Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1916-12-29 · Heft 50 (29.12.1916) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 50 (29.12.1916)
Date
1916-12-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692975-2693024--09728-2704978
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

feite 2. I r. l i besonders prekäre Lage unseres Volkes eine Mutzung aller Karteien und Körperschaften drin- . - gend erfor&ert. Doch die Lösung dieses.. äußerst Michttgeu Problems ist keineswegs so einfach, wie , . dies auf den ersten Blick erscheint. Denn die Frage bleibt offen, ob nicht eine gemeinsame Plattform für Parteien entgegengesetzter Richtung ohne Aufgabe pon Grundprinzipien sich finden läßr. , Doch muß unter allen Umständen der Versuch zur , Realisierung des Planes gemacht werden. Bei aller Betonung der Gegensätze' und bei allem . .C-' der differenzierenden Grundprinzipien, - die die verschiedenen Richtungen voneinander ■f scheiden, ist bei gewissen Fragen und Aufgaben eine Verständgung gegeben, wenn — und darauf kommt es irr der Hauptsache an — der gute Wille hierfür nicht fehlen wird? - . K _. . f Pole» und Jude«. i- In der Montagsausgabe vom 18. Dezember ■ bringt der „Vorwärts" die fotzenden Ausführungen r des sozialdemokratischen , Reichstagsabgeordneten i. Cvhen-Reuß. - Die WiMrerrichtung des Wntzreichs Polen i" ist. eine Tatsache geworden, mit der sich-auch hie . achfinden müssen, die der nunmehr getroffenen . Lösung nicht ohne große Bedenken gegenüberstehen. Auch Sozialdemokraten sind unter diesen. Nichts- - Äestvweniger ist. es notwendig, sich auf den Boden der gefällten Entscheidung zu stellen, in der Hoff- '.nung, daß es bei den Friedensverhandlungen, die den «augenblicklichen Zustand erst zu einem dau- ' ernden machen werden, gelingen möge, weitere .. Sicherungen zu.finden, sodaß wir mit Vertrauen 1 die weitere Enüvicklung erwarten können. Frellich. wird man fordern müssen, daß für die Folge keine - wichtige, die zukünftige Friedensgestältung betref- ' sende Maßnichme von der Regierung endgmtig an- . -geordnet wird, bevor man nicht zumindest mit -der deutschen Volksvertretung, beraten hat. Wer '.-mH. nachträglich Hatten die -im Hauptausschuß > des Deutschest Reichstages vertretenen- Abgeordneten j '.-diese Unterlassungssünde viel scharfer rügen müssen, .als es geschäht; denn in diesen Dingen ist feste , 1 Entschiedenheit vonnöten, wenn sie sich nicht wiederholen sollen. Das darf man aber nun wohl anneh- - men,, denn der Reichstag hat ein Recht darauf, --'..«W mll der russischen Duma verwechselt zu r werden. - V Der Hauptzweck dieses Artikels ist, die Auf- - merksamkeit weiterer Kreise auf eine Angelegenheit zu kercken, die für das neue polnische Königreich! '7 von der größten Büreutung ist: auf die Stellung der va&ft als zwei Millionen starken polnischen;'-7Zuden. Man weiß von ihnen in Westeuropa nicht Äen sehr viel, meist nur, daß sie zum Wberwiegen- ' dem Teil in großem Elend und in strenger Wi geschlossenheit IcBcit. Beides ist richttz. MeLebens- 7 Gewohnheiten des Ostjudentums, die Art, in der - (es. denkt und fühlt, bilden in der Tat eine Well .7' für sich. Die Wüsche Bevölkerung Polens ist ein f'> besorckerer und selbständiger Bolkstell, nichts <uü»e- .- res als eine nationale Minderhell. Me unglaublich i schlechte soziale Lage des größten Teil der polni- ' scheu Juden, zugleich aber ihre Bedeutung' für die! Wirtschaft des Landes, haben die'Erörterung, des -j' Ostjudenproblems nie ganz von der Tagesordnung . -verschwinden lassen, und auch der „Vorwärts" hat . sich verschiedentlich mit ihm beschäftigt. Me Auf- T ^erstehung des. polnischen Königreichs läßt die t:- Wiederaufnahme der Debatte dringlich erscheinen. '; . Es. ist die Äbshcht dieses Aufsatzes, sie hervor- Mrlffen- Wenn schon im Frieden die' UnterdrückungK- Maßnahmen Mer unfähtzen russischen Bureaullä- ^-.-tie und dieiFMdschcht der Polest schwer auf dem U (/Mchentum lcWten und chm die Aujwartsentwick- MgvLÜdvr dem General-Anzeiger Vornehmes Familien - Kaffee - . ..;• t- '■ 's. - Ui() . ' - ff:' Nachmittags n! Abends Konzert. '•B Kraiüfurter ZfrasUtisches Familienblatt. »■?» . . , . v.. t 1 . "... J-. . t' .. ■ - i,. lung so gut wie unmöglich machtest, 'so' '-HM,d.ie Kriegskatastrophe auch den winzigsten Ansatz zur! Besserung erstickt-. und die Masse derjüdischM Bevölkerung. in eist.Elend geworfen, das' jeder Beschreibung spottet. .Gute Kenner dieser Zustande, die die Lage der Ostjuden seit Jahr und Tag studiert und .sich während des Krieges durch den Augenschein unteMchtzt HMeu, behaupten, /daßchie schlimmsten'Telle von New-Iork und London währe LichMicke seien, verglichen mit den. schauerlichen Verhältnissen, in denen hier Menschen dahinvegetieren. Wer die Erzäblungen derer hört, die dort gearbeitet und zu helfen versucht haben, wird, gleichviel wie er polllisch steht, im Tiefsten erschüttert sein über soviel menschlichen Jammer — obgleich der Krieg uns alle miteinander etwas abgesylmpst HM Und wie ein Wunder muß es erscheinen, daß der Lebenswille dieses Volkes noch nicht vollständig zerschlagen ist, sondern daß er sich immer wieder erhebt, um Herr zu werden dieser tiefen Not und gegen seine Vergewaltigung anzukämpfen. We Völker müssen gegenwärtig viel Kriegs? elend auf sich! nehmen. Aber es ist M Unterschied zwischen dem, was unvermeidbar ist und dem, was nicht zu sein braucht. Und vieles brauchte dort im Osten nicht zu sein, wenn die Polen mehr guten Willen zeigten und die eben erst für sich selbst errungene Freiheit nicht der jüdischen Bevölkerung ihres Landes vorenthielten. Es ist merkwürdig: .mit Ingrimm häbeu die Polen die preußische Wsnahmegesetzzebung gegen die polnische Minorität bekämpft, -ober sie säüst haben sich keinen Augenblick gescheut, Ausnahmebestimmungen gutzuheißen, die sich gegen die jüdische Minderheit ihres eigenen Landes. richteten. Ist es nicht unerhört, wenn man in Warschau die Kriegsunterstützung an die Frauen der jüdischen Soldaten im russischen Heer nickst mehr auszahlt,' obwohl sie aus allgemeinen Steuern aufgebracht werden? Ist es nicht unerhört, daß diese Anzahlung urplötzlich an die Bedingung der Vorzeigung eines. offiziellen Trauscheins geknüpft wird, den die jüdischen Frauen nicht besitzen? Die weitaus größte Zahl der jüdischen Ehen, (und nicht die ..schlechtesten) ist in der gebräuchlichen Misch-rituellen Form (kirchliche Trauung), aber ohne diesen Schein geschlossen worden, man kennt das einfach nicht- Und nun stehen diese armen Frauen und Kuder da, der Not und dem Elend, buchstäblich dem Verhungern preisgegeben. In Deutschland, wo Unterstützungen bezahlt werden, vermag man zu beurteilen,- was ihr plötzliches Aufhören bedeutet, und in Deutschland wird die gesamte öffentliche Meinung verlangen, daß diese Schmach aufhörk. .Ist es zu glauben, daß die polnische Stadtverwaltung in Warschau den Akut fand, im Jahre 1916 eine -Art modernen Ghettos einzurichten? Im Oktober wurde nänüich beschlossen, daß in den städtischen Verkaufshällen die Ständeder Kaufleutenach Konfessionen abzusondern sind, den jüdischen Geschäftsinhabern wurden , dabei die Hinteren Gewölbe zugetellt. Von hier aus ist es nur ein Schnitt, den Juden hpstimmte Viertel auch zum Wohnen anzuweisen, und das Mittelalter wäre wieder auferstanden. ~ Daß der Warschauer Magistrat den Juden, die nahezu die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, keine besonderen Schulen bewMgt, soll nicht gerügt werden, aber mich dünkt, daß die polnische Minorllät der deutschen Ostmark stets besondere Schulen für sich verlangt hat. Um so eher wird, man vielleicht in Warschau dazu kommen, besondere jüdische Bänke, einzurichten, verlangt wird es bereits. Ist es' zu glauben, daß man in Warschau der jMschen Gemeinde 30000 Rubel monatlicher Unterstützung für .die — ach. so bitter nötigen — bllligen Küchen verweigerte, den nichtjüdischen dafür in derselben Sitzuilg' sine halbe Million bewÜligte? Daß man es fertig gebracht hat, den Juden das Wahlrecht zu verkürzen, ist selbstverständlich, und in den anderen größeren Städten Polens sowie in der Provinz liegen die Mnge - ganz ähnlich, die Zahl der UebelMnde ist Legion. Hier muß die deutsche Verwaltung, unbedingt eingreifen, sie kann nicht ruhig zusehen, wie das Zusämmenlchen der Polen urrd Juden von Grund aus. vergiftet wlld. Es ist eine der nöttgsten Aufgäben, dafür zu sorgen, ^dpß die nun einmal auf demselben Boden m enger wirtschaftlicher und politischer Gemeinschaft lebenden Bolksteile in ein Nr. 50 gedeihliches PerWtnis zueinander kommen.,.'-Es geht nicht,^^ daEdie Wien,IsMst zur Freiheit ge-, langt,! die Freiheit der anderen nicht vulden wollen'. Me. Polen müssen einsehen, daß eine gute. zukünftige Enüvicklüng ihres Landes (die ohstehiu go nug Hindernisse finden )vir!^ aufs schwerste ge-' fändet rst, wenn die bjMr^pde Fragst.'des polsti- .fchen Judentums nicht in freiheitlichem Sinne M regelt wird. Aber auch das Deutsche Reich hat ein beträchtliches. Interesse daran, daß die fürchterlichen Mißständr beseitigt und die Rechte nationaler Minderheiten garantiert werden. Das Ostjudentum ist dui;ch mancherlei Fäden mit dem deutschen Leben verbunden. Wie es.schon vor dem Kriege derHaupktr.äger der wirtschafllichen Verbindung mit Rußland' war, so wird -es dies nach dem Kriege wiederum sein, es wird außerdeni für die gar nicht leichte Aufgabe, Polen wirtschaftlich, den Mittelmächten anzugliedern, wertvolle Hilfe leisten. . ' Deutsche Offiziere und Beamte, die im allgemeinen einer besonderen Vorliebe für polnische Juden nicht verdächtig .sind, sprechen mit mehr Achtung.voy ihnen, als man vielleicht erwarten könnte. Sie erkennen an, daß das jüdische Element für Wirtschaft und Händel unentbehrlich ist. Gewiß, es steckt — begünstigt durch die fürchterlichen Verhälttnsse eines dauernden Kriegsgebiets — in diesen! Handel noch! viel Unredlichkeit. Dies, ist aber zum größten Teil eine Fotze der allgemMen Unterdrückung: nehmt sie fort, und die Entwick-. lung -wird sich nach und Nach westeuropäischen Zuständen nähern. Es ist nicht uninteressant, daß der Berichterstatter der „Frankfurter Zeitung" ein ganz ähnliches Urteil in einem Bericht aus Kurland, fällt. In einer Artikelreihe über eine Reise durch Kurland-vom Dezember vorigen Jahres schreibt er u. a.: „Wer der dadurch,(durch die Revolution von 1905'i geschaffene Gegensatz, (zwischen Balten und Juden), verschwand doch sehr rasch wieder in den fotzenden Jahren. des, gemeinsamen Kampfes gegen das Russentum, und wo Stachssl zurückge- ° ' blieben waren, da sind sie ganz allgemein durch den heroischen Auszug der Juden bei der Vertteibung im jetzigen Krieg beseitigt worden. Dir währe Heldengröße dieses Auszuges hat einen tiefen, unauslöschlichem Eindruck auf den deutschen Bürger und Edelmann gemacht, und wo man heute vom Juden spricht, geschieht es in ehrlicher Betrübnis, daß das tüchtige und solide Handelselement fehlt und dem'Lande dadurch großer Schaden entstanden ist." ~ Es wird für die deutsche Verwaltung gewiß keine leichte Aufgabe sein, den schweren Mißständeu abzuhelfen, indes, das ist eine Aufgabe, der sie sich unmöglich entziehen kann.. Auch, sie begeht manchen Fehler, meist aus Unkenntnis der Verhältnisse, selten aus bösem Willen. Aber Mes müßte sie sich grundsätzlich sagen, daß man nämlich auf dem Wege strenger Verordnungen, die für die Verhältnisse der Heimat passen mögen, nicht eine Bevölkerung, die bis, dahin das Gegenteil gewöhnt war, in richtige Bahnen bringen kann. Hier muß langsam begonnen und aur Vorhandenen angeknüpft werden, nur so läßt sich Ersprießliches erreichen. Wenn man Altgewohntes Mfach um- , stülpt, so ordnet man garnichts oder doch nur scheinbar. Man verwirrt die Bevölkerung, und stellt im besten Falle alles auf den Kopf. Gute Kenner des Lcmdes behaupten, dätz auch für die Beschaffung der Ernährung und sonstiger Gebrauchsgegenstände des Heeres viel mehr erreicht worden wäre, wenn man die getroffenen Bestimmungen den vorhandenen Zuständen besser angepaßt und sich der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel geschickt bedient hätte, denn . für die wirkliche -Durchführung aller Vor-- schristen fehlt es! in Polen von voricherein an pen nötigen, Beamten. Und gerade die jüdische Bevölkerung, He bereit und in der Lage gewesen wäre, der BernÄtung gute Menste zu leisten, hat die Härte.vieler Maßnahmen infolge der nun einmal vorhandenen Berufsgliederung Änd der allgemnnen sozialen Verhältnisse» doppelt und dreifach gespürt. . Wasfür diese Bevölkerung vor allem nottut, sind jüdische Beamte. EbensogM wie man Dutzende von deutschen Polen als Beamte in das besetzte Gebiet geschickt hat, so muß man eine der jüdischen Volkszahl entsprechende Menge jMscher Beamter, die, jüdisch wirklich'verstehen, ngch Polen senden.. Sowert mir bekannt ist, gibt es deren heute kellr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.