Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 45 (24.11.1916)
- Date
- 1916-11-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 gegenüber dem General-Anzeiger Vornehmes Familien-Kaffee PV* Abends Künstler-Konzert. 'VB gestern waren, die Demagogen und Antisemiten, haben das gxoße Wort, und sofern sie die Initiative» in Händ en haben, benachteiligen sie die Juden in gar zu schlimmer Weise? (Siehe unsere Nachricht aus Lublin in „Aus allen Welt.") Wohl" vernimmt man aud) für das jüdische Ohr wohlklingende Laute, so schreibt das polnische posenxr Blatt „Gazeta Narodowa" zur Frage der Stellung der anderen Nationalitäten im freien Polen folgendermaßen: „Das erneute Polen wird fortan zu der großen Völkerfamilie des Westens gehören, und deshalb je mehr wir uns nach den Maßstäben des Rechtes und der Gerechtigkeit ein-' richten, je mehr die Gebote der Humanität und Menschenliebe uitter uns herrschen werden, desto mehr werden wir in die Lage versetzt, unsere, Rechte dort zu beanspruchen, wo wir eine nationale Minderheit bilden, und somit fügen wir zu dem Ruf: „Es lebe das freie Polen!" einen zweiten hinzu: „Es lebe das Polen des Rechtes und der Gerechtigkeit?" Allein diese Stimmen sind einstweilen vereinzelt, und sie bieten uns keine Gewähr für eine zukünftige gerechte Behandlung der Juden Polens! Dies können einzig und allein nur die Zentralmächte, die Befreier und Zegenwartigen Verwalter Polens, und dies erwartet mit uns nicht nur die gesamte I u d e n h e i t P o l e n s (siehe Pressestimmen) sowie der übrigen Diaspora, sondern die ganze gesittete neutrale Welt. . Auch die Feinde Deutschlands wissen dies, und sie warten gespannt auf die Maßnahmen der Zentralmachte bei der Lösung dieses schwierigen Problems —, der liberale „Manchester Guardian" hat es offen gesagt —, und jede Benachteiligung der Juden zu Gunsten der polnischen Antisemiten wird die größte Schadenfreude innerhalb der Entente Hervorrufen und zur Propaganda reichlich verwertet werden. Bedeutet doch ein Antisemitisches Polen nicht ein Verbündeter Deutschlands, sondern ein Verbündeter Rußlands! Es ist ja zur Genüge bekannt,' daß gerade die Antisemiten vom Schlage der „Narodowe Demvkratie" (Nationaldeino traten) nach Rußland, dem Lande der Koruption und der fetten Töpfe, schielen . . . bei ihren Beratungen vom 8. November faßte diese Partei den traurigen Beschluß, sich zu der Befreiungsproklamation der Zentralmächte neutral zu verhalten, und während dieselbe Partei bei der bekannten nichtssagenden Proklamation von Nikolai Nikolaewitsch rauschende Demonstrationen des Dankes veranstaltete, und sich mit der Gründung einer Legion beeilte, hält sie sich jetzt bei der wirklichen Befreiung Polens von jeder Aktion fern, was übrigens die Zeitung „Kurier Polski" festnagelte und die korupten Führer als Feinde der Freiheit an den Pranger stellt. Kurzum, die Garantien, die wir Juden von den Zentralmächten bei der Gestaltung der konstitutionellen polnischen Verfassung erwarten, liegen nicht nur in unserem jüdischen Interesse, sondern auch in dem der Zentmachte uird selbst in dem der Polen! Also wir hoffen und warten! Verordnung die Organisation der jüdischen Religiönsgesellschast im Generalgonvernement Warschau betreffend. Wir geben von der Verordnung die wichtigsten Bestimmungen wieder. Allgemeine Bestimmungen. § 1. Die Juden des Generalgouvernements Warschau bilden eine Religiönsgesellschast des öffentlichen Rech«. AranHnrter Israelitisches Jamiüenblatt. Die gieligionsgesellsthast gliedert sich in Gemeinden und Kreisgemeinden. An ihrer. Spitze steht der Oberste Rat der Juden. - Die Gemeinden und Kreisgemcinden, sowie die Religionsgesellschaft als solche Hab ein Korporationsrcchte und die Befugnis, ein Aintssicgel zu führen. D i e j ü d i s che Ge in c i n d e. 8 2, Die in einer .politischeil Gemeinde wohnenden Per- ■ souen jüdischen Glaubens Hilden eine jüdische Gemeinde. . , / Die staatliche Aufsichtsbehörde kann jedoch nach Anhörung des Obersten Rats der Juden mehrere politische Gemeinden zil einer jüdischen Gemeinde vereinigen öder eine politische Gemeinde in mehrere örtlich getrennte jüdische Gemeinden zerteilen. ' Aufgaben der jüdischen Gemeinden. § 3. Die jüdische Gemeinde hat unbeschadet der Rechte und Pflichten des .Staats und seiner Selbstverwaltungskörper folgende Aufgaben zu erfüllen: . 1. die Pflege des religiösen Lebens; 2. die Erziehung der Jugend; 3. die' Armenpflege und soziale Fürsorge; 4. die Verwaltung des Gcmeindevcrinögens; 5. die Aufsicht innerhalb der Gemeinde über alle stmrichtungen und Anstalten, namentlich Synagogen und Betstätten des jüdischen Kultus, über die Kultusvereine (8 44 ff.) und über die Verwaltung der jüdischen Stiftungen und Wohltätigkeitsvereine. Die jüdische Gemeindehat insbesondere, soweit nicht dem -Bedürfnisse anderweitig genügend Rechnung getragen ist, Synagogen, Ritualbäder und Friedhöfe zu errichten und zu unterhalten. Sie hat für Beschaffung ritualin ästigen Fleisches Sorge zu tragen. ' - Es liegt ihr ferner ob, solange nichzt J>em Bedürfnis anderweitig genügend Rechnung getragen ist, durch eine ausreichende Anzahl von Schulen für die Bildung der jüdischen Jugend Sorge zu tragen. Als 'Schulen gelten auch Religionsschnlen (C h e d e r s ch u l e n), ~ soweit sic ein genügend-es Mast von Elementarunterricht erteilen. Der Vorstand der jübi sch eit Gemeinde u n d seine Wahl. 8 4. ' Die jüdische Gemeinde wird durch einen Vorstand verwaltet, der aus dem Gcmeindcrabbiner und aus mis vier gewählten Mitgliedern besteht. 8 5. ' Der Vorstand wird in direkter und geheimer Wahl auf die Dauer von 4 Jahren nach dem Grund- Grundsatz der einfachen S t i m in e n m e h r h c i t gern äh lt. Bei Stimmengleichheit entscheidet das Los. Das aktive Wahlrecht ist an folgende Voranssctznngcn geknüpft: 1. jüdische Religion; 2. Vollendung des 25. Lebensjahres; 3. männliches Geschlecht; 4. ununterbrochener Wohnsitz innerhalb der jüdischen Gemeinde seit wenigstens' 2 Jahren; 5. Kenntnis im Lesen und Schreiben; 6. Zahlung von Umlagen zur jiidischen Genieinde. 8». ' ' Jede Gemeinde hat einen Rabbiner anzustellen, der durch direkte Und geheime Wahl der Gemeindemitglieder, die das aktive Wahlrecht besitzen, nach: deni Grundsatz der e i n f a che n S t i'm in e n m e h rr he i t gewählt wird. Die jüdischen Grostgemcinden. 8 14. Für jüdische Gemeinden, die mehr als 5000 jüdische Einwohner zählen, kann die staatliche Aufsichtsbehörde die Entführung einer besonderen Verwaltungsorganisation für Grostgemeinden in Gemäßheit der §§ 15—25 anordnen. . Die Landeszentralbehörde kann bestimmen, dast eine Großgemeinde aus der Kreisgemcinde ausscheidet und unmittelbar dem Obersten Rat der Juden untersteht. ’ lieber diese Maßnahmen ist zuvor der Oberste Mat zu hören. . Die Bestimmungen Mer die Gemeinden finden auf die Grvßgemeinden ' sinngemäße Anwendung. . ' 8 15. Die Gemeinde wird yerwaltet durch die Gemeindebevollmächtigten und den Verwaltungsrat. Die Zahl der Gemeindebevollmächtigten und der Mitglieder des Verwaltungsrates bestinnnt die staatliche Aufsichtsbehörde. (Schluß folgt.) Zur Judeustatisttk erhalten wir von Dr. L. folgendes: Das Frankfurter Israelit. Familienblatt brachte zu her Juden-Stattstik die rückgratfcste und würdige Rede der Reichstagsabgeordncten Heine, Haas mid Quarck im ° Auszüge. Es ist klar, daß das „Familienblatt" vor allen anderen Zeitungen die begründete Hoffnung hegte, dast die zuständigen Stellen nach. Kenntnisnahme der starken Erregung, die der bewußte Erlaß des Kriegsministeriums in weitesten Kreisen hervorgerufen hatte, entsprechende Gegenmaßnahmen treffen würden. In der Zwischenzeit ist nun bedauerlicherweise nichts verlautbart, was unsere Erwartung begründet erscheinen lassen könnte und was von einem genügenden Einfühlungsvermögen in den > seelischen Zustand der großen Masse der deutschen Judenheit und insbesondere unserer Mischen Krieger zeugen könnte. ' Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich dast sich täglich und stündlich die Anzeichen tiefster Verstimmung bei den Denk- und Empfindungsfähigen der deutschen Nr. 4 t, Juden, soweit sie nur eine Spür von Zngehörigleitsgefühl zur Judenheit besitzen, sich mehren. . . Wir haben inzwischen, insbesondere aus dem Munde von kriegsverwundeten Juden, die als Freiwillige gegeistert hinausgezogen waren, Aeusterungen der Niedergeschlagenheit gehört, man Jjat Uns zudem von einer Ausnützung des kriegsministeriellen Erlasses: durch die Agenten der Entente in einer für das deutsch^ Ansehen bedenklichen Weise berichtet, -und wir glauben darum, aus Rücksicht ans die höchsten Interessen des Staates mit der Darlegung der gewiß ungewollten Folgen der „Judenstatistik" ini Heere nicht zurückhalten zu. dürfen Wir lassen es dahingestellt, ob cs' nicht in letzter Stunde möglich gewesen wäre, die Durchführung einer nicht nur die jüdischen. Soldaten, sondern die ganze deutsche Judenheit kränkenden Sonderzählung hintanzuhalten, Da sie nun einmal in die Wege geleitet ist. so.müßten unbedingt uni der Ehre der deutschen Juden und des Ansehens des Gesamtdentschtnms willen Maß-, nahmen erfolgen, die den Aeußerungen unseres heutigen Kriegsministers von Stein im Reichstage, wonach die Erhebungen über die Zahl der jüdischen Soldaten in den Etappen« und. Heiniatsgarnisonen jegliche verletzende Absicht sernliege, greifbare Unterlage verschassen. Weniger denn je gelten vor dem Gerichtshof der Geschichte Worte, nur Taten haben Beweiskraft. Unseres Erachtens liegt der immdeste Punkt der angeordneten „Judenstattstik"' darin, d aß nian untergeordnete, oft nicht übermäßig taktvolle, militärische Beamte - in letzter Linie mit der praktischen Durchführung des Erlasses betraute. Der von dem Vertreter der Regierung im Reichstage, angegebene Gruud der Erhebung, man wolle antisemitischen Anwürfen dadurch begegnen, hätte recht wohl erreicht werden können, wenn man den Erlast ausschließlich, an Regiments-Kommandeure gerichtet und diesen bei ihren Erhebungen Einhaltung peinlichsten Taktgefühls zur . Pflicht gemacht hätte. Da man diese Vorsicht nicht gebraucht hat,, so erheischt die augenblickliche Stimmungslage dringend die Frage: Was kann geschehen, um den üblen Eindruck wieder gutzumachen, der ÄNrch diese Erhebung hervorgerufen worden ist and immer noch wirb? Zuvörderst must unseres Erachtens gerade jetzt alles unterlassen werden, was ^unsere jüdische» Soldaten kopfscheu machen könnte. Wir hörten, daß man von jüdischen Chargierten vom Unteroffizier aufwärts gerade im gegenwärtigen Augenblick ohne jegliche befriedigende Begründung einen Lebenslauf abverlangt habe, und ein bis jetzt von uns nicht verbürgtes Geriicht behauptet, Ulan, wolle auf diese Weise fcststelleu, wann und unter welche» Umständen die jüdischen Soldaten befördert worden seien. Cs lassen sichl natürliche wenn dieses Gerücht den Tatsachen entsprechen sollte, 'gewiß auch, hierfür Gründe finden, die in dieser Maßnahme nichts für die jüdischen Soldaten Kränkendes oder Herabsetzendes erblicken lassen, aber wir wiederholen: -Jegliche Maßnahme, die den nun einmal hervorgerufenen Mlen Schiein noch zu verstärken geeignet 'ist, müßte im Interesse der Allgemeinheit unbedingt vermieden lverden. Doch damit kann, sich das verletzte Ehr- oder Feingefühl der deutschen .Judenheit nicht genügen. Verletzt fühlt es sich — nicht etwa durch Aufsuchung jüdischer Soldaten, die bis' jetzt vorgeblich oder tatsächlich, nicht das höchste ihrer militärischen Leistungsfähigkeiten hergegeben haben, sagen wir üirz, der Hervorholnng sogenannter „Drückeberger" — beleidigt fühlt sich die deutsche Judenheit dadurch, dast der Schein geweckt ist, als ob Juden.eher zum Drückebergertum.hinneigten, weniger gern ihr' Leven für die geincinsame Sache Unseres Vaterlandes iU hie Schanzen schlügen als die anderen Konfessionen zugehörigen deutschen Soldaten. Der dadurch, mis die Judenheit geworfene Schatten, dessen Auftaucheil - in solcher Düsterkeit nach . unserer ehrlichen Ueberzeugung selbst die Äutisemiten nicht geahnt hüben dürften, kann' unseres Erachtens nur dadurch gut gemacht werden, dast man den Anregungen des Abgeordneten Haas bezüglich einer Ausdehnung der statistischen Erhebungen auch auf die für industrielle und landwirtschaftliche Betriebe zurückgestellten, nichtjüdischen Hcerespflichtigcn unverzüglich Folge gibt. Was die jüdische Staatsfreudigkeit für den Aufschwung des gesamten Deutschtums vor und im Kriege bedeutet hat, brauchen wir wohl kaum erst .weiter auszuführen. Aufgabe der leitenden Männer dürfte es nun sein, diese in Wehnmt verwandelte öpferfrendige Stimmung zu erhalten, bezw. wieder zu wecken. Es gilt heute, nicht nur ein augenblickliches Versehen gut zu machen, sondern einer Gistsaat, die schlimmste Krankyeitskeime für den deutschen Volkskörper .für die Zukunft in sich tragen könnte, rasch und tatkräftig den Nährboden zu entziehen.*) Pressestimme». Konfessionelle Statistik. lieber die in Deutschland dnrchzuführende Konfessionsstatistik schireibt Robert Maximilian in der „Oesterreichischen Wochenschrift: „Wir Juden begrüßen diesen Beschluß! Wir wünschen ihn nicht nur ausgedehnt auf eine konfessionelle Statistik aller vom Militärdienste Ent- *) Wir verweisen dabei auf den Erlaß des neuen KriegSnnnisters, der sich gegen jede Ausdeutung des bekannten Erlasses dom Oktober d. I. im antisemitischen Sinne wendet und llar stellt, daß jede Beeinträchtigung jüdischer Heersangehöriger dem Zwecke jenes Erlasses widerspricht. Doch glauben wir, dast der Vorschlag des gesch. Schreibers, die Vornahme einer allseitigen gründlichen Untersuchung unvermeidlich geworden' ist, damit endlich das Gerede von einer sogenannten jüdischen Drückebergerei aufhört.. Vor gründlichen und rrchti gen Untersuchungen hat sich chas jüdische Volk noch nie gefürchtet, wir hätten und hüben nichM zu perbergen! > Die Redaktion.