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Neue jüdische Presse · 1916-12-22 · Heft 49 (22.12.1916) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 49 (22.12.1916)
Date
1916-12-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 fr ft- U rj ■ I ff. 1: Ü-. \h- W; : II gegenüber dem General-Anzeiger Vornehmes Familien-Kaffee Nachmittags n. Abends Konzert. "MI der «m» besten mit dem Mort eines passiven Burgfriedens zu belegen ift So ' dankbar die hier als bekannt vorausgesetzte Tätigkeit der einzelnen jüdischen Organisationen anerkannt werden soll, so sei die Frage aufgeworfen, ob dies bisherige System des Burgfriedens den Interessen der jüdischen Gesamtheit Deutschlands gerecht wird. Zu Beginn des Weltkrieges, als man auf seine kurze Dauer hoffen durste, mochte eine solche gegenseitige Duldung genügen; aber die Länge des WeltMeges allein würde es als unratsam erscheinen lassen, bei diesem System des passiven BurgfriÄens zu beharren, auch wenn nicht zwei bcklagenÄverte Vorkommnisse aufs krasseste die Unhaübarkeit des bisherigen Zustandes gezeigt hätten. Das erste dieser beider: Ereignisse war der .Bescheid des preußischen Kriegsministeriums an den zweifellos um die jüdische Gesmntheit wohl verdienten jüdischen Gemeindebund, daß, er auf Grund der Angabe einer anderen jüdischen Organisation nicht als autorisiert angesehen werden könne, im Namen der deutschen Judenheit bestimmte Wünsche zu vertreten. Dre Tragweite dieser Entscheidung konnte durch nichts besser beleuchtet werden, Äs daß die deutsche Regierung den polnischen Juden , im Rcchmen ihrer neu gewählten Gemeindeverfassung in Form des ,-obersten Rats" eine solche autoritative Vertretung zuerkannte. Mag diese oben angeführte Entscheidung mit ihren Konsequenzen für die genannte. Organisation und für alle recht schmerzlich gewesen sein, die sich mit jüdisch-politischen Fragen befassen, so hat ein anderer Vorfall öffentlich, und wohl in allen jüdischen Lagern mit erschreckender Deutlichkeit klargelegt, was für einen Schaden für die gesamte deutsche Judenheit die mangelnde Zusammenarbeit der Wischen Organisationen bedeutet. Durch die ganze deutsche Judercheit, vom linksstehendsten Liberalen bis zu den die Separation fordernden Orthodoxen oder der rEkalsten Zionisten, von der Allgemeinen Zeitung des Judentums bis zum Israelit und der Jüd. Rundschau geht ein einziger Sch,rei der Entrüstung über die der deutschen Judenheit angetane Schmach der „Judenzählung". Denn jeder deutsche Jude siehr in dieser Anzweiflung des Patriotismus der gesamten deutschen Judenheit eine schwere Beleidigung unserer zahlreichen auf dem Felde der Ehre gefallenen Brüder und unserer im Schützengraben kämpfenden Glaubensgenossen, und enchfindet diese „Judenzählung" als! einen Schlag ins Gesicht für die gesamte, deutsche Judenheit. Und welche gemeinsame Abwehr hat diese Beeidigung der jüdischen Gesamtheit hervvrgerufen? Herr Dr. Haas hat im Reichsbch eine würdige Rede gehalten, die jedoch, sicher mehr auf das Kdnto seiner privaten Anschauungen als auf eine Aktion der jüdischen Organisationen Deutschlands zurückgeführt werden darf. Deutlicher als alles andere zeigt dieser Vorgang, was uns fehlt und uottut, nämlich eine gemeinsame Instanz für die gemeinsamer! Interessen der gesamten deutschen Judenheit. Wie eine solche beschaffen .sein muß,, welche Aufgaben sie zu er- Wlen hätte, wie mit anderen Worten der bisherige paffive Burgfrieden in einen aktiven umgewarchelt werden soll und, muß, das soll im folgenden'in flüchtigen Umrissen ausgeführt werden. 'Versuche zu einer polnischen Autonomie nicht in den'Einzelheiten, wohl aber in 'manchen prinzipiellen der Verfassung entsprechenden Punkten sind in früheren Jahren vom deutsch-jüdischen Gemeindebünd wiederholt unternommen worden. Jedoch weder der Klausnersche Entwurf für eine Gemeindeverfassung her preußischen Judenheit, noch der spätere Rosinsche Entwurf gelängten zur Durchführung, und der letzte derartige Versuch! scheiterte im Jahre 1909 endgültig.' Die Gründe hierfür lagen vornehmlich in der Scheu der jüdischen Orthodoxie vor einer ZwangÄirganisation; von der sie die Möglichkeit einer Vergewaltigung aus kulturellem oder religiösem GÄiet befürchtete. Ob heute ein gleicher Versuch. Frankfurter Zsrarlitisches Familienblatt. . "Nr. 40 nicht ein gleiches Schicksal teilen würde, ist immerhin fraglich : aber nicht fraglich ist, daß aus!'praktischen, wie sonstigen Gründen, einem solchen neuen Versuch erst nach den: Krieg nähergetrcten werden kann. Aber nicht darum, um eine solche Organisation, so wünschenswert sie au sich, erscheint, kann es sich im Augenblick handeln, um der Forderung des Tages gerecht zu werden: cs handelt sich darum, ein geeignetes Organ zu schaffen, das diejenigen Zwecke verwirklicht, die von allen deutschen Juden übereinstimmend gewünscht und darum auch, von allen Mischen Organisationen, aber bisher unter Zersplitterung der Kräfte, verfolgt werden. ' (Schluß folgt.) Aus alter WeLI. Pole«. * Warschau, 13. Dez. Polnischer Antisemitismus. In der gestrigen StadtratSsitzung winde zum Schlüsse eine Petition jüdischer Handelsangestellter betrachtet. In diesem Memorial wird über die Zurücksetzung der Juden von städtischen Aemtern geklagt, und eine Aenderung des unerträglichen Zustandes gefordert. Ein polnischer Redner trat hierauf für die Abweisung dieser Petition ein, die, wie er sagte, fälschlich behaupte, der Magistrat halte systematisch jüdische Bürger von städtischen Stellen fern, während in Wirklichkeit die vorgekommenen Fälle mir durch einen Zufall (? D. Red.) veranlaßt seien. Er verwahre sich dagegen und verlange deshalb die Ablehnung der Petition. Als zweiter Redner meldet sich! ein Vertreter der „Volksgruppe", Prilutzki, zum Wort. Er widerlegt schlagend die Ansichten des Vorredners und mithin des Magistrats und fichtt als Beispiel folgende Tatsachen Mi: Im Magistrat befindet sich nicht ein einziger Jude, ebenso unter den einigermaßen bedeutenden städtischen Aemtern. „Und weisen wir", führt Redner ferner ans, „auf diese ungerechte Behandlung hin, so. wird uns gedroht — wie mich dünkt in dem Sinne — das polnische Volk würde uns, wenn wir iveiter ans unser Recht bestünden, einen Pogrom anrichtcn. Und ein Ratsmann hat die' Mcinnng geäußert, die jüdischen .Angestellten dürften laut ihres Prozentualverhältnisses . im Laildc nur 7 bis 15 Prozent der Stellen besetzen." Schließlich bemerkte Redner, es wäre demnach eine, große Unehrlichkeit, diese Tatsachen abzuleugnen und den bezüglichen Anklagen mit erheuchelter Unschuld entgegenzutreten.. Nun folgt eine antisemitische Rede eines Polen, in der die Behauptungen der' Volksgruppe als unberechtigt und grundlos zurückgewiesen werden. Darauf nimmt ein Redner der Assimilanten bas Wort. Seiner Meinung nach müssen sich, beide Gegner zu Konzessionen . bequemen. Cs wird — wie der Redner hofft — im künftigen polnischen Königreich, die Judenfrage dadurch gelöst werden, daß man den Juden vollständige Gleichberechtigung (d. h, keine nationale D. Red.) erteilt und dann zwischen ihnen und den. anderen polnischen Bürgern keinen Unterschied mehr macht. Die Sitzung wird nun, obwohl sich; noch mehrere Redner zum Worte eingeschrieben hatten, abgebrochen. □ Lodz, 15 Dezember. Die Wahlen zum Stadtrat werden hier von allen Serien eifrig vorbereitet. Auch seitens der Juden wird für die kommenden wichtigen Ereignisse Vorsorge getroffen. Es fanden sch-on mehrere . Versammlungen statt, als deren erstes Ergebnis die Begründung eines jüdischen sozialdemokratischen Wahlkomitees anzuschen ist. Jedoch es sind weit wichtigere Geschehnisse zu Melden. Denn in einer anderen Beratung, in der verschiedene jüdischen Bevölkerungsschichten vertreten waren, .wurde nach! kurzen Debatten eine Resolution angenommen, wonach' ein allgemeines jüdisches Wahlkomitee gebildet iverden wird. Darin sollen Vertretung finden: Ehassidim, Zionisten, Nationale Handwerker und Unparteiische, im ganzen 130 Personen.! Wie man hier vernimmt, wird die Plattform des Wahlkomitees nächstens misgcarbeitet werden und zwar auf Grundlage eines Kampfes gegen das Assim i l a n t e n t u m. Das Komitee must demgemäß auch alte Kräfte daransetzen, um in den Stadtrat nur solche Juden durchzubringen, die die jüdisch-nationalen, kulturellen und wirtschaftlichen Interessen stets verteidigen und "wahren werden. Die Errichtung dieses Wahlkomitees, das schpn seine Tätigkeit begonnen und eine Propaganda ausgenommen hat, ist durchaus zu begrüßen. Das Beispiel von Warschau hat 'hier also in der besten Weise gewirkt. Währenddessen haben die extremen und die Neo- Assimilantcn, den Mißerfolg ihrer Bemühungen um die Chassidim cinsehend, teils Unterhandlungen mit den Polen cingclcitet, .teils ein eignes, neo-assimilatorisches Komitee errichtet. Man darf den eigentlichen Wahlen mit berechtigten Erwartungen entgegensehen. Die jüdische Turn- und Sportbewegung. Die Tnrnbewegnng unter den Juden in Polen ge-; winnt stetig Boden. Der Gedanke findet starken Anklang, und die Anhangerzahl wächst. Zahlreiche Vereine sind schon gegründet, andere im Entstehen begriffen, "und die jüdische Jugend strömt in Scharen zu diesen Verbänden hin: Vielfach fehlt es an Turn- Geräten und -Räumen, doch! ist zu hoffen, daß. die« sem Mangel allmählich abgeholfen werden wird. Die. turnerischen Uebu.ngen werden regelmäßig, vorgenommen, und der Spchrt - rege, betrieben^ .Sowohl Knaben als auch Mädchen beteiligen sich eifiig daran und iverden so zu kräftigen und -von nationalem Bewußtsein durchdrungene Inden. und Jüdinnen auSgebildet und erzogen. Die Kommandosprache ist meistens hebräisch und jiddisch, wie. überhaupt hie Mehrzahl der Vereine in stark nationalem Sinne ~ geleitet wird. Am 26. Dezember wird in Lodz eine allgemeine Beratung der jüdischen Turnvereine in Polen stattfinden. (Die Ausbreitung der Tnrnbewcgnng unter den Inden Polens ist Überhaupt, für die jüdische Sache als bedeutend zu betrachten.' Die physische Auflebuna der polnischen Inden ist von großer Wichtigkeit für die gesamte Judenheit, denn dadurch ist 'ihnen die Möglichkeit gegeben, sich frei, physisch und geistig, zu entwickeln. Und ihr Nationalbewnßtsein erfährt so eine -Kräftigung und Stärkung, die für die jüdischen Zwecke jördernd wirken wird. Red.) DesterreichischeS Verwaltungsgebiet, 7.—14. Dezember. Die Wahlen zum Stadtrat in LubUu habe» begonnen. Der Wahlkamps ist jedoch schon entschiede» und zwar zu Gunsten des Assimilantentums, das durch einen schmählichen Verrat den Sieg über die jüdisch-nationalen und -demokratischen Elemente da- - vonzutragen vermochte. - ■ Die assimilatorischen und nationalen Kreise Lublins hatten sich (wie wir in' Nr. 47 berichteten), geeinigt und ein vereinigtes Wahlkomitee, das die Vertreter aller jüdischen Richtungen 'enthielt, gebildet. Kurz vor den eigentlichen Wahlen aber benutzten die Assimilanten ihre durch den Hinzutritt der Chassiddim gestärkte Stellung, die Bolksgrilppe zu äußerst wichtigen Konzessionen Ln veranlassen. Und ihre Bemühungen blieben nicht ohne Erfolg. Als schließlich die Nationalen ihre Forderungen auf ein Minimuni perminderten, da verletzten die Assimilanten die getroffenen Vereinbarungen aufs schnödeste, indem sie in zwölfter Sinirde ohne Wissen der Volksgruppe deren einzigen aufgestellten Kandidaten von der Liste strichen und so die Nationalen von den Wahlen gänzlich! znrückdrängten. .Die nationalen Inden Lublins, die mm gar keine Vertretung im Stadtrat haben werden, sind somit einer aussichtsvollen Verteidigung ihrer nationalen und bürgerlichen Rechte und Interessen vollkommen bar. Deshalb haben sie beschlossen, sich, zu den Wahlen passiv zu verhalten und nicht daran teilzunehmen. Auch ■ ■ in Petrikan war te der „Volksgruppe" unmöglich! geworden, eine eigene Wahlliste anfzustellen; denn eS wurde, nachdem die Ehasfidim in letzter Stunde ins Lager der Assimilantcn übergegangen waren,. völlig aussichtslos, eine Wahlkampagne zu beginnen. .So ist auch hier das Verhalten der Nationalen gegenüber den Wahlen gleichgültig und abweisend. Ganz anders wird der Wahlkampf in Radom geführt. Dort' haben -sich die Ehassidim in richtiger Erkenntnis der Lage entschlossen, mit den jüdisch^dcmokratischcn und -nationalen Kreisen zusammenzugehen und die Assimilanten zu bekämpfen. Diese haben sich, nachdem sie vergebens die Ehassidim auf ihre Seite herüberzuziehen versucht hatten, mit dem polnisch-demokratischen Komitee geeinigt und sichren jetzt einen lebhaften Kmnpf gegen das' 'vereinigte jüdische Wahlkomitee, das seinerseits eine große Arbeit und Propaganda entfaltet. Rußland. Eine jüdische Dep«tation7bei General Iwanow. Die russischen Zeitungen berichten, daß eine jüdische Deputation bestehend aus Rabbiner Mase aus Moskau. Rabbiner Zirelsohn aus Kischstnew und Rabbiner Uronsohn aus Kiew, die Stäbe der Hauptkommandeure Alexejew und Jwanoiv besuchten, um dahin zu wirken, daß in den Armeeil die Hetze gegen die jüdischen Soldaten aushöre. General Alexejew weigerte sich die Deputation zu empfangen. General Iwanow nahmsie höflich! auf und, nachdem er den Zweck ihres Kommens erfahren' hatte, sagte er mit mitleidiger Miene, er könne gar nicht helfen, da die jüdische Spionage eine bestätigte Sache sei. Es ist deshalb kein Wunder, wenn die Hetze in der judenfeindlichjen Presse Tag für Tagzunimmt und die ungeheuersten verleumderischen Beschuldigungen gegen die Juden borbringt. Der bekannte Schriftsteller Korolenko bemerkt am Schlüsse eines Artikels in der Zeitung „Nowi Put": „Die ruffischlen Juden befinden Ah jetzt gleichsmn in einem Lager von Feinden, die Feinde warten nur den passenden Moment ab, um den Juden eine Schlacht zu liefern. Zn der Schlacht bereiten vor die ,,Rnskoje Summa" und bie> „Semeztschina". A Petersburg, im Nov. Mangel an jüdischen Lehrkräften. Seit längerer Zeit machst sich in Rußland ein Mangel an jüdischen Lehrkräften fühlbar. Infolgedessen tritt in den jüdischen Schicken oft ein Stillstand im Lernen ein, das Studium verschiedener Lehrfächer wird vernachlässigt, -und es erwächst in geistiger Beziehung großer Schaden der russischen Judenheit. Deshalb hat. der Verein „Mesizey Haskalah" (Bildungsverbreiter) an manchien Stellen in Südrnßland Lehrerknrse eröffnet, unt so schnell wie möglich; Lehrer auszubilden. Zmn Eintritt in diese Anstalten bedarf es an Kenntnis der Beiden jüdischen Sprachen und ihrer Literatur, eines elementaren Wissens an Grammatik, sowie - der Bibel und der jüdischen Geschichte. ,

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