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Neue jüdische Presse · 1916-12-22 · Heft 49 (22.12.1916) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 49 (22.12.1916)
Date
1916-12-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr- 49 Frankfurter Israelitisches Familierrblatt. Seüe ö den, wenn nicht der Krieg die häuslichen Verhältnisse U verschlimmert hätte. Es blieb nichts anderes übrig, D als die blinde und gelähmte Frau in einem Heim unter- W zubringen. ' . ’ Sie fand dort Aufnahme, und so märchenhaft, wie die ganze den Tatsachen entsprechende Erzählung wohl klingen mag, so märchenhaft war dort ihr Aufenthalt. Ihre Gedanken, die so ganz noch zu Hanse weilten, sie - fanden sich noch mehr zurück iu die Zeit ihrer Jugend, in der sie mitten bei den Eltern und Geschwistern weilte. Klangen ihr doch hier die altgewohnten Sabbatlieder entgegen, — und wenn die Lichter entzündet wurden, ';: und ein inneres Ahnen diese leuchten sah, dann verklärte! sich ihr Angesicht voll Freude. Nirr wenige Wochen war ihr und denen, die sie lieben lernten, das Sabbatglück vergönnt. Ein sanftes Hinüberschlummern zu den Engeln des Friedens erlöste „ sie von allem Erdenleid. Rosa Dobris war /nicht mehr. Literarische Chronik. I. B. Lewner. ' Bor einiger Zeit verschied im Alter von 55 Jahren in Lugansk der bekannte jüdische Pädagog und Schriftsteller Israel Lewner. Seine Hauptbedeutung in der 7 hebräischen Literatur liegt in seinen Schriften für die jüdische Jugend. Besonders populär ist fein Haupt- ,s, werk ,Lol agodaus jisroel" (Alle Legenden Israels) .y‘- geworden, das auch in europäischen Sprachen übersetzt wurde. Ferner siild die unter seiner Leitung erschienenen Kinderjournale von Bedeutung, in pädagogischer und erzieherischer Hinsicht. Zuletzt redigierte Lewner zwei Jugendschriften „Juni Jsrail" und „Haprachim", von denen das letztere durch, das Verbot der jüdischen Presse in Rußland betroffen wurde. Lewner war ein Mann von sehr lauterem und vornehmem Charakter und genoß großes Vertrauen . unter den russischen Juden. Ehre seinem Andenken! Wird ihr auch für die geringe Summe guten Mein verkaufen) da., es für einen Kranken ist — der Rest Kopeken, .heu sie schon von früher in der Tasche hat, wird für Brot für sie und die Kinder reichen; einige werden zur Bereitung des Sabbat dienen. „Siehst Du, Anton!" rief der Wächter, als er das Geld aus Sarahs Hand in Empfang genonrmen und deutete auf das Vierzigkopekenstück, das Leah erhalten hatte: „gleich wird die Münze in meiner Hano sein. Die verfluchte Jüdin muß für ihren Starrsinn büßen, daß sie mir heute das Geld mcht sammeln wollte." ' „Zeige doch die Münze her! Mir scheint, sie ist falsch," wandte er sich an Leah.. LeaH zuckte zusammen und erblaßte. „Nein, warum soll sie gefälscht sein? Sie ist echt!" stotterte sie verwirrt und suchte die Münze zu verbergen, aber Marecll riß sie ihr gewaltsam aus der Hand, betrachtete sie mit Kennermiene von beiden Setten. „Gefälscht! Eine falsche Münze! Zur Polizei mußt Du!" „Aber ich Habe sie ja soeben von einem Mädchen bekommen," . suchte Leah einzuwenden. „Geht mich nichts an, von wem Du sie bekommen. Das wirst Du schon auf 'dem Polizeigericht Nachweisen!" donnerte der Wächter. Das Wörtchen „Polizei" wirkte auf Leah betäubend. Niemals tvar sie mit diesem schrecklichen Ding in Berührung gekommen, und sie stellte sich darunter ein Ungeheuer vor, welches alle verschlingt, die in seine Nähe geraten; sie verlegte sich aufs Bitten. „Lieber Marecll, lass' doch ab. Du bist ja ein guter Mensch, weshalb willst Du mich ins Unglück stürzen- Du weißt ja/.unrein Mann... meine Kinder," flehte Leah mit gebrochener Stimme. „Nein, nein. Marcell ist kein guter Mensch! Zur Polizei!" „Nimm zwei Kopeken und lass' mich in Frieden!" „Zur Polizei!" „Vier Kopeken." „Zur Polizei, verdammtes Judenweib! Rasch." „Hier sind sechs Kopeken." „Gut. Aber die Münze bekommst Du nicht wieder, wett Dusie sonst Jemandem für echt geben könntest. Die Münze werfe ich in den Fluß." Leah schrieauf, lote von einem Dolche getroffen und heiße Tränen rannen ihr über" die Wangen. „Was soll ich beginnen, was soll ich beginnen. Die Kinder, mein Mann!... O Gott, 0 Gott!" Die Umstehenden nahmen an Leahs Mißgeschick tiefen Anteil, und Marcell entfernte sich mit seinem Begleiter und sagte: „Diese Münze gefälscht! Ha, ha, ha! das dumme Weib. Ich wollte, ich hätte einen ganzen Scheffel solcher falscher Münzen." Kaum hatte sich der Wächter entfernt, als sich an der Wiegung der Gasse der Viertelrichter zeigte. Er schrüt gemächlich auf den . Ort zu, wo die Fischweiber saßen. Marcell eilte' schnell voraus und schrie aus voller Kehle: ' „Macht Euch schnell aus dem Staub, Weiber, der Biertelrichter kommt!" „Räuber, Mörder!" scholl es ihm wütend entgegen, „soeben hast Dü ja Geld genommen! Du hast ja geschworen, uns heute nicht mehr zu quälen! Geschworen hast Du ja!" „Der Viertelrichter kommt! Fort von hier!" schäumte Marcell, ohne auf den Lärm der Weiber zu achten und breitete seine Arme aus, wie Jemand, der- Schafe oder Gänse vor sich herjagt. . „So habe doch Erbarmen mit uns! Wir haben heute noch gar nichts gelöst!" „Ich kann Euch nicht helfen! Schnell! Fort!" „Wir i Ähren uns mcht von der Stelle! Wir bleiben hier!" „Ich weiche nicht, und wenn Du mich totschlägst!" rief Leah in dumpfer Verzweiflung. „Verdammte Judeilbrut! Du tvagst es. Dich zu widersetzen!" tobte der. Wächter ganz rot vor Zorn und riß den einen von.- Leahs Körben zur Erde, so daß die kleinen Fische nach . allen Setten hinslogcn; die Dank, auf der Leah saß, schleuderte er hefttg gegen die Wand, daß sie in Stücke' flog. (Fortsetzung folgt.) Channkkah! Was brennt ihr so friedlich^ so still, so schlicht? Ihr lieben Chanukkah-Kerzen? Wißt von der Erde Leid' ihr nicht. Von ihren Wunde» utib Schmerzen? Wißt ihr nichts von blutigem Völkerringen, - Von Hader, Haß, von Kampf und Streit? Wißt ihr nichts von Siegen und Gelingen, Von Sorgen, Not und schwerer Zeit? — Ihr Jtammct so hell in jedem Jahr, Erfüllet mit freundlichem Glanze.das Zimmer, So schienet ihr, da es noch Frieden war. Mit diesem gleichen, frohen Schimmer. Schon oftmals leuchtet' ihr in schweren Tagen, Wenn Israel rang mit schwerem Geschick. Und wollten wir mutlos, ' ratlos verzagen, Ihr "spendet stets uns Frieden und Glück. Drum brennet friedlich, still und schlicht, Ihr lieben Chanukkah-Kerzen, Euer schönes, ruhiges, freundliches Licht, Dringt erquickend in uns'rc Herzen. Und wenn nms Jahr mit hellem Schein, Die Lichtlein wieder glänzen. So ist, wenn der Himmel uns gnädig wird sein. Der Friede in nnsern Grenzen. R. Maas. Die Lebeusgeschichte einer jüdischen Blinden. Von H. S. Verwalter. Es war Freitag Abend — in der kleinen lichterfüllten Anstaltssynagoge war der Gottesdienst zu Ende. Was diesen Gottesdienst so weihevoll umgab, war besonders die andachtsvolle Stimmung, in die er jeden versetzte, eine Stimmung, in der das Leid den Weg suchte, sich emporznringen aus allen Fesseln. Nicht die Abhaltung des Gottesdienstes allein vermag uns den Halt zu geben, den wir bedürfen, sondern es müssen Gefühle erweckt werden, die unser Streben nach Gutem und Edlem in unser Wirken in der Häuslichkeit und im allgemeinen mit hinübernehmen und uns die Kraft geben. Schweres zu überwinden. — Diese Gedanken bewegten mich, als ich am Schlüsse dieses herrlichen Gottesdienstes einen Gang durch die Räume machte, die soviel Leid bergen. — In einem der mit viel Liebe umgebenen Räume, in denen überall Sabbatstimmung herrs:te, lag halb verkrümmt in ihrem Bette ein Frauchen, blirrd und gelähmt! — So herb, so entsetzlich diese Worte klingen mögen, man merkte kam» etwas davon. Die Sabbatlichter brannten, und um das Krankenlager herum' saßen oder standen Leidensgenossinaber das Leid war nicht sichtbar, es verschwand unter der Weihe des Augenblicks, denn die Engel des Friedens schwebten leise und selig in dem Raume. Scholaum aleichem, Walachei Haschores: der. Sabbatfriede, er hielt seinen Einzug, und die Kümmernisse der Menschen und die Sorgen der Tage und der Jammer der Zeitsic konnten ihm den Eingang nicht verwehren. Verklungen war der Gesang. Ich setzte nrich ans Bett dieser Frau und hörte die Geschichte ihres Lebens, so merkwürdig, so seltsam, dgK es mir wie ein Märchen dorkam. Sie stammte aus einer jüdischen Gelehrtenfamilie; dort in Polen, wo noch der Geist der jüdischen Lehre so ganz die Menschen erfüllt, daß. sie von allein Weltlichen sich weit entrückt' fühlen, ward sie geboren. Vierzehn Kinder zählte die Familie, als plötzlich eine Seuche zehn davon hinwcgraffte. Sie selbst rang ebenfalls in ihrem 5jährigen Mter mit dem Tode, und der Vater, der berühmte Rabbi des s-Ortes, beraumte genieinsam mit den anderen Gelehrten einen Fasttag an, um das Unglück, das die Familien getroffen, abzuwenden. Und der 'Tod, der so' reiche Ernte in kurzer Zeit gemacht hatte, er hielt inne. Mit den anderen Erkranikten im Orte ward mich die Tochter des Rabbi gesund. Aber während die anderen unversehrt den: Leben zurückgegeben wurden, ward dies dem Kinde nicht vergönnt, denn. es verlor bei der schweren Krankheit sein Augenlicht. Wenn sonst vielleicht die so schwer Betroffene:» in Klagen gegen das Schicksal ausgcbröchen wären, hier zeigte es sich, daß, der ewig sprudelnde Quell unserer Lehre den Kmnmcr hinwegznwischcn vermochte, der dem Hanse bereitet wurde. Das Kind wuchs auf, umgeben von der Liebe der Eltern, und es lernte die Welt erkennen gleich einer Sehenden, denn es cntpfand, daß nicht der Körper den Menschen zu dem macht, tvas er ist, sondern daß die Seele es ist, die ihn über das Irdische hinweghebt. Ein Waisenknabe, der im Hause erzogen wurde, ward sein Spielgenosse, und als die Jahre vergingen und aus dem Kinde eine Jnngftan geworden, da nahm der zum Manne herangewachsene Waisenknabe dieses Mädchen zu seiner Frau. Und diese blinde jüdisch: Frau ging in der Pflichterfüllung genau den Weg . der Sehenden. Wenn der Manu von Des Werktags Mühe Freitag abends in fein Heim zu rückkehrte, da fand er den Tisch gedeckt, den Wein fiir den Kcddnsch, und die Sabbatlichter erfüllten in ihrem Glanze seine Häuslichkeit. Und ihm zur Seite stand, die Frau, das Angesicht .verklärt, als ob sie . das ihr fehlende Licht ihm doppelt ersetzen wollte. Jahre vergingen. . . die Eltern starben, und die Verhältnisse brachten cs mit sich, daß die Familie, der inzwischen fünf Kinder geboren waren, nach Deutschland ziehen müßte, und dort fanden sie dank der Hilfe edler Menschen ihren Erwerb. — Leider suchte nach einiger Zeit ein größeres Unglück die Familie heim, indem . die Frau einen Schlaganfall erlitt und hierdurch gelähmt wurde. So arg solches einen Menschen erschüttern könnte, diese Frau in ihrer Gottergebenheit sah cs als eine ihr bestimmte Fügung an. .Und so wäre mich dieser Schmerz mit der Zeit überwunden wor- Literarische Notizen. - Gebete bei Leichenbegängnissen. Znsammengei> stellt und herausgegeben von Max Schwager, Mit- / glied des Chores der israel. Kultusgemeinde Wien. Zu beziehen ans dem Selbstverläge des Herausgebers, Wien, 2. Bezirk, Zirkusgaffe 50. 63 war ein guter Gedanke, den Funktionären bei - : Leichenbegängnissen ein Handbrich zu bieten, welches von \ dcn Kantoren als längst unentbehrliches Manuale mit ' Freuden begrüßt werden wird. Dem Kantor, welcher bet. Leichenbegängnissen die üblichen Gebete zu verrichten hat, . 4 wird das Büchlein ein unschätzbarer Behelf sein, in jvelchenr das ganze Rituale fiir Leichenbegängnisse in der 4! entsprechenden Reihenfolge beisammen zu finden ist. / Sehr wertvoll wird das Büchlein dadurch, daß der Heraus- . geber. dieser Gebetsammlung die kantoralen Rezitationen. | Responsen und Chorgesänge bei Leichenbegängnissen, einen -I der eindruckvollsten und schönsten kompositorischen Gaben 1 des unvergeßlichen Altmeisters Saloinon Sulzer nn- / sterblichen Andenkens angeschlossen hat. Die Auswahl - der'Gebete, rmd zwar: Haznr tvmim, Psalm 49, Menuchoh, nechannoh, Jauschew, bessesser. Schiwisi, Gebet vor dem - Verlassen be3 Grabes (hebräisch und deutsch), Michtom x ' lcdowit, Kaddisch, vor dem Verlassen der Halle „El mole rachämim", welchem ein Anhang der Gesänge, kantoralen 4 Rezitattonen und Chorgesänge mit einem wohlgetroffeneu i Bilde des Professor Saloinon Sulzer mit dessen Unteri schrist Faksimile, begegeben ist, beweist, daß der Heraus- ' geber, dem eine langjährige Praxis zu ^Gebote steht, nnrklich das Richtige getroffen hat und es ist kein Zwei- , sel, daß Kultusgemeinden und Kantoren das Buch mit - Freuden begrüßen und durch den Bezug desselben die dankenswerte Arbeit des Herausgebers richtfertigen werden. Das Buch ist Dem Philantropen Herrn Salo Cohn, Präsidenten der Wiener „Chewra-Kadischa", gewidmet. Oberkantor Josef Heller. Moriaü. Monatsschrift für die jüdische Jugend in polnischer Sprache; Wien, Laudonstr. 8/32, jährlicher ‘ Preis 6 Kronen. Unter der Leitung Dr. Berkelhammers beginnt die monatliche jüdische Jugendschrist „Moriah", die bei Kriegsausbruch ihr Erscheinen eingestellt hatte, wieder! zu erscheinen. Einem Vorworte der Redaktion folgen > Beiträge von Martin Bnber: Was ist zu tun (Ein Brief an die „Moriah"); Dr. Finkelsteiu ein Auf- > satz über S. G. Frug; dessen meisterhaftes Gedicht: Ich ’ bin die Aeolsharsi. . . .; dann Adolf Stand: lieber die Monatsschrift „Der Jude"; Dr. I. Schipper: Das, polnisch-litauische Judentum und Palästina; Gedenktafel für die im Kriege gefallene jüdische Jugend; Biblio-! graphie. i Die interessanten Aufsätze Bnbers und Adolf Stands 4 sind in stark nationalem Sinne gehalten, wenn sie 3 auch Don verschiedenen Grundideen getragen sind. Unter den anderen Artikeln ragt besonders die treffende Charakteristik unseres großen Nationaldichters Frug von Dr. I! Finkdlstein hervor. Ueberhaupt hinterläßt die Lektüre der Zeitschrift, einen guten Eindruck und ist geeignet, für sie Freunde zu werben. Riwkes. M.» 101 praftische Lebensweisheiten. Im Selbstverlag des Verfassers (Berlin). Das Büchlein enthält teils gute teils höchst mittelmäßige Lebensweisheiten und Sprüche, die manche interessieren dürsten. ~

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