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Neue jüdische Presse · 1916-12-22 · Heft 49 (22.12.1916) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 49 (22.12.1916)
Date
1916-12-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. 1^:1!. Bodehan, Herrenschneider ■ Frankfurt a. Main, FriedensstraiBe No. 1 , Telephon: Römer 3650. FlMSTfi 1SAS§-SCHNEIDEBEI. ■ Auf Wnnsch’koschere Verarbeitung. „Woher' aber nehmen Sie die Befugnis, die Mädchen zu schlagen? . Gehört das mit zum Ordnung- Hallen?" ' „Ha, ha, ha!" wieherte Marcell und wandte sich an feinen Breiter, „der will, daß ich ihn um Rat frage, ob ich eine dieser schmierigen Judendirnen durchbläuen soll? Ha, ha, ha!" Marcell und sein Freund wandten dem Fragenden den Rucken und gingen weiter. HL „Der Wächter geht!" erscholl es unter den Hökerinnen, „schnell, weicht zur Seite!" Wer nicht alle waren imstande, so schleunig Von der Stelll zu kommen, und Marcell richtete im Bor- Äbergehen eine wahre Verheerung unter den Waren an, indem er bald einen Korb umstieß, bald einen Topf oder Krug zertrat, während die Verkäuferinnen jammerten und fluchten: „Ach, meine Bohnen! daß Gottes Fluch den Mörder ereile!" „Daß ihn die Hölle verschlinge!" Jttzwischen wandte sich der Hüter der Ordnung bald fln die «ine, bald an die andere der Verkäuferinnen und forderte seinen Tribut. > „Ehawa, etwas trockene Bohnen will ich!" „Ich habe Dir ja heute schon zweimal gegeben!" „So gib mir zum drittemnal!" Er rmhm sich eine Handvoll Bohnen, während die Verkäuferin zischte: „Daß Du daran erstickest!" „Sarah, gib mir einen Apfel!" „Mörder, was ist Heute mit Dir los! Meine Aepfel kosten zwei Kopeken das Stück," wehrte die BeMuferin. Wer Marcells Faust sauste auf ihren Kopf nieder mit einer Wucht, daß ihr jede Lust zum Widerstand verging. „Zwei Kopeken-Her!" sagte Marcell zu einer Frau, die an einem Korbe mit Eingeweiden und Fleischabfällen saß. „Du Hast ja heute schon bekommen!" > „Zwei Kopeken Hier, sonst jage ich Dich fort von hier!" „Daß Du sie zum Arzte Hintrügest!" lohnte ihm die Beraubte. „Dummes Weib!" lachte der Wächter. „Marcell' war niemals krank. Ho, ho, da würde ich schön ankommen, wenn es mir einfiele, krank werden zu wollen; mein Magdalenchen, der Teufel hole sie, würde mir das Genick brechen. Ja, ja, Anton, Du kennst meine Magdalene nicht, aber Äh kenne sie." Auch an den übrigen Verkäuferinnen vorübergehend, blieb er nicht müßig. Von einer jeden forderte er seine Steuer, vier, fünf Kopeken, zuwellen aber be- *grüigte -er sich mit einer einzigen. Dabei stieß er die Frauen nach allen Sellen, zertrat chre Körbe und Schusseln und setzte ihnen nach, wenn sie davonliefen. „Fischerinnen!" rief eine Obsthändlerin zu den FischverkÄlfermnen hinüber: „er geht!" „Der 'Wächter geht, er will uns fortjagen!" „O, Gott, der Räuber kommt schon wieder!" „Er Hat doch vor einer Stunde sein Geld bekommen!" „Ich fliehe, bevor er kommt!" „Nein, ich -rühre mich nicht von der Stelle! Ich habe noch heute keinen halben Rubel verdient, und meine Kinder sind Hungrig!" ,/Leah, warum bleibst Du? Laß uns fort!" Wer Leah' saß wie angenagelt, sie vernahm weder die Stimme der Ruferin, noch den Lärni und das Getöse um sie her. Sie saß in Gedanken versunken zwischen, den beiden Fischkörben, die zu ihren - Sellen auf der Bank standen und Hatte die Augen auf den Boden geheftet. Sie saß hier inmitten des Gewühls der Straße, aber ihr Geist wellte anderswo, zu Hause am Krankenbette des Mannes. Soeben war sie gebrochenen : Herzens von dort zurückgekehrt, denn er war sehr geschwächt, so daß er kaum ein Wort hervorzubringen vermochte; er. war leichenfahl und atmete schwer und kurz. Die ihm dargereichte Suppe, konnte er nicht genießen... ja, einen so schweren Tag hatte er sell seiner Krankheit noch nicht gehabt. Wie sehr wüchchte sie in diese»! Momente an seiner Statt krank zu sein, wenn er nur gcswid würde! Sic stand an fernem Bette und betrachtete sein abgezehrtes Gesicht iurd mußte chre ganze Willenskraft aufbictcn, um den Frankfurter Israelitisches Familienblatr. Tränenstrom zurückzudämmen, der aus ihren Augen hcrvorznbrechcn drohte, sie fürchtete, ihn dadurch noch mehr zu betrüben. Er aber ließ keinen. Klagelaut vernehmen, er seufzte nicht einmal, sondern hob seine bekümmerten Augen zu chr empor. Dann ergriff er ihre Hand und flüsterte: „Leah, es schneidet mir ins Herz... Du frierst den ganzen Tag draußen, heute hast Du noch keinen Bissen gekostet... ich kann dem Leid der armen Kleinen nicht zusehen... sie vergehen vor Hunger... gib doch nach... bringe wich ins Spital!..." Leah zuckte bei diesen Worten zusammen und antwortete sanft: „Nicht doch, Salomon, fördere dies nicht von mir. Ich will eher sterben, als Dich im. Spital wissen. Gott wird uns schon Helfen!" — Dann überkam ihn ein leichter Schlaf, und sie freute sich sehr darüber, denn er hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen. Aber die Kinder stimmten ein lautes Weinen an und riefen nach Brot. „Sttlle doch, Kinder!" schalt die Mutter „wecket nicht den Vater! Sehet Ihr denn nicht, wie krank er ist? Ich bin auch hungrig und mache keinen Lärm. Bald gehe ich hinaus, und wenn Gott mir gute Losung schickt, kaufe ich Euch Brot!" - Wer die Kinder waren von diesen schönen Aussichten nicht gesättigt und weinten noch lauter, so daß der Schlafende sich regte. Ergrimmt stürzte sich Leah auf die Kinder und schlug sie herzlos; die Kleinen wurden eingeschüchtert und blieben mäuschenstill; aber gleich darauf empfand die Mutter bittcrn Schmerz jüber ihre Grausamkeit... sie sind ja noch so klein, Haben sich an den Hunger noch nicht gewöhnt... Leah wandte sich ian das Fenster und weinte bluttgc Tränen: „O, Gott, strafe mich, aber nicht meinen, armen Mann und die lleinen Würmer!" Dann trat sie auf die Kinder zu und suchte sie durch Liebkosungen und Trostworte zu beruhigen. Den Knaben küßte sie, setzte ihn auf das zweite Bett und bedeckte ihn mit einer alten Decke, und dem älteren Mädchen befahl sie, nicht vom Bett des Vaters zu weichen, da er jeden Augenblick erwachen und etwas verlangen könnte, während sie selbst auf die Straße gehen wollte, um ihnen Brot zu bringen. Da erwachte der Kranke und winkte, daß sie näher trete. „Leah," sagte er ganz flüsternd, „meine Tage sind ge- - zählt, bald werde ich vor Gott stehen!" — Leah war kreidebleich geworden, aber sie suchte sich zu beruhigen und sagte gepreßt:- „Nicht doch, Salomon, hege nicht solche düstere Gedanken! Du lästerst Gott! Gott wird Helfen!" — „Laß mich zu Ende reden," unterbrach er, „Wenn ich tot bin, Leah, so trauere nicht!... eine schwere Last wird durch..meinen Tod von Dir und den Kindern genommen sein... Euch wird der Ertrag Deines Handels * hinreichcn... Sei getrost, Gott - ist ein Vater der Waisen und ein Richter der Witwen, er wird Euch nicht verlassen!" Leah konnte sich nicht länger beherrschen, ein Tränenstrom brach aus ihren Augen. Da kam der Arzt und beruhigte ihn, daß die heutige sonderbare Schwäche ein Symptom der Besserung sei. Aber draußen erklärte er der Frau, daß der Kranke in Lebensgefahr schwebe... er benötige eine kräftige Weinsuppe, um sich etwas zu stärken. Er riet ihr, sich an den 'Vorsteher der „Bikkur- Eholem" zu wenden... Wie konnte sie sich dazu entschließen? Sell anderthalb Jahren ist der- Mann nicht aus dem Bette gekommen, und sie hat bisher keine Unterstützung für seine Pflege angenommen... Solle sie heute den Vorsatz brechen? Der Wein ist zwar sehr nöttg, aber wie kaim sic das? Zeit chrcs Lebens hat sie ja nie eine Unterstützung angenommen, sie kann keine Unterstützung aünehmcn, besser der Tod als betteln... Nein! beschloß sic fest, Gott wird - schon Helfen lmLssen, aber die öffentliche Wohltätigkeit iwill sie nicht in Ansprüch nehmen; auf dem Markte wird ihr Gott güte Kunden schicken, und sie wird den Wein für eigenes Geld kaufen... Sie sitzt hier, und wie sehr möchte sic jetzt zu Hanse sellr, um nachzusehen, wic's ihm geht, wie möchte sie bei ihm wellen, aber sie muß.ja hier sitzen, auf Losung Harren. * x Aber nun sitzt sie schon mehr als eine Stunde zwischen ihren zwei. Körben und hat erst sechs Kopeken gelöst. Die Kinder sind hungrig, auch Salomon wünscht gewiß einy Erquickung, und in der Stube ist nichts. Der Wein, ja, der wurde ihn gewiß laben. . . „Barnrherziger Vater!" jammerte es in ihrer Seele. „Warum strafst Du uns so hart? Warym JBE. Wiere, Optiker, Liebfrauens.tr. ]. Brillen, Plncenez, Operngläser, Feldstecher) in - jeder ' opt.-mechan. Spielwaren' / Preislage Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Laterna-Hagica, Kimmatographon etc. " Nr. 49. ALLE REPARATUREN an UHREN Gold und Sllberwaren, Brillen und Zwickerschüttest Du auf uns Deinen ganzen Zorn ans? Wenn Du von mir Dein Antlitz gewendet hast, warum ist Dein Erbarmen von meinem Manne,' der doch ein wahrer Heiliger ist, gewichen? Und was haben meine zwei lleinen Würmer verschuldet. Der Maggid hat zwar in seiner Predigt gesagt, daß diese Welt den Sündern Vorbehalten sei, da sie an der zukünfttgen Welt keinen Anteil haben; dagegen müssen die Frommen in Kummer durch diese Well gehen, um dafür in der zukünfttgen die Glückseligkeit zu genießen. Auch mein Salomon pflegte mir das immer zu sagen. Aber, auch diese Well ist ja eine Welt, und es ist bitter, darin so viel Leid zu tragen, so viel Not und Kummer zu erdulden... Ich begehre ja keinen Reichtum, keinen Ueberfluß, nur das trockene Brot für meinen Mann und meine Kinder, sogar mll der Ärnmt würde ich zufrieden sein, wenn nur mein Mann gesund wäre." „Leah!" erklang plötzlich die rauhe Stimme des Wächters, der seine Hand stuf ihre Schulter gelegt hatte, „Leah, geh nur, sammle für mich die paar Groschen, wie gewöhnlich! Zwanzig seid Ihr, also bringe mir vierzig Kopeken^ Hörst Du?! Zwei Kopeken vom Stück." In Leah kochte das Blut. Was will dieser Schurke heute noch? Zweimal hat er. heute Geld bekommen! Eine neue Plage erwächst ihr zu ihrem früheren Leid! Da liegt der Mann totkrank in der Stube darnieder, sie selbst und die Kinder sind hungrig, und dieser Nimmersatt hat kein Erbarmen. Sie wartet sehnsüchtig auf einen Kunden, um für den Erlös etwas Wein kaufen zu können, und rvie zum Trotz hat sie beinahe nichts verkauft, und da kommt dieser Schurke, Geld zu fordern; wo soll sie cs hernchmen? Da verlangt er, daß sie für ihn sammle, ivährend cs ihr im Kopfe wie ein Mühlrad herumgeht und ihr Herz!zu zerspringen doht. Nein, diesmal sammelt sie nimmer, mag da kommen, was da wolle. „Räuber!" schrie Leah, „Du hast ja schon heute zweimal Geld bekommen! Was willst Du noch?" „Jenes Geld hat mir Magdalena abgenommcn, daß der Teufel sie hole! Jetzt ist mir die Kehle trocken, , und ich lechze nach einem bißchen Branntwein." „Säufer! Trunkenbold!" schrie eine andere Verkäuferin „wann lechzest Du nicht nach Branntwein? Ein Meer würde Dir ja nicht genügen." „Genug geschwatzt, Weiber! Das Geld her!" rief der Wächter in befehlendem Tone. „Das letzte Mal hast Dü hoch und heilig versichert, daß Dü uns in Rühe lassen wirst. Wo ist Dein Wort, Mörder?" empörte sich jene. „Also, wirst. Dü mich nicht für einen. Mann von Wort Halten, närrisches Weib!". höhnte der Wächter, dann wandte er sich än Leah und rief: „Rasch, Leah, mach Dich auf und bringe mir mein Geld zusammen!" „Laß mich in Ruhe!" flehte Leah. „Plage sie nicht, ihr Mann ist gefährlich krank!" bestättgte Sarah, die unweit von Leah saß. „Nun, so jage ich Euch alle fort von hier. Ihr wißt, hier dürfet Ihr nicht sitzen." „Ich werde Dir diesmal das Geld einsamnieln," rief Sarah'. „Gut, aber Dü, Leah," drohte ihr Marcell mit dem Finger, „sollst es bereuen." „Wirst Dir uns heute aber auch fortan in Ruhe lassen, Marcell?" fragte Sarah. „Bei Gott und allen Heiligen!" schwor Marcell, indem er die Hand zum Herzen erhob, „heute dürfet Ihr den ganzen Tag ungestört sitzen." „Frauen, Frauen," wurde Sarahs Sttmme hörbar, „gebt für den Saufbold zwei Kopeken, zwei Kopeken für den Mörder, für den Räuber, zwei Kopeken, daß ihn Gottes Faust niederstrecke." „Ich gebe keinen Heller," rief eine, „ich habe noch heute keine zwanzig Kopeken verdient." „Ich kann nur eine Kopeke geben!" rief eine andere. „Ich gebe nichts, .Habe schon Heute zweimal gegeben!" „Nehme ich denn das Geld für mich?" schrie Sarah entrüstet, wenn Ihr nichts geben wollt, gut, machet es mll Marcell ab." Im Nu war das Geld beisammen und verschwand in Marcells Tasche. Ein Mädchen trat auf Leah zu und kaufte, bei ihr Fische für vierzig Kopeken. Leahs Züge erhellten sich Welch ein Glück! Für dreißig Kopeken wird sie Wein für den Mann kaufen; der Händler kennt sie und

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