Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 44 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seile 3. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 44 Grundlage des Wischen Volkes sei," sondern sie beschäftigt sich überhaupt nicht mit dieser Frage und kann also an sich in dieser Beziehung bei der thoratreuen Judenheit so wenig Anstoß, erregen wie etwa eine thoraireue .jüdische Gemeinde, die sich nicht mit der „Äntrittsftage" beschäftigt. Gewiß hebt" die zionistische Organisation zunächst nur Herbor, daß wir überhaupt ein Volk bilden, aber sie verlangt nicht, wir sollen „aufhören" „ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk" zu sein, um unterzutauchen in den Völkerreigen". Die Angehörigkeit vieles thdratreuen Juden zur zionistischen Organisation liegt also weder an „der Verwechselung eines Subjektiv begriffenen Zionismus mit der zionistischen Organisation" noch an „einem gewissen opportunistischen Optimismus"; sie wäre, eher — cum grano salrs, wie bei jedem Vergleich — gegenüberzustellen der .Zugehörigkeit eines thoratreuen Juden zu anderen jüdischen Organisationen seines Wohnorts, die auch nur bestimmte jüdische Ziele verfolgen. Andererseits ist sicherlich die. Mitarbeit recht vieler thoratreuer Juden in der zionistischen Organisation auch vom thoratreuen Standpunkt aus höchst wünschenswert: negativ, um dem thorawidrigen Reden und Handeln vieler Zionisten innerhalb und außerhalb der Organisation (nicht aber der Organisation selbst) entgegenzutreten — positiv, weil durch Mitarbeit der thoratreuen Kreise sicherlich die Ziele der Zionistischen Bewegung an Inhalt und Umfang gewinnen werden und ohne „Täuschung der nichtreligiösen Mitglieder" im Laufe der-Generationen dem tiefinnerlichen Wunsch der thoratreuen Zivilisten gemäße die Organisation sich vielleicht so entwickeln iverde, daß ihr Programm einen imnier größeren Teil der Gesamtheit jüdischer Werte und Ziele umfaßt. Auf weitere Einzelheiten einzugehen, darf ich unterlassen, und auch aus den zuweilen selbst von 'thoratreuer Seite dem Zionismus gemachten, von Ihnen erfreulicherweise gar nicht berührten Borwurs, als könnte die zionistische Bewegulig eine Schädigung des Patriotisnrus durch die nationalen jüdischen Ziele herbeiführen, und bedarf es für ihn doch, nicht des Hinweises auf die Gegenwart, um zu wissen, daß der deutsche Zionist wie jeder anständige deutsche Jude in tiefer Dankbarkeit und eiserner Pflichttreue zu seinem Herrscher und dem deutschen Staate steht und diese Gefühle in Krieg und Frieden mit Gut und Blut bekräftigt. So lassen Sie mich hoffen, daß es mir wenigstens bis zu einem gewissen Grad gelungen sei, Mißverständnisse zwischen positiv jüdisch strebenden Kreiseil zu zerstreuen, und lassen Sie mich wünschen, daß in der gegenwärtigen Zeit mehr denn je jeder bewußte Jude jüdisch strebe und schaffe, wie und soweit es seiner Veranlagung, seinen Gaben, seineil inneren und äußeren Fähigkeiten entspricht, damit sich recht bald im Sinne des vollen Judentums für das ganze jüdische Volk das Wort erfülle, nrit dem Sie Ihre Darlegung beschließen: „So wähle das Leben." Pressestimme«. Zur Proklamierung Polens als Königreich. Das „W a r s ch a u e r Tageblatt" schreibt unter der Ueberschrift: Es lebe Polen! folgendes: . Wir begrüßen doppelt de» heutigen großen Top Polens. Wir begrüßen ihn als Bürger des Landes, mit dein tcit unser Schicksal verbunden haben, wcilwir fest daran glauben, daß die Freiheit Polens auch unsere Freiheit in bürgerlicher und nationaler 'Hinsicht sein wirb. Und wir begrüßen den Tag noch als ein Volk, das soviel gelitten hat und jetzt noch leidet u n r e ch t e r - ireise. Lins jeden Sieg der Gerechtigkeit und der Prinzipien. der Menschlichkeit blickt das jüdische Volk intuitiv wie auf ein Stück durchgegangenen Wegs seiner eigenen Befreiung. Durch tausende von Jahren unserer blutigen Geschichte hat uns der Glauben erhalten. Der Glanbe an den Sieg der Wahrheit und Gerechtigkeit. Es ist ein großer Tag in der Geschichte Polens, ein bedeutender Tag in der Geschichte der Menschheit. „M oment" (Warscha n) führt u. et. aus : Wir Juden, welche >an den endgültigen Sieg der Gerechtigkeit glauben, dürfen »mit der Ausübung Polens zufrieden sein, weil wir bwrin einen innen Beweis dafür haben, daß ein selbstbewußtes Volt nicht nntergeht und die Welt sich dem idealen Zustand, durch den überhaupt das. nationale Problem gelöst werden wird, nähert. . Wir glauben, paß, wenn das polnische Volk den Staub' seiner Zerstörung abschfittel» m'ixb, dann, die kleinlichen Jntrigucn gufhören werden und ein fruchtbares Zusammengehen von allen politisch utzd national gleichberechtigten Bürgern des Landes beginnen wird zum allgemeinen Mutzen des gemeinsamen Vaterlandes. Das hebräische Blatt „H a z e f i r a h" (W a r s ch a u) bringt ungefähr folgende Ausführungen: Was Uns I u d e n anbetrifft, die 'wir viele Kämpfer in die Reihen der Polen stellten und jetzt noch stellen, so teilen wir mit den Polen das' Unglück wie das Glück Ms treue Bürger des Landes, pn dem wir seit Jahrhunderten wohnen, haben wir uns immer nach der Freiheit und Selbständigkeit, Polens gesehnt. Wir nahmen getreuen Anteil an die von Rußland a>r Polen vollführte Unterdrückung, außer den Gesetzen mit Beschränkungen, die besonders u n s bedrückten. Und damit noch nicht genug. Rußland, das die polnische Freiheit knebelte, bemühte sich innuer in seine;in Interesse das polnische Volt gegeir uns zu Hetzen. Der Blut des Volkes war so gesunken, daß es ihm ein leichtes tvard, ein Werkzeug in der Hand der russischen Regierung zu werden, seine Traditionen zu verleugnen und die mit ihm seil achthn nde r t Jahren und noch mehr wohncnden Nachbarn zu hassen. Jetzt aber, da das Joch Rußlands von diesem Volk abgeschüttelt ist, hoffen wir, daß es zu den humanen Traditionen seiner Väter zurückkehren und erkennen wird, daß jene Partei, die unter ihm die Judenfeindschast gesät, Polen damit einen sehr schlechten Dienst erwiesen hatte und schließlich, da sie an Rußland hing, die Vernichtung Polens herbeigesührt haben würde. i Da Polen eine konstitittionelle erbliche Monarchie sein wird und fast alle polnischen Könige sich fern vom Fanatisnrus gehalten Und die Juden möglichst vor jeder Unbill -beschützt haben, so hoffen wir, daß der eingesetzte König es seinen Vorgänger» gleichtun wird, und daß die Polen in ihrem eigensten Interesse den Juden ihr Recht widerfahren lassen werden. Polen ist wieder ins Leben gerufen, und zugleich mit ihm werden alle seine gute» Traditionen wach - werden. In diesem Sinne äußern sich „Haint" (Warschau) und alle anderen jüdischen Zeitungen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Wahlen für üieRePräsenkantenversammlung der jüdische» Gemeinde. Werll». Wie man uns aus Berlin mitteilt, we»iwn die in diesem Monat vorznnehmenden Wahlen fiir Las Repräsentantenkolleginin der jüdischen Gemeinde Berlins Iviedernm im Zeichen des Burgfriedens stattfinden. Die verschiedenen Parteien haben sich untereinander verständigt und eine gemeinsame Kandidatenliste aufgestellt. Eine Aeutzerung des neuen Kriegsministers. Berlin. Wie uns von durchaus zuv rlässtger Seite nötgetcilt wird, ist ein Erlaß Les neuen Kriegsministers ergangen, der sich gegen jede Ausdeutung des bekannten Erlasses vom Oktober d. I. im antisemitischen Kinne wendet und klarstellt, daß jede Beeinträchtigung jüdischer Hecrcsangehöriger dem Zwecke jenes Erlasses widerspricht. Pole«. Zur Zwelkaiservrollamation. Warschau. Die jüdischen Zeitungen bringen anläßlich der Proklamierung des Königreichs Pole» lange Artikel, die von der allgemeinen Begeisterung getragen sind. Gleichzeitig sprechen sie die Erwartung ans, daß den Juden in einem freien Polen Recht widerfahren ivird und ihnen Entmicklnugsmöglichkeiten gegeben sein werden, (s. Pressestimmen). Eine abermalige Wahlordnung. General-Gouverneur v. B e s e l c r hat durch eilte soeben erlassene Verordnung allen Städten mit nber20 000 Einwohnern eine der Warschauer Wahlordnung fast gleiche Wahlordnung verliehen. Gleichzeitig wurde von den Gouverneure» B c s e l e r und K n k eine Aufforderung zum freiwilligen Heeresdienst in einer polnischen Armee erlassen. Vom zionistischen Komitee. Am 31. Oktober fand eine zionistische Vers a m in l u n g statt, in der über die Arbeiten des städtische» Zionistcnkomitees beraten wurde. Wie ein Redner bemerkte, hat das Komitee etwa l 6 0(0 0 Briefe durch eine amerikanische Abteilung Amerika übersandt und 5 4 7 0 Ü 0 Mark von dort für 6000 Leute in Warschau wie auch in den übrigen Landcsstädten empfangen. Es wurden in fast allen polnischen Städten, in denen Zionisten wohnen, Zweigstellen errichtet. Bon dem aus Argentinien erhaltenen Gelbe — SO0 0 Mark für Warschau und 6 8 000 Mark für die Provinzstädte — wurde ein großer Teil für den Einkauf von Kohlen zwecks billige» Verkaufes verwendet. Das Komitee errichtete ei» K ura- 'tDrittln, durch das 9 Volksschulen, in welchen 1800 Kinder lernen, eröffnet wurden. Nach lebhaften Debatten, in denen n. a. der Student M. G o r d o n als Vertreter der zionistischen Jugendgruppe „Merkas" sprachen, wurde die Sitzung auf den '7. November verschoben. Von der Universität. Die Universität in Warschau wird gegenwärtig von 521 jüdischen Studenten besucht, welche 10 Pro jciit der Gesamtzahl der Hörer bilde». Fortbildung der Melamüim. Dr. Carlebach gründete Lehrkurse für die Ausbildung der Melamdim (der Lehrer der Chadarim) in profanen Fächern. Die jüdische Presse begrüßt sehr warm diese Gründung: das Bedürfnis hierfür war schon von feh^r fühlbar gewesen. DaS Jiddisch und die jüdische Gemeinde. Lublin. Die hiesige jüdische Gemeinde richtete an den General-Gouverneur v. Knk ein Memorandum, worin folgendes ,ausgcführt wird: „Der Lubliner Magistrat hat bei der letzten Volkszählung, die zu statistischen Zwecken vorgenommen wurde, angeordnet, daß die jiddische Sprache nicht zu den geltenden Sprache» zu zählen sei. Da aber die Juden infolge der bisherigen russischen Politik cke facto die polnische Sprache weder in Wort noch in Schrift behcrrschen» so ist mithin die Statistik vollkommen wnzuverlässig und falsch. Wohl hoffen wir in Zukunft bei einer anderen Politik die polnische Sprache erlernen zu können, aber gegenwärtig ist es eine feststehende Tatsache, daß der größte Teil von uns jiddisch und kein polnisch spricht. Wir bitten Sie daher, die Anordnung des Magistrats als falsch zu annulieren und die jiddische Sprache als von uns gesprochene anzuerkennen." Rußland. lieber die gegenwärtige jüdische Lage. Petersburg. Die Zeitungen sprechen vor einem Vorschläge zur Erleichterung der jüdischen Lage seitens P r o t o p o p o w s, des Jnnernministers, melden aber, daß der Führer des „echtrussischen Vereins" daraufhin ins Ministerkabinett einen sofortigen Protest gegen Protopopows guten Vorsatz gesandt habe». Diese Reaktionäre finden, daß es jetzt nicht angehe» innerpolitische Fragen lösen zu wollen. Es sei g e f ä h r l i ch, die Polnische oder die jüdische Frage aufzurollen; denn dies ist geeignet, die Ruhe im Innern zu stören und die Kampfkraft der Verteidiger Rußlands zu schwächen. Es ist viel uotwendiger, daß die Regierung Maßnahmen gegen die Teuerung und die jüdischen Wucherspekulationen ergreift. Andere Zeitungen, die reaktionär-chauvinistisch gesinnte» Blätter, fordern für spätere Zeiten eine radikale Lösung der Judenfrage. Die russische Regierung dürfe nicht, sagen sie, sich mit der Gründung eines jüdischen» Reiches in Palästina beschäftigen oder gar de» Plan fassen, die Assimilierung der Juden in Rußland zu erwarten, sondern es ist ihre Pflicht, bei den Friedensverhandlnngen die Forderungen 'amszustcllen, wonach alle Inden aus Rußland vertrieben werden sollten. Ei« Schriststellerjnbilän«. Ilm Samstag, den 18. November, feiert der hebräische Schriftsteller und Gelehrte Dr. I. L. Katzenelsou („Buki ben Jogli") seinen 7 0 jährigen Geburtstag. Seine zahlreichen Freunde und Verehrer beschlossen, seine gesamten wissenschaftlichen Schriften und seine Erinnerungen herauszugeben und eine Feier unter Mithilfe des Vereins- „Chowewe Sefath ewer", dessen Vorsitzender er ist, zu veranstalten. Gründung eines hebräischen Verlags, MSkau. In Moskau haben sich Freunde der bebräischen Sprache und Literatur zusammengetan, um einen großen hebräischen Verlag in Form einer Aktiengesellschaft nnt einem Kapital von 300 000 Rubel ins Leben zu rufen. 100 000 Rubel wurden von einer einzigen Persönlichkeit gezeichnet; die Statuten der Gesellschaft sind bereits zur Genehmigung eingereicht. Ei» hebräisches Lehrerseminar. Ldessa. Da« Komitee deS Vereins „Cbowewe Sefath ewer" erhielt die Erlaubnis, in Odessa ein Lehrerseminar, in dem die Unterrichtssprache der meisten Lehrfächer hebräisch sein wird, zu gründen. Damit den jungen Leute» die Möglichkeit gegeben wäre, sich an den Lehrfächern z» beteiligen, setzte der Verein fiir jede eintrctende Person eine jährliche Unterstntzungssuinme von 5 00. Rubeln fest. Zum Direktor der Anstalt, die voraussichtlich anfangs Dezember eröffnet werden wird, wurde der frühere Bialystocker Rabbiner Dr. Mohilewer, der Enkel des Bialystoker Gaon Rabbi Samuel Mohilewer, ernannt. Die Persönlichkeit dieses bewährten Mannes, der großes jüdisches und allgemeines Wissen besitzt, dürfte für, das Aufblühen und den Erfolg dieses Seminars bürgen. Ein neues Polytechnikum. Kiew. Ja Jekaterinoslaw wird nächtens ein Polytechnikum gegründet werden, dessen Gründung durchs die großherzige Stiftung des hiesigen Millionärs I. .Hesuer veranlaßt wurde. Die Anstalt bleibt — da Hefner das als Voraussetzung für seine Spende setzte — an allen Sabbat- und Feiertagen geschlossen. Die vorausgehenden politischen 'Nachrichten aus Rußland gebe» ein klares Bild der Verhältnisse. Während Protopopow anscheinend angesichts der 'prekären und fast hofsnungslosen Lage liberale Konzessionen PDem neutralen Ausland gegenüber vorzunehmen getvillt ist, so werden schon die „echten Russen", die noch immer di« wirkliche Macht besitzen, dafür sorgen, daß auch diese verhältnismäßig guten Vorsätze im Sand verlaufet!. Den» schon gehen jetzt verschiedene Pogromgerüchte, die in den unzweideutigen Maßnahmen der hohen russischen Militärbehörden sowie vieler Gouverneure im Innern begründet sind — auch von «tockholm berichtet man uns dieses — int Lande um. Die nächste Zeitwird uns lehren, was wir von diese» allen Gerüchten und Meldungen zu halten haben. - i