Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 44 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Proklamierung des Königreichs Polen, die schon an sich für uns Juden von solch, außerordentlicher Bedeutung ist, hat in ihrem Gefolge noch eine andere Maßnahme bewirkt, die für einen beträchtlichen Teil des jüdischen Volkes von einschneidender Wichtigkeit ist: die Autonomie Galiziens. Es loar von Anbeginn voranzunehmen, daß die Lösung der polnischen Frage, mochte sie anssallen wie immer, auch fiir Galizien wichtig und folgenschwer werden würde; war cs doch bekannt, daß die Majorität der österreichischen Polen wie auch ein beträchtlicher Teil der führenden Kreise Kongreß- Polens sich mit aller Energie dafür cinsetzten, daß, Polen mit Galizien vereinigt, Oesterreich angegliedert werden sollte. Man hat aus mannigfachen naheliegenden Gründen davoll abgesehen, in dieser Form das polnische Problenr zu lösen und hat nun, um die dahinziclenden Wünsche der Polen zu befriedigen, Galizien die Autonomie gewährt. Die Bedeutung dieses Ereignisses vom jüdischen. Standpunkte liegt klar zutage. In Galizien leben 800000 Juden, für deren künftige Entwicklung die politische Entfaltung des Landes Voraussetzung und. Grundlage bildet. Es ist bekannt, daß vor dem Kriege ihre Lage eine sehr ungünstige war; politisch wurden sie von den Polen entrechtet, ökollomisch ill ihrer Entfaltung gehemmt- und unterdrückt; und das gesamte politische Leben der galizischen -Judenheit war ein fortgesetzter Kampf urit ihr Dasein, der gegen die übermächtige und vor keinem Mittel zurückschrcckcnde polnische Verwaltung geführt werden mußte. In dieser ihrer Notlage war die Möglichkeit; all die Zcntralrcgicrung ill Wien zu appellieren, eines der stärksten Hilfsmittel. Wenn in Galizien selbst die Unterdrückungsmaßnahmen der Polen ganz unerträglich wurden, konnte man noch hoffen, von Wien her eine Besserung und Abstellung zu bewirken. Soll nun Galizien autonom werden, in seiner Berwaltullg und Gesetzgebung völlig unabhängig von der Zentralregierung, so entfällt die letzte Möglichkeit eines Schutzes für die galizischc Judenheit, und. diese ist auf Gnade und Ungnade den Polen ausgeliefert. Man begreift, welche Gefahr eine solche Regelung der -galizischen Frage für die Judenheit bedeutete Und cs ist ganz selbstverständlich, daß sie dagegen lauten und unzweideutigen Protest erheben und sich in energischster Weise zur Wehr setzen muß. Es handelt sich für sie rrm die Frage ihrer politischen und wirtschaftlichen Zukunft, um die Grundfrage ihres Daseins innerhalb des österreichischen Staatskörpers. Und sie muß mit aller Entschiedenheit fordern, daß, wenn .schon aus allgemein politischen Gründen die Autonomie Galiziens notwendig ist, 'bei ihrer verfassungsmäßigen Ausgestaltung dafür Sorge getragen werden muß, daß das Recht und die Freiheit der Minoritäten des Landes, der nichtpolnischen Bevölkerung, ausreichend geschützt wird. .Diese Forderung zu erheben, muß umso leichter fallen, als die Juden ja nicht die einzige nichtpolnische Minorität in Galizien bilden. Neben ihnen wohnen ja auch Ruthenen im Lande, und die Zahl derselben kommt fast derjenigen der Polen gleich; zusammen mit den Juden stellen sie sogar die Majorität des Landes dar, und es ist Nur auf die sehr eifrige Politik der-Polen zurückzuführen, daß in weiten- Kreisen -der Glaube herrscht, Galizien sei ein rein oder fast ausschließlich polnisches Land; wo doch die Polen in Wahrheit kaum die Hälfte der Bevölkerung ansmachen. Es wäre daher eine unerhörte Verletzung der elementarsten Prinzipien der Gerechtigkeit, sollte:: nun die Polen die alleinigen Herren des Landes werden und das Schicksal der Ruthenen und Juden in ihre Hände gelegt werden. Es komnit noch ein weiteres, sehr bedeutsames Moment hinzu. Im Kampf um ihre Rechte darf die polnische Judenheit mit gutem Gewissen behaupten, auch das österreichische St aatsinteresse zu vertreten. Denn eine Autonomie Galiziens, die die Polen zu unumschränkten Herren des Landes machcir würde, wäre für die Fortentwicklung Oesterreichs von sehr bedenklichen Folgen. Die Erfahrungen des Krieges haben in dieser .Hinsicht keine Zweifel gelassen; und wenn auch heute noch nicht der Zeitpunkt ist, über diese Dinge zu sprechen, so sind sie doch allen maßgebenden Kreisen wohl bekannt. Es ist daher fast unbegreiflich, wenn trotz dieser Erfahrungen die gegenwärtig beabsichtigte Lösung der -galizischen Frage überhaupt gewählt werden konnte; es ist dies umso unbegreislicher, als vorangegangene Maßnahmen davon zeugten, daß die österreichische Regierung gewillt sei, gerade die entgegengesetzten Bahnen cinznschlagen. Wir erinnern an die im vorigen Jahre erfolgte Absetzung des polnischen Statthalters in Galizien und seine Ersetzung durch einen deutschen General; bekannt sind auch die Zusicherungen, die seitens der österreichischen Regierung - den ruthenischen Führern gemacht wurden. Auf Grund all dieser Vorgänge hätte man annehmen müssen, hat man bis zuletzt auch vielfach angenommen, daß eine weitere Verstärkung des vorherrschenden polnischen Einflusses in Galizien keinesfalls zu erwarten, sei, bis die nun erfolgte Antonomicerklürnng die gesamte Situation plötzlich radikal geändert hat. Angesichts dieser Lage bleibt uns, wie gesagt, nichts übrig, als mit allen Mitteln zu versuchen, daß bei der Neuordnung Galiziens, die jetzt bevorstcht, die Rechte und die freie. Entwicklungs- Möglichkeit der ruthenischen und jüdischen Minorität durchaus sichergcstellt wird. Die Ruthenen haben bereits in energischer Weise ihren Standpunkt zum Ausdruck gebracht, leider hat man von Seiten der galizischen Judenheit bisher nichts in dieser Hinsicht vernommen. Es ist zu befürchten, daß die llncinigfeit der polnischen Juden eine geschlossene Aktion unmöglich machen wird. Daß die assimilatorischen Kreise auch diesmal die jüdischen Interessen verraten werden und ihren polnischen Gönnern treu bleiben, ist zu erwarten; leider aber ist auch die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, daß auch die chassidischen Rabbis ihrer alten Politik des Zusammengehens mit den Polen jetzt treu bleiben werden. Irr diesem Falle müßten dann aber die national gesinnten Gruppen allein die Vertretung der jüdischen Rechte übernehmen. Jedenfalls aber wäre es eine Schmach für das galizischc Judentum, wenn es' in diesem entscheidenden Momente stumm bleiben und sich nicht aufraffen wollte, sein Daseinsrecht zu fordern. Wir hoffen, daß' dies nicht der Fall sein, daß sie vielmehr stark genug sein wird, für den Schutz ihrer elementarenRechte energisch einzutreten und wollen auch nicht die Hoffnung ausgeben, daß es einem energischen jüdischen Auftreten gelingen wird, wenn auch nicht alles, so doch.Wesentliches in dieser Hinsicht zu erreichen. Nötig ist nur, daß unverzüglich und mit aller Energie die erforderliche Aktion eingeleitet wird. Pole» und Jude» uud ihr Verhältnis zueinander. Die Proklamierung Polens' zu einem Königreich rief in der jüdischen Bevölkerung Polens allseitigen Jubel hervor (s. Pressestimmen). Die jüdische Treue und Anhänglichkeit an ihre Wirtsvölker zeigte sich hier wieder inr vollen Glanze. Die Juden haben sich ja von jeher als treüe Landeskinder Polens gefühlt und haben, wie es die Geschichte Polens, besonders die des letzten Jahrhunderts, zeigt, auch danach gehandelt. Ties kommt auch jetzt bei der Befreiung Polens zum vollen Ausdruck. Und die Poleri? Ihr Verhältnis zu den Juden bis vor wenigen Jahren war ein leidliches. Denn wenn es auch nicht vom Gefühl der Achtung und Gleichwertigkeit getragen war, so ermöglichten doch die Polen den Juden wenigstens ihr wirtschaftliches Gedeihen. Ties änderte sich zum Teil dank der russischen Politik ohne innere Berechtigung und Notwendigkeit. Wir wollen darauf nicht näher eingehen, da es allgemein bekannt ist. Was uns interessiert, ist, ob sie ihr Verhalten den Inden gegenüber seit dem Einmarsch der Armeen der Zentralmächte geändert haben. Man sollte nieinen, daß ein unterdrücktes Volk, wie es die Polen unter der russischen Herrschaft waren, bei seiner Befreiung Verständnis für Recht und Freiheit anderer in ihrer Mitte lebender Nationalitäten haben wird; allein — weit gefehlt. Die Maßnahmen der gegenwärtigen politischen Machthaber im Okkupationsgebiet den Jude:: gegenüber zeigen gerade das Gegenteil von deni. Sie beweisen, daß die Polen gelehrige Schüler Rußlands sind. Sie haben die Methoden der zarischen Regierung übernommen, und in manchen: übertreffen sie noch ihre russischen Meister. Vor uns liegt ein Protest der „Jüdischen Volksgruppe" an den Warschauer Stadtrat, in dem die zahlreichen Schikanen und Härten seitens des Vorsitzenden des Stadtrats und des Magistrats vom Beginn ihrer Tätigkeit an ausgezählt werden. Ebenso die Protestrede des zionistischen Abgeordneten und -Obmanns der „Volksgruppe" im Stadtrat, H. Farbstein. Es würde zu weit führen, den Inhalt dieser Proteste ausführlich anzugeben. Als Jllitstratioi: sc: i:ur die Forderung angeführt, Juden und Christen in den Handelsgewölben von einander — nach Muster der schlimmsten mittelalterlichen Zeiten — zu trennen. Alle beide, sowohl die Volksgruppe als auch die Zionistische Gruppe, lehnten als Zeichen des Protests das Budget ab. Tabes darf nicht vergessen werden, daß es die Zionisten waren, die den Polen die Hand zum Frieden boten und bei den Wahlen in entgegenkommendster Weise freiwillig auf jüdische Mandate verzichteten. ' Eine - solche verkehrte Politik treiben die Polen, ' während sie nicht genug ihre Genugtuung über die Abschüttelung der aufgezwungenen östlichen Barbarei und den Anschluß an die kulturellen Westmächte zun: Ausdruck bringen können. Es fragt sich nun, welch' ist der Wille der Zentralmächte'? Welche ist die Stellung, die sie zu diesem Problem einnehmen? Tie Maßnahme,r der deutschen Behörden bis zur Proklamierung lassen keinen Zweifel zu. Sie beweisen zur Evidenz das ausgesprochene Bestreben, die Rechte der Minoritä-