Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 44 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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4&etie £ gegenüber dem General-Anzeiger Vornehmes Familien-Kaffee PT Abends Künstler-Konzert. "'•6 ten zu wahren. Unb gegenwärtig? — Die Proklamation spricht von einer konstitutionellen Verfassung, und es liegt auch im eigensten Interesse der Zentralmöchte, daß Polen konstitutionell regiert wird; denn ein von innerem Hader und Zwietracht zerrüttetes Polen ist'wertlos,, und eine wirkliche geschichtliche Großtat kann nur die heißen, die ein Polen der Kultur und der Ordnung ins Leben .gerufen hat. Wir hoffen und erwarten daher sicher, wie wir schon in unserem vorigen Artikel ausgeführt haben, daß die Zentralmächte praktische Maßnahmen ergreifen werden, um die Durchführung der konstitutionellen Verfassung sicher zu stellen, sodaß eine polnische Regierung sie nicht auf Umwegen wird umstoßen können. Wir hoffen und erwarten; — nun liegt vor uns eine Aeußerung des ungarischen Ministerpräsidenten Grafen T i s z a, die da lautet: „Ich kann mich nicht berufen fühlen, über die Angelegenheit der Gleichberechtigung der Juden in dem zu neuem Leben erwachten Polen irgend welche Erklärung abzugeben. Denn die Entscheidung dieser - Frage gehört in den Wirkungskreis des polnischen Staates." Graf Tis za fühlt sich nicht berufen, in der Angelegenheit der Gleichberechtigung der Juden Polens Erklärungen abzugeben. Wie ist das zu verstehen? Sind es nicht etwa die Zentralm ächte, die Polen seine Freiheit geben? Wer denn anders als die Zentralmächte ist dafür zuständig? Wollte er etlva damit sagen, daß der deutsche Reichskanzler es ist, dem es in erster Lime zusteht, dieses Problem zu lösen? Wir warten. — Thoratreues Judentum und zionistische Organisation. . Offener Brief an den Verfasser des gleichbetitelten Leitartikels in Nr. 44 des „Israelit" von Dr. A. Fr., z. Zt. im Feld. Sehr geehrter Herr Gesinnungsgenosse! . Die jüngste Polenük zwischen „Israelit" und „Jüdischer Rundschau" gab Ihnen Veranlassung, sich unter obigem Titel mit der vom thoratreuen Standpunkt aus zu fordernden Stellungnahme gegenüber der Zionistischen Organisation zu bestätigen; internster upd erfreulich, leidenschaftloser Betrachtung kommen Sie zu dem Ergebnis: . „Für jeden thoratreuen Juden,!der bestrebt ist, sein ganzes Leben nach den Grundsätzen der Gotteslehre zu regeln, kann es bei klarem Durchdenken also nur eine prinzipielle Ablehnung der zionistischen Organisation geben." Gestatten Sie einem thoratreuen Juden, der den äußeren Anschluß an die zionistische Organisation erst.unter den mittelbaren und unmittel-, baren Kriegseindrücken gefunden hat, seine Einwendungen gegen .Ihren Gedankengang vor der Oefsentlichkeit gelteird zu machen in Ausführungen, die trotz des Umfangs und der Tiefe des Gegenstands mit Rücksicht auf Raum- und Zeitmangelsich in der Gedankenfolge wie in der Begründung beschränken und vielfach mit Andeutungen begnügen müssen. Was ist Judentum? Sie werden, verehrter Herr.Gesinnungsgenosse, urit mir darin, übereinstimmen, daß dem thoratreuen Juden das Judcn- - tum bedeutet und bedeuten soll nicht eine Weltanschauung, nicht eine Rechtslehren- und Gesetzessammlung, nicht den Anspruch auf nationale Gleichberechtigung unter den Völkern der Erde, nicht einen Ritualkodex und seine Befolgung, nicht den Inbegriff gewisser ästhetischer und. intellektueller Werte, daß das Judentum aber auch ganz gewißnicht darstellt eine .^Religion" in der «Lostaffchnij..wesentlich von christlichen Anschauungen beeinflu^n Bedeutung dieses Wortes. Frankfurter.Israelitisches Familienblatt.- Nein, das Judentum umfaßt all die Inhalte der. -angeführten Begriffe und noch uneirdlich viel darüber hinaus, es beansprucht' den als' Juden geborenen — und in Ausnahmefällen auch den freiwillig und in vollem Verantwortungsbewußtsein ins. Judentum eingetretenen — Menschen in Körper und Seele, in seinem ganzen Denken, Fühlen und Wollen, in - seinem Tun und Handeln; es umfaßt, äußerlich regelnd und innerlich beseelend, das ganze Leben des Juden in seinen tierischsten wie vergeistigst.cn Funktionen, vom morgendlichen Erwachen und Ankleiden bis zünr Beschluß des Tagewerks, von den täglichen Berufsgefchästen bis zur geistigen und ästhetischen, nationalen und religiösen Erhebung an Sabbath und Feiertagen, von den täglichen Mahlzeiten bis zum Ehelcben und der Kindercrziehung, von den allgemeinsten Wcltanschauungssragcn bis zu den Einzelheiten der rituellen „Schech.itah" und „Bedikoh", von der Art des Erforschens und des Erfassens der Tiefen der Wissenschaft bis zum Erleben künstlerischer und literarischer Werte, von dem selbstverständlichen Gebrauch der nationalen, der heiligen Sprache. und dem tiefen Verständnis ihrer Schönheiten bis zum unablässigen Studium der Thora, des Talmuds und der gesamten jüdischen Wissenschaft, von der Trauer um das abgerissene nationale Leben auf eigenem geweihtem Boden am 9. Ab bis zu der Bloßlegung, Läuterung und wundersamen Weihe der Seele vor ihrem Schöpfer am Versöhnungstag;, es umfaßt endlich das gemeinsame Leben des ganzen jüdischen Volkes wie seiner freiwilligen und pflichtgemäßen Teilkörpcrschaften von der Organisation der Gemeinde bis zu den gesetzlichen Normen der Geltung und Entwicklungsfähigkeit den Religionsvorschriften, von der formalen nnd inhaltlichen Regelung der Rechtspflege bis zur Reinhaltung der Ritualinststutioncn, von der stolzen, verpflichtenden und demütigen Gewißheit, ein besonderes Volk zu bilden — das Volk, das „ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk" ist und sein soll —, bis zum Bewußtsein der gemeinsamen Arbeit an dem Endziel der Herbeiführung des Tages, da „die Erde erfüllt sein wird von der Erkenntnis Gottes, so wie das Meer erfüllt ist von Wassertropfen."*) Wer nun unter uns Juden der Gegenwarr darf dieses Judentum, in seiner reichen Gesamtheit verstanden, sein eigen nennen? Unter der großen Mehrheit der ernsten thoratreuen Vertreter der aschkenäsischen wie -der sephardischen, der Ostwie der Westjudenheit darf ich Uebereinstimmung darüber voraussetzcn, daß zum mindesten wir thoratreuen Westjuden, also auch namentlich, die gegenwärtige deutsche Orthodoxie in ihrer tatsächlichen Beschaffenheit wie auch etwa in der von S. R. Hirsch und seinen Schriften geforderten (von mir keineswegs für eine solche gehaltenen) Jdealgestalt weit davon entfernt ist, jenes Judentum voll ihr eigen nennen zu dürfen, daß wir uns vielmehr teilweise mit Surrogaten statt pulsierenden Lebens begnügen und unter den zwingenden Verhältnissen wohl begnügen müssen, daß auch wir thoratreuen Westjuden in erheblichem Maße — freilich weit weniger als die uns umgebenden Teile der Judenheit — assimiliert sind. Während nun im allgemeinen die Assimilation stetig und verwüstend fortschreitet, und während sie im „liberalen Judentum" ein System von nur erklügelten, in nichts mehr..unmittelbar jüdisch empfundenen Resten, jüdischer Weltanschauung hervorbringt, ersteht da vor unseren Augen innerhalb der Judenheit eine Bewegung, die eine Reihe wichtiger jüdischer Werte — wenn auch keineswegs ihre Gesamtheit oder ihren größten Teil, auch nicht gerade die fundamentalsten Partien in unmittelbarem, echt jüdischem Gefühl hervorhebt und ihre Erhaltung oder ihre Wiedererringung mit besonderein Nachdruck fordert: so namentlich die Sonderstellung des jüdischen Volkes und seine Einheit, die Kolonisation von Palästina, die intensive Pflege der hebräischen Sprache, die Erziehung der *) Ganz abgesehen ist hier von denjenigen jüdischen Werten und Ausgaben, die an den Boden des heiligen Landes, an das nationale Leben tu Palästina uiid endlich an dir mit dem Tempelkult auf Zion verknüpfte Theokratie gebunden sind. Einzig und allein diese Theokratie fällt nicht in den Bereich der lediglich durch Menschliches Wollen und Handeln herbeizusichrenden jüdischen Entwicklung. . . Nr. 44 gesamten jüdiHen Jugend im jüdischen Bewußtsein'und wenigstensgewisftn > Teilen d jüdischen Wissens-' und Handelns,' die Verwerfung jeder bloßen Nachahmung nichtjüdischer Tendenzen und Einrichtungen als solcher und so vieles andere. Und es erscheint nicht , als Zufall, daß diese Bewegung gercche einsctzt zur Zeit der Hochflut-der Assimilation, und noch lveniger als Zufall, daß zu einer Zeit, da der Glaube und .die religiöse Ueberzeugung leider weiten jüdischen Kreisen verloren gegangen, ist und da inr großen Ganzen ihre Wiedererweckung in diesen Kreisen zunächst nicht sehr aussichtsvoll erscheint, jene Bewegung sich gerade auf diejenigen jüdischen Werte richtet, die von der -religiösen Ueberzeugung verhältnismäßig unabhängig sind. So bewirkt diese — als Bewegung an sich wie auch^ ihrem Inhalt und Streben nach als Zioirismus bezeichnetc — Bewegung, daß nicht allein der thoratreue Jude als Zionist gewisse, teilweise vorher vernachlässigte jüdische Werte mit besonderer Entschiedenheit pflegt, sondern gleichzeitig auch, daß weite Teile der Judenheit, denen der Glaube abhanden gekommen ist, mit dem Glauben nicht auch gleichzeitig jeden inneren Zusammenhang mit dern Judentum verlieren, daß ihnen vielmehr ein . gewisser Rest , jüdischen Empfindens und Handelns gewahrt bleibe und zugleich auch die Möglichkeit erhalten sei, für sich selbst oder wenigstens in ihren Kindern und Kindeskindern wieder zu umfassenderen, fundamentaleren, lebendigeren jüdischen Werten kontinuierlich zurücksinden. So bildet sich denn endlich, der Not der Zeit und dem Geist der Stunde entsprechend, die zionistische Organisation: nicht unr den alten Begriff „Judentum" zu zerstören und einen neuen an seine Stelle zu setzen, nicht um den Juden, die reich an jüdischen Werten sind, einen Teil dieser Begriffe zu entreißen, nicht um den religiösen Glauben oder das Ritualgesetz zu bekämpfen, sondern um — die - durchaus positiv jüdischen Ziele jener zionistischen Bewegung anzustrcben und zu fördern und um alle Juden, denen diese Ziele, unbeschadet der eigenen Stellung zu den übrigen jüdischen Werten^-erstrebenswert erscheinen, unter ihre Fahne zu sammeln. Daß die zionistischen Ziele dein lebendigen Judentum angehören und daß also die zionistische Organisation ihrer Definition nach alle Juden für. sich beanspruchen kann, werden Sie, verehrter Herr Gesinnungsgenosse, nicht bestreiten' können. Eine andere, nicht mehr prinzipielle, sondern lediglich praktische Frage ist es freilich, ob der einzelne, die zionistischen Ziele bejahende Jude sich verpflichtet fühlt, dem Ruf der zionistischen Organisation zu folgen, ob er nicht vielleicht seinen Beitritt zu dieser trotz ihrer unvergleichlichen Universalität immer noch eine separate auf nationale Zwecke speziell gerichtete Organisation für unzweckmäßig, vielleicht gerade im Interesse des Judentums als unnötig ansieht. Auf solche prinzipiell uferlosen Erwägungen kann ich hieraus Raummangel nicht eingehen. Mer meiner persönlichen Ueberzeugung nach möchte ich doch der Meinung Ausdruck geben, daß dem thorotreuen Juden der Anschluß an die. zionistische Organisation doppelt und dreifach erwägenswert erscheinen dürste in einer Zeit, da das jüdische Volk sich in der furchtbarsten Krise befindet, die seit zwei Jahrtausenden über es hereingebrochen ist, da cs für Aktipnen allen aller Art wichtiger ist als je, eine möglichst breite und doch noch positiv jüdische Organisation^- .und Arbeitsgrundlage zu besitzen. Und das Rückgrat, der Judenheit, die ostjüdischen Millionen,- sind in Gefahr, mit plötzlicher Veränderung ihrer politischen Verhältnisse unter dem Ansturm mangelhaft verarbeiteter westjüdischer Kultur zum großen Teil den Glauben und Hand in Hand damit ihr Judentum zu .verlieren, während mittels der zionistischen Bewegung — natürlich daneben auch noch mit anderen Mitteln — ein wirksames. Bollwerk gegen jenen Ansturm errichtet und selbst im schlimmsten Fall immer noch ein gangbarer Weg zur allmählichen Rettung gesichert werden könnte. So wird denn ihre eingangs erwähnte Auffassung, verehrter Herr Gesinnungsgenossenicht aufrecht zu erhalten sein. Die zionistische 'Be-, wegung „leugnet" nicht, „daß die Sinailehre die