den Lehrern Guttmann, Jafse, Kaplan und Raswllowski. ^Die jüdische Presse aller Richtungen begrüßt diese neue zionistische EinrichtunS- Lodz, 20. Dezember. Der Wahllauchs ist hier in vollem Gange. Alle Richtungen» Parteien und Gruppen haben eine Wahlagitation für ihre Zivecke und Ziele eingeleilet. Es tverden außerordentlich viele Wahl-Meetings uW -Versammlungen unter lebhafter Beteiligung der gesamten Bevölkerung Wgeh'alten, zahllose Aufrufe erlassen und das ganze gesellschaftliche Leben ist aufgewühlt. So hat sich hier eine Wahlkampagne.,, entwickelt, die vielleicht nur von den Warschauer Wahl» känrpsen an Heftigkeit Wertrosfen »oird. < Auch die Juden bereiten sich für die eigentlichen Wahlen mit großer Tatkraft vor. Sie haben zahlreiche Wahlkomiteen errichtet, zn denen jüngst ein neues hinzukam. Es ist ein »Orthodoxes Wahl-Komitee", dessen Gründung durchaus erfreulich ist, schon deshalb, da nun eine Einigung der Orthodoxen und Assimilanten als ausgeschlossen zn betrachten ist. Alle darauf hinzielenden Bemühungen der „Neo-Assimikanten", der jüdischen Polen (d. h. Polen mosaischer Konfession) sind gescheitert. Die chassidischen Führer HWen hier eine kluge Einsicht und politische Reife betviesen, die nicht zum mindesten der Wahlkampf iu Warschau bewirkt hat. Es ist wahrscheinlich, daß sie das .Zentrale Wische Wahl" komitee" (von dem wir iu Nr. 43 berichteten. Red,) unterstützen und mit ihm einen Block schließen »vvrden. DaS »Zentrale jüdische Komitee", das die größte Anhängerzahl hinter sich hat, wird vielleicht, wie hier verlautet, gemeinsam mit dem »Orthodoxen Koinitee" Vorgehen. Sollte dies geschehen, Laim wäre eine glatte Niederlage des Assimilantentums. das ohnehin wenig Chancen besitzt, unabwendbar. Jedenfalls hat die Lodzer JWeuheit, Chassidim und Rationale, den Beweis erbracht, daß sie ihre Interessen für die Zukunft aus realem Boden zn sichern toeiß. Der Segen dieser klugen Vorsorge nürd nicht lange ausbleiben. Es haben sich etwa 18000 jWische Wähler iu die- - Wahllisten eingeschrieben. Auch in der Umgegend, in PWianitz, Sgierz und - anderen Orteir finden die Wahlen statt. / Iu . . ftolift, das unter 30000 Einwohnern 16 000 Juden, d. i. Wer 53,3 Prozent besitzt, sind die Juden auf ein unwürdiges Kompromiß mit den Polen eingegangen. Denn verschie- : dene Assimilanten befürchteten, die Wahlen könnten für die Polen unerwünschte Folgen zeitigen und drängten auf ein Nachgeben seitens der Juden und auf «ine beiderseitige Einigung. So schloß man ei»r Kompromiß - nrit den Polen, wonach diese 17 KaWidaten stellen dürften, die Juden dagegen nur 7. A Lefterreichisches VerwaltungSgebiet, 20. Dezember. Die Ergebnisse ber StabtratSwahleu sind teilweise sestgestellt. In LWlin, wo die Assimilation mit einer äußersten Energie arbeitete und die' „Bolkgrrrppe" völlig in den HintergruW schob, siW, 17 assimilatorische JWen geivählt worden. Wie man erfahrt, war die Beteiligung der nationale»» Juden an den Wahlen minimal'; so HWen in der 5. Kurie 34 »/o, in der zweiten 30^» der jüdischen Wähker sich des Stimmens enthalten. Wie hier, so errangen auch'. 1« Petrikau die Assiinilanten einen Sieg. Cs wurden 14 Juden ge- . wählt, größtenteils Assimilanten, znm lleinen Teil Chassidim und ein Zionist. Rntzland. Lbessa, anfangs Dezember. Judenpogrome. .Odeski Ristok" meldet: Die militärische Behörde der Südtvestfront hat strenge Maßnahmen zur Sicherung der <• Grenzbezirke vor weiteren Flüchtlingstransporten getroffen. Diese verschärften Maßregeln siW auf wilde Pogrome zurückzusühren, bei denen iir inehreren südrussischen Städten, wie in Kischinew Wische Geschäfte verwüstet und geplündert wurden. Es wurden- Nachrichten verbreitet, die Juden hätten Verrat in Rumänien geübt (echt russisch! D. Red.) Petersburg, anfangs Dezember. Die Schute» für heimatlose Kkuber. Tie RWbiner einiger jüdischen größeren Gemeinden haben an das hiesige „Zentrale jüdische Hilss^Komitee ftrr Kriegsleidende" die Bitte gerichtet, die 70 Cheda» rim, die für die Kinder der Heimatlosen durch sie iu 96 versthiedenen Punkten gegründet worden sind, durch Geldmittel zu unterstützen. Tie Bitte ist unter cmderem von den Rabbinern Chs Grodzenski, Schapiro, Rabbino- »oicz »md Rronson unterzeichnet. Es wurde eine spezielle 3